Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Tessen von Parsow (1572-1614)

01.01.2012

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Annemarie Hagmayer

Ein Pastor im Dilemma oder: Wie gedenkt man eines tugendhaften Beamten, Balgers und Anhängers einer Teufelslehre?

http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00004D0C00000000; Der Druck im VD17 unter: VD17 23:262311V.">Zum Vergrößern hier klicken

Titelblatt der Leichenpredigt auf Tessen von Parsow [1/3]

Tessen von Parsow scheint auf den ersten Blick alles andere als ein typischer Kandidat für eine lutherische Leichenpredigt gewesen zu sein: Er starb im Jahr 1614 nicht nur ganz unchristlich in einer Balgerei, einem Ehrenkampf, der später wohl als Duell bezeichnet worden wäre, sondern war darüber hinaus auch noch Calvinist, also aus Sicht eines lutherischen Theologen Anhänger einer Teufelslehre.[1] Beides brach mit zeitgenössischen moraltheologischen Normen und hätte genug Anlass geboten, um mahnend das Leben und Sterben Parsows zum negativen Exemplum zu erheben und ihn als unehrenhaften Sünder zu diffamieren. Dennoch verfasste der lutherische Prediger und Güstrower Superintendent Lucas Bacmeister d.J. (1570-1638) bald nach Parsows Tod eine Leichenpredigt, in der eine generelle Verurteilung fehlte und der Verstorbene am Ende doch selig gesprochen wurde. Wie konnte es dazu kommen?

Ein Blick in die Widmung der Predigt gibt einen entscheidenden Hinweis: Der Auftrag zu Niederschrift und Vortrag der Leichenpredigt kam von keinem Geringeren als Johann Albrecht II. Herzog zu Mecklenburg-Güstrow (1590-1636).[2] Dass dieser seine Hand schützend über Parsow hielt, wird verständlich, wenn man bedenkt, dass  Johann Albrecht II. 1618 selbst offiziell zum Calvinismus  konvertierte. Schon vorher waren seine Sympathien für diese Konfession bekannt und er begann Calvinisten an seinen Hof zu führen. Einer davon war Tessen von Parsow, der seit 1612 dem Herzog zu Mecklenburg-Güstrow als Obriste[r] und geheime[r] Rath zur Seite stand.[3] Ansätze zu einem solchen Hofcalvinismus waren im 17. Jahrhundert kein Einzellfall. Ähnliche Entwicklungen finden sich auch in Brandenburg unter Kurfürst Johann Sigismund (1572-1619) oder in kleineren Territorien wie beispielsweise Nassau-Dillenburg, Zweibrücken oder Hessen-Kassel. Generell fand um 1600 der Calvinismus im Alten Reich vor allem in gebildeten, obrigkeitsnahen Kreisen und im höfischen Beamtentum Verbreitung.[4]

Mit der Leichenpredigt wollte Johann Albrecht II. nun seines Beamten gedenken, an welchem er ein gnädiges gefallen gehabt/und einen sehr lieben Diener [...] verlohren[5] hatte. Und dieser Bitte musste Lucas Bacmeister d.J. nachkommen, obwohl er überzeugter und engagierter Lutheraner war. Doch als Superintendent stand er eben auch in landesherrlichen Diensten, zudem war er von 1600 bis 1613 ein vom Fürsten berufener und besoldeter Theologieprofessor an der lutherischen Universität in Rostock.[6] In beiden beruflichen Tätigkeiten war er seinem Vater – Lucas Bacmeister d. Ä. – nachgefolgt, welcher ein entschiedener Gegner des Calvinismus war und mit seiner redaktionellen Tätigkeit für die mecklenburgische Kirchenordnung (1602) sowie das Gesangbuch wichtige Beiträge zur Etablierung der lutherischen Konfession in Mecklenburg geleistet hatte.[7]

Dem Wunsch des Herzogs folgend, versammelte sich der Hofstaat am 27. September 1614 im Güstrower Dom, um die Leichenpredigt Bacmeisters zu hören. Die eigentliche Beisetzung Parsows war schon vorher unter Ausschluss der Öffentlichkeit und lutherischer Prediger nach calvinistischem Ritus erfolgt. Anwesend waren damals nur die Familie und der Landesherr Johann Albrecht II.

Entsprechend kam der dennoch im Güstrower Dom gehaltenen lutherischen Leichenpredigt keine religiöse Bedeutung für die Familie des Verstorbenen zu. Adressat dieser Predigt war vielmehr der Hofstaat. Denn vor dieser Öffentlichkeit bestätigte das Halten einer Leichenpredigt den Status des Verstorbenen. Es gehörte für einen Mann vom Stande Parsows dazu, eine solche letzte Segnung zu erfahren, welche seine Bedeutung im Diesseits sowie sein Seelenheil und damit sein frommes Leben bestätigte.

Der Verfasser der Leichenpredigt stand dementsprechend im Spannungsfeld zwischen eher politischen Interessen seines Auftragsgebers, seinen eigenen moralischen Vorstellungen und der Aufgabe, ein Exemplum für seine Gemeinde zu verfassen. Einerseits sollte Bacmeisters Leichenpredigt ein Gunsterweis des Herzogs gegenüber dessen Beamten sein, andererseits versuchte der Prediger den Zuhörern dennoch deutlich zu machen, dass sowohl die eigenmächtig und gewaltsam ausgetragenen Ehrenkämpfe als auch der Calvinismus abzulehnen waren. Leichenpredigten sollten – so Bacmeister selbst – ihren Hörern und Lesern zu[m] Trost/ [zur] erbawung und besserung/ auch zur erkentniß unsers elenden flüchtigen Lebens dienen.[8] Dabei fungierten sie gewissermaßen als Anleitung Wie ein Christen Mensch sich in seinem ganzen Leben/ auch da jm Gott in diesen oder dergleichen zufall/ gerathen liesse/ verhalten soll/ damit er sich deß künfftigen Ewigen Lebens bey Gott möge zugetrösten und zuerfrewen haben.[9] Dabei hatten solche Texte nicht selten einen mahnenden Charakter und illustrierten das richtige Verhalten auch im Kontrast zu negativen Exempla.[10] Im Lebenslauf Tessen von Parsows trafen gleich mehrere zeitgenössisch brisante Themen aufeinander, welche die obligatorische Seligsprechung am Ende der Leichenpredigt zu einer theologisch-rhetorischen Herausforderung machten.[11] Die zentrale Frage lautet also: Wie gelang es Lucas Bacmeister d.J. diesen auf den ersten Blick unvereinbaren Ansprüchen zu genügen?

Positiv äußert sich Bacmeister zum beruflichen Werdegang Tessen von Parsows. Der Verstorbene war Erbherr auf Parsow und Upall und hatte dank seines Vaters, dem Fürstlich Pommerschen Landrat und Obereinnehmer Tessen von Parsow (senior), eine christliche Erziehung und eine hervorragende Ausbildung genossen: Tessen wurde am 27. Februar 1572 geboren und in jungen Jahren gemeinsam mit seinem Bruder Nikolaus[12] zunächst auf eine Schule in Halle an der Saale und vom 4. Juli 1586 bis zum 18. Juli 1589 auf die Fürstenschule St. Afra zu Meißen geschickt.[13] Ab 1589 studierte er in Leipzig, Helmstedt, Heidelberg und Genf. Schon hier verweist Bacmeister auf den tugendhaften Fleiß und die Gelehrsamkeit Parsows. Eine Bildungsreise führte ihn nach Frankreich, England, Italien, Sizilien und Malta, wo er offenbar beachtliche Sprachkenntnisse erwarb und Kontakte zu Adeligen in diesen Ländern knüpfte.[14] Bevor er 1612 in den Dienst bei Johann Albrecht II. trat, hatte er an verschiedenen Höfen und vor allem im militärischen Bereich berufliche Erfahrung gesammelt.[15] In seiner Funktion als adeliger Beamter im Dienste des Mecklenburger Herzogs beschreibt Bacmeister Tessen von Parsow als ein strahlendes Vorbild. Dies begründet er nicht allein durch seinen Stand, sondern gerade auch durch seine Tugenden: seinen Fleiß, seine Geschicklichkeit und Erfahrung, mit denen er seinem Herrn stets mit kompetentem und freundlichem Rat zur Seite stand.[16] Aus der Sicht eines lutherischen Pfarrers waren all dies zweifellos erstrebenswerte Eigenschaften eines adeligen Beamten.

Mit Blick auf seinen Bildungsweg und die Verdienste für den Landesherrn taugte Parsow offenbar durchaus als positives Beispiel, dass Bacmeister gerade jungen Adeligen seiner Zeit offerierte: Hiervon [...] solten die jungen Edeleute ein exempel nehmen/ die ihre zeit und Gelde auff Universiteten fast vergeblich dahin bringen/ meinen wenn sie nur ihre drey Jahr in einer Universitet complieret, so sein sie zu einem Canonicat gar düchtig/ da sie doch mehrmals die Bier und Weingläser fleissiger/ denn die Bücher in acht genommen. Da solt man aber billig bedencken/ wie man daß Herrn Obristen exempel nach/ etwas rechtschaffenes studieren und lernen/ sehen und erfahren möchte/ damit man künfftig dem lieben Vaterland/ auch dergestalt dienen könte.[17]

Doch nicht allein seine berufliche Tätigkeit, sondern ebenso die kinderreiche Ehe Tessen von Parsows mit Lucia Clara von Hausse (1583-1645) wird, wenn auch knapp, als vorbildlich beschrieben.

Wer hette es diesem tapferen Helde Morge[ns] sagen sollen/ daß er den Mittag solte von hinnen scheiden/ und zwar solch eines unvermuthlichen Todts sterben.[18] Der Hinweis, dass das Exempel Tessen von Parsows zeige, wie wichtig es ist, Tag für Tag gottgefällig zu leben, da der genaue Zeitpunkt des eigenen Todes ungewiss sei und wie in seinem Falle plötzlich eintreten könne, führt Bacmeister unweigerlich von den positiven zu den schwierigeren Aspekten in der Vita des Verstorbenen; Parsow war seit seiner Reise nach Genf in jungen Jahren Anhänger des Calvinismus. Dass es dem lutherischen Superintendenten Bacmeister nicht leicht fiel, eine wohlwollende, preisende Leichenpredigt für einen Calvinisten zu schreiben, ist nahe liegend. Entsprechend schlug der Prediger mal mehr und mal weniger vorsichtig einen kritisch mahnenden Tonfall an, ohne Parsow jedoch gänzlich zu verdammen. Deutlich zeigt sich dies etwa, wenn er Parsows Wechsel zur reformierten Lehre als Ergebnis einer Verführung in jungen Jahren präsentiert.[19]

Mit Blick auf die religiösen Ansichten Parsows spricht der Prediger zunächst zwar diplomatisch von etlichen Religions Artickeln/ das von zwischen uns un(d) den Calvinisten/ die sich die reformierten itzo nennen/gestritten wird.[20] Doch im Folgenden schlägt sein Tonfall deutlich um: Bacmeisters Hauptkritikpunkt am reformierten Glauben ist die Ansicht, dass nicht jeder, der getauft wurde und fest an die göttliche Vergebung glaubte, auch im Himmelreich aufgenommen werde, sondern dass Gott eine Auswahl treffe (doppelte Prädestination). Ausführlich und mit vielen Bibelverweisen diskutiert er gegen den Calvinismus an, der aus seiner Sicht mit gutem fuge ein Teufels Lehre genennet werden kann und gewisslich keine Göttliche Lehre sei.[21] Fast mitleidig und herablassend resümiert er: Ey/ so vergebe es ihnen der liebe Gott/ das sie [die Calvinisten; A.H.] von so hohen Sachen/ so ganz gröblich reden/ und die Kirche Gottes/ mit so gefehrlichen reden betrüben und jrre machen.[22]

Doch dieser Ausbruch gegen den reformierten Glauben wird mit Blick auf Parsow zugleich wieder abgemildert: Mit Verweis auf Informationen von Bediensteten des Verstorbenen erklärt Bacmeister, dass dieser selbst Teile seines Glaubens als Teufelslehre und Irrtümer erkannt habe. Woraufhin Bacmeister den wenig stichhaltigen Gedanken formuliert, dass Parsow der gar groben Calvinisten [...] keiner mag gewesen sein.[23] Zugute hält Bacmeister ihm auch, dass er gelegentlich lutherische Gottesdienste besucht hätte.

In der Stunde seines Todes hatte Parsow die Anwesenheit von lutherischen Priestern jedoch explizit abgelehnt. Und dies wäre dann doch ein guter Grund gewesen seinen Tod aus lutherischer Sicht als unselig zu bezeichnen.[24] Auch Parsows Beisetzung vollzog sich im kleinen Kreis ohne lutherische Geistliche. Dies sei nach gehaltenem reiffen bedencken/ und erholtem raht anderer Christlicher und Gottesfürchtiger Leute/ unserm gnädigen Landesfürsten und Herrn/ fürnemblich zu underthenigen Ehren/ und der nachgelassenen Witwen und Weiselein so entschieden worden.[25]

Wie ein idealer Ausweg aus der kniffligen Frage, wie nun mit dem Tod dieses Calvinisten, den eigenen Glaubensgrundsätzen als Pfarrer und dem herzoglichen Befehl umzugehen sei, dürften Bacmeister daher die näheren Todesumstände erschienen sein: Denn der 42 Jahre alte Tessen von Parsow starb einen gewaltsamen Tod. Mit Blick auf diesen Todesumstand wird Parsow in der Darstellung Bacmeisters als ein von Satan verführtes Opfer stilisiert, das sich freiwillig auf einen Kampf um die Ehre eingelassen habe und dabei nicht nur sein Leben leichtfertig verspielt, sondern auch noch das seines Kontrahenten riskiert hatte.[26] Wenngleich Bacmeister auch hier beschwichtigend hinzufügt, dass gerade dieser Kampf, dem Landesfürsten zufolge, unvermeidlich gewesen sei.[27]

Mit der Stilisierung Parsows als vom Teufel verführter Balger gewann der Prediger dennoch einen Ansatzpunkt für seine Kritik, welcher nicht mit dem Glauben des Verstorbenen verknüpft werden musste. Diese Grundsatzkritik am Unwesen der Ehrenkämpfe durchzieht die gesamte Predigt: Bereits in der Widmung führte Bacmeister aus, dass ein wesentlicher Beweggrund für die Niederschrift und Veröffentlichung dieser Predigt die Zunahme von heidnische[m] Außfoddern und Balgen[28] sei. Dies geschehe wider Gott und Recht und missfalle auch dem Herzog Johann Albrecht II.[29]

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bemühten sich die Herzöge Mecklenburgs durch Gesetze die schon lange praktizierten, gewaltvollen Ehrenkonflikte unter Adligen, welche ab dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts dann die Etikettierung "Duell" erhalten sollten, strafrechtlich einzuhegen. In diesem Kontext sind die Mahnungen Bacmeisters als sein Beitrag zur Bekämpfung dieses Missstandes zu sehen.[30] Das Auffordern und Balgen wird als folgenschweres und gotteswidriges Verhalten angemahnt, durch das man sein Seelenheil aufs Spiel setze.[31] Bacmeister predigte diese Worte vor der versammelten adeligen Hofgemeinschaft, also dem Personenkreis, in welchem derartige Kämpfe besonders verbreitet waren. Doch bei allen nachdrücklichen Mahnungen zeigte Bacmeister durch den Leichtext aus dem Matthäusevangelium auch einen hoffnungsvollen Ausweg: Der Herr Jesus sprach zu seinen Jüngern/ warlich ich sage euch/ Es sey den/ das ihr umbkehret/ und werdet wie die Kinder/ so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.[32] Diese Chance zur Umkehr hatte jeder der Zuhörer, an die sich diese Botschaft richtete. Mit dem "Kind-sein" verband Bacmeister die Tugenden der christliche Aufrichtigkeit sowie der gläubigen Einfalt, der Demut, der Sanftmut und des Gehorsams.[33]

Im Anschluss an diese Aufforderung zur Umkehr gelang es Bacmeister mit einiger Mühe, den plötzlichen Tod Parsows als seliges und christliches Sterben zu inszenieren: Nachdem der Kämpfende seinen Todesstoß erhalten hatte, blieb er noch lange genug bei Bewusstsein, um seinem Mörder vor den Anwesenden zu vergeben und sich selbst als Sünder zu bekennen. Er betete für seine Familie und seinen Landesherren und befehligte sich in die Hände Jesu. Damit war er versöhnt mit der Welt gestorben, was nach lutherischen Glaubensgrundsätzen die Vorraussetzung für seine Sündenvergebung darstellte.[34]

Und so folgte auf die langen kritischen Ausführungen zu Ehrenkampf und Calvinismus im Falle Parsows doch noch die Wende zur Seligsprechung des Verstorbenen. Am Ende starb der Calvinist Parsow trotz allem einen seligen Tod, dessen Beschreibung der allgemeinen Dramaturgie des guten Sterbens entsprach. Damit wurde der Status Tessen von Parsows – so wie es Johann Albrecht II. gewünscht hatte – bestätigt.

Mit seinen vorsichtigen doch eindeutig missbilligenden Äußerungen zum Calvinismus mag sich Bacmeister zwischen den Zeilen auch an seinen Auftraggeber Johann Albrecht II. gerichtet haben, dessen Sympathie zum Calvinismus der Pfarrer wohl kaum gut geheißen hat. Der Calvinismus blieb allerdings ein kurzes Intermezzo am Mecklenburger Hof und konnte sich, trotz der Bemühungen Johann Albrechts II. nicht in Mecklenburg durchsetzen. Die Stände hatten die Konversion ihres Herzogs mit Argwohn beobachtet und ihn mit viel Engagement darauf verpflichtet, die lutherische Lehre weiterhin als maßgebliche Konfession in Mecklenburg-Güstrow festzuschreiben. Dies wurde noch einmal im Teilungsvertrag von 1621 bekräftigt.[35] Calvinistische Predigten wurden ausschließlich in der Hofkirche Johann Albrechts II. gehalten und nach dem Tod des Herzogs gewannen die Lutheraner auch diese Kirche zurück.

 

ANNEMARIE HAGMEYER ist Studentin der Geschichte und Studentische Hilfskraft im DFG-Projekt "Adlige Beamte. Selbst - und Fremdbilder einer Sozialformation zwischen Stand und Funktion (1550-1750)" am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Technischen Universität Dresden. Im Rahmen des DFG-Projekts bearbeitet die Autorin das Kleinprojekt "Selbst- und Fremdbilder adliger Beamter in kursächsischen Leichenpredigten".

 

Bestand: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek - Niedersächsische Landesbibliothek Hannover
Signatur: Cm 382
Enthalten in: Wilhelm Linke (Hg.), Niedersächsische Familienkunde. Ein biographisches Verzeichnis. Auf Grund der Leichenpredigten und sonstigen Personalschriften der Königlichen Bibliothek zu Hannover und anderer hannoverscher Sammlungen, Hannover 1912

 

Anmerkungen:

[1] Explizit wird der Calvinismus an folgender Stelle der Predigt als Teufelslehre benannt: Lucas Bacmeister, Leichpredigt/ Bey der Volckreichen vnd ansehnlichen Begrebnuß des Weiland Edlen/ Gestrengen vnd Ehrenuesten Tessen von Parsow/ Fürstlichen Mecklenburgischen bestalten Obristen vnd geheimen Rath/ auff Parsow vnd Vpall Erbgesessen. Den 27. Septembris dieses 1614. Jahrs zu Güstrow in der Thumbkirchen gehalten, Rostock 1614, Bl. E4v (VD17 23:262311V), Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL (Werk): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00004D0C00000000 (Zugriff: 23.11.2011).

[2] In der Widmung heißt es: Dem Durchleuchtigen/ Hochgebornen Fürsten und Herrn/ Herrn HANS ALBRECHTEN, Herzogen zu Mecklenburg/ Fürsten zu Wenden/ Graffen zu Schwerin/ der Lande Rostock und Stargardt Herrn/Meinem gnedigen Fürsten und Herrn. Durchleuchtiger/ Hochgeborener Fürst/Gnediger Herr/ das ich kegenwerige Leichpredigt/ so auff E.F.G. gnediges begehren und befehlich/ ich unlangst alhie gehalten [...], Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. A2r. Seit 1534 bestand in Mecklenburg eine Güter- bzw. Nutzungsteilung in Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Güstrow. In beiden Landesteilen regierte zwar jeweils ein Herzog, aber beide gemeinsam bildeten die Landesherrschaft. Bestrebungen von Johann Albrecht II. (Mecklenburg-Güstrow) und seinem Bruder Adolf Friedrich (Mecklenburg-Schwerin) jeweils autonome Landesteile zu schaffen, scheiterten am Widerstand der Landstände, die sich für die Beibehaltung der Landeseinheit einsetzten. Vgl.: Helge Bei der Wieden, "Mecklenburg", in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 589-594 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd14268130X.html (Zugriff: 23.11.2011); Thomas Klein, Mecklenburg, in: Kurt Jeserich/Hans Pohl/Georg-Christian von Unruh (Hg.), Deutsche Verwaltungsgeschichte, Bd. 1: Vom Spätmittelalter bis zum Ende des Reiches, Stuttgart 1983, S. 782-803, hier S. 785f.

[3] 1615 stellte Johann Albrecht II. den reformierten Prediger Georg Ursinus als Hofprediger an. 1616 kam auch der Prediger Johann Rhuelius an seinen Hof. Im selben Jahr lies Johann Albrecht seinen Sohn Karl Heinrich nach reformierten Ritus taufen und heiratete nach dem Tod seiner ersten Frau Margarete Elisabeth 1618 schließlich Elisabeth von Hessen-Kassel, welche ebenfalls reformiert war. Auch ein calvinistischer Leibarzt namens Angelus Sala wurde ab 1625 in die Dienste des Herzogs gestellt. Vgl.: Heinrich Schnell, Mecklenburg zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. 1603-1658, Berlin 1907, S. 11; Franz Schrader, Mecklenburg, in: Anton Schindling/Walter Ziegler, Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung. Land und Konfession 1500-1650, Bd. 2: Der Nordosten (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung 50), 2. Aufl., Münster 1991, S. 166-180, hier S. 179; Karl Schmalz, Kirchengeschichte Mecklenburgs, Bd. 2.: Die Reformation und Gegenreformation, Schwerin 1936, S. 213f; Urs Leo Gantenbein, "Sala, Angelus", in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 359-360 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd119076101.html (Zugriff: 23.11.2011); Zitat vgl. Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. E3r.

[4] Vgl. Ulinka Rublack, Die Reformation in Europa, 2. Aufl., Frankfurt (Main) 2006, S. 189-192. Zur calvinistischen Fürstenkonversion siehe auch Harm Klueting, Gab es eine ‚Zweite Reformation’? Ein Beitrag zur Terminologie des Konfessionellen Zeitalters, in: GWU 5 (1987), S. 261-279, hier S. 265 und 273.

[5] Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. E3r.

[6] Thomas Kaufmann, Universität und lutherische Konfessionalisierung. Die Rostocker Theologieprofessoren und ihr Beitrag zur theologischen Bildung und kirchlichen Gestaltung im Herzogtum Mecklenburg zwischen 1550 und 1675, Gütersloh 1997, S. 68 und 143.

[7] Die Reformation hatte 1549 in Mecklenburg Einzug gehalten. Vgl. Gottfried Holtz, "Bacmeister, Lucas der Ältere", in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 508 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd120239744.html (Zugriff: 23.11.2011).

[8] Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. A4r.

[9] Ebd., Bl. B2v.

[10] Einschlägig zur Funktion und Motivation von Leichenpredigten Eberhard Winkler, Zur Motivation und Situationsbezogenheit der klassischen Leichenpredigt, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle Historischer Wissenschaften, Bd. 1, Köln/Wien 1975, S. 52-65.

[11] Alexander Kästner, Unzweifelhaft ein seliger Tod! Überlegungen zur Darstellung des Sterbens von Duellanten in protestantischen Leichenpredigten, in: Ulrike Ludwig/Barbara Krug-Richter/Gerd Schwerhoff (Hg.), Das Duell. Ehrenkämpfe vom Mittelalter bis zur Moderne, Konstanz 2011 (in Vorbereitung).

[12] Dieser wurde später Kurfürstlich Brandenburgischer Rat und stand damit auch im Dienst eines reformierten Herrschers. Vgl. Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. E2r.

[13] Vgl. August Hermann Kreyssig, Afraner-Album. Verzeichnis sämmtlicher Schüler der Königlichen Landschule zu Meissen von 1543 bis 1875, Meißen 1876, S. 67f.

[14] Deutsch, Hebräisch, Griechisch, Latein, Italienisch, Französisch, Spanisch und Polnisch; vgl. Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. E2v.

[15] 1595 kam er an den Hof des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel, ab 1599 begann seine militärische Karriere. Als Oberstleutnant stand er 1600 im Dienst Herzog Johann Adolfs von Schleswig-Holstein-Gottorp. Ab 1602 gehörte er dem Regiment Herzog Heinrich Julius' von Braunschweig-Wolfenbüttel an und wurde 1609 der Oberstleutnant und Hofmarschall des Administrators zu Bremen, Herzog Johann Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorp. Im Jülich-Klevischen Erbfolgestreit 1610 kämpfte er als Oberstleutnant für Wolfgang Wilhelm Pfalzgraf bei Rhein, zu Neuburg, und 1611 wurde er vom dänischen König Christian IV. zum Oberstleutnant im Schwedischen Krieg bestellt. Vgl. Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm.1), Bl. E2v-E3r. Für einen Überblick zu Tessen von Parsows Werdegang vgl. Claus Heinrich Bill, Mecklenburgischer Adel in der Frühen Neuzeit 1550-1750. Lebenswelten zwischen Reformation und Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich, Sonderburg 1999, S. 147f.

[16] Hievon solten nun billich unsere jungen Edeleute ein Exempel nehmen. [...] sein Adelicher Standt allein hats nicht gethan/ seine Tugent/ sein fleiß/ seine Geschickligkeit/ seine erfahrenheit/ die habens gemacht/ daß er von Herrn und Fürsten respectiret, in Rathschlegen resolut und fertig/in conversation freundlich doch ernsthafft/in summa, daß er ornamentum vera nobilitatis gewesen. Zitat aus Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. E3r.

[17] Ebd., Bl. E3r- E3v.

[18] Ebd., Bl. F1v, B1v-B2r. Ein plötzlicher Tod entsprach nicht dem christlichen Ideal des guten Sterbens, weil in solchen Fällen keine Zeit für eine angemessene Todesvorbereitung blieb.

[19] Die Verführung der Jugend ist ein allgemeiner Topos in Leichenpredigten.

[20] Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. E3v.

[21] Ebd., Bl. E4r.

[22] Ebd., Bl. F1r.

[23] Ebd.

[24] Vgl.: ebd., Bl. F1v; ebenso Kästner, Tod (wie Anm. 11).

[25] Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. F1r. Entsprechend ist das exakte Sterbe- und Beisetzungsdatum von Parsows aus der vorliegenden Leichenpredigt nicht ersichtlich. Die Nichtnennung des Datums mag auch in den Sterbe- und Beisetzungsumständen begründet sein.

[26] Ebd., Bl. B2r.

[27] Vgl.: ebd., Bl. F1v; ebenso Kästner, Tod (wie Anm. 11).

[28] Ebd., Bl. A2r.

[29] Zur Etablierung des Duells im Alten Reich Ulrike Ludwig, Das Recht als Medium des Transfers. Die Ausbreitung des Duells im Alten Reich, in: Dies./Krug-Richter/Schwerhoff (Hg.), Duell (wie Anm. 11) (in Vorbereitung).

[30] Das ich hiemit auß Gottes Wort zuverstehn geben möchte/ welch eine grewliche Sünde solch außfoddern und Balgen für Got sey/ und mit solcher trewlichen und ernsten warnung/ meine Seele/ vermöge Göttlichen besehlichs Ezechielis am 33. vers. 9 erretten. Zitat aus Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. A2v. Warnestu aber den Gottlosen fur seinem wesen/ das er sich dauon bekere/ vnd er sich nicht wil von seinem wesen bekere/ So wird er vmb seiner sünde willen sterben/ Vnd du hast deine Seele errettet. Ezech 33,9, zitiert nach ebd. In der Predigt erfolgt auch der klassische Verweis auf Kain und Abel. Vgl. Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. B1r. Vertiefend zum rechtlichen und historischen Kontext Ludwig, Recht (wie Anm. 29).

[31] Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. C3r-C3v; zu den Strafen Gottes vgl. ebd., Bl. C4v- D1v. Zudem sind der Leichenpredigt das Mandat des französischen Königs Heinrich IV. von 1609 und das Mandat des Magistrats von Straßburg von 1583 beigefügt, die sich gegen das Duellieren bzw. Balgen richten. Vgl.: ebd., Bl. F2v-F4v; siehe auch Ulrike Ludwig, Johann Apel (1592-1627). Des gerechten Habels jämmerliche Entleibung – Leichenpredigten auf Duellanten als Medien eines Rechtstransfers, in: Leben in Leichenpredigten 09/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-apel-1592-1627.html (Zugriff: 23.11.2011).

[32] Matth 18,3 zitiert nach Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. A4v. In der modernen Bibelübersetzung steht die eindeutigere Variante: "Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen." Neue Genfer Übersetzung (NGU) – Neues Testament und Psalmen, hg. von der Genfer Bibelgesellschaft, Stuttgart 2011.

[33] Bacmeister, Leichpredigt (wie Anm. 1), Bl. B3r, C1v, C2v, D4v.

[34] Vgl.: ebd., Bl. F1v; siehe ebenso Kästner, Tod (wie Anm. 11).

[35] Vgl.: Schrader, Mecklenburg (wie Anm. 3), S. 179; Otto Krabbe, Aus dem kirchlichen und wissenschaftlichen Leben Rostocks. Zur Geschichte Wallensteins und des Dreißigjährigen Krieges, Berlin 1863 (ND Weimar u.a. 1994), S. 41f.

 

Zitierweise: Annemarie Hagmeyer, Tessen von Parsow (1572-1614). Ein Pastor im Dilemma oder: Wie gedenkt man eines tugendhaften Beamten, Balgers und Anhängers einer Teufelslehre?, in: Leben in Leichenpredigten 01/2012, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/tessen-von-parsow-1572-1614.html>

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