Wolff Christoph von Breitenbauch (1631-1672)
01.11.2010
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Einander selbsten das Liecht ausleschen – Ständische Ehrkonflikte in der Frühen Neuzeit
Burg Ranis [1/2]
Der frühmoderne Staat unternahm zahlreiche Eingriffsversuche zur Reglementierung des öffentlichen und privaten Lebens[1] – gerade im Hinblick auf die Kontrolle sozialer Interaktionen. Trotz der Anwendung durchaus drastischer Bestrafungen konnten gewalttätige Konflikte um die Verteidigung persönlicher Ehre bis in das ausgehende 18. Jahrhundert aber nur schwer unterbunden werden.[2] Die Anerkennung der eigenen Ehre war für das Individuum von eminenter Bedeutung, begründete sich doch hauptsächlich daraus die Positionierung im sozialen Umfeld. Der Fokus der wissenschaftlichen Forschung bezüglich derartiger Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlich gleichrangigen Personen liegt bisher eher auf den unterständischen Schichten.[3] Wie wichtig jedoch die Respektierung der eigenen Standesposition auch innerhalb einzelner Adelsgruppen[4] war und welche Rolle zugleich die Kirche in Form der Leichenpredigt für die Sozialdisziplinierung[5] der Gesellschaftsschichten übernehmen konnte, zeigt eindrücklich ein Beispiel aus dem Bestand der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt.
Protagonist des Vorfalls und Adressat der Trauerschrift ist Wolff Christoph von Breitenbauch,[6] Herr auf Burg Ranis und Brandenstein und Kammerjunker am kurfürstlichen Hof in Dresden. Nach der schulischen Ausbildung durch Privatlehrer schlug er zunächst eine militärische Laufbahn ein und diente unter Wilhelm II. von Nassau-Oranien als Gefreyter und hatte kurz vor seinem Tod einen Posten als Rittmeister unter dem Kommando von Heinrich IV. Reuß ä.L. Graf zu Plauen (zu Untergreiz) angenommen. Persönliche Kontakte mit mehreren Herzögen des ernestinischen Zweiges der Wettiner, die während seiner ausgedehnten Kavalierstour entstanden waren, ermöglichten ihm die Bekanntschaft mit Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen, der ihn 1654 zum Kammerjunker ernannte. Breitenbauch war Vater von sieben Kindern, die er nach dem Tod seiner Ehefrau 1668 allein aufzog.
Gleich zu Beginn der Personalia benennt der Prediger, der Raniser Pfarrer Samuel Aufdiener, eine Charakterschwäche Breitenbauchs, die er nicht verurteilt, aber als mitursächlich für den Streit bezeichnet: das starcke Trincken [...] über diß, daß seine Martialische [sic] Geister leichtlich dadurch erwecket, ihn zu Streit-Händeln verleiteten. Überhaupt findet der Verfasser, wie noch zu zeigen ist, in der Predigt sehr offene und tadelnde Worte für seine gesellschaftliche Umwelt.
Der Streit selbst ereignete sich völlig unvorhergesehen, denn beide involvierten Familien hatten sich bisher mehr rechtschaffen gut, teutsch und liebreich einander gekant. Breitenbauch hatte nach dem sonntäglichen Gottesdienst (Palmarum) die in der Nachbarschaft ansässige Familie von Thüna[7] in Schlettwein (bei Pößneck) besucht und war dort in guter Freundschafft und Vertrauligkeit, biß gegen Mitternacht verblieben. Auf dem Heimweg begleiteten ihn dann beyde ältern Herren Söhne von Thüna, wobei es zu der folgenschweren Auseinandersetzung kam. Ohne Angabe von Gründen berichten die Personalia, dass sie sich unterwegen aber zusammen [...] veruneiniget und es zwischen den Beteiligten zu thätlicher feindlicher action kam. Die durch den Kampf erlittenen Verletzungen waren fatal: einer der Söhne erhielt zween Stiche in den Leib und überlebte, der andere wurde jedoch tödlich durchs Hertze gestochen, Breitenbauch selbst, mit fünff Kugeln uf einmal, tödlich geschossen, verstarb fünf Tage später an den erlittenen Verwundungen. Die Gründe für den Zwist bleiben unbekannt, Breitenbauch gab in der Beichte auf dem Totenbett lediglich mehrfach an, er sei beleidigt worden - offenbar hatte sich der Streit an Ehrverletzungen[8] entzündet.
Interessant ist neben der Schilderung des eigentlichen Tathergangs aber vor allem die Sichtweise des Predigers. Er verbietet sich jede Spekulation über die Gründe und Verursacher der Konfrontation und fordert auch die Zuhörer auf, keine Mutmaßungen anzustellen, denn nach Gottes Wort und Theologischem Urtheil gibt es keinen Hauptverdächtigen. Vielmehr beschuldigt Aufdiener beide Parteien, den Konflikt verursacht zu haben: Beyde Theile haben unrecht. [...] Denn daß Christen ein ander also tractiren, und rachgierig sich untereinander entleiben sollen, das hat Gott ernstlich verbotten. Er wagt, den Kirchenpatron (mithin auch die anwesenden Familienangehörigen) hart zu kritisieren, indem er alle Beteiligten für die Eskalation verantwortlich macht und nicht nach Täter bzw. Opfer unterscheidet, sondern vielmehr auch Breitenbauch als fehlerhaften Menschen darstellt. Zugleich tritt er vehement für friedliche Konfliktlösungen ein und fordert die Zuhörer auf, alte Rituale der Ehrverteidigung zugunsten des christlichen Gebots der Nächstenliebe zu überdenken. Geschickt nutzt Aufdiener die Leichenpredigt als Medium, um seine Argumente in die Öffentlichkeit zu transportieren. Denn im Zusammenhang mit den Geschehnissen schreibt er der Predigt eine ganz besondere Aufgabe zu: Den tödlichen Streit als Gottes heiliges Gericht und Willen, mit Gedult ertragen zu lernen und fortan jeden Rache- bzw. Vergeltungsgedanken zu unterlassen, um in den hinterbliebenen Familien nicht noch mehr Erschreckniß, Zorn, Unmuth und Betrübnis zu provozieren. Als Ermahnung erinnert er daran, dass Breitenbauch selbst alle rachgierigen Gedancken und Worte noch kurz vor dem Tod vor sich selbsten [...] wieder bereuet und abgethan und bereit war, allen seinen Beleidigern zu verzeihen. Die nachdrücklichen Genesungswünsche des Pfarrers für den überlebenden Thüna müssen die hinterbliebenen Angehörigen Breitenbauchs in der versammelten Trauergemeinde als Affront empfunden haben, wirken aber in der Gesamtbetrachtung der Predigt nur konsequent: Er wird verhoffentlich wieder ausgeheilet werden, daß Gott verhelffe!
DANIEL GEIßLER M.A. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.
Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Fun. div. XCVIII
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), Stuttgart 2010
Anmerkungen:
[1] Richard van Dülmen, Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, Bd. 2: Dorf und Stadt, 3. Aufl., München 2005, zum gesellschaftlichen Disziplinierungskonzept und der öffentlichen Strafverfolgung sozialer Konflikte siehe insbesondere S. 274-284.
[2] Exemplarisch für Strafjustiz in Schleswig-Holstein Daniel Tilgner, Sozialdisziplinierung und Sozialregulierung. Die Policeyordnungen für Schleswig-Holstein von 1636 und für das Amt Bergedorf von 1623 (Veröffentlichungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte 3), Hamburg 2000; für die Reichsstadt Frankfurt am Main die Untersuchung von Anja Johann, Kontrolle mit Konsens. Sozialdisziplinierung in der Reichsstadt Frankfurt am Main im 16. Jahrhundert, Frankfurt (Main) 2001.
[3] Zur Thematik "Raufhändel" Bernhard Müller-Wirtmann, Raufhändel. Gewalt und Ehre im Dorf, in: Richard van Dülmen (Hg.), Kultur der einfachen Leute, München 1983, S. 79-111.
[4] Speziell zum Ehrbegriff des Adels Peter Schuster, Ehre und Recht, in: Sybille Backmann u.a. (Hg.), Ehrkonzepte in der Frühen Neuzeit. Identitäten und Abgrenzungen, Berlin 1998, S. 40-66.
[5] Grundlegend zum Konzept der "Sozialdisziplinierung" siehe Christoph Sachße/Florian Tennstedt (Hg.), Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischen Theorie der Sozialpolitik, Frankfurt (Main) 1986.
[6] Zur Geschichte dieses weitverzeigten thüringischen Adelsgeschlechts siehe Ernst Heinrich Kneschke (Hg.), Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon, Bd. 2, Hildesheim/New York 1973, S. 46f.
[7] Zur Geschichte dieses Adelsgeschlechts siehe Ders. (Hg.), Neues allgemeines Deutsches-Adels-Lexicon, Bd. 9, Hildesheim/New York 1973, S. 201f.
[8] Zum Begriff der "Ehre" als ständeübergreifendem Normhorizont siehe Robert von Friedeburg, Lebenswelt und Kultur der unterständischen Schichten in der Frühen Neuzeit (Enzyklopädie deutscher Geschichte 62), München 2002, S. 69-73.
Zitierweise: Daniel Geißler, Wolff Christoph von Breitenbauch (1631-1672). Einander selbsten das Liecht ausleschen – Ständische Ehrkonflikte in der Frühen Neuzeit, in: Leben in Leichenpredigten 11/2010, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/wolff-christoph-von-breitenbauch-1631-1672.html>

