Josua Schwartz (1632-1709)
01.02.2013
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Der "gerechte Krieg" in Leichenpredigten
Schlacht bei Lund (Schweden) 1676 [1/2]
Obwohl Kriege die Darstellungen von Leben (und Tod) in den Leichenpredigten des 17. Jahrhunderts intensiv beeinflussten und die verheerende Folgen eingehend kommentiert wurden, wird der "gerechte Krieg" nur selten zum Thema einer derartigen Trauerschrift.[1] In Leichenpredigten auf Bürgerliche liegt die Betonung auf dem empfundenen Kummer der Angehörigen und der Notwendigkeit zur Buße, damit Gott in seinem Erbarmen der Bevölkerung Frieden schenkt.[2] Leichenpredigten auf Adlige, gerade auf die im Krieg Gefallenen, würdigen hingegen insbesondere die Heldenhaftigkeit der Verstorbenen und heben hervor, wie diese dadurch Land und Einwohner beschützt hatten. Damit verbunden erfolgen seitens der Prediger Anweisungen, wie die Kämpfenden sich als Christen im Krieg verhalten sollen.[3] Eine der wenigen Leichenpredigten, die sich ausgiebig mit dem Thema des gerechten Krieges beschäftigt, stammt von Josua Schwartz, zur Zeit der Publikation Professor im schwedischen Lund.[4] Wie alle Leichenpredigten wurde sie zu einem bestimmten Anlass verfasst, und sie verdeutlicht abermals die These, dass bei der Untersuchung jeder Gelegenheitspredigt auf die Teilnehmer und die Begleitumstände geachtet werden muss.
Josua Schwartz wurde 1632 in Waldau (poln. Wałdowo) bei Zempelburg (poln. Sępólno Krajeńskie) in Pommern geboren, wo sein Vater Prediger war.[5] Er studierte in Wittenberg und zeichnete sich schon bald als streitbarer, lutherischer Theologe aus. Wegen seiner Streitpredigten gegen die Lehrsätze der Reformierten musste er mehrmals die Stelle wechseln und fand endlich ein neues Zuhause in Schweden, wo man ihn 1668 zum Professor der Theologie an der neuen Universität Lund ernannte. Lund und dessen Umgebung war jedoch politisch umstrittenes Gebiet: Schweden und Dänemark erhoben Ansprüche darauf. Insbesondere im Jahr 1676 wurde die Gegend mehrmals von der einen oder anderen Seite eingenommen. Nach der Schlacht bei Lund (4.12.1676) befand sich die Stadt jedoch wieder unter schwedischer Herrschaft. Anlässlich der Beerdigung von vier bei diesem Gefecht gefallenen schwedischen Soldaten hielt Josua Schwartz eine Predigt, erweiterte diese später mit Zitaten und Argumenten und gab sie als letzte in einer Reihe von drei Predigten heraus. Ihr Titel lautete: "Von der Art des Krieges/ darin man mit gutem gewissen leben kann." In dieser Predigt rät der - selbst oft sehr provokativ agierende - Theologe, dass man so lange wie möglich den Frieden bewahren sollte. Schwartz hatte schon vorher mit Samuel Pufendorf (1632-1694) über dieses Thema und dessen Lehre vom Staat gestritten und stellt in der Predigt seine Kenntnisse der zeitgenössischen Natur- und Völkerrechtstheorien wie die von Hugo Grotius und Pufendorf unter Beweis. Ganz entfernt von dem traditionellen Begriff des Krieges als gerechter Strafe Gottes ist Schwartz aber nicht. Er warnt die Schweden davor, dass sie durch ihr gottloses Leben die Strafe Gottes auf sich gezogen hätten. Kriegern sei ihr Handeln jedoch verzeihbar, da sie nicht immer einen gerechten von einem ungerechten Krieg unterscheiden können; Plünderungen usw. sind aber auch im Krieg nicht erlaubt. Laut Salomo solle man den Krieg mit Vernunft führen, seine Feinde nicht verachten sondern beobachten. Auch Luther wird an dieser Stelle von Schwartz zitiert: "[...] ihr lieben Herren/ hütet euch für Krieg/ es sey denn daß Ihr Euch wehren und schützen müsst, und Ewer auffgelegtes Ampt Euch zwingt zum Kriegen".
Es ist bezeichnend, dass diese Predigt nicht bei der Beerdigung von Adligen gehalten wurde, sondern anlässlich der Beisetzung von drei Trompetern und einem Pauker. Die Musiker, die die Truppen mit ihrer Musik anfeuern sollten, gehörten meistens auch zu denjenigen, die als erste fielen. Die vier Musiker der Kavallerie wurden in Lund beerdigt und nicht in ihrem Herkunftsort - es sind also keine Familienmitglieder unter den Anwesenden, denen Trost gespendet werden musste. Vielmehr präsentiert sich mit der Predigt ein Verfasser, der eher zwischen den Fronten steht, und wenn er auch keine pazifistischen Ideen äußert, dennoch zu Mäßigung, Toleranz und Vernunft rät.
Die persönlichen Umstände des Leichenpredigers Schwartz werden im Titel der bereits erwähnten Sammlung von drei Predigten deutlicher, deren Bestandteil die hier betrachtete Leichenpredigt ist:
"Drey Außgesonderte Krieges-Predigten. I. Von einigen ungemeinen Sünden/ alß Ursachen des Krieges nun auch in Schweden/ welches war bald nach der zur See verlohrnen ersten Schlacht: kurz aber zuvor/ da fast alle Festungen in Schonen biß auf eine übergingen. II. Von dem Schoß/ den man dem überwinder/ im Kriege zu geben schuldig ist. 1676 zu Lunden unter königlicher Dänischer Bottmäßigkeit gehalten. [...] III. Von der Art des Krieges/ darin man mit gutem gewissen leben kan. [...] In einem/ leider Gottes/ annoch wehrendem Bluttrieffenden Kriege/ zu Lunden gehalten [...] Wiederum unter königlicher Schwedischer Bottmessigkeit doch in einem kurzeren begriff alhier zu lesen. Sampt einer Schutz-Rede/ darin der Autor die ander Predigt/ und seine daher entstandene Flucht nacher Copenhagen/ wieder das ärgerniß/ welches ihm der jetzige Malmogische Gouverneur und General-Lieut. Herr Baron Georg Sperling, selbst darauß genommen hat/ mit Gottes Wort verteidigen thut. Anno 1678. [...] Kopenhagen [...]"[6]
Am ausführlichen Titel und dem Inhalt der Texte wird einerseits deutlich, dass Josua Schwartz, wie viele in Lund und Umgebung, mit der dänischen Seite sympathisierte (später musste er aus diesem Grund [als Frau verkleidet] aus Lund fliehen). Andererseits zeigen die Predigten auch, wie die Ereignisse seine Ideen über die Interpretation eines gerechten Krieges beeinflussten. Beim Lesen der Predigten offenbart sich die Sichtweise eines Beobachters, dessen Sympathien den Verlierern galten. Wie in vielen Fällen präsentiert sich die Leichenpredigt damit als ein Sprachrohr für persönliches Schicksal - nicht nur des Verstorbenen sondern auch des Predigers.
Prof. Dr. CORNELIA NIEKUS MOORE ist emeritierte Professorin für deutsche und niederländische Sprache an der University of Hawaii, Mānoa (USA). Der Beitrag ist Teil des Gastvortrags, den die Autorin im Rahmen der Vorlesungen "Krieg und Frieden in der Frühen Neuzeit" am Historischen Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main gehalten hat. Über unten stehenden Link können Sie den kompletten Vortragstext abrufen.
Bestand: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Signatur: QuN 236 (5)
Anmerkungen:
[1] Anton Schindling, Gerechte Kriege im Zeitalter der Glaubenskämpfe? Krieg und Religion im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation im 16. und 17. Jahrhundert, in: Plus Ultra. Die Welt der Neuzeit. Festschrift für Alfred Kohler zum 65. Geburtstag, hg. von Friedrich Edelmayer u.a., Münster 2008, S. 191-210; vgl. auch Cornelia Niekus Moore, Der "gerechte Krieg" in den Leichenpredigten der Frühen Neuzeit. Vortrag am Historischen Seminar der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main [siehe Link am Ende des Artikels].
[2] Birthe zur Nieden, Johann Bonifacius Reuter (1624-1690). [...] aufs greulichste tractieret - Gewalterfahrungen im Dreißigjährigen Krieg, in: Leben in Leichenpredigten 01/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-bonifacius-reuter-1624-1690.html (Zugriff: 08.01.2013). Vgl. auch Cornelia Niekus Moore, Patterned Lives. The Lutheran Funeral Biography in Early Modern Germany, Wiesbaden 2006.
[3] Eva Bender, Carl Graf von Kunowitz (1674-1698). Die Beliebung zum Krieg - Die treibende Motivation junger Adliger für den Militärdienst, in: Leben in Leichenpredigten 11/2009, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/carl-graf-von-kunowitz-1674-1698.html (Zugriff: 08.01.2013); Cornelia Niekus Moore, August Friedrich Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel (1657-1676). Trauer um den Gefallenen - Die Leichenpredigt als Trost, in: Leben in Leichenpredigten 08/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/august-friedrich-herzog-von-braunschweig-wolfenbuettel-1657-1676.html (Zugriff: 08.01.2013).
[4] Josua Schwartz, Drey Außgesonderte Krieges-Predigten. I. Von einigen ungemeinen Sünden [...], II. Von dem Schoß/ den man dem überwinder/ im Kriege zu geben schuldig ist [...], III. Von der Art des Krieges/ darin man mit gutem Gewissen leben kan [...], Kopenhagen 1678 (VD17 14:081715V).
[5] Carsten Erich Carstens, "Schwartz, Josua", in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 208-210 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd115463623.html?anchor=adb (Zugriff: 08.01.2013).
[6] Der digitale Volltext des Exemplars der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Sign.: Hist.Suec.367, ist abrufbar unter PURL (Werk): http://digital.slub-dresden.de/id363402888 (Zugriff: 08.01.2013).
Zitierweise: Cornelia Niekus Moore, Josua Schwartz (1632-1709). Der "gerechte Krieg" in Leichenpredigten, in: Leben in Leichenpredigten 02/2013, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/josua-schwartz-1632-1709.html>

