Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Michael Neuber (1596-1648)

01.06.2013

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Jörg Witzel

Wie ein geistig Behinderter zum Narren gehalten wurde

Das Schloss in Altenburg/Thüringen [1/2]

Die Geschichte behinderter Menschen in der Frühen Neuzeit ist bisher unzureichend erforscht worden.[1] Über sie gibt es nur wenige Detailstudien. Eine in Altenburg in Thüringen 1649 erschienene Leichenpredigt liefert Stoff für eine solche Studie.[2] Sie zeigt, welche Einstellungen und Verhaltensweisen verschiedene Akteure - die Angehörigen eines Fürstenhauses, einige Mitglieder ihres Hofes und ein Hofprediger - gegenüber einem Menschen aufwiesen, der kognitive Abweichungen zeigte, die heutzutage wohl als geistige Behinderung bezeichnet würden. Bereits auf ihrem Titelblatt erfährt man, dass der Verstorbene, Michael Neuber, arm und gebrechlich gewesen und viele Jahre lang am Altenburger Hof unterhalten worden sei. Autor der Predigt ist daher auch der Hofprediger Martin Caselius (1608-1656).

In den Personalia wird berichtet, dass Michael Neuber 1596 in der Stadt Soldin in der Neumark, dem heutigen Myślibórz in Polen, zur Welt kam. In seinem Elternhaus erhielt er zunächst Privatunterricht. Wegen seines Interesses an der Musik stellte sein Vater dafür eigens einen Lehrer ein. Später besuchte er längere Zeit die Schule in Spandau.

Als Neuber 1618 nach Güstrow verreiste, um eine ihm von einer Muhme[3] hinterlassene Erbschaft einzufordern, geriet er mit etlichen Schustersgesellen [...] in Zwietracht und wurde von ihnen dermassen zerschlagen/ mit Degen-Knöpffen in den Knopff sehr übel gestossen/ und also zugerichtet [...]/ daß er endlich seiner Vernunfft recht und völlig nicht gebrauchen können. Sein Gedächtnis aber behielt er offenbar, da er lateinische und deutsche Sprüche und Verse sowie Psalmen und Kirchenlieder hersagen und singen konnte.

Nach dieser folgenschweren Misshandlung musste er sich wieder in die Obhut seiner Eltern begeben. Als der Generalwachtmeister Hans Rudolf von Bindtauf[4] in Soldin im Quartier lag, nahm er Neuber zu sich und führte ihn dann mehrere Jahre mit sich, bis er 1629 nach Altenburg kam, wo er ihn der Fürstl. Sächß. ältern Frawen Witwen überließ.

Über sein Leben bei Hofe können wir den Personalia nur entnehmen, dass er dem Gottesdienst stets still und andächtig beigewohnt habe. Auch seinen Abend- und Morgensegen habe er gebetet und geistreiche Lieder gesungen. Wegen dieses Verhaltens sei ihm die fürstliche Obrigkeit gewogen gewesen und habe ihn gern in ihrer Gesellschaft gelitten. Auch im Predigtteil betont Caselius, Neuber sei von den fürstlichen Herrschaften allerseits lieb und werth gehalten worden. Während seiner zwei Monate dauernden letzten Krankheit hätten sie außerdem auffs fleißigste für ihn sorgen lassen.

Diesem wertschätzenden, inkludierenden Verhalten steht ein exkludierendes der Geistlichkeit gegenüber. Denn am Abendmahl durfte er nicht teilnehmen, weil er sich zu einem würdigen Empfang desselben weder habe prüfen lassen noch gebührend vorbereiten können, da seine Andacht wegen seiner Wechselhaftigkeit nicht dauerhaft gewesen sei. Obligatorische Voraussetzung für die Zulassung zum Abendmahl war im Luthertum damals ein Beichtgespräch mit dem Pfarrer, durch das der Gläubige von seinen Sünden befreit wurde.[5] Allerdings sagt Caselius ausdrücklich, er und seine Vorgänger hätten die Entscheidung, Neuber nicht zur Beichte und zum Abendmahl zuzulassen, erst nach fleissiger Unterredung und Erwegung getroffen.

Dass Neuber am Ende seiner Tage dieses Sakrament doch noch zuteil wurde, ist für den Hofprediger von großer Wichtigkeit. Schon 1519 legt Martin Luther in seinem "Sermon von der Bereitung zum Sterben" besonderen Wert auf die Beichte und das andächtige Begehren des Abendmahls während des Sterbens.[6] Das wurde für das Luthertum der Frühen Neuzeit verbindlich.[7] Caselius berichtet schon zu Beginn seiner Predigt, Gott habe den Sterbenskranken in seinem Verstand gestärkt, sodass er seinen Glauben durch Reden, Singen und Beten klar bekennen konnte. Neuber habe selbst eindringlich darum gebeten, ihm das Abendmahl zu spenden. Ehe ihm dieser Wunsch erfüllt wurde, examinierten ihn sämtliche Prediger, und er legte eine ordnungsgemäße Beichte ab. Auf seinem Sterbebett sang er fleißig und starb am 11. Dezember 1648.

Ohne diese Verwandlung hätte Neuber in den Augen des Hofpredigers wahrscheinlich kein seliges Ende gefunden. Seine Leichenpredigt wäre ungedruckt geblieben. Denn Caselius weiß auch zu berichten, vor seiner letzten Krankheit sei Neuber ein Lästerer/ Schmeher/ und recht elender blinder Mensch gewesen. Er habe Christus gelästert. Caselius entschuldigt ihn jedoch mit seiner Unfähigkeit, sich seiner Vernunft recht zu bedienen. Hierin schließt er sich einer ins Mittelalter zurückreichenden moraltheologischen Sichtweise an, dass Menschen, deren Vernunftgebrauch eingeschränkt sei, nicht sündigen könnten.[8] Außerdem habe er besonders dann gelästert, wenn er beleidigt oder erzürnt worden sei. Zum Zorn sei er leicht zu reizen gewesen.

Dass es in Altenburg Angehörige des Hofes gab, die Neuber gezielt provozierten und zum Narren hielten, bringt Caselius in seiner Predigt deutlich zum Ausdruck. Angriffspunkt ihrer Provokationen war wahrscheinlich auch Neubers Megalomanie. Er hielt sich nämlich laut Caselius für einen hohen Potentaten, der den ganzen Hofstaat kommandieren konnte. Der Hofprediger bezeichnet die Neuber provozierenden Höflinge - ohne Namen zu nennen - als Sünder, die Gott zur Rechenschaft ziehen werde. Dass sie im Gegensatz zu Neuber kein seliger Tod erwarten würde, illustriert er mit zwei besonders unehrenhaften Beispielen für einen plötzlichen Tod. Diese Textpassage ist übrigens als einzige in der gesamten Predigt durch Anführungszeichen am Rand besonders hervorgehoben.

Auch wenn Neuber nur für einige Höflinge die Rolle eines Narren spielen musste, kann er doch zu einer Personengruppe gezählt werden, die damals als natürliche Narren bezeichnet wurde.[9] Zur Blütezeit des Hofnarrenwesens im 16. und 17. Jahrhunderts dienten sie gemeinsam mit künstlichen Narren, die ihre Narrheit als Profession trieben, zur Belustigung der höfischen Gesellschaft. Caselius wendet allerdings diese Bezeichnung nicht auf Neuber an, weil er beabsichtigt, den Spieß umzudrehen und gerade solche Menschen, die ihre Mitmenschen, welche etwa von Natur blöde sind/ oder durch einen unverhofften Zufall umb ihren Verstand kommen, zum Narren halten, als eigentliche Narren mit Ausdrücken wie mutwillige Narren und Stocknarren[10] negativ zu kennzeichnen. Nicht Neubers, sondern ihr Verhalten ist somit aus der Sicht des Hofpredigers in höchstem Maße deviant, da es die von einem Christenmenschen zu beachtenden Verhaltensnormen missachtet.

Ein natürlicher Narr, der offenbar von Geburt an ein abweichendes, närrisches Verhalten aufwies und offiziell als Hofnarr diente, war der 1619 gestorbene Kurtzweilige Tisch Rath Herzog Philipps II. von Pommern, Hans Miesko. Auch er wurde mit einer gedruckten Leichenpredigt geehrt - laut Titelblatt auf ausdrücklichen fürstlichen Befehl hin.[11] Ihr Verfasser, Philipp Cradelius, Pastor an St. Peter in Stettin (poln. Szczecin), nimmt ebenso wie Caselius Menschen mit permanenter mentaler Devianz in Schutz vor Übeltätern, die sie vexieren, d.h. vorsätzlich reizen und ärgern, um sich über sie zu amüsieren. Beide Prediger stehen damit in einer Tradition geistlicher Kritik an der Belustigung über Menschen mit körperlichen und kognitiven Abweichungen, die bis in das Mittelalter zurückreicht.[12] Cradelius bewertet die Aufnahme Mieskos durch den Stettiner Hof als einen Akt christlicher Nächstenliebe. Beide Prediger führen Stellen aus dem Neuen Testament an, die zeigen, dass gerade Kinder und Narren von Gott erwählt seien. Darin spiegelt sich eine damals verbreitete theologische Ansicht von einer besonderen Gottesnähe natürlicher Narren wider.[13]

In beiden Predigten wird allerdings auch deutlich, dass das inkludierende Wohlwollen der Theologen gegenüber natürlichen Narren nicht bedingungslos war. Hätten sie in beiden Fällen nicht gottgefällige, einen Christenmenschen auszeichnende Verhaltensweisen glaubwürdig aufweisen können, wären sie zu einer deutlichen Ausgrenzung der geistig Behinderten gezwungen gewesen.

 

Dr. JÖRG WITZEL ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Thüringisches Staatsarchiv Altenburg
Signatur: Leichenpredigten: Neuber, Michael
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Thüringischen Staatsarchiv Altenburg (Marburger Personalschriften-Forschungen 43), Stuttgart 2007

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu Patrick Schmidt, Behinderungen in der Frühen Neuzeit. Ein Forschungsbericht, in: Zeitschrift für historische Forschung 37 (2010), S. 617-651, hier S. 622.

[2] Martin Caselius, Christliche Leich-Predigt über die thewre werthe Wort S. Pauli/ die Er uns in seiner ersten Epistel an Timotheum Cap. 1/ 12. seqq. hinterlassen hat [...], Altenburg 1649 (VD17 39:106524F), Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale), URN (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-86317 (Zugriff: 29.05.2013).

[3] Dieser Begriff bezeichnet eine weibliche Seitenverwandte. - Art. "Muhme", in: Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 12, Sp. 2645-2647, Online-Version, Permalink: http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=muhme (Zugriff: 29.05.2013).

[4] Vgl. hierzu den Artikel über Bindtauf auf der Website "Der Dreißigjährige Krieg in Selbstzeugnissen, Chroniken und Berichten", URL: http://www.30jaehrigerkrieg.de/bindtauf-bindauff-bindhauff-bindthoff-pintauf-hans-rudolf-radloff-von (Zugriff: 29.05.2013).

[5] Vgl. hierzu Lucian Hölscher, Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland, München 2005, S. 69f.

[6] Martin Luther, Ein Sermon von der Bereitung zum Sterben, [Leipzig 1519], S. (3) (VD16 L 6478), Digitalisat der Landesbibliothek Coburg, URN (Werk): http://www.nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:70-dtl-0000022084http://gateway-bayern.de/VD16+L+6478 (Zugriff: 29.05.2013).

[7] Vgl. dazu beispielsweise Konrad Hammann, "Die Allerseligste Vorbereitung zum seligen Sterben". Kontinuität und Wandel lutherischer Frömmigkeit und Sterbekultur vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im Spiegel der Göttinger Leichenpredigten, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 101 (2003), S. 117-164, hier S. 151f.

[8] Vgl. hierzu Heinz-Günter Schmitz, Das Hofnarrenwesen der frühen Neuzeit (Dichtung - Wahrheit - Sprache 1), Münster 2004, S. 31ff.

[9] Vgl. auch im Folgenden Edgar Barwig/Ralf Schmitz, Narren. Geisteskranke und Hofleute, in: Bernd-Ulrich Hergemöller (Hg.), Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft, Warendorf 2001, S. 238-269, hier S. 238 und 253.

[10] Hier als Bezeichnung für Menschen, die sich durch ihr unvernünftiges Verhalten selbst zu Narren machen, verwandt. - Vgl. Art. "Stocknarr", in: Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 19, Sp. 116f., Online-Version, Permalink: http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=stocknarr (Zugriff: 29.05.2013).

[11] Philippus Cradelius, Eine Lehr Trost und Vermahnungs Predigt: Bey der Leich unnd Begräbnuß des [...] Herrn/ Hans Miesko [...], Stettin o.J. (VD17 39:112593E), Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL (Werk): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB000062DD00000000 (Zugriff: 29.05.2013). - Vgl. hierzu auch im Folgenden Ruth von Bernuth, Wunder, Spott und Prophetie. Natürliche Narrheit in den "Historien von Claus Narren" (Frühe Neuzeit 133), Tübingen 2009, S. 247-251.

[12] Vgl. hierzu Claudia Gottwald, Ist Behinderung komisch? Lachen über verkörperte Differenz im historischen Wandel, in: Elsbeth Bösl/Anne Klein/Anne Waldschmidt (Hg.), Disability History. Konstruktion von Behinderung in der Geschichte. Eine Einführung (Disability Studies 6), Bielefeld 2010, S. 231-251, hier S. 241.

[13] Vgl. hierzu Schmitz, Hofnarrenwesen (wie Anm. 8), S. 60f.

 

Zitierweise: Jörg Witzel, Michael Neuber (1596-1648). Wie ein geistig Behinderter zum Narren gehalten wurde, in: Leben in Leichenpredigten 06/2013, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/michael-neuber-1596-1648.html>

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