Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Maria Elisabeth Gräfin von Stolberg-Wernigerode, geb. Gräfin von Promnitz (1717-1741)

01.06.2009

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

Da bewegte der liebe Heiland mein Herz – Ein Kind im Pietismus

Titelblatt der Leichenpredigt auf Maria Elisabeth Gräfin von Stolberg-Wernigerode

Der Pietismus als Bewegung der geistlichen Innigkeit macht Lebensläufe und Tagebücher seiner Anhänger als geistesgeschichtliche Quelle besonders wertvoll. Die in der Historischen Bibliothek Rudolstadt vorliegende Personalschrift auf eine pietistische Hochadlige bietet beides: In den Text der Personalia sind Auszüge aus den Tagebüchern der Verstorbenen eingebettet. Außergewöhnlich wird das allerdings durch die Tatsache, dass es sich dabei größtenteils um die Aufzeichnungen eines Kindes handelt.

Maria Elisabeth Gräfin von Stolberg-Wernigerode war die Tochter Erdmanns II. Graf von Promnitz, der in enger Verbindung zu Zinzendorf und den Herrnhuter Brüdern stand.[1] Entsprechend war ihre Prägung streng pietistisch: In ihrem Lebenslauf wird vermerkt, dass sie in ihrem Tagebuch eine Tanzveranstaltung, die sie an einem fremden Orte von weiten beobachtete, als eine Thorheit bezeichnete, bei der auf eine recht satanische Art getobet wurde, und dass sie bis dahin nie tanzen gesehen habe.

Eben diese vermutlich vom Verfasser der beiden abgedruckten Predigten, dem ebenfalls pietistischen Hofprediger in Wernigerode, Samuel Lau,[2] etwas weitläuftiger als beim Verlesen nach der Predigt eingefügten Auszüge aus den geistlichen Aufzeichnungen der Verstorbenen sind das Besondere des Lebenslaufes. Denn schon vom 7. Jahr Ihres Alters an führte Maria Elisabeth Tagebücher, in denen sie peinlichst genau vermerkte, was ihr der HErr Gutes gethan und worin sie es versehen und gefehlet hatte. Ein Beispiel aus dem 9. Jahr ihres Alters: Den 4. Aug. gab mir GOTT Gnade, daß ich an ihn gedachte, und als man mit mir spielen wolte, half mir der liebe Heiland, daß ich überwand durch seine Gnade. Immer wieder schrieb sie, ganz im Sinne des pietistischen Ideals der täglichen Selbstkontrolle, wie sie sündigte, indem sie sich zerstreuete, und wie sie vor Gott darüber weinte. Mit elf Jahren notierte sie: Den 4. Jan. entschloß ich mich aufs neue, dem lieben Heiland treu zu werden, und erzehlete ihm recht meine Sünden, die ich den Tag gethan hatte, auch erzehlete, wie oft ich mich zerstreuet, da kam es auf 8 mal heraus.

Ein Eintrag wird zitiert, in dem die vierzehnjährige Verstorbene von einer Nacht berichtet, die sie mit ihrer Schwester und der N.N. im Gebet verbrachte, um sich das Leiden unsers Heilandes durch Gebet recht nachdrüklich vorzustellen. Damit fuhr sie auch fort, nachdem sie wieder in ihr Zimmer kam: Und ob ich zwar nicht so empfindliche Bewegung in meinem Herzen spürete: so nahm ich iedennoch wahr, daß der Heiland in mir wirkete.

In der aktuellen Forschung nimmt die Untersuchung des pietistischen Selbstverständnisses in den letzten Jahren immer mehr Raum ein - das Thema des II. Internationalen Kongresses für Pietismusforschung in den Franckeschen Stiftungen zu Halle im Sommer 2005, der unter dem Motto "Die neue Kreatur - Pietismus und Anthropologie" stand, macht diese Tendenz sehr deutlich. Hinzuweisen wäre in diesem Zusammenhang ebenso auf die Ergebnisse des 1997 zum Thema "Das Kind in Pietismus und Aufklärung" stattgefundenen Symposions.[3] Beiden Themenkomplexen können die Tagebucheinträge Maria Elisabeths von Stolberg-Wernigerode als ausdrucksstarkes Beispiel dienen. Sie bieten ein bemerkenswertes Selbstzeugnis, das nicht durch die Verklärung einer autobiographischen Überarbeitung verfälscht ist, und zeigen so das Innenleben eines pietistisch erzogenen Kindes.

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Fun. div. CIX
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Dietrich Meyer, Zinzendorf und Herrnhut, in: Martin Brecht/Klaus Deppermann (Hg.), Der Pietismus im achtzehnten Jahrhundert (Geschichte des Pietismus 2), Göttingen 1995, S. 45.

[2] Martin Brecht, Der Hallische Pietismus in der Mitte des 18. Jahrhunderts - seine Ausstrahlung und sein Niedergang, in: ders./Deppermann (Hg.), Pietismus (wie Anm. 1), S. 317-357, hier insbesondere S. 346-348.

[3] Josef N. Neumann/Udo Sträter (Hg.), Das Kind in Pietismus und Aufklärung: Beiträge des Internationalen Symposions vom 12.-15. November 1997 in den Franckeschen Stiftungen zu Halle, Tübingen 2000.

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Maria Elisabeth Gräfin von Stolberg-Wernigerode, geb. Gräfin von Promnitz (1717-1741). Da bewegte der liebe Heiland mein Herz – Ein Kind im Pietismus, in: Leben in Leichenpredigten 06/2009, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/maria-elisabeth-graefin-von-stolberg-wernigerode-geb-graefin-von-promnitz-1717-1741.html>

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