Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Oswald Barthel (gest. 1507)

01.03.2011

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Helga Petzoldt

Die lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf – Eine Leichenpredigt als historische Quelle einer erzgebirgischen Sage

Gedenkstein für Oswald Barthel in Ehrenfriedersdorf [1/3]

Protestantische Leichenpredigten, die für Bergleute und ihre Angehörigen im Erzgebirge[1] gehalten und gedruckt wurden, sind für die Frühe Neuzeit bisher kaum nachgewiesen.[2] Die hier präsentierte Predigt aus dem Bestand des Kamenzer Stadtarchivs ist deshalb in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes - ein Exemplar der wahrscheinlich ältesten und in drei Auflagen im Druck überlieferten Trauerschrift auf einen Bergmann aus dem Zinnbergbau bei Ehrenfriedersdorf.

Eigenständige Personalia des Verstorbenen enthält die Predigt nicht. Aber dem Text der Leichenpredigt ist zu entnehmen, dass im Jahr 1507 der Steiger Oswald Barthel tödlich im Sauberg bei Ehrenfriedersdorf verunglückt war. Seine damaligen Schlegelgesellen hatten es nicht vermocht, den verschütteten Leichnam zu bergen. Am 20. September 1568 - 60 Jahre nach dem Unglück - stießen Bergleute unerwartet auf Barthels sterbliche Überreste. Sie fanden den Bergmann in seiner ledern Bergkappen, [...] und unvorwesenen[3] kleidern, mit seinem Grubenpeil[4], Unfelttasche[5] und Zscherper[6]. Oswald Barthel, der vor dem Beginn der Reformation gelebt und verstorben war, wurde mit einer Leichenpredigt des evangelischen Ortspfarrers geehrt. Danach hat ihn die Knappschaft Ehrenfriedersdorf[7] Christlicher weiß zur Erden bestetigt.

Der Pfarrer von Ehrenfriedersdorf, Magister Georgius Raudte (1538-1612), wies zu Beginn seiner Predigt darauf hin, dass sich in der jetzigen betrübten und gefehrlichen zeit, wegen der Pestilentzischen seuche, die Gemeinde vorgenommen habe, in Leichenpredigten den 90. Psalm zu erklären, allen zu seliger Lehre und Trost. Dieser Leichtext und das außergewöhnliche Beispiel vor Augen gaben dem Prediger in vorzüglicher Weise Gelegenheit, die Bergleute und ihre Familien in ihrem sörglichen und gefehrlichen Beruff mit Eindringlichkeit und Klarheit zu erreichen.[8] Raudte veranschaulichte die Thesen des Bibeltextes mit Gleichnissen aus der Arbeitswelt der Bergleute, rühmte Bergarbeit unnd Bergwerck bawen als eine Gott wolgefellige Nahrung. Er schilderte Gefahren, beschrieb Ängste und tröstete, die Engel behüteten den Bergmann beim ein und ausfahren, vorm Ort, in Stöllen, Schechten, Strecken und Tieffesten, vor den Bergkteuffeln. Und falls ein Bergmann in seiner Arbeit Schaden nehme oder gar im Berg tödlich verunglücke, könne man sicher sein, dass Gott das wisse und ihn sehe.

Die Leichenpredigt auf Oswald Barthel hat eine besondere Editionsgeschichte, die Anlass für weitere Untersuchungen gibt.[9] Nachdem die Predigt am 26. September 1568[10] gehalten worden war, hat man sie zunächst zwanzig Jahre lang nicht veröffentlicht. Die Leichenpredigt erschien zum ersten Mal im Jahr 1588[11] im Druck. Eine erneute Auflage erfuhr sie 1599[12]. Zum dritten und letzten Mal wurde sie schließlich im Jahr 1608[13] aufgelegt. Noch liegen die Fakten im Dunkeln, die erklären können, warum dies so geschah. Unklar ist auch, ob es ein zeitgenössisches Manuskript gab, das als Vorlage für den Druck dienen konnte, oder ob eine Neufassung durch den Prediger erforderlich war. Auf dem Titelblatt steht der Satz Jetzund auff begern guthertziger Christen, zur Lehr und Trost, für Christliche Bergkleute, auch zum gedechtnis, in Druck gegeben. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Drucke nicht wie üblich von Familienangehörigen des Betrauerten in Auftrag gegeben wurden. Vielleicht gab es diese schon lange nicht mehr. In der Predigt wurden zumindest keine Verwandten erwähnt. Oder hatte Georgius Raudte selbst die Veröffentlichung mit Unterstützung wohlhabender Bürger der Bergstadt Freiberg[14] oder einer vermögenden Bergknappschaft in die Wege geleitet?

Der aus einer Pfarrersfamilie in Plauen stammende Georgius Raudte hatte in Wittenberg Theologie studiert und war seit 1565 Pfarrer in Ehrenfriedersdorf. Bereits im Jahr 1572 verließ er den Ort und übernahm das Amt des Bergpredigers in Annaberg. Vier Jahre später war er Superintendent in Chemnitz. Im Jahr 1592 wurde er vom Dienst suspendiert und nach Kohren versetzt; er hatte sich wohl des Kryptokalvinismus verdächtig gemacht. Bis zu seiner Emeritierung 1607 bekleidete er dort das Amt des Pfarrers.[15] Seine Predigt auf Oswald Barthel in Ehrenfriedersdorf wird ihm während seiner gesamten Tätigkeit in der erzgebirgischen Bergbauregion als ein besonderes Ereignis im Gedächtnis geblieben sein.

Die Leichenpredigt auf Oswald Barthel und der Eintrag im Ehrenfriedersdorfer Toten- bzw. Begräbnisbuch von 1568[16] bilden gegenwärtig die einzigen historischen Belege für das Geschehen, das durch mündliche und schriftliche Überlieferung über mehrere Generationen im 19. Jahrhundert zur Entstehung der Bergmannssage "Die lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf" führte. Eine hinzu gedichtete Liebesgeschichte macht sie bis heute zu einer der beliebtesten erzgebirgischen Sagen.[17] Aus einem alten Bergbuch, das 1543 in Ehrenfriedersdorf begonnen worden sei, zitierte Christian Lehmann in seiner erzgebirgischen Chronik im Jahr 1699[18] eine beglaubigte Nachricht vom 28. September 1568 über das Auffinden der Bergmannsleiche. Das Original des Bergbuches gilt heute als verschollen. Die umfangreiche Heimatforschung beklagt in diesem Zusammenhang Widersprüche und Unklarheiten bei der Rekonstruktion der tatsächlichen Geschehnisse. Sollte es gelingen, die Editionsgeschichte der Leichenpredigt zu erhellen, können vielleicht einige dieser Fragen beantwortet werden. Unzweifelhaft hat das Schicksal von Oswald Barthel in der mündlichen Überlieferung der Bevölkerung im Erzgebirge viel Anregung auf Dichtung[19] und Musik ausgeübt.

 

Dr. HELGA PETZOLDT war von 1991 bis 2011 Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Stadtarchiv Kamenz
Signatur: 3481
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Stadtarchiv Kamenz (Marburger Personalschriften-Forschungen 27), Stuttgart 2000

 

Anmerkungen:

[1] Martina Schattkowsky (Hg.)/Andreas Peschel, Erzgebirge (Kulturlandschaften Sachsens 3), Leipzig 2010, S. 78.

[2] Helmut Wilsdorf/Steffen Brock, Die letzte Schicht. Bergmännische Grabgebräuche, Chemnitz 1994, S. 13 und 83.

[3] Im Ehrenfriedersdorfer "sauren Berg" (Sauberg) enthält das Wasser u.a. Zinksulfat, das für eine natürliche Konservierung der Überreste des verunglückten Bergmannes sorgte. Siehe auch: Christian Lehmann, Christian Lehmanns Sen. weiland Pastoris zu Scheibenberg Historischer Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Ertzgebirge, Leipzig 1699 (ND Stuttgart 1988), S. 244.

[4] Ein Pfahl, mit welchem man seinerzeit zum Beispiel im Bergbau die Höhe des Wassers beurteilte. Vgl. Art. "Peil" in der Onlinefassung der Oeconomischen Encyclopädie von Johann Georg Krünitz, URL: http://kruenitz1.uni-trier.de (Zugriff: 18.02.2011).

[5] Vermutlich ein zeit- und landschaftstypischer Name für die Gruben-Tasche, in welcher Bergleute einst für den Unglücksfall ihr Licht und Feuer-Zeug hatten. Vgl. Art. "Gruben-Licht" in der Onlinefassung des Grossen vollständigen Universal-Lexicons der Wissenschafften und Künste (1732-1754) von Johann Heinrich Zedler, URL: http://www.zedler-lexikon.de (Zugriff: 18.02.2011).

[6] "Gruben-Tzerscherper, ist ein grosses Messer, welches die Bergleute neben der Gruben-Tasche führen, das Gezimmer damit zu bestechen und zu erkundigen." Zitiert nach ebd. (Zugriff: 18.02.2011).

[7] Albrecht Müller/Heiko Müller, Geschichte und Werden der Berggrabebrüderschaft zu Ehrenfriedersdorf - Geschichte unserer Heimat, in: Bergstadt-Nachrichten. Amts- und Informationsblatt der Stadt Ehrenfriedersdorf 10 (2000) (9-teilige Artikelserie), URL: http://www.berggrabebruederschaft-ehrenfriedersdorf.de (Zugriff: 18.02.2011).

[8] Irene Dingel, "Recht glauben, christlich leben und seliglich sterben". Leichenpredigt als evangelische Verkündigung im 16. Jahrhundert, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 4, Stuttgart 2004, S. 9-35.

[9] Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden in einem weiteren Beitrag im Rahmen der Artikelserie "Leben in Leichenpredigten" veröffentlicht.

[10] Lehmann, Schauplatz (wie Anm. 3), S. 936.

[11] Georgius Raudte, Eine Leichpredigt/ Bey dem Begrebnis Oßwald Bartels eines Bergkmans [...], Freiberg 1588 (VD16 ZV 22499), Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) (im Folgenden ULB Sachsen-Anhalt), PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-188874 (Zugriff: 24.03.2011).

[12] Ders., Eine Leichpredigt/ Bey dem Begrebnues Oßwaldt Bartels eines Bergkmans [...], Freiberg 1599 (VD16 ZV 12967), Digitalisat der ULB Sachsen-Anhalt, PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-238245 (Zugriff: 24.03.2011).

[13] Ders., Eine Leichpredigt/ Bey dem Begrebnues Oßwaldt Bartels eines Bergkmans [...], Freiberg 1608 (VD17 125:034286T).

[14] Die Leichenpredigt wurde in Freiberg gedruckt.

[15] Reinhold Grünberg (Bearb.), Sächsisches Pfarrerbuch, Abt. 2: Die Pfarrer der ev.-luth. Landeskirche Sachsens (1539-1939), Teil 2: M-Z, Freiberg 1940, S. 717.

[16] Müller/Müller, Geschichte (wie Anm. 7).

[17] Werner Lauterbach (Hg.), Sagenbuch des Erzgebirges, 2. erweiterte Aufl., Friedrichsthal 2003, S. 314 und 364.

[18] Lehmann, Schauplatz (wie Anm. 3).

[19] Dietmar Werner, Knappen, Heilige und eine lange Schicht. Ein Lesebuch über den Bergbau im Erzgebirge, Marienberg 2009, S. 117-120.

 

Zitierweise: Helga Petzoldt, Oswald Barthel (gest. 1507). Die lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf – Eine Leichenpredigt als historische Quelle einer erzgebirgischen Sage, in: Leben in Leichenpredigten 03/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/osswaldt-bartel-gest-1507.html>

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