Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Tobias Plaustrarius (1575-1632)

01.06.2016

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Carsten Lind

Von der Hand Gottes gerührt – Ein Superintendent, Julius Caesar und das jähe Ende

http://www.digitalis.uni-koeln.de/Merianh/merianh_index.html. Der Kupferstich ist ebenso verzeichnet unter "Historische Ortsansichten" im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen (LAGIS), URL: http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/oa/id/2699.">Zum Vergrößern hier klickenStadtansicht Darmstadt

Historische Stadtansicht von Darmstadt [1/3]

Nach den Erhebungen des Statistischen Bundesamtes stand der Schlaganfall im Jahr 2014 an zehnter Stelle der amtlichen Todesfallstatistik in Deutschland.[1] Auch in der Frühen Neuzeit waren es nicht selten Schlaganfälle, die dem Tod eine Ursache gaben.[2] Aber heute spielt die Todesursache für die Nachlebenden eine andere Rolle als in der Welt der Vormoderne. In der Wahrnehmung der damaligen Zeitgenossen charakterisierte sie den Verstorbenen und sprach nicht zuletzt seinem Leben das Urteil. Der Schlaganfall war insofern deshalb ein problematisches Ende, weil er den Sterbenden ohne Möglichkeit zu Buße und Umkehr vor das Angesicht Gottes forderte. Für die katholische Kirche mit ihrer Betonung der Sterbesakramente - der sogenannten Letzten Ölung - war dies selbstredend von sehr großer Bedeutung. Aber auch im protestantischen Bereich war der Schlaganfall für viele ein schrecklicher Tod.

Unser Beispiel[3] mag dies erweisen. Zunächst beginnen wir aber mit dem Ereignis, das immer und für jeden von uns am Anfang steht: der Geburt.

Am 26. Oktober 1575 hatte die Hebamme Tobias Plaustrarius ins Leben geholfen. Im Bettlaken des Pfarrers von Groß-Bieberau begann sein Lebensweg. In gewisser Weise war dieser schon vorgezeichnet, denn bereits sein Großvater Johannes Wagner (latinisiert Plaustrarius) hatte viele Jahre im Pfarramt gestanden. Der kleine Tobias sollte in ihn gesetzte Hoffnungen denn auch nicht enttäuschen. Nach Besuch der Darmstädter Stadtschule und des Marburger Pädagogs bezog er die Universität und hatte auch im 19. Jahr seines alters den Gradum Magisterii mit ruhm erlanget.[4] Anschließend studierte er Theologie und konnte nach einiger Zeit seinem Vater in Groß-Bieberau als Diakon zur Seite stehen. Im Jahr 1598 wurde er Pfarrer in Auerbach bei Bensheim. 17 Jahre übte er diese Funktion aus, bevor er 1615 Pfarrhaus und Kanzel in Zwingenberg einnahm. 1622 ordnete ihn Landgraf Ludwig V. nach Oppenheim ab, denn die Stadt hatte um einen lutherischen Prediger gebeten. In den Kriegsläuften des Dreißigjährigen Krieges versah er dort unter allerhand Nationen Kriegsvolck/ Ja unter Papisten und Calvinisten sein Amt. Vier Jahre später hatte die hispanische Regierung den lutherischen Gottesdienst verboten und Plaustrarius kehrte in sein vormaliges Zwingenberger Pfarramt zurück.

Am 20. Januar 1628 legte der Superintendent der Darmstädter Diözese, Johannes Vietor, sein Leben zurück in Gottes Hand. In freier Wahl bestimmte die Mehrheit der Pfarrer Plaustrarius zu seinem Nachfolger. Er übte dieses Amt mit Energie und Tatkraft aus. Eine große Kirchenvisitation fiel in seine Amtszeit, auch die in Unordnung geratenen wirtschaftlichen Verhältnisse der Pfarreien regulierte er neu.

Am 15. November 1632 bestieg der Superintendent Tobias Plaustrarius die Kanzel der Stadtkirche in Darmstadt, um gemäß der hessischen Kirchenordnung den wöchentlichen Bußgottesdienst zu halten. Er hatte eine tüchtige Predigt aufgesetzt, die er seinen Schäfchen mit Nachdruck hinter die Ohren schrieb.

Seinen Sermon hatte er auch fast zu Ende gebracht, als die Gemeinde feststellte, dass die von der Kanzel auf sie zu rollenden Donnerworte an Lautstärke einbüßten und das Predigtgewitter nun scheinbar aus größerer Ferne zu kommen schien. Beim Vortragen der Beichtformel war die Sprache je lenger je leiser worden, und unter den Worten HErr sey uns armen Sündern gnädig/ Amen! war ihm sein Buch entfallen. Paralysiert stand er nun auf der Kanzel. Erschreckte, aber beherzte Gemeindemitglieder hoben ihn herunter und trugen ihn in sein Pfarrhaus. Ein fürstlicher Rat vernahm dabei noch die letzten verständlichen Worte des Superintendenten Ich will beten. Es wurde dann noch etwas frühneuzeitliche ärztliche Kunst an ihm verübt, die aber am Ende nichts zu ändern vermochte: Ist also der Selige Herr Superintendens gegen 12. Uhr im Mittag/ ohne alle Bewegung stille/ sanfft und seeliglich entschlaffen/ seines Alters 57. Jahr und 20 Tage.

Für Plaustrarius hatten damit - soweit sich das im Diesseits beurteilen lässt - alle Schwierigkeiten ihren Abschluss gefunden. Für den Darmstädter Hofprediger Simon Leisring (1599-1635) begannen sie nun. Er stand vor der Aufgabe, seinem Amtsbruder die christliche Leichenpredigt zu halten. Es lässt sich denken, dass ihn dies unter Anspannung versetzte. In der gewiss gut gefüllten Darmstädter Stadtkirche würden Angehörige des landgräflichen Hofes, zahlreiche Amtsbrüder und die Angehörigen des Verstorbenen, denen er freundschaftlich verbunden war - die Witwe des Toten war seine Gevatterin -, anwesend sein. Er musste den Angehörigen Trost zusprechen und seinen Kollegen im geistlichen Amt zeigen, dass er auf der Höhe von Theologie und Homiletik eine Leichenpredigt verfertigen konnte.

Dabei erwies sich die Todesursache - wie in der Einleitung angedeutet - als besonderes Problem. Dieses jähe Ende, das zu dieser Zeit häufig in die Worte von Gottes Hand getroffen gefasst wurde, hätte eben den Eindruck erwecken können, Gott habe Plaustrarius niedergestreckt - mithin sein Ende könnte nicht recht selig gewesen sein. Sogar in aufgeklärteren Zeiten (im Jahr 1734) musste Zedlers Universallexikon im Artikel "Apoplexia" anmerken: Und in diesem Verstande ist die falsche Tradition ausser allem Zweiffel, so, wie andere, unvermerckt auch biß auf unsre Zeiten gekommen, daß man nemlich die Apoplecticos unter allen Krancken allein bloß vor die, so die Hand-GOttes gerühret, auszugeben pfleget: Gleich als wenn man mit mehrerm Rechte die allerschlimmste und Seelen-gefährlichste Kranckheit von GOtt schlechterdings herzuführen glauben sollte; Da doch, weil ja eine Kranckheit vielmehr eine Reitzung zur Busse geben soll, solches vielmehr von andern gelinden Kranckheiten gesagt zu werden verdienete.[5]

Vor dieser Klippe durfte Leisrings Predigt keinesfalls zuschanden werden. In der Druckfassung versah er sie zur Sicherheit mit einer Vorrede, deren Auftakt verblüfft. Denn zum ersten Zeugen für die Vorzüge des schnellen Todes werden nicht Propheten und Evangelisten, nicht Kirchenväter noch Theologen aufgerufen, sondern Julius Caesar.

Leisring referierte, dass sich der Bezwinger Galliens am Abend vor seinem gewaltsamen Ende über Tod und Sterben unterhalten habe. Seine Essenz aus dieser Abendunterhaltung habe schließlich gelautet: morte inopinam sive subitaneam optimam esse, der sterbe am besten/ der plötzlich/ jehling und unversehens sterbe.

Der Hofprediger interpretierte diese Aussage dahingehend, dass dieser weitberümbte Monarcha sonder zweiffel/ unter andern/ nicht allein das elend des Menschlichen Lebens/ sondern auch auff der sterbenden Zustandt gesehen/ daß nemblich dieselbe/ ehe das Ende herzukompt/ auff dem harten Sieg[ch]bette die sehr erschreckliche Furcht und Vorbotten des Todes/ als da sind Bangigkeit des Hertzens/ Angst der Seelen/ beraubung der Vernunfft und Sinne/ schmertzen und qual an allen Gliedern/ ec. [et cetera] erfahren müsten: Dessen vielfaltigen Ubels aber/ wie auch des allgemeinen Jammers in diesem Leben/ der jehlinge todt den Menschen überhebe und ihme geschwinde davon helffe.

Nachdem er dann geschlossen hatte, dass auch ein Heide Richtiges sagen könne, begann er nun seinerseits mit großer Kelle aus der Heiligen Schrift zu schöpfen, um mit allerlei Bibelworten aus Altem und Neuem Testament den Beweis zu führen, dass, auch wenn die Sense des Schnitters Tod ihr Werk nur allzu geschwind verrichtet, das Bibelwort Apocal. 14. Seelig sind die Todten/ die im HErren sterben dennoch zutrifft.

Auch nach der Vorrede kehren die Umstände des Todes von Tobias Plaustrarius im Verlauf der eigentlichen Leichenpredigt leitmotivisch immer wieder. So heißt es etwa, dass der Allmächtige GOtt/ als ein HErr über Todt und Leben/ den weylandt WolEhrwürdigen und Hochgelahrten Herrn Tobiam Plaustrarium, [...]/ heute vor fünff Tagen/ mit seiner Handt/ zwar plötzlich/ aber doch gnädig gerühret habe.

Der eigentliche Hauptteil der Leichenpredigt wandte sich aber der Tatsache zu, dass Plaustrarius nicht anders als Mose ein Knecht Gottes gewesen sei. In seinen Ausführungen beschäftigte Leisring sich damit, wie Jesus Christus einen frommen und klugen Knecht definiert habe. Er entfaltete dabei, welche Qualitäten einen guten Diener der Kirche auszeichnen müssten.

Es verwundert nicht, dass Hofprediger Leisring in der nun wieder ganz Plaustrarius gewidmeten Abteilung "Personalia" zu dem Schluss kam, dass der Verstorbene alldem vorbildlich entsprochen habe. Deshalb konnte er jetzt noch einmal auf die Umstände des Todes seines Amtsbruders zurückkommen: Aber es hat dem HErren über Todte und Lebendige [...] gefallen/ daß durch seine Hand/ der Selige Herr Superintendens unversehens getroffen/ sein Leben enden sollen/ deme aber solcher geschwinde Todt kein schaden/ sondern vielmehr ein gewin ist/ denn er dadurch nicht allein von allem Ubel erlöset/ sondern auch der bittern Todesschmerzen (unter welchen mancher in viel Monath in langwüriger Kranckheit seuffzen muß) enthaben/ [...]/ deßwegen denn auch sein schneller Todt/ kein böser/ sondern seeliger Tod zu nennen ist.

Rezipientenforschung können wir nicht betreiben, aber die Predigt dürfte bei ihrem Publikum den Zweck erreicht haben, Bedenken über das Sterben des Tobias Plaustrarius auszuräumen. Das Beispiel dieser Leichenpredigt verdeutlicht die Fremdheit, mit der uns die Frühe Neuzeit gegenübersteht. Krankheiten und Todesursachen führen zwar auch heute noch zu Urteilen über die Lebensführung des Betroffenen, aber diese gelten meist dessen Verhalten in gesundheitlicher Hinsicht. Dem an einem Schlaganfall Verstorbenen rufen wir allenfalls ein "Hätt' er sich nur mehr bewegt", dem Lungenkrebstoten ein "Unverantwortlich, wie der geraucht hat" und dem Leberleidenden ein "Er konnte auch kein Glas stehen lassen" hinterher. Und auch diejenigen, die dem Tod in Gestalt einer schweren Erkrankung knapp entkommen sind, fassen dies heute in der Regel nicht mehr als göttlichen Aufruf zur Buße - wie es etwa noch der zitierte Artikel aus Zedlers Lexikon nahelegte -, sondern eher im Sinne eines höchst sakulären "Du musst dein Leben ändern" auf. Es soll nach der überwundenen Krise gesünder, bewusster, nachhaltiger und natürlich länger gelebt werden.

Die Menschen der Frühen Neuzeit - dies illustriert unser kleines Beispiel nicht überraschend - sorgten sich stark um Seelenheil und jenseitiges Geschick, die Menschen der Gegenwart gehen hingegen meist ganz im Diesseits auf.

 

Dr. CARSTEN LIND ist Mitarbeiter des Archivs der Philipps-Universität Marburg.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Gießen
Signatur: W50040 (B3)
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Gießen (Marburger Personalschriften-Forschungen 7), 2 Bde., Marburg/Lahn 1985

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu die Angaben auf der Webseite des Statistischen Bundesamtes, URL: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/HaeufigsteTodesursachen.html (Zugriff: 08.05.2016).

[2] Siehe dazu etwa Richard van Dülmen, Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, Bd. 1: Das Haus und seine Menschen, München 1990, S. 211-213.

[3] Leichenpredigt für Tobias Plaustrarius: Simon Leisring, Servus Dei Fidelis et prudens [...], Darmstadt o.J.

[4] Alle Zitate, die ohne Quellenangabe gegeben werden, entstammen der in Anm. 3 aufgeführten Leichenpredigt.

[5] Siehe Johann Heinrich Zedler (Hg.), Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Bd. 2, Leipzig/Halle (Saale) 1732 (ND Graz 1961), Sp. 905-911, hier Sp. 906, Digitalisat des Artikels in den Digitalen Sammlungen des Münchener Digitalisierungszentrums, URL:
Sp. 905f.: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00000364/images/bsb00000364_00470.pdf,
Sp. 907f.: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00000364/images/bsb00000364_00471.pdf,
Sp. 909f.: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00000364/images/bsb00000364_00472.pdf,
Sp. 911f.: http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00000364/images/bsb00000364_00473.pdf
(Zugriffe jeweils: 08.05.2016).

 

Zitierweise: Carsten Lind, Tobias Plaustrarius (1575-1632). Von der Hand Gottes gerührt – Ein Superintendent, Julius Caesar und das jähe Ende, in: Leben in Leichenpredigten 06/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/tobias-plaustrarius-1575-1632.html>

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