Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Ludwig II. von Polheim (1529-1608)

01.07.2012

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Dietmar Friesenegger

Justorum animae in manu dei sunt – Eine lateinische Motette als künstlerischer Ausdruck der lutherischen Rechtfertigungslehre

Motette zum Begräbnis Ludwig II. von Polheim [1/3]

Nicht die lebendige Schilderung der Todesursache, nicht die rhetorischen Kunstgriffe in der dialektischen Predigt und nicht die ausdrucksstarke, bildhafte Sprache lassen die gedruckte Leichenpredigt des Welser Stadtpredigers Johann Jacob Ulsheimer für den oberösterreichischen Adeligen Ludwig II. von Polheim als ein außergewöhnliches Dokument erscheinen. Es ist die Musikbeigabe, die der Predigt Gewicht verleiht, sowohl aufgrund ihrer besonderen künstlerischen Qualität als auch wegen ihrer komplexen Situierung in ihrem spezifischen bi-konfessionellen österreichischen Kontext. Dass sich der Komponist der Motette bisher noch nicht eruieren ließ, verweist auf den wenig fortgeschrittenen Forschungsstand zur Musik im österreichischen Protestantismus.[1]

Ludwig II. von Polheim entstammte einer renommierten österreichischen Adelsfamilie, die durch zwei scheinbar gegensätzliche Betätigungen in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Einerseits standen die Polheimer dem österreichischen Herrscherhaus nahe, andererseits spielten sie eine wesentliche Rolle in der Entfaltung des österreichischen Protestantismus. Die Intensität der Beziehung zu den Habsburgern lässt sich am eindrucksvollsten durch eine Kuriosität illustrieren: Bei seiner Hochzeit mit Anna von Bretagne im Jahr 1490 ließ sich Kaiser Maximilian I. durch Wolfgang von Polheim vertreten, wobei letzter sogar im Bett für den Habsburger substituieren musste – wenn auch in voller Rüstung in einem lediglich symbolischen Akt. Dass sich die Familie in der Generation nach Wolfgang dem Protestantismus verschrieb und dem neuen – oder erneuerten – Glauben auch in turbulenten Zeiten treu blieb, sorgte zunächst nur für leichte Irritationen in der Beziehung zum Haus Habsburg: Noch bis ins 17. Jahrhundert blieben die Bande eng, wie sich aus der Tatsache, dass noch Ludwigs Sohn Gundakar (1575–1644) drei Kaisern als Berater diente, ablesen lässt.[2]

Über Ludwigs Leben ist wenig bekannt und die spärlichen Informationen, die diverse Lexika und Adelsgenealogien überliefern, scheinen sich in beträchtlichem Maße aus den beiden erhaltenen Leichenpredigten zu speisen. Drei Ehen und acht das Säuglingsalter überlebende Kinder dürften ihm ein abwechslungsreiches Privatleben beschert haben. Ludwigs militärische Laufbahn erreichte bereits 1566 ihren Höhepunkt, als er an der Seite des Kaisers Maximilian II. gegen die Türken kämpfte (die Jahresangabe, wenn korrekt, deutet jedoch nicht auf eine Involvierung in größere Kampfhandlungen hin). Die Tatsache, dass ein protestantischer Adeliger an der Seite seines katholischen Herrschers die osmanische Bedrohung abzuwehren sucht, ist dabei keinesfalls ungewöhnlich, da Maximilian II. in seiner Rolle als Herrscher der habsburgischen Erblande noch kein abschließendes Urteil in Religionsfragen gefällt hatte (die Auslegung sowie die Umsetzung der Beschlüsse des Augsburger Religionsfriedens auf österreichischem Gebiet blieb noch lange strittig) und da er in Kriegszeiten jedenfalls zu einer gewissen Pragmatik gezwungen war.

Eine Eintracht der christlichen Bekenntnisse lässt sich lediglich an der Front, im Abwehrkampf gegen die „Ungläubigen“, konstatieren; im Hinterland dagegen wurden zahlreiche konfessionelle Auseinandersetzungen ausgetragen – auch auf künstlerischer Ebene. Im ausgehenden 17. Jahrhundert entstand an der Fassade von Schloss Parz bei Grieskirchen, dem Besitz von Ludwigs Bruder Sigmund, ein monumentaler Freskenzyklus, der biblische Szenen und klassische Mythologie mit einer Darstellung der aktuellen Ereignisse verband. Diese Fresken zeigen kämpfende Protestanten, Katholiken und Türken – in codierter Darstellung als von Moses geführte Israeliten und als Ägypter. Die Fronten unterscheiden sich jedoch gravierend von Ludwigs Türkenkrieg: Im in den Fluten ertrinkenden ägyptischen Heer lässt sich ein Krieger mit Turban ausmachen und der Pharao trägt die päpstliche Tiara auf seinem Haupt. Katholiken und Türken versinken also gemeinsam in dieser einen Wunsch zum Ausdruck bringenden Symbolik.

Die Rivalität zum Katholizismus lässt sich auch anhand des Aufwands der Begräbnisfeierlichkeiten für Ludwig zeigen. Wie sich aus den beiden Predigtdrucken, die durch eine fortlaufende Nummerierung verbunden sind (jedoch getrennt überliefert wurden), ablesen lässt, fand je eine Zeremonie in den beiden Welser Schlössern des Verstorbenen statt.[3] Jeweils sechsunddreißig männliche und weibliche Adelige, mehrere aus den bedeutenden Geschlechtern Khevenhüller, Jörger, Starhemberg, Dietrichstein und Herberstein, sowie zwei Pferde (von denen eines explizit als Klagross ausgewiesen ist) folgten dem von zwölf Männern getragenen Sarg. Die doppelte Datierung von Ulsheimers Predigt dagegen verweist nicht auf die zeitliche Ausdehnung der Feierlichkeiten, sondern auf die beiden damals koexistierenden Kalender. Selbst in protestantischen Kreisen konnte keine Einigkeit erzielt werden, ob der Gregorianische Kalender aufgrund seines päpstlichen Ursprungs abgelehnt oder als kaiserlicher Erlass anerkannt werden sollte – die Lösung, beide Daten zu drucken kann wohl als Ausdruck der Pragmatik der Polheimer gewertet werden.

Ulsheimers Predigt dagegen fühlt sich keiner Pragmatik im Umgang mit dem Katholizismus verpflichtet, im Gegenteil, der Theologe versucht zu belegen, dass die Mittel zu einem Verständnis des Todes und der Weg in den Himmel nur in Luthers Lehre zu finden sind. In einer komplexen theologischen Argumentation verweist Ulsheimer auf den festen Glauben des Verstorbenen und erklärt den Trauernden, dass dieser Glaube die Voraussetzung für die Zuteilwerdung von Gottes Gnade wäre.

Nach der Predigt leiten einige lateinische Verse zum künstlerischen Höhepunkt der Trauerfeier über: Auf sechs Seiten des Predigtdrucks befindet sich eine fünfstimmige lateinische Motette. Neben der kompositorischen Qualität liegt die Faszination dieses Werks der Spätrenaissance in der Tatsache, dass es vorderhand nicht in seinen Kontext zu passen scheint, da weder Stil noch Sprache noch Textquelle des Werks als typisch protestantisch gelten können. Die häufigsten Musikbeigaben zu Leichenpredigten der Zeit sind vier- oder fünfstimmige homophone Choräle – die komplexe Vokalpolyphonie des vorliegenden Beispiels dürfte in diesem Kontext eine Ausnahme darstellen, kann dagegen als stiltypisch für katholische Musik der Renaissance gelten. Der Gebrauch des Lateinischen im Gottesdienst dagegen war in einem städtischen und gebildeten Umfeld des frühen 17. Jahrhunderts als Alternative zur Landessprache durchaus üblich; eine lateinische Motette quasi als Zusammenfassung und Antwort auf eine deutsche Predigt scheint allerdings weniger naheliegend. Die Textquelle, das „Buch der Weisheit“, war zwar auch im Protestantismus im Gebrauch, ist aber nicht Teil der lutherischen, sondern nur der katholischen Bibel.

Der Text (Justorum animae/ in manu dei sunt [...] Et non tanget illos tormentum mortis – Die Seelen der Gerechten/ sind in Gottes Hand/ und die Qualen des Todes sollen sie nicht anrühren) hingegen kann, insbesondere nach der Vorbereitung durch Ulsheimers Predigt, als poetisches Äquivalent zur lutherischen Rechtfertigungslehre verstanden werden. Die Gerechten sind – aufgrund ihres Glaubens – in Gottes Hand; sie benötigen keinen Ablassbrief, da sie von keinen Qualen (ein Verweis auf das Purgatorium) betroffen sind. Eine zentrale These des Protestantismus wird somit in einem nicht explizit protestantischen, sondern sogar tendenziell katholischen Gewand präsentiert – und in der Sprache, die sowohl von Protestanten als auch Katholiken im Gottesdienst verwendet wurde, dem Lateinischen. Die Notwendigkeit, die Trauernden an die Überlegenheit der lutherischen Lehre zu erinnern, zeigt sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass nur wenige Jahre später ein Teil der Anwesenden zum Katholizismus (re-)konvertierte; der Protestantismus, zeitweise die Religion der überwältigenden Mehrheit des österreichischen Adels, wurde für Jahrhunderte ins Abseits gedrängt.

 

DIETMAR FRIESENEGGER ist Graduate Student im Fach Musicology des Department of Music der Cornell University in Ithaca, New York (USA).

 

Bestand: Universitätsbibliothek Gießen
Signatur: W50700 (3+4)
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigen und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Gießen (Marburger Personalschriften-Forschung 7), 2 Bde., Marburg/Lahn 1985

 

Anmerkungen:

[1] Der Musikwissenschafter Hans Joachim Moser bezeichnete das Fachgebiet als „Pompei der deutschen Musikgeschichte“. Vgl. Joachim Moser, Die Musik im frühevangelischen Österreich, Kassel 1954, S. 5.

[2] Johann Heinrich Zedler (Hg.), Grosses vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 28, Leipzig/Halle (Saale) 1741 (ND Graz 1961), Sp. 1472.

[3] Die zweite Predigt für Ludwig wurde vom Grieskirchener Diakon Jacob Zeickler verfasst und ebenfalls bei Matthäus Müller in Regensburg verlegt.

 

Zitierweise: Dietmar Friesenegger, Ludwig II. von Polheim (1529-1608). Justorum animae in manu dei sunt – Eine lateinische Motette als künstlerischer Ausdruck der lutherischen Rechtfertigungslehre, in: Leben in Leichenpredigten 07/2012, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/ludwig-ii-von-polheim-1529-1608.html>

 

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