Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Johann Timme (1653-1714)

01.12.2012

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

Die Aloe ist hin [...] – Ein Hofgärtner in Arnstadt

Zeichnung einer Agave americana [1/4]

Hofgärtner hatten in der Kultur der Barockzeit eine nicht zu unterschätzende Aufgabe. Der Garten spielte als Teil der fürstlichen Repräsentation eine zunehmend wichtige Rolle: Zum einen war der Garten als künstlerisches Werk seit der durch Ludwig XIV. beauftragten Gartenanlagen von Versailles ein Teil der Schlossbauten geworden, der in seiner Funktion als Ort für Festlichkeiten und beeindruckende Kulisse für Gäste den Innenraum nach außen erweiterte. Gleichzeitig war er mit seinen Gewächshäusern zur Züchtung und Pflege exotischer Pflanzen aber auch ein Zeichen für die Zugewandtheit des jeweiligen Fürsten zu den Wissenschaften und deren Förderung.[1] So war es auch die seltene Blüte der langlebigen amerikanischen Agave, zeitgenössisch aus diesem Grund "hundertjährige Aloe" genannt (obwohl sie mit der Aloe nicht direkt verwandt ist), die 1668 in Schloss Gottorf dem dortigen Garten und damit auch dem Fürsten besonderen Ruhm einbrachte,[2] selbst wenn sie letztlich wegen zu kalten Wetters nicht vollständig aufblühte.[3]

Zwei Jahre nach diesem Ereignis, das später auch in Kupfer gestochen Erwähnung in einer Veröffentlichung fand,[4] kam ein siebzehnjähriger junger Mann in ebendiesen Garten von Gottorf, um bei dem dortigen Hof- und Lustgärtner in die Lehre zu gehen. Sein Name war Johann Timme, und über sein Leben informiert uns heute seine Leichenpredigt, die sich in der Kirchenbibliothek in Rudolstadt erhalten hat.[5]

Geboren wurde er im Juni 1653 in Scheggerott im heutigen Kreis Schleswig-Flensburg. Der Beruf seiner Eltern wird nicht genannt; dass deren Stand nicht allzu hoch war, lässt sich aber aus den genannten Taufpaten schließen, die aus Nachbarn ohne nähere Berufsangabe und einem Hufschmiedemeister bestanden. Timme war noch nicht drei Jahre alt, als er beide Eltern verlor und demnach so wohl bey Freunden, als Vormündern, auch endlich gar unter Blut-Frembden Leuten, seine jungen Jahre kümmerlich hinbringen müssen. Die Schule konnte er aber besuchen und danach seine Lehre in Gottorf beginnen.[6] Nach vier Jahren suchte er sein Fortun durch reisen, in unterschiedenen Städten und Ländern. Zunächst ging er nach Hamburg und in das Herzogtum Sachsen-Lauenburg, von wo aus er nach Dresden aufbrechen wollte, wegen der damahls marchierenden Hannoverischen Trouppen aber über Erfurt und Arnstadt reisen musste. In Arnstadt konnte er als Geselle anfangen, dort arbeitete er für eineinviertel Jahre. Danach ging er nach Gotha und Seebach und schließlich nach Sondershausen, wo er an der Gründung neuer Gärten in Keula und Peukendorf beteiligt war. Während Peukendorf ein schlichter Nutzgarten für die Versorgung des Hofes gewesen sein könnte, bedeutete der Auftrag in Keula sicherlich mehr, denn in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre residierte dort Graf Anton Günther II. von Schwarzburg, der nach der Rückkehr von seiner Prinzenreise mit seinem Bruder Christian Wilhelm gemeinsam regierte.[7]

Nach der Erbteilung der Grafschaft zwischen den beiden Brüdern in Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Arnstadt wurde Timme 1681 als Hof- und Lustgärtner nach Arnstadt übernommen und blieb hier 35 Jahre bis zu seinem Tod. In diesem Ort heiratete er auch und zeugte sieben Kinder, von denen nur drei ihn überlebten. Sein Sohn Johann David war zur Zeit seines Todes bereits der Gärtner-Kunst Beflissene[r] und folgte seinem Vater schließlich im Amt nach.[8] Auch Timmes Enkel David wurde Gärtner und übernahm nach dem Tod seines Vaters wiederum die Stelle des Arnstädtischen Hofgärtners.[9]

Immer wieder wird in der Leichenpredigt die "hundertjährigen Aloe" erwähnt, die im Jahr 1679 als einjährige Pflanze aus dem kurfürstlichen Garten in Mainz nach Erfurt gekommen war und von dort zehn Jahre später nach Arnstadt gelangte.[10] Timme wird sie selbst eingepflanzt oder zumindest ihre Pflanzung beaufsichtigt haben und pflegte die Pflanze 24 Jahre lang, bis sie im Jahr vor seinem Tod zur Blüte kam. Dieses Ereignis war ebenso wie in Gottorf eines eigenen Druckwerkes für würdig befunden worden, das auch einen Kupferstich der blühenden Agave beinhaltet. Geschrieben wurde die dazugehörige Abhandlung über diese und weitere Aloeblüten von Johann Christoph Olearius, der auch die Leichenpredigt auf Timme hielt.

Nach der Blüte stirbt die Agave americana ab – in Arnstadt folgte ihr Pfleger ihr bald nach, was nicht nur den Mediziner Heinrich Andreas Meurer zu einem der beigegebenen Epicedien mit dem Titel "Den mit seiner im Winter erstorbenen ALOE zu Grabe gegangenen Gärtner" inspirierte, sondern auch im Lebenslauf hervorgehoben erwähnt wurde: Ein sonderliches Andencken erwecket diejenige Americanische Aloe, so 24. Jahr in hiesigem Fürstl. Lust-Garten unter der Wartung des seeligen Herrn Thimmens gestanden, im vorigen Jahre alhier geblühet und nunmehro verwelcket, daß, da dieselbe ihren völligen Abschied genommen, auch der seelige Herr Thimme, als ihr Gärtner, aus dem wüsten Garten dieser Welt zugleich verschieden, hingegen aber in das himml. Paradieß, da er ewiglich grünet, versetzet worden.

So wie hier im Personaliateil baut Olearius auch die Predigt vollkommen auf der Metapher des Gartens auf, nicht zuletzt deshalb, weil der Verstorbene als Leichtext zwei Verse aus dem Hohelied Salomos gewählt hatte – ein sichtbares Zeugnis für die Leidenschaft, mit der er seinen Beruf ausgeübt zu haben scheint: "Mein Freund ist hinab gegangen in seinen Garten, zu den Würtz-Gärtlein, daß er sich weyde unter den Garten, und Rosen breche. Mein Freund ist mein, und ich bin sein, der unter den Rosen sich weydet." (Hld 6, 1-2) Dabei wird vom Prediger ein weiter Bogen durch die Bibel geschlagen, vom Sündenfall im Garten Eden bis zu Jesu Erscheinung vor Maria Magdalena, als sie ihn nach der Auferstehung für den Gärtner hält, und die Kirche als Garten bezeichnet, den Christus bebaut und pflegt. All diese Gartenmetaphern deutet Olearius auch als Zeichen für Jesu Anerkennung des Gärtnerberufes: Hieraus erhellet nun klar genug, wie hoch und werth Christus selbst die Garten-Lust und Verrichtung darine, aestimire.

Die Blüte der Agave gab der gärtnerischen Karriere des Johann Timme einen unbestrittenen Höhepunkt. Helga de Cuveland formuliert die Bedeutung eines solchen Ereignisses so: "Selten ist ein botanisches Phänomen mit so starken Konnotationen in Bezug auf die damit verbundene Leistung der Gartenkultur belegt worden wie die Blüte der Agave americana."[11] Es entbrannte ein regelrechter Wettbewerb unter den Hofgärtnern, die Pflanze zum Blühen zu bringen – eine Errungenschaft, die nur durch ihre Seltenheit ein besonderes Renommee bedeutete. Der ansonsten nicht sonderlich attraktiven oder nützlichen Pflanze wuchs damit eine symbolischer Dimension zu, die ihr eine besondere, weil ausschließlich temporär vorhandene Funktion im repräsentativen Vokabular des Fürsten zuwies. Die schiere Größe der Pflanze trug sicherlich ebenfalls zu ihrer Bedeutung für die herrschaftliche Selbstdarstellung bei. Für den Hofgärtner bedeutete sie erhöhtes Ansehen und ein kleines Stück Unsterblichkeit trotz, oder gerade wegen der Vergänglichkeit seiner beruflichen Leistung.

Die Geschichte des Gärtnerberufes ist kein weit ausgeleuchtetes Forschungsfeld.[12] Hier wie auch in der Frage nach der Bedeutungsgeschichte von Pflanzen, die im Gegensatz zu deren Nutzungsgeschichte ebenfalls noch nicht intensiv erforscht wurde,[13] wird künftig noch Interessantes zu entdecken sein – die Leichenpredigt auf Johann Timme bietet einen Einblick in beide Fragen und lädt zur näheren Beschäftigung mit dem Thema ein.

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Kirchenbibliothek der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Rudolstadt
Signatur: VII B 2
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften kleinerer Bestände in Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 52), Stuttgart 2011

 

Erneut veröffentlicht in: Blätter der Gesellschaft für Buchkultur und Geschichte 16/17 (2012/2013), Rudolstadt 2014;

außerdem in: Jahrbuch des Heimatvereins der Landschaft Angeln 79 (2015)

 

Anmerkungen:

[1] Karen Asmussen-Stratmann, Barocke Gartenkunst auf Gottorf. Geschichte und Bedeutung des Neuwerkgartens, in: Rainer Hering (Hg.), Die Ordnung der Natur. Vorträge zu historischen Gärten und Parks in Schleswig-Holstein (Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein Band 96), S. 13-35. Asmussen-Stratmann nennt diesen Zweck des Schlossgartens eine "lebendige, in den Außenraum verlegte Erweiterung der herzoglichen Kunstkammer" (S. 21), die in Gottorf auch durch die Errichtung des berühmten Globus ihren Ausdruck fand.

[2] Auch heute noch ist die Blüte der Agave americana in unseren Breiten eine Besonderheit, vor allem, wenn sie im Freien steht – siehe z.B. die Erwähnung der Blüte einer Agave im Botanischen Garten Basel auf dessen Website, URL: https://botgarten.unibas.ch/agave/index.php (Zugriff: 25.06.2014).

[3] Helga de Cuveland, Die Gottorfer Hundertjährige Aloe – oder die Kunst, eine Agave americana zur Blüte zu bringen, in: Heinz Spielmann/Jan Drees (Hg.), Gottorf im Glanz des Barock. Kunst und Kultur am Schleswiger Hof 1544-1713, Bd. 1, Schleswig 1997, S. 229-234, hier S. 231.

[4] Daniel Major, Americanische und bey dem HochFürstl. Schloß Gottorf im Monat August und September 1668. blühende ALOE [...], Schleswig 1668 (VD17 39:150553H), Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (im Folgenden SLUB Dresden), PURL (Werk): http://digital.slub-dresden.de/id357028252 (Zugriff: 25.06.2014).

[5] Johann Christoph Olearius, Christum, als einen Gärtner, hat [...] in einer Gedächtnis-Predigt [...] fürgestellet […], Arnstadt o.J. Alle folgenden Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Predigt entnommen.

[6] Zur Ausbildung von Hofgärtnern am Beispiel Preußens siehe Clemens Alexander Wimmer, Die Ausbildung der Hofgärtner, in: Sonja Dümpelmann/Gerd Bartoschek (Hg.), Preußisch Grün: Hofgärtner in Brandenburg-Preußen (Begleitband zur Ausstellung "Preußisch Grün - vom Königlichen Hofgärtner zum Gartendenkmalpfleger", Schloss Glienicke, Berlin, vom 18. Juli bis 17. Oktober 2004), Berlin 2004, S. 135-163.

[7] Siehe die ohne Impressum in einem Sammelband (Sign.: BS 146) im Schlossmuseum Sondershausen erhaltenen Personalia Anton Günthers II. von Schwarzburg-Arnstadt: Anonym, Christ-Fürstlicher Lebens-Lauff Des Weyland Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Anthon Günthers, Fürstens zu Schwartzburg [...], Bl. [6]r, Digitalisat des Ex. in der SLUB Dresden, Sign.: Hist.Sax.E.61,misc.2 (VD18 11543892), unter PURL: http://digital.slub-dresden.de/id376578467 (Zugriff: 25.06.2014).

[8] In diversen Veröffentlichungen findet sich die Angabe, ein Hofgärtner Timme in Arnstadt sei der Erfinder des Zichorienkaffees – dabei dürfte es sich um eben diesen Johann David Timme handeln. Siehe u.a. Karl Bertsch/Franz Bertsch, Geschichte unserer Kulturpflanzen, Stuttgart 1947, S. 230.

[9] Johann Rudolph Füssli/Hans Heinrich Füssli, Allgemeines Künstlerlexikon, oder: Kurze Nachricht von dem Leben und den Werken der Maler, Bildhauer, Baumeister, Kupferstecher, Kunstgießer, Stahlschneider etc. [...], Zweyter Teil, Neunter Abschnitt T, Zürich 1816, S. 1890.

[10] Johann Christoph Olearius, Aloedarium Historicum i.e. Historische Beschreibung derjenigen Aloen, welche In Europaeischen Landen, sonderlich in Teutschland, nach und nach bißher geblühet und bekannt worden [...], Arnstadt 1713 (VD18 12226041).

[11] Cuveland, Aloe (wie Anm. 3), S. 233.

[12] Wimmer, Ausbildung (wie Anm. 6), S. 135.

[13] Cuveland, Aloe (wie Anm. 3), S. 231.

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Johann Timme (1653-1714). Die Aloe ist hin [...] – Ein Hofgärtner in Arnstadt, in: Leben in Leichenpredigten 12/2012, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-timme-1653-1714.html>

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