Margaretha Hoechinger, geb. Keller (1661-1732) • Vincentz Hoechinger (1665-1732) • Hans Ulrich Roschach (1710-1732) u.a.
01.01.2014
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Ich geh zu Grund/ ich muß ersauffen – Schiffskatastrophe auf dem Bodensee Anno 1732
Exvoto für die Rettung aus Seenot [1/2]
Zur über 2.000 Jahre alten Schifffahrtsgeschichte des Bodensees gehören Schiffsunglücke, die mehr oder weniger tragisch verliefen.[1] Sie zeigten im Rahmen der vielfältigen und erfolgreichen Nutzung dieses Binnengewässers als Transportweg für Personen und Waren Grenzen auf, die verdeutlichten, dass nicht alles kalkulierbar ist. Befördert wurde per Schiff so gut wie alles, angefangen bei Wallfahrern und klösterlichen Weinfässern über Salz und Getreide, Holz und Vieh bis hin zum Leichnam des hl. Otmar (gest. 759), Abt von St. Gallen, der von der Insel Werd bei Stein am Rhein nach St. Gallen überführt wurde.[2] Nicht nur illustre Gestalten, wie Kaiser Maximilian I., Erasmus von Rotterdam, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Hölderlin, haben sich auf dem Bodensee fortbewegt, generell war das Schiff für Personen lange Zeit "das schnellste, auch sicherste, billigste und zudem angenehmste Fortbewegungsmittel. Sowohl im Nahverkehr als auch im Fernverkehr hatte es seinen hervorragenden Platz"[3]. Wer oder was auch immer transportiert wurde, die Gefahr, dass das Schiff sank, war allgegenwärtig. Hierfür war nicht nur das Wetter verantwortlich, auch übermäßiger Alkoholkonsum, leichtfertiges Überladen oder eine Mischung aus mehreren Faktoren konnten zum Verhängnis werden.
Zu jenen Katastrophen auf dem Bodensee gehört der Schiffbruch vom 11. Mai 1732, der bis heute im Erzählgut weiterlebt.[4] Von den 41 Personen, die gerade von einem Gottesdienst in Arbon nach Horn (beide Gemeinden liegen im Kanton Thurgau, Schweiz) zurückkehren wollten, ertranken 27. In der "Geschichte der Gemeinde Horn" wird erwähnt, dass das Segelschiff vielleicht überladen gewesen sei, als es gegen 11 Uhr in der Höhe von Steinach (Kanton St. Gallen) von einer Bö erfasst und umgeworfen wurde. Sachlich und emotionslos, so werden die entscheidenden Momente des Untergangs festgehalten.[5] Pfarrer Johann Caspar Reynacher, der die Leichenpredigt auf die ertrunkenen Männer, Frauen und Kinder hielt und sie später in den Druck gab, fand für den tragischen Vorfall anschaulichere Worte. Er spricht von einer starcken Winds-Braut[6], die die Personen ergriffen habe und in das Wasser stürzen ließ. An anderer Stelle gesellt sich zur Winds-Braut noch ein Wirbel-Wind hinzu, der den aufgespanten Seegel ergriffen, und das Schiff umgestürtzt habe. Als Reynacher in Begleitung angeblich tausender Menschen die Opfer zu Grabe trug, waren noch nicht alle 27 Ertrunkenen geborgen, zwei Leichen wurden weiterhin vermisst.
Nun gab es zwar Überlebende, darunter eine Schwangere, die sechs Tage nach dem Unglück einen Sohn zur Welt brachte, dennoch bedurfte es einschlägiger Argumente und biblischer Verweise, um Gottes Willen verständlich und akzeptabel zu machen. Reynacher macht keinen Hehl daraus, dass die Katastrophe ihn selbst sehr angegriffen habe: O betrübte Pfarr-Kinder von Horn! Euch gehet an das Wort des Trosts, wie soll ich aber euch in diser Trübsaal trösten, da diser Traur-fahl mir so tief zu Hertzen schneidt, daß ich selbst eines Trösters bedarf? Der Umgang mit dem schrecklichen Ereignis gestaltete sich vor allem deshalb schwierig, weil die Ertrunkenen sich gerade auf der Heimreise von einem Gottesdienst befanden. Horn besaß damals keine eigene Kirche, vielmehr nutzten die Einwohner gemeinsam mit den Katholiken jene in Arbon. Hier waren also nicht "böse Buben" oder alte kranke Menschen gestorben, sondern zumindest allem Anschein nach gläubige Christen, die ihre Gesinnung durch den Kirchbesuch gerade demonstrativ zur Schau gestellt hatten. Pfarrer Reynacher ist sehr darum bemüht, gerade diesen Faktor des Kirchbesuchs mit in seine Argumentation einzubeziehen, die darauf hinausläuft, dass die Ertrunkenen allesamt den Tod der Gerechten gestorben sind. Der Tod kam nicht unverhofft, vielmehr seien alle Ertrunkenen gut auf ihn vorbereitet gewesen. Wie manch anderem Kollegen geht es Reynacher vorrangig um die "Sicherung des guten Rufes bei einem verdächtigen Todesfall"[7], der durch drei Faktoren garantiert wird. Zunächst einmal wird betont, alle Ertrunkenen hätten ein gutes Zeugnuß gehabt eines frommen Wandels. Um diesen wichtigen Punkt nicht zu einer oberflächlichen Behauptung verkommen zu lassen, findet Pfarrer Reynacher in den "Personalia" für fast jeden Ertrunkenen angemessene, wenn auch gelegentlich floskelhaft anmutende Worte. So heißt es beispielsweise über Vincentz Hoechinger und seine Frau Magdalena, geb. Zengerli, die beiden erstgenannten Opfer im Personalteil, dass sie einen frommen Wandel geführt hätten. Als aufrichtig und fromm wird Ulrich Roschach, Metzgermeister und Ältester der Gemeinde Horn beschrieben, einem anderen Paar wiederum wird bescheinigt, dass es in der forcht GOttes gelebt habe. Margaretha Hoechinger, geb. Keller, wird zugestanden, fleißig in der Arbeit und besuchung des Gottes-dienst gewesen zu sein. Zum gläubigen, frommen und vorbildlich wandelnden Menschen gehörte ein christliches Arbeitsethos. Natürlich gab es auch Problemfälle, die jedoch im klassischen Leichenpredigt-Duktus vom Pfarrer allenfalls angedeutet werden. In diesem Sinne wird dem 22-jährigen Hans Ulrich Roschach bescheinigt, dass er sich auf dem Wege der Besserung befunden habe: besserte sich in seinem Wandel je mehr und mehr.
Neben dem frommen Leben in allen seinen Facetten erscheint es Reynacher wichtig, darauf zu verweisen, dass die Ertrunkenen durch den erfolgten Kirchgang auf ihr seliges Ende vorbereitet gewesen seien, womit die letzten Zweifel am makellosen Sterben beseitigt werden. Schenkt man den Worten des Pfarrers Glauben, so verlängerte sich der Gottesdienst bis zum seligen Ende der 27 Horner. Singend und betend habe man das Schiff bestiegen und sich bis zuletzt mit dem in der Kirche gehörten Text und seiner Auslegung beschäftigt, was dadurch belegt werde, dass man dann ihre Testamenter in denen, sie den Text nachgeschlagen, im Wasser offen gefunden hat. Hierzu passen die Gesten der letzten Minuten und Sekunden, in denen die Ertrinkenden ihre Herzen und Hände gen Himmel gerichtet hätten.
Letztlich unterschied sich das fromme Ende der Ertrunkenen kaum vom Tod all jener, die im Welt-Meer vil Noth und Gefahr außstehen/ wie oft müssen Glaübige in harten Stürmmen zu GOtt schreyen/ HERR hilf uns/ wir verderben; Matt.8.V.25. Da hört man manches Kind Gottes seufzen.
HErr hilff mir/ O ich sincke nider /
Ich sinck in tieffen Wasser Schlamm /
Es kommen hohe Wällen wider/
Streck aus dein Hand O Gottes Lamm /
Ich geh zu Grund / ich muß ersauffen/
Herr hilf mir / ich kann nicht entlauffen.
In allen Nöten auf Gott vertrauen, diese der Leichenpredigt innewohnende Botschaft unterscheidet das hier untersuchte, zeitlich späte Exemplar einer gedruckten Leichenpredigt kaum von vielen anderen. Auch die Tatsache, dass der Pfarrer die Schifffahrt auf dem Meer und anderen Wassern keineswegs angreift, sondern als Wohltat Gottes preist, verwundert angesichts jener Fülle von Vorteilen, die die Seefahrt mit sich bringe, nicht. Selbst der Sturm, der die See-fahrenden oft in so grosse Noth und Gefahr kommen lasse, habe seine Berechtigung. Durch ihn zeige sich Gottes uneingeschränkte Gewalt, seine Herrschaft über Meer und Wasser.
Wenn es etwas gibt, was diese Leichenpredigt von vielen anderen unterscheidet, so ist es der äußerst freundliche Umgang mit Andersgläubigen, in diesem Fall den Steinacher Katholiken, die etliche Schiffbrüchige aus dem Wasser gerettet und versorgt hatten. Reynacher spricht den freundlichen und lieben catholischen Nachbaren von Steinach seinen ausführlichen Dank aus: Ihr O meine Freunde seit den Schiffbrüchigen gewesen/ was der barmhertzige Samariter dem halbtodten Menschen zu Jericho/ Ihr seit die Nothleidenden nicht fürbey gegangen/ sondern seit zur Hilff geeilet. Derart moderate Töne werden im Umgang mit Andersgläubigen in gedruckten lutherischen Leichenpredigten selten angeschlagen. Gemeinhin mangelt es den Verfassern an religiöser Toleranz. Angeprangert werden nicht nur Heiden, Wiedertäufer und Calvinisten, sondern auch die so genannten Papisten.[8] Dass die Katholiken in diesem Fall so positiv dargestellt werden, hängt nicht nur mit der Rettungsaktion, sondern auch mit konfessionellen Entwicklungen zusammen. Das "Dießenhofer Traktat" von 1713 hatte "den reformierten Arbonern und Hornern eine vernünftige Parität und - nach fast zwei hundert Jahren der bloßen Duldung - das verbriefte Recht, in der St. Martinskirche [Arbon] Gottesdienst halten zu dürfen"[9], zugesichert. Abgesehen von diesem in der Leichenpredigt demonstrativ zur Schau gestellten guten Einvernehmen mit den Katholiken sei noch erwähnt, dass die Horner die Schiffskatastrophe zum Anlass nahmen, um nunmehr auf eine eigene Kirche zu sparen und einen entsprechenden Baufonds anzulegen.[10]
PD Dr. MARION KOBELT-GROCH ist Privatdozentin am Historischen Seminar der Universität Hamburg.
Bestand: Stolberger Leichenpredigten-Sammlung (als Depositum in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)
Signatur: Slg. Stolberg LP 3361-87
Enthalten in: Katalog der fürstlich Stolberg-Stolberg'schen Leichenpredigten-Sammlung, Bd. II, Leipzig 1928, Bd. III, Leipzig 1930
Anmerkungen:
[1] Karl Heinz Burmeister, Vom Lastschiff zum Lustschiff. Zur Geschichte der Schiffahrt auf dem Bodensee (Die weiße Bibliothek), Konstanz 1992, S. 129-139 (Kapitel: Schiffsunglücke); Ders., Schiffsunglücke auf dem Bodensee, in: Montfort 53 (2001), S. 153-166.
[2] Alfons Zettler, Heilige, Mönche und Laien unterwegs. Bilder und Texte zur Schifffahrt auf dem Bodensee im frühen Mittelalter, in: Einbaum, Lastensegler, Dampfschiff. Frühe Schifffahrt in Südwestdeutschland (ALManach 5/6), hg. vom Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, zusammengestellt von Ralph Röber, Stuttgart 2000, S. 109-120, hier S. 112f.; siehe auch Karl Heinz Burmeister, Die Waren der Lastschifffahrt auf Bodensee und Hochrhein, in: ebd., S. 147-158.
[3] Ders., Vom Lastschiff zum Lustschiff (wie Anm. 1), S. 76.
[4] Auskunft von Herrn Tibor Elekes, Pfarrer in Horn. Eine Gedenktafel existiert nach seinen Angaben nicht; die hier besprochene Leichenpredigt ist bislang nicht bekannt gewesen.
[5] Richard Grünberger, Geschichte der Gemeinde Horn, St. Gallen 1953, S. 60.
[6] Johann Caspar Reynacher, Die oft sich begebende Noth und Gefahr der Seefahrenden, [...] In einer christlichen Leich-Predigt vorgestellt [...], St. Gallen 1732. Alle folgenden, entsprechend gekennzeichneten Zitate stammen aus dieser Leichenpredigt.
[7] Rudolf Mohr, Der unverhoffte Tod. Theologie- und kulturgeschichtliche Untersuchungen zu außergewöhnlichen Todesfällen in Leichenpredigten (Marburger Personalschriften-Forschungen 5), Marburg 1982, S. 59.
[8] Marion Kobelt-Groch, Papisten, Calvinisten, Wiedertäufer und ein Aufrührer wie Thomas Müntzer. Feindbilder in gedruckten lutherischen Leichenpredigten des 16. bis 18. Jahrhunderts, in: Hartmut Kühne u.a. (Hg.), Thomas Müntzer. Zeitgenossen. Nachwelt. Siegfried Bräuer zum 80. Geburtstag (Veröffentlichungen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft e.V. 14), Mühlhausen 2010, S. 227-243.
[9] Grüneberger, Geschichte der Gemeinde Horn (wie Anm. 5), S. 58.
[10] Vgl. die Ausführungen von P[aul] Ruthishauser, Wie die Horner zu ihrer Kirche kamen ..., URL: http://www.evang-horn.ch/index.php?option=com_content&view=article&id=25&Itemid=2 (Zugriff: 04.11.2013).
Zitierweise: Marion Kobelt-Groch, Ich geh zu Grund/ ich muß ersauffen – Schiffskatastrophe auf dem Bodensee Anno 1732, in: Leben in Leichenpredigten 01/2014, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/margaretha-hoechinger-geb-keller-1661-1732-vincentz-hoechinger-1665-1732-hans-ulrich-r.html>

