Maximilian II. (1527-1576)
01.05.2014
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Dem Heiligen Römischen Reich/ vnd der gantzen Christenheit zur förderung [...] – Eine böhmische Gedächtnispredigt auf Kaiser Maximilian II. als Instrument politischer Propaganda
Porträt Kaiser (HRR) Maximilian II. [1/2]
Starb in der Frühen Neuzeit das Reichsoberhaupt - der römisch-deutsche Kaiser -, so ehrte man den verstorbenen Herrscher mit einer Vielzahl unterschiedlicher Trauerpublikationen. Neben der obligatorischen Leichenpredigt, die bei der Beisetzung des Kaisers gehalten wurde, erschienen auch zahlreiche der im gesamten Heiligen Römischen Reich auf obrigkeitsstaatliche Anordnung hin vorgetragenen Gedächtnispredigten im Druck. Diese sollten einer breiteren Öffentlichkeit noch einmal die Taten und Leistungen des Dahingeschiedenen vor Augen führen, um auf diese Weise das Andenken an den Verstorbenen zu bewahren. Darüber hinaus verfolgten diese Schriften aber noch einen weiteren Zweck: Sie wurden oftmals produziert mit dem Ziel, "zur Entstehung, Vermittlung und Verfestigung politischer Normen, Konzepte und Leitbegriffe beizutragen, indem spezielle Tugenden und Handlungen des verstorbenen Herrschers als besonders vorbildlich dargestellt wurden"[1].
Ein gutes Beispiel für diese 'Propagandafunktion' kaiserlicher Funeraldrucke stellt eine Gedächtnispredigt dar, die im Laufe der siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts zu Ehren von Kaiser Maximilian II. (reg. 1564-1576)[2] veröffentlicht worden ist.[3] Es handelt sich um eine vom lutherischen Pfarrer von Habelschwerdt (poln. Bystrzyca Kłodzka)[4] - dem Magister Caspar Elogius[5] - verfasste und in der Prager Neustadt gedruckte Publikation mit dem Titel "Leichtpredig [sic!] vber Maximiliani des andern Großmechtigsten/ und frommen Römischen Keysers/ Absterben vnd Begrebnuß"[6], die nichts anderes als einen vollständigen Überblick über die Weltgeschichte verspricht. Vom anfang der Welt - so heißt es auf dem Titelblatt - biß auff disen verstorbenen Keyser Maximilianum/ vnd jetzt regierenden Römischen Keyser Rudolphum sollen alle verenderungen dargestellt werden, die fürgefallen. Hierzu wird eine Bibelstelle ausgelegt, die traditionell als Grundlage des mittelalterlichen Geschichtsverständnisses gilt. Die Rede ist von der Deutung der Vision des babylonischen Königs Nebukadnezar durch den Propheten Daniel im Alten Testament (Dan 2,1- 49). Nebukadnezar hatte im Schlaf eine vierteilige Statue gesehen, die aus den Elementen Gold, Silber, Bronze sowie Eisen bestand und durch einen Stein zerstört worden war. Nach mittelalterlicher bzw. frühneuzeitlicher Lesart standen die vier unterschiedlichen Materialien der Statue für vier aufeinanderfolgende Weltreiche: Babylon, Persien, Griechenland und Rom. Deren Geschichte wird daher auch von Elogius in seiner Predigt nacheinander thematisiert, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf dem zuletzt genannten Reich, dem Römischen, liegt. Grund hierfür ist die zeitgenössische Vorstellung, dass das Römische Reich nicht untergegangen sei, sondern einen Nachfolger gefunden habe: das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Auf dieses - so die gängige Geschichtsauffassung der Zeit - sei die römische Kaiserwürde transferiert[7] worden, weshalb Elogius in seiner Predigt im Abschnitt zum Römischen Reich auch die deutschen Herrscher behandelt. Dabei legt er besonderen Wert auf die Geschichte des Hauses Habsburg, dem er eine spezielle Funktion im göttlichen Heilsplan zuspricht: Also hat unser Herr Gott entlich auß wunderlichen Raht/ von dises Keysers Rudolph deß ersten zeiten/ anzufangen gemeinlich auff dem friedfertigen Stammen deß löblichen Hauses von Oesterreich/ das Keyserlich Scepter umb einigkeit willen wollen verbleiben lassen.[8]
Wie dieser kurze Auszug aus der Predigt zeigt, ist für Elogius das Haus Habsburg vor allem mit einem Aspekt verbunden: der Einheit des Heiligen Römischen Reichs. Seit Beginn ihrer Regentschaft habe sich die habsburgische Dynastie insbesondere diesem Ziel verpflichtet gefühlt, was Elogius durch verschiedene Exempel zu belegen sucht. So führt er beispielsweise den Namensvetter des jetzt regierenden Keyser Rudolphum[9] (damit ist Kaiser Rudolf II. gemeint, Sohn und Nachfolger des Verstorbenen) an, Rudolf I. (reg. 1273-1291), der als erster Herrscher nach dem Interregnum bestrebt gewesen sei, die zerfallene Regierungsgewalt im Reich wiederherzustellen. Oder er nennt Kaiser Ferdinand I. (reg. 1558-1564), den Vater Maximilians II., der tag vnnd nacht auff einigkeit im Geistlichen vnnd Weltlichen Regiment getrachtet/ vnd an seinem ende auch geruwigkliche [d.h. ruhige; D.M.] regierung hinder sich gelassen[10] habe. Auf diese Weise gelingt es Elogius, für das Haus Habsburg eine Art Tradition zu konstruieren, in deren Rahmen er auch auf die Regierung des verstorbenen Maximilian zu sprechen kommt. Ähnlich wie seine Vorfahren habe sich dieser ebenfalls um die konfessionelle und politische Einheit des Reichs verdient gemacht: Was aber Maximilianus für ein löblicher Regent/ was er für ein weiser und verstendiger Herr/ was er gütiger/ gnediger/ vnd holdseliger Keyser/ was er für ein sorgfeltiger vnd fleissiger Vatter/ was er für ein trewer vnd thewrer schatz deß Teutschlands vnd gantzen Römischen Reichs gewesen/ verstehn vnd bedencken wir leider jetz vnd als vnmündige kinder/ vil besser/ nachdem wir sein Key. May. verloren.[11]
Warum aber hebt Elogius in seiner Predigt gerade die Bemühungen des Hauses Habsburg um die Einheit des Reichs hervor? Eine Antwort auf diese Frage bietet ein Blick auf den historischen Kontext des Drucks, der durch den Antagonismus zwischen Katholizismus und lutherischem Protestantismus im Alten Reich geprägt ist. Seit Beginn der Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts standen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber - ein Umstand, der mit den Jahren außer zu einer konfessionellen auch zu einer politischen Spaltung im Reich führte. Um diesen Prozess aufzuhalten, kam es insbesondere während der Amtszeit Kaiser Maximilians II. zu verschiedenen Versuchen, einen Ausgleich zwischen beiden Religionsparteien zu erreichen. Ziel war es dabei stets, die Spaltung der Kirche zu überwinden und die politische Einheit des Reichs wiederherzustellen, was infolge der beständig zunehmenden Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten aber nur partiell gelang.
Trotz dieses Misserfolgs war Kaiser Maximilian jedoch ein äußerst populärer und beliebter Herrscher, dessen Tod mit großer Trauer im gesamten Reich aufgenommen wurde. Speziell protestantische Untertanen hatten aufgrund der toleranten Politik des katholischen[12] Maximilians große Sympathien für den verstorbenen Kaiser, sahen nach dessen Ableben aber mit Unsicherheit in die Zukunft. Grund hierfür war sein bereits erwähnter Sohn, Kaiser Rudolf II. (reg. 1576-1612).[13] Dieser war während seiner Jugendzeit in Spanien am Hof Philipps II. (reg. 1556-1598) streng im katholischen Glauben erzogen worden, weshalb nach dem Tod Maximilians unter der nicht-katholischen Bevölkerung die Furcht umherging, dass eine Phase der gewaltsamen Rekatholisierung beginnen könnte. "Die Schrecken der konfessionellen Auseinandersetzung in Frankreich und den Niederlanden, für die die Bartholomäusnacht und das Massaker von Antwerpen standen, schienen plötzlich auch [im Heiligen Römischen Reich; D.M.] nicht mehr undenkbar zu sein"[14], womit die vom Lutheraner Caspar Elogius verfasste Gedächtnispredigt bzw. die dort inhärente habsburgische Traditionslinie nur auf eine Weise gedeutet werden kann: als Versuch, dem jungen Kaiser Rudolf II. den von Gott erteilten Auftrag des gesamten Hauses Habsburg, nämlich dem Heiligen Römischen Reich/ vnd der gantzen Christenheit zur förderung [zu] gereichen[15], vor Augen zu führen. Auf diese Weise hoffte Elogius, dem Nachfolger Maximilians eine Art Handlungsmodell zu bieten, um eine Radikalisierung der Politik gegenüber den Protestanten zu verhindern und so eine weitere Spaltung des Reichs abzuwenden. Die von ihm verfasste Gedächtnispredigt bewahrt deshalb nicht allein das Andenken an Kaiser Maximilian, sondern diente darüber hinaus einem weiteren Zweck: Sie stellte ein Instrument der politischen Propaganda dar.
DOMINIK MOTZ M.A. war bis 2012 assoziierter Mitarbeiter im DFG-Projekt "Fürstenbibliothek Arolsen" der Universität Kassel. Sein Dissertationsprojekt mit dem Titel "'Es gereichet [...] dem gantzen hohen Gräfflichen Hauß zu immer wehrenden Lob und Ehren'. Funeraldrucke als Medien dynastischer Erinnerung am Beispiel des Hauses Waldeck und Pyrmont" steht kurz vor dem Abschluss.
Bestand: Fürstlich Waldecksche Hofbibliothek Arolsen
Signatur: V Waldec. 203
Neben dem hier verwendeten Exemplar befindet sich ein weiterer nachgewiesener Druck im Bestand der Universitätsbibliothek Wrocław (Breslau), Signatur: 508936, enthalten in: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Breslau.
Anmerkungen:
[1] Ulrich Niggemann, Herrschermemoria und politische Norm in der Frühen Neuzeit, Eintrag vom 08.11.2011); URL: http://www.uni-marburg.de/fb06/fnz/forschung/abgeschlossen/Herrschermemoria/konzeption (Zugriff: 18.04.2014).
[2] Zu Maximilian II. vgl. u.a. Volker Press, "Maximilian II.", in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 471-475 [Onlinefassung], URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11857938X.html (Zugriff: 18.04.2014); Manfred Rudersdorf, Maximilian II. 1564-1576, in: Anton Schindling/Walter Ziegler (Hg.), Die Kaiser der Neuzeit 1519-1918; Heiliges Römisches Reich, Österreich, Deutschland, München 1990, S. 79-98; Paula Sutter Fichtner, Emperor Maxmilian II, New Haven (Connecticut)/London 2001; Jochen Birkenmeier, Via regia. Religiöse Haltung und Konfessionspolitik Kaiser Maximilians II. (1527-1576), Berlin 2008.
[3] Abgesehen von der hier vorzustellenden Gedächtnispredigt sind zu Ehren Kaiser Maximilians II. noch weitere Trauerreden in gedruckter Form veröffentlicht worden. Für einen Überblick vgl. Rosemarie Vocelka, Die Begräbnisfeierlichkeiten für Kaiser Maximilian II. 1576/77, in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 84 (1976), S. 103-136, hier S. 130f. Eine Übersicht über die Epicediendichtung, die zum Ableben Maximilians entstand, bietet Christian Gastgeber, Trauer um den Kaiser. Epikediendichtung zum Ableben Maximilians II. (1576), in: Biblos. Beiträge zu Buch, Bibliothek und Schrift 57 (2008), S. 37-60.
[4] Habelschwerdt liegt in der Grafschaft Glatz (poln. Kłodzko), die im 16. Jahrhundert allerdings nicht zu Schlesien, sondern zum Königreich Böhmen gehörte. Vgl. Arno Herzig, Reformatorische Bewegungen und Konfessionalisierung. Die habsburgische Rekatholisierungspolitik in der Grafschaft Glatz (Hamburger Veröffentlichungen zur Geschichte Mittel- und Osteuropas 1), Hamburg 1996, S. 16.
[5] Caspar Elogius (auch: Caspar Loy) wurde am 24. Juni 1530 in Breslau (poln. Wrocław) geboren. Wo er studierte und seinen Magister erworben hat, ist nicht bekannt. Verheiratet war er mit Esther Elogius, die am 10. Dezember 1562 im Alter von 33 Jahren verstarb. Nach seiner Ausbildung war Caspar Elogius Prediger in Nimptsch (poln. Niemcza), danach im niederschlesischen Frankenstein (poln. Ząbkowice Śląskie). 1563 wurde er vom Habelschwerdter Rat auf die dortige Pfarrei berufen. Er starb 1593 in Kieslingswalde (poln. Idzików) bei Habelschwerdt. Vgl. Arno Herzig, Die Vier-Reiche-Lehre und das baldige Ende der Weltgeschichte. Die Leichenpredigt des Habelschwerdter lutherischen Pfarrers Caspar Elogius zum Tod Maximilians II. 1576, in: Dietrich Meyer (Hg.), Erinnertes Erbe. Beiträge zur schlesischen Kirchengeschichte. Festschrift für Christian-Erdmann Schott (Studien zur schlesischen und Oberlausitzer Kirchengeschichte 8), Herrnhut 2002, S. 180-190, hier S. 182.
[6] Vollständiger Titel: Caspar Elogius, Leichtpredig/ vber Maximiliani des anderen Großmechtigsten/ vnd frommen Römischen Keysers/ Absterben und Begrebnuß. Darinn als in einer Chronica zu sehen/ Was von anfang der Welt/ biß auff disen verstorbenen Keyser Maximilianum/ vnd jetzt regierenden Römischen Keyser Rudolphum/ für verenderungen/ in allen vier Keyserthumben fürgefallen/ vnd was auch alle Stände der gantzen Christenheit/ bey dieser Keyserlichen Leiche vnd Begrebnuß behertzigen sollen, Gedruckt zu Prag in der Newstat/ bey Michael Peterle, Prag [1577] (VD16 XL 94), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München, Permalink (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10906010-7 (Zugriff: 18.04.2014).
[7] Ebd., fol. 11r.
[8] Ebd., fol. 9r.
[9] Ebd., fol. 1r.
[10] Ebd., fol. 9r.
[11] Ebd., fol. 9v.
[12] Über die religiöse Haltung Maximilians II. gibt es unterschiedliche Ansichten. Zum einen werden ihm große Sympathien für den Protestantismus nachgesagt, da er gegen die Ausbreitung desselben nichts einzuwenden hatte. Zum anderen wird er aber auch der katholischen Kirche zugeordnet, da er während seiner gesamten Regierungszeit versuchte, die Ausbildung eines eigenständigen evangelischen Kirchenwesens zu verhindern. Wahrscheinlich ist, dass Maximilian weder der einen noch der anderen Seite angehörte, sondern eine Art Mittelstellung zwischen beiden Konfessionen einnahm. Man bezeichnet diese Position in der Forschung als "irenisch", "weil dieser Begriff ganz allgemein den friedlichen Umgang der Konfessionsparteien miteinander und das Ziel einer friedlichen Wiedervereinigung der gespaltenen Kirche bezeichnen kann." Vgl. Birkenmeier, Via regia (wie Anm. 2), S. 19.
[13] Zu Kaiser Rudolf II. vgl. Robert J. W. Evans, "Rudolf II.", in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 169-171 [Onlinefassung], URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118603701.html (Zugriff: 18.04.2014); Volker Press, Rudolf II. 1576-1612, in: Schindling/Ziegler (Hg.), Kaiser der Neuzeit (wie Anm. 2), S. 99-111; Lubomir Konecny (Hg.), Rudolf II, Prague and the World. Papers from the International Conference, Prague, 2-4 September, 1997, Prag 1998; Karl Vocelka, Rudolf II. und seine Zeit, Wien/Köln/Graz 1985.
[14] Birkenmeier, Via regia (wie Anm. 2), S. 7f.
[15] Elogius, Leichtpredig (wie Anm. 6), fol. 10r.
Zitierweise: Dominik Motz, Maximilian II. (1527-1576). Dem Heiligen Römischen Reich/ vnd der gantzen Christenheit zur förderung [...] – eine böhmische Gedächtnispredigt auf Kaiser Maximilian II. als Instrument politischer Propaganda, in: Leben in Leichenpredigten 05/2014, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/maximilian-ii-1527-1576.html>

