Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Maria Amelia Landgräfin von Hessen-Kassel, geb. Prinzessin von Kurland (1653-1711)

01.03.2016

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Eva Bender

[...] dass nuhr keine leich-/ Predigt nicht nichte gehalten wehrden, weill/ es nuhr schmertz mach – Bemerkungen zu nicht geschriebenen hochadligen Leichenpredigten

Maria Amelia Landgräfin von Hessen-Kassel [1/4]

Landgräfin Maria Amelia von Hessen-Kassel führte das typische Leben einer Hochadligen, die aus politischen Gründen von ihrem Vater Jakob Kettler, Herzog von Kurland, in das Haus Hessen-Kassel verheiratet worden war und die ihr dynastisch zugedachte Rolle als Mutter einer möglichst zahlreichen Prinzen- und Prinzessinnenschar voll erfüllte.[1] Nach ihrer Heirat im Jahr 1673 mit dem zu diesem Zeitpunkt noch nicht selbstständig regierenden Landgrafen Karl (1654-1730) bekam sie 15 Kinder, von denen sieben Prinzen und drei Prinzessinnen das Erwachsenenalter erlebten, der letztgeborene Prinz kam tot zur Welt. Gleich die ersten beiden Söhne, Wilhelm (1674-1676) und Karl (1675-1677), verstarben beide im Alter von gut zwei Jahren. Zwei weitere Kinder, Christian (geb. 1677) und Eleonora Antonetta Friederica (geb. 1694), wurden nicht einmal ein Jahr alt.[2] Auch wenn somit die Kindersterblichkeit durchaus ein präsentes Phänomen war, bedeutete dies nicht unbedingt, dass die Menschen in der Frühen Neuzeit mit dem Verlust eines Familienmitgliedes besser zu Recht kamen als die Menschen der heutigen Zeit.[3] Maria Amelia, die als fromme fürstliche Gattin und Landesmutter beschreiben wird,[4] sorgte sich stets um ihre Familie, wenn diese nicht bei ihr war.[5] Daher traf sie der Verlust ihrer drei im Spanischen Erbfolgekrieg gefallenen Söhne Karl (1680-1702), Leopold (1684-1704) und Ludwig (1686-1706) besonders hart.[6]

Als Prinz Karl in der Position eines Generalmajors nach einer erlittenen Verletzung bei der Belagerung von Lüttich im Alter von gerade 22 Jahren wahrscheinlich am Wundstarrkrampf in Ahrweiler verstarb,[7] korrespondierte die Landgräfin mit ihrem Gatten, der sich zur gleichen Zeit zur Betonung der Kasseler Interessen in der hessischen Festung Rheinfels aufhielt.[8] Die Briefe überliefern nicht nur die organisatorischen Details bezüglich der Überführung und der Trauerfeierlichkeiten des Prinzen, sondern es werden auch die persönlichen Gefühle und Ansichten der fürstlichen Eltern greifbar. Landgraf Karl informierte zunächst seine Gattin vom Tod ihres zweitältesten Sohnes, von dem er bei seiner Ankunft in Braubach erfahren hatte: [...] so hat doch der Höchste anders gehalten und uns beider/ seits durch den alzu frühen todesfall meines Sohn/ Carl höchlich betrübet, lebe jedoch der zuversicht, Ew. Ld./ werden sich diesen schmerzlichen Verlust nicht so sehr/ zu hertzen ziehen, sondern wie dieselbe sich in allem jeder/ Zeit so tröstlich bezeigen, so werden Ew. Ld, auch hier/ sich in den weillen [sic!] Gottes ergeben, und wie be-/ drüblich hierdurch nicht vermessen, wann dieselbe/ an ihrer Gesundheit schaden beiden selben welches den/ allerhöchste in gnaden verhüten und verlaufen wollen, dass Ew. Ld. noch lange Jahre zu meiner eintzichen confection/ erhalten werden mögen, ach aller liebste/ Miechen tuth mir doch die liebe und bedrübet euch/ nicht allzu sehr, dieses ist, waß ich von dies // mahl Ew. Ld. zu schreiben vermag.[9] Landgraf Karl wusste, wie sehr der überraschende Tod des Sohnes seine Gattin treffen würde und betont daher in einem Zusatz zu dem Brief: P.S./ Ich hätte gerne meine rückreise bey Erhaltung/ dieser traurichen nachricht angetreten umb/ Ew. Ld. in diesen ihren Bedrübnis mit einigem/ trost beyzustehen, nachdem aber die Sachen alhier so gelechen finde, dass nicht ohn wirck-/ lichen nachtheil meiner Lande und leuthe besser/ mich von hinnen begeben, so werden Ew. Ld. // auch verhoffentlich aus diesen umbständen/ vor entschuldigt halten.[10] Tatsächlich hielt das Kriegsgeschehen den Landgrafen bis Anfang Dezember 1702 am Rhein.[11]

In ihrem Brief vom 28. November 1702 antwortete Maria Amelia recht gefasst und beschäftigt sich zunächst mit Organisatorischem: [...] es hatt mir der/ von Halcke gesaget, dass die beysetzung von dem/ lieben Carl seel. baldt sein solte wenn sie nuhr/ so baldt ferdich wehr könten dan gahr kein/ duch ihr [sic!] zu bekömmen ist und dan die Noblesse/ so deme zu verschrieben wirdt in so kurzer Zeit/ sich im dem schwartz nicht mehr kleiden können, [...]; aber sie bittet ihren Mann auch um folgenden Gefallen: [...] undt muss ich auch sagen wenn Ewer Ganden so/ gnadich sein wollten dass nuhr keine leich-/ Predigt nicht nichte gehalten wehrden, weill/ es nuhr schmertz mach.[12]

Leichenpredigten erfüllten in der Frühen Neuzeit mehrere Funktionen: Bei der Beerdigung eines Verstorbenen gehalten, sollten sie neben der Verkündigung des Wortes Gottes den Hinterbliebenen Trost spenden; durch die Dokumentation des gottgefälligen Lebens und Sterbens sollte der Trauergemeinde ein Vorbild präsentiert werden.[13] Damit dies über die Beerdigung hinaus auch der Erbauung nützlich war, gaben die Hinterbliebenen, mitunter auch die Predigtverfasser selbst, die Leichenpredigten oft in Druck. Gerade im Adel wurden diese von Familienmitgliedern, Verwandten, aber auch nicht unmittelbar involvierten Personen gerne gesammelt, um über entsprechende Hauslektüre zu verfügen bzw. mit dem konkreten Ziel, repräsentative Schriften zu besitzen. Insbesondere der Hochadel produzierte im Lauf der Zeit eine ansehnliche Anzahl von prunkvollen Funeralschriften, die oft mit Kupferstichen versehen waren und aufwändige Einbände besaßen; nicht selten wurden sie im Folioformat aufgelegt. Insbesondere diese aufwändigen Drucke wurden von den Nachfahren der Verstorbenen zunächst zur Pflege der dynastischen Memoria in Auftrag gegeben, aber auch für politisch motivierte Botschaften instrumentalisiert.[14]

So verwundert es gerade im Fall des Landgrafen Karl, der seinen Ranganspruch mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln medial formulierte, dass das Instrument der Leichenpredigt von ihm nicht genutzt wurde. Zu keinem seiner Kinder existieren vom Hof in Auftrag gegebene Funeralschriften, die insbesondere im Fall der im Krieg gefallenen Söhne zudem für die Konstruktion eines Kasseler Heldentums hätten genutzt werden können. Lediglich die Ausschreibungen der offiziellen Landestrauer sind in allen Todesfällen erhalten.[15] Hingegen nutzte der stark trauernde Landgraf Karl wiederum alle politischen Medien nach dem Tod seiner Gattin im Jahr 1711, indem er nicht nur einen besonders aufwändigen Trauerzug veranstalten ließ, sondern auch den Druck einer Leichenpredigt - Zu dero unsterblichen Nachruhm[16] - und sogar das Schlagen mehrerer Gedenkmedaillen veranlasste.[17] Das Funeralwerk für Maria Amelia entspricht dabei den zu erwartenden Standards, die von einer fürstlichen Dynastie in dieser Schriftgattung genutzt wurden. Im Großquartformat werden auf insgesamt 540 Seiten 13 Leichenpredigten aus den wichtigsten Orten der Landgrafschaft, ein Lebenslauf, die Beschreibung des Trauerkonduktes und sechs zum Teil lateinische Epicedien präsentiert. Dabei kommt neben dem Personalia-Teil vor allem der Beschreibung des Trauerzuges legitimierende Bedeutung für die herrschende Dynastie gegenüber dem Territorialadel zur Festigung des gesellschaftlichen Gefüges zu.[18] Im Fall seiner verstorbenen Gattin nutzte der Landgraf das Medium der Funeralschrift auf die für ihn dienliche Weise zur Kommunikation seiner innerterritorialen Botschaft. Da mit Maria Amelia aber "nur" die Gattin des regierenden Fürsten verstarb, der Regent also verantwortlich für die Anfertigung der Trauerpublikation war, und Landgraf Karl sich in einer politischen Situation befand, in der er keinem dynastisch basierten Legitimationszwang unterlag, konnte er etwa auf aufwändige und teure Kupferstiche verzichten.

So scheint es aber gerade der oben angeführte Briefwechsel zu sein, der den Ausschlag für den Verzicht auf eine gesprochene wie gedruckte Leichenpredigt für eines der Kinder gab. Es handelt sich somit um den Nachweis des gegenseitigen Respekts, wenn nicht sogar der innigen Zuneigung der landgräflichen Ehepartner und Eltern, indem Landgraf Karl dem Wunsch seiner Frau nachkam. Dieser Wunsch wirkte sogar über ihren Tod hinaus - auch für die 1722 verstorbenen Tochter Wilhelmine Charlotte (1695-1722) wurde ebenfalls keine Leichenpredigt verfasst.[19]

Fürstliche Memoria war in hohem Maß von den überlebenden Verwandten abhängig, meist von den in der Regentschaft folgenden Söhnen. Am Beispiel der Familie von Landgraf Karl von Hessen-Kassel zeigt sich, dass das dynastische Interesse an einem über das Medium der Leichenpredigt politisch kommunizierten Ranganspruch hinter den familiären Empfindungen und gegenseitigem Respekt offensichtlich zurückzustehen vermochte. Im beginnenden 18. Jahrhundert konnten somit so vage Kategorien wie Mitgefühl, Liebe und gegenseitiger Respekt derart wirkmächtig werden,[20] dass sie für einen in die oberste Stufe der Adelshierarchie strebenden Reichsfürsten wie Landgraf Karl handlungsleitend wurden. Schließlich verweist aber ein Fehlen von besonders aufwändigen vom Kasseler Hof unter Landgraf Karl in Auftrag gegebenen Funeralschriften auch auf die anlasskonnotierten prunkvollen Funeralschriften, die offensichtlich nur im Moment territorialer Unsicherheit als Medium der Politik instrumentalisiert wurden, während die innerdynastische, aber auch innerterritoriale Position des Landgrafen als Landessouverän so gefestigt war, dass er dessen nicht bedurfte.

 

Dr. EVA BENDER ist Historikerin in Marburg mit den Forschungsschwerpunkten Bildungs- und Prinzenreisen, adlige Memoria sowie höfische und politische Kommunikation in der Frühen Neuzeit.

 

Bestand: Hessisches Staatsarchiv Marburg
Signatur: 4a 59, 13; 4a 60, 19; 4a 60, 21

 

Anmerkungen:

[1] Maria Amelia ist der offizielle Name der Landgräfin. Sie selbst unterzeichnete ihre Briefe immer mit Marie Amelie. Ihr Gatte, Landgraf Karl, nannte sie "Miechen". Vgl. Hessisches Staatsarchiv Marburg (im Folgenden StAM), 4a 60, 19, Briefe des Landgrafen Karl an seine Gattin, z.B. Brief, datiert Braubach, 16. November 1702; StAM, 4a 60, 21, Briefe der Landgräfin Maria Amelia an Landgraf Karl; vgl. ebenso Christ-Fürstliches Trauer- und Ehrengedächtnis der [...] Maria Amelia, Landgräfin zu Hessen, Kassel 1711, Titelblatt, hier wird wieder der offizielle Name "Maria Amelia" verwendet; benutzt wurde die Ausgabe in der Universitätsbibliothek Marburg (im Folgenden UB Marburg), VIII A 275.

[2] StAM, 4a 59, 13, Liste der Lebensdaten der Kinder. Auf dieser Liste, die ca. 1695 datiert wird, fehlt der letzt- und totgeborene Prinz. Dazu Hans Philippi, Landgraf Karl. Ein deutscher Fürst der Barockzeit (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 34), Marburg 1976, S. 568f.

[3] Dazu Marion Kobelt-Groch, Das eigene Kind zu Grabe tragen. Väter und Mütter als Mitgestalter von Leichenpredigten, in: Eva-Maria Dickhaut (Hg.), Leichenpredigten als Medien der Erinnerungskultur im europäischen Kontext. Neue Ergebnisse und Perspektiven (Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften 5), Mainz 2014, S. 127-145.

[4] Philippi, Landgraf Karl (wie Anm. 2), S. 565f.

[5] So z.B. während Landgraf Karl in den Jahren 1699/1700 in Italien war. Vgl. Irmtraud Baier, "Ohnvergleichliches Italien". Italienreise, Italienbild und Italienrezeption um 1700 am Beispiel des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel (Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde 53), Kassel 2010, S. 121ff.

[6] Zu den Kasseler Prinzen siehe Holger Th. Gräf, Karl Landgraf von Hessen-Kassel, in: Eckhardt G. Franz (Hg.), Haus Hessen. Biographisches Lexikon (Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission, N.F. 34), Darmstadt 2012, S. 120; Ders., Leopold Landgraf von Hessen-Kassel, in: ebd., S. 123; Ders., Ludwig Landgraf von Hessen-Kassel, in: ebd., S. 123f.

[7] Ders., Karl Landgraf von Hessen-Kassel (wie Anm. 6), S. 120.

[8] Philippi, Landgraf Karl (wie Anm. 2), S. 311.

[9] StAM, 4a 60, 19, Brief Landgraf Karls an Maria Amelia, datiert Braubach, 16. November 1702.

[10] Ebd.

[11] Philippi, Landgraf Karl (wie Anm. 2), S. 312.

[12] StAM, 4a 60, 21, Brief Landgräfin Maria Amelias an Landgraf Karl, datiert Kassel, 28. November 1702.

[13] Eva-Maria Dickhaut, Einführung, in: Dies. (Hg.), Leichenpredigten als Medien der Erinnerungskultur (wie Anm. 3), S. IX-XIV, IX.

[14] Eva Bender, Die wohlverdiente Ehren-Seule für Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha und Altenburg als Medium höfischer Kommunikation, in: Daphnis 42 (2013), H. 2, S. 541-569; Dominik Motz, Memoria im Duodezformat. Funeraldrucke als Medien dynastischer Erinnerung im Haus Waldeck und Pyrmont, in: Dickhaut (Hg.), Leichenpredigten als Medien der Erinnerungskultur (wie Anm. 3), S. 71-92; Claudius Sittig, Kulturelle Konkurrenzen. Studien zu Semiotik und Ästhetik adeligen Wetteifers um 1600 (Frühe Neuzeit 151), Berlin/New York 2010; S. 91-136.

[15] Diese sind vorhanden in der UB Marburg, VIII A 234 - 3 - Personalia Hessen-Casselischer Fürsten: 16 c für Karl, datiert 19. November 1702; 17 für Leopold, datiert 16. September 1704; und 18 für Ludwig, datiert 3. Juni 1706.

[16] Trauer- und Ehrengedächtnis (wie Anm. 1), Titelblatt; benutzt wurde die Ausgabe in der UB Marburg, VIII A 275.

[17] Dazu Philippi, Landgraf Karl (wie Anm. 2), S. 568.

[18] Bender, Ehren-Seule (wie Anm. 14), S. 558f.; Maja Schmidt, Tod und Herrschaft. Fürstliches Funeralwesen der Frühen Neuzeit in Thüringen. Ausstellungskatalog und Katalog der Leichenzüge der Forschungsbibliothek Gotha (Veröffentlichungen der Forschungsbibliothek Gotha 40), Gotha 2002, S. 40-46.

[19] Dazu Eva Bender, Wilhelmine Charlotte Landgräfin von Hessen-Kassel (1695-1722). Eine fast vergessene Prinzessin, in: Leben in Leichenpredigten 01/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/wilhelmine-charlotte-landgraefin-von-hessen-kassel-1695-1722.html (Zugriff: 08.02.2016).

[20] Die Autorin bereitet ein Projekt zur Binnenstruktur der Familie Landgraf Karls von Hessen-Kassel vor, in der die wechselseitigen Beziehungen innerhalb der Kernfamilie berücksichtigt werden.

 

Zitierweise: Eva Bender, Maria Amelia Landgräfin von Hessen-Kassel, geb. Prinzessin von Kurland (1653-1711). [...] dass nuhr keine leich-/ Predigt nicht nichte gehalten wehrden, weill/ es nuhr schmertz mach – Bemerkungen zu nicht geschriebenen hochadligen Leichenpredigten, in: Leben in Leichenpredigten 03/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/maria-amelia-landgraefin-von-hessen-kassel-geb-prinzessin-von-kurland-1653-1711.html>

Artikel nach...

...Monaten