Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Wilhelmine Charlotte Landgräfin von Hessen-Kassel (1695-1722)

01.01.2015

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Eva Bender

Eine fast vergessene Prinzessin

Wilhelmine Charlotte von Hessen-Kassel [1/2]

Wilhelmine Charlotte, die jüngste Tochter Landgraf Karls von Hessen-Kassel (1654-1730), starb am 27. November 1722 nach längerer Krankheit im Alter von nur 27 Jahren.[1] Ein Blick in die einschlägigen biographischen Nachschlagewerke zeigt, dass es zu dieser Prinzessin so gut wie keine Informationen gibt.[2] Dies ist für eine erwachsene Hochadlige eher ungewöhnlich, zumal der Vater eine recht ambitionierte Heiratspolitik für alle seine Kinder verfolgte.[3] Gerade Töchter, aber auch Söhne, wurden im Hochadel fast ausschließlich aufgrund politisch motivierter Überlegungen verheiratet.[4]

Oftmals lassen sich in Fällen, in denen kaum Lebensdaten bekannt sind, wie im Fall der hessischen Prinzessin Wilhelmine Charlotte, durch die unterschiedlichen Funeralschriften zusätzliche biographische Informationen ermitteln. Tatsächlich findet sich im Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) der Forschungsstelle für Personalschriften der Hinweis auf eine Trauerschrift im Bestand der Universitätsbibliothek Marburg. "Die Klag-Lieder Orffyrei, Uber Den höchst-betrübten und ohnverhofften Verlust unserer Durchlauchtigsten Wilhelminen Charlotten" ist allerdings die einzige Trauerschrift auf Wilhelmine Charlotte, die Eingang in die Sammlung hessischer Personalia dieser Bibliothek gefunden hat. Es findet sich in dem Konvolut davor noch die Ankündigung der offiziellen Landestrauer, doch das Epicedium eines unterthänigsten Diener und Rath Aus schuldigster devotion eylfertigst entworffen Zu Carlshaven an der Weser und Diemel ist bislang der einzige Hinweis, dass der Tod der Prinzessin durchaus von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde.

Das lediglich dreiseitige Epicedium, das als Trostschrift für den trauernden Vater Landgraf Karl gedacht ist, entspricht dem üblichen Muster barocker Kasualschriften,[5] enthält aber gewisse Raffinessen. Bereits auf dem Titelblatt versteckt der Autor in je zwei Psalmen zwei Chronogramme,[6] die im ersten Fall das Geburtsjahr 1695 ergeben und im zweiten das Sterbejahr 1722. Im weiteren Gedichtverlauf wiederholt sich dies an Stellen, wo direkt auf die Prinzessin eingegangen wird.

Das Epicedium mit vierzehn Strophen weist die für derartige Texte genretypische Dreiteilung auf, indem zunächst die Verstorbene gelobt, über den Tod der Prinzessin geklagt und schließlich auch Trost gespendet wird. Originell ist neben der Anrede des Landesvaters und der Untertanen die Kommunikation mit Gott und dem Tod über die Frage des Warums. Sowohl Gott als auch der Tod zeigen sich wenig beeindruckt und lassen den Leser sich in das göttliche Schicksal fügen. Schließlich spricht die verstorbene Wilhelmine Charlotte selbst und spendet durch die von ihr erfahrene Erlösung Trost:

     "Der höchst-Seeligen Rück-Ruff

     Lieber! Was sind das für Klagen? Weynet nicht/ Geliebten mein:
     Wird mein Leib zur Grufft getragen/ geht der Geist in Himmel ein;
     Quält mich nicht mit Thränen so! Gönnet mir die Ruh/ seyd froh/
     Daß Gott mich und nicht den frommen lieben Vatter Euch genommen.

     Der höchst-Seeligen herzliche Bitte
     Und Versprechen.

     Schliesst ihn fleissig in Gebäte/ daß ER euch noch lange lebt.
     Ich will in der Sternen-Stätte/ bis IHN GOtt zu mir erhebt
     Seine grosse Vatter-Treu vor den Engeln preisen frey:
     Meine Liebe kann IHN küssen/ bin Ich gleich von Euch gerissen.

     Der Seeligsten schönster Trost und
     Himmlische Freude.

     Seyd getrost und unbetrübet/ bis Ich Euch geliebet hab'/
     Und die Ihr mich habt geliebet/ wischet Eure Thränen ab.
     Ich mag nichts mehr von der Welt/ weil es Mir bey Gott gefällt;
     In dem süssen Jesus-Hertzen da verschlaff ich allen Schmerzen.

     Der Seeligen Seelen Wunsch und Abschied.

     Adieu! Allerliebster Vatter/ und sämbtliche Geschwister mein!
     Gott der Vatter mein Berather will von nun an ewig seyn.
     Lebet alle wohl zugleich Hoch und Niedrig/ Arm und Reich':
     Habet Danck vor eure Dienste/ auch den Himmel zu gewinste."[7]

Die Verstorbene zeigt sich somit glücklich in dem religiös fundierten Bewusstsein, auf dem Weg ins ewige Leben einen Schritt weiter gegangen zu sein. Durch ihre Zufriedenheit im Himmel spendet sie nicht nur der verbliebenen Landgrafenfamilie und den Untertanen Trost, sondern beweist auf diese Weise, dass sie die ihr zugewiesenen vorbildhaften gesellschaftlichen Attribute einer Prinzessin verinnerlicht hat als einerseits im Christentum gefestigt, aber andererseits auch als Repräsentantin der regierenden Herrscherfamilie.

Um jedoch Informationen über das Leben der Prinzessin zu erhalten, ist das vorliegende Epicedium wenig geeignet. Lediglich in der Mitte der Kasualschrift wird auf reale Begebenheiten eingegangen. Sowohl der kurz zuvor erfolgte Tod des jüngsten Enkels Landgraf Karls, eines Sohnes seines Sohnes Maximilian (1689-1753),[8] wird erwähnt als auch ein erst kürzlich geplantes Eheprojekt für Wilhelmine Charlotte:

     "Todt! Von deinen dürren Händen kommt kein Trost! Drum wollen wir
     Liebster GOTT zu dir uns wenden/ der du lebest für und für:
     Du greiff'st unser Hessen-Haus heßlich an! Und reiss't heraus
     CAROLS Kindes-Kinder erstlich/ kleine Zweige/ jung
     Und Fürstlich.
     Das hat DICH zV WenIg geDaVCht/ GOTT.
          1. Chron. 18. Us. 1

     Sondern lengst ins Todtes Schatten uns're grosse Wilhelmin!
     Bey der wir Hoffnung hatten; bald mit Freuden zu vollziehn
     Einen neuen Fürsten-Bund; und du nimmest Sie jetzund
     In der allerbesten Blüte! GOTT/ wo bleibet deine Güte?"[9]

Tatsächlich waren für Wilhelmine Charlotte einige prestigeträchtige Eheverbindungen in Erwägung gezogen worden. Sowohl der schwedische König Karl XII. (1682-1718) als auch Herzog Karl Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorp (1700-1739) und schließlich eine Heirat mit dem Zarenhaus standen zeitweilig zwischen 1714 und 1721 in der Diskussion. Das letzte Eheprojekt wurde gemeinsam mit einer entsprechenden Verbindung von Wilhelmine Charlottes Bruder Georg (1691-1755) erwogen, dann jedoch aufgrund des plötzlichen Todes der Prinzessin verworfen.[10] Über diese Pläne für eindeutig politisch motivierte Eheverbindungen, die über die politische Korrespondenz ihres Vaters überliefert sind, lassen sich zu Wilhelmine Charlotte jedoch kaum Informationen finden. Allerdings verwahrt das Hessische Staatsarchiv Marburg ein komplettes Inventar des Nachlasses der Prinzessin.[11] Sie hatte offensichtlich umfangreiche Schulden angehäuft, die über den Verkauf ihrer Hinterlassenschaften beglichen werden sollten. Eine ganz ähnliche Situation trat später auch bei ihrem 1735 verstorbenen Bruder Maximilian ein, da sein Nachlass ebenfalls versteigert wurde, um seine Schulden zu tilgen.[12] Während Maximilian mit seiner 1720 mit Friederike Charlotte von Hessen-Darmstadt gegründeten Familie in Schloss Jesberg eine verschwenderische Hofhaltung - sehr zum Missfallen seines Vaters - etabliert hatte, stellt sich die Frage, wie eine unverheiratete Prinzessin, die im Kasseler Schloss lebte, einen derartig ostentativen Lebensstil praktizieren konnte. Umso erstaunlicher ist es, dass mit dem vorliegenden Epicedium lediglich ein kleiner Hinweis auf die Existenz einer fast 30-jährigen hochadligen Frau vorhanden ist, deren Vita noch sichtbar gemacht werden muss. Immerhin waren auch unverheiratete Mitglieder einer regierenden Herrscherfamilie für die Dynastie von Bedeutung, indem sie beispielsweise bei der Erziehung der Kinder halfen, durch karitative Handlungen aktiv waren, über verwandtschaftliche Korrespondenzen Netzwerke betrieben und repräsentativen Aufgaben innerhalb und außerhalb des Territoriums nachgingen.[13] So zeigt sich, dass an dem Beispiel Wilhelmine Charlottes von Hessen-Kassel neue Erkenntnisse zum Leben und der Funktion der unverheirateten hochadligen Dame zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu entdecken sind.

 

Dr. EVA BENDER ist Historikerin in Marburg mit den Forschungsschwerpunkten Bildungs- und Prinzenreisen, adlige Memoria sowie höfische und politische Kommunikation in der Frühen Neuzeit. Sie bereitet zurzeit ein Forschungsprojekt über die politische Dimension von Herrschermemoria in Prunkfuneralien vor.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Marburg
Signatur: VIII A 234, Bd.III (38)
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Marburg. Nachtrag. Unter Berücksichtigung von Leichenpredigten und Trauerschriften weiterer Marburger Sammlungen (Marburger Personalschriften-Forschungen 12), Sigmaringen 1990.

 

Anmerkungen:

[1] Hans Philippi, Landgraf Karl. Ein deutscher Fürst der Barockzeit (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 34), Marburg 1976, S. 517.

[2] Eckhardt G. Franz (Hg.), Haus Hessen. Biographisches Lexikon (Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission, N.F. 34), Darmstadt 2012. Auch in der Hessischen Biografie findet sich noch kein Eintrag zu Wilhelmine Charlotte, lediglich ihre Lebensdaten sind im Eintrag zu ihrem Vater, Landgraf Karl von Hessen-Kassel, nachgewiesen. Vgl. URL: http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/gsrec/current/2/sn/bio?q=Landgraf+Karl (Zugriff: 25.11.2014).

[3] Philippi, Landgraf Karl (wie Anm. 1), S. 568f. Seine beiden älteren Töchter Sophie Charlotte und Marie Luise verheiratete Karl in die herzogliche Linie Mecklenburg-Schwerin bzw. in die fürstliche Linie Nassau-Diez (letztere somit als Anwärterin auf das oranische Erbe), während sein ältester Sohn Friedrich (ab 1730 regierender Landgraf) durch die Ehe mit der schwedischen Prinzessin Ulrika Eleonora 1720 zum König von Schweden avancierte. Siehe dazu den Sammelband: Helmut Burmeister (Hg.), Friedrich, König von Schweden, Landgraf von Hessen-Kassel. Studien zu Leben und Wirken eines umstrittenen Fürsten (1676-1751) (Die Geschichte unserer Heimat 40), Hofgeismar 2003.

[4] Zu dynastischen Ehen vgl. Daniel Schönpflug, Die Heiraten der Hohenzollern. Verwandtschaft, Politik und Ritual in Europa 1640-1918 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 207), Göttingen 2013; Michael Stolleis, Die Prinzessin als Braut, in: Joachim Bohnert u.a. (Hg.), Verfassung - Philosophie - Kirche. Festschrift für Alexander Hollerbach zum 70. Geburtstag, Berlin 2001, S. 45-57; Ders., Art. "Staatsheirat", in: Handwörterbuch der deutschen Rechtsgeschichte, Bd. 4, Berlin 1990, Sp. 1822-1824.

[5] Hans-Henrik Krummacher, Das barocke Epicedium. Rhetorische Tradition und deutsche Gelegenheitsdichtung im 17. Jahrhundert, in: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 18 (1974), S. 89-147, hier S. 95; Dietmar Till, Poetik der Trauer. Zwei Spielarten des Epicediums um 1700, in: Seraina Plotke/Alexander Ziem (Hg.), Sprache der Trauer. Verbalisierung einer Emotion in historischer Perspektive (Sprache - Literatur und Geschichte. Studien zu Linguistik / Germanistik 45), Heidelberg 2014, S. 175-206.

[6] Waldemar Schupp, Das Chronogramm als kulturgeschichtliches Phänomen. Dokumentarischer Überblick, in: Herold-Jahrbuch, N.F. 8 (2003), S. 127-188, hier insbesondere S. 128-134 zu Aufbau und Verbreitung, S. 142 zur Blütezeit des Chronogramms im 18. Jahrhundert sowie S. 166-180 zur Verbreitung in Handschriften und Drucken mit Betonung der Kasualschriften (S. 170); dazu auch Veronika Marschall, Das Chronogramm. Eine Studie zu Formen und Funktionen einer literarischen Kunstform (Helicon. Beiträge zur deutschen Literatur 22), Frankfurt (Main) 1997.

[7] Anonym, Die Klag-Lieder Orffyrei, Uber Den höchst-betrübten und ohnverhofften Verlust unserer Durchlauchtigsten Wilhelminen Charlotten [...], Kassel 1722, fol. 2v (unpaginierter Druck).

[8] Philippi, Landgraf Karl (wie Anm. 1), S. 517.

[9] Anonym, Die Klag-Lieder Orffyrei (wie Anm. 7), fol. 2r. Das Chronogramm im Bibelzitat im ersten Absatz ergibt das Geburtsjahr des verstorbenen Prinzen Karl, 1721.

[10] Philippi, Landgraf Karl (wie Anm. 1), S. 444, 514-516; Holger Th. Gräf, Georg Landgraf von Hessen-Kassel, in: Franz (Hg.), Haus Hessen (wie Anm. 2), S. 127.

[11] Hessisches Staatsarchiv Marburg, 4a, 71, 25. Die Autorin bereitet zu diesem Thema eine Publikation an andere Stelle vor.

[12] Holger Th. Gräf, Maximilian Landgraf von Hessen-Kassel, in: Franz (Hg.), Haus Hessen (wie Anm. 2), S. 125f., hier S. 126; danach auch das Folgende.

[13] Dazu: Beatrix Bastl, Tugend, Liebe, Ehre. Die adelige Frau in der Frühen Neuzeit, Wien/Köln/Weimar 2000; Georges Duby/Michelle Perrot, Geschichte der Frauen, Bd. 3: Frühe Neuzeit, hg. von Arlette Farge und Natalie Zemon Davis, Frankfurt (Main)/New York/Paris 1994.

 

Zitierweise: Eva Bender, Wilhelmine Charlotte Landgräfin von Hessen-Kassel (1695-1722). Eine fast vergessene Prinzessin, in: Leben in Leichenpredigten 01/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/wilhelmine-charlotte-landgraefin-von-hessen-kassel-1695-1722.html>

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