Johann David Nike (1666-1726)
01.05.2016
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
[...] mit seinem geschickten Mahler-Pinsel löblich ausgestrichen – Leben und Tod eines Kunstmalers in Gera
François Boucher, Der Maler in seinem Atelier
Dass Maler und andere Künstler über Jahrhunderte hinweg in Zünften organisierte Handwerker waren, nicht viel anders als Tischler oder Goldschmiede, wird bei der Betrachtung ihrer Werke oft vergessen - ebenso, dass es viele solcher Künstler gab, von denen heute nichts oder nur wenig erhalten ist.
Ein solcher Maler war Johann David Nike. Er wurde am 4. Januar 1666 in Bernstadt in Schlesien (poln. Bierutów) geboren. Sein Vater war fürstlicher Informator und Konrektor an der dortigen Landschule, und zunächst verlief das Leben des jungen Johann David zielstrebig ebenfalls auf eine akademische Laufbahn hin: Angehalten von seinem Vater, daß er bey dem Studiren bleiben [...] möchte, ließ er auch selbst ganz besondere Lust zu denen Studiis von sich blicken.[1]
Doch dann wurde der Junge schwer krank, und diese im Lebenslauf nicht näher benannte Krankheit hinterließ derartige Folgeschäden, daß er nach derselben eine merckliche Schwächung des Ingenii und Gedächtnisses an sich verspührete. Daraufhin wurde beschlossen, dass er das Müntz-Wesen erlernen solte. Die mathematischen Fähigkeiten, die zur Ausübung dieses Berufes nötig waren, erlernte er bei einem Verwandten, der als Münz-Kassierer in der örtlichen Münzstätte tätig war. Weiterhin gehörten aber auch zeichnerische Fertigkeiten zum Berufsbild. Diese sollte Nike bei einem weiteren Verwandten in Namslau (poln. Namysłów) lernen, Herrn Ottlob, einem berühmten Mahler und Raths-Herrn daselbst. Dort angekommen, war sein Lehrmeister von seiner zeichnerischen Begabung so angetan, dass er ihm vorschlug, sich ganz auf dieses Metier zu verlegen und bei ihm eine Ausbildung als Kunstmaler zu beginnen. Nike folgte diesem Rat und verbrachte sechs Jahre[2] als Lehrling bei Ottlob, wo er auch die Mahlerey-Kunst mit gute[m] Fortgang begriff.
1687, im Alter von 21 Jahren, begann seine Gesellenzeit. Von seinem Wechsel in diesen Stand ist im Lebenslauf nichts vermerkt, nur, dass er nach dem Ende seiner Lehrzeit auf die obligatorische Wanderschaft ging, und zwar - sonderlich auf Einrathen seiner geliebten Frau Mutter - nicht etwa nach Italien oder in die Niederlande, wo viele Gesellen versuchten, ihrer Malerei durch den Besuch dieser Hochburgen der Kunst ein höheres Ansehen zu verleihen,[3] sondern nach Sachsen. Zwei Jahre lang verdingte er sich in verschiedenen Städten bey berühmten Mahlern, bis er 1689 über Zeitz nach Gera kam, welcher Ort Ihm denn sogleich wohl gefiel. Er beschloss, dort zu bleiben, zumahl Er bald nach seiner Ankunfft gewahr wurde, daß Ihm hier [Gott] seinen Bissen Brod bescheren würde.
Seine bereits nach zwei Jahren beschlossene Wanderzeit lässt darauf schließen, dass in der betreffenden Zunftordnung in Gera möglicherweise nur eine solche kurze Dauer vorgeschrieben war, um dort die Meisterprüfung abzulegen. In anderen Ordnungen wurden oft drei oder sogar fünf Wanderjahre verlangt.[4] Vermutlich leistete Nike aber auch noch einige Jahr Dienste in Gera ab und vollendete damit seine Gesellenzeit - leider wird davon in seinem Lebenslauf nichts berichtet. Dort lesen wir nur, dass er später bei einem Obristleutnant in Großaga (heute ein Ortsteil von Gera) einen Auftrag für einige Mahler-Arbeit bekam, weshalb er sich dort mehrere Wochen aufhielt und so Gelegenheit bekam, seine zukünftige Ehefrau kennenzulernen. Sie war eine Pfälzerin, verwitwet und als Begleitung eines adligen Fräuleins aus Regensburg dort zu Besuch. Der Gastgeber betätigte sich schließlich als Ehevermittler, und die Ehe wurde im Jahr 1689 geschlossen.
Interessanterweise wird Nike nirgendwo in der Quelle als Meister bezeichnet, sondern immer nur als berühmte[r] oder weit-beruffene[r] Kunst-Mahler. Meister muss er aber gewesen sein, da er sonst nicht das Bürgerrecht erlangt hätte - dass er es besaß, wird aus seiner 1724 erfolgten Berufung zum Vorsteher des Hospitals St. Wolfgang und der Ernennung zum Mitglied des Rats der Stadt ein Jahr später deutlich. Sein Ansehen in der Stadt erhellt auch aus einer weiteren Tatsache: Er erhielt den Großauftrag, die alte Stadtkirche St. Johannis neu auszumalen - vermutlich der Versuch einer Aufwertung des älteren Gebäudes, um der wenige Jahre zuvor neu errichteten, modernen Salvatorkirche (1717-1720) nicht nachzustehen.[5]
In der Abdankung geht der Redner relativ ausführlich auf diese Ausmalung ein und nutzt sie teilweise als Allegorie für die Tugenden des verstorbenen Künstlers. So bringt er das Fassen der Pfeiler und was denenselbigen anhängig ist und darzu gehöret in Beziehung zum Sohn Nikes, der Theologie studierte und damit später ein "Pfeiler der Kirche" sein würde. Den Sing- und Musicanten-Chor, den Nike mit musikalischen Themen aus der Bibel versah, nutzt der Verfasser als Bild für den himmlischen Chor, in dem der Verstorbene nun mitsinge. Daran schloss sich der Lehrer- und Schüler-Chor an, der mit Bildern von der Lehre Christ, und seiner heilsamen Unterweisung ausgestattet wurde.
Besonders interessant ist die Beschreibung der daran befindlichen Empore. Hier brachte Nike Abbildungen des Kämmerers aus Äthiopien, der Bekehrung des Saulus und der Purpurkrämerin Lydia an - drei Personen aus der Apostelgeschichte, die auf die drey Haupt-Stände zu adpliciren und zu deuten sind. In dieser Darstellung sieht der Verfasser eine besondere Verbindung zum Verstorbenen, da Nike, welches auch wohl unter hunderten kaum einem wiederfähret, allen drei Ständen angehört hatte: Er war durch seine Ratsmitgliedschaft in den Regier-Stand gesetzet, durch seine Tätigkeit als Verwalter des Hospitals zum Geistlichen Stande gezogen und gehörte durch seinen eigentlichen Beruf dem bürgerlichen Stand an.
Die beiden anderen Emporen malte er mit Bildern aus der Offenbarung und mit Darstellungen von Engelsgeschichten aus der Bibel aus, außerdem bekam der neue Baldachin der Kanzel eine Bemalung mit Engeln, Blumen und Früchten. Die prominenteste Arbeit Nikes für die Kirche war wohl der Altar, für den er Bildtafeln mit Szenen aus der Passionsgeschichte gestaltete.
Zuletzt widmete er sich der Auszierung der neu gebauten Orgel - und bei dieser Arbeit ereilte ihn auch der Tod. Am 2. November 1726 stieg er zum letzten Mal auf die Empore. Er hoffte, an diesem Tag mit der Arbeit fertig zu werden. Doch während unten in der Kirche eine Bußandacht zur Vesperzeit stattfand, brach wohl das Gerüst unter Nike zusammen, und er stürzte ins Kirchenschiff hinunter, wo er mit einem Schädelbruch sofort tot liegen blieb. In der Abdankung wird der Fall genauer beschrieben: Nike sei unversehens von dem Gerüste abgeschossen, im Fallen auf die untere neue Empor-Kirche aufgeschlagen, und ferner Seit-wärts biß auf den Boden der Kirchen nieder gestürtzet; Sich demnach leyder! in einem Augenblicke zu tode gefallen.
Die Predigt und die Abdankung konzentrieren sich stark darauf, diesen plötzlichen Tod, der dem Verstorbenen keine Zeit ließ, sich auf sein Sterben vorzubereiten, positiv zu deuten. Dabei spielt die Tatsache, dass ihn der Tod bei seiner redlichen Berufsausübung in einer Kirche ereilte, während im Kirchenschiff unter ihm auch noch eine Andacht abgehalten wurde, eine große Rolle. Der Prediger merkt an, ihm sei von einer glaubwürdigen Person berichtet worden, daß Er [Nike] gar öffters über seiner Beruffs-Arbeit ein andächtiges und erbauliches Lied abgesungen habe. Deshalb könne man davon ausgehen, dass er auch kurz vor seinem Tod mit erbaulichen Gedanken umgegangen sei. Denn wo lässet sich wohl freudiger und getroster sterben als in der Kirchen, allwo der allerhöchste GOtt seine Wohnung und Residenz aufgeschlagen, und wo auch alle Heil. Engel zugegen seyn?
BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.
Bestand: Thüringisches Staatsarchiv Greiz
Signatur: Nachlass von Ernst Paul Kretschmer Nr. 59
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in den Thüringischen Staatsarchiven Gotha, Greiz, Meiningen und Weimar (Marburger Personalschriften-Forschungen 56), Stuttgart 2015
Anmerkungen:
[1] Ioannes Avenarius, Eines gefährlich-Fallenden Schutz in der Noth [...], Gera [1726]. Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.
[2] Dies war die übliche Lehrzeit, siehe u.a. Marina Beck, Der lange Weg zum Meister. Formular eines Lehrbriefs und die Gesellenordnung der Maler, Glaser und Sattler in Münster, in: Andreas Tacke/Franz Irsigler (Hg.), Der Künstler in der Gesellschaft. Einführungen zur Künstlersozialgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, Darmstadt 2011, S. 37-69.
[3] Ebd., S. 51.
[4] Andreas Tacke, Valentin Wagners Gesellenwanderung. Grundlagen und Voraussetzungen nach der Dresdner und den Deutschen Malerordnungen, in: Holger Th. Gräf/Helga Meise (Hg.), Valentin Wagner (um 1610-1655). Ein Zeichner im Dreißigjährigen Krieg. Aufsätze und Werkkatalog, Neustadt an der Aisch 2003, S. 25-38.
[5] Bis zur Erbauung von St. Salvator war die Johanniskirche die einzige innerstädtische Pfarrkirche in Gera, siehe Stephanie Eißing/Franz Jäger (Bearb.), Georg Dehio Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Thüringen, München/Berlin 1998, S. 439-459, hier S. 442. Die Johanniskirche wurde beim großen Stadtbrand von 1780 vollkommen zerstört, so dass keine der von Johann David Nike dort ausgeführten Arbeiten mehr erhalten sind. Die heutige Johanniskirche ist ein Nachfolgebau aus dem späten 19. Jahrhundert.
Zitierweise: Birthe zur Nieden, Johann David Nike (1666-1726). [...] mit seinem geschickten Mahler-Pinsel löblich ausgestrichen – Leben und Tod eines Kunstmalers in Gera, in: Leben in Leichenpredigten 05/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-david-nike-1666-1726.html>

