Henriette Marie Königin von England, geb. Prinzessin von Frankreich (1609-1669)
01.04.2010
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Le Coeur d'une grande Reine – Eine französische Oraison funèbre
Porträt der Henriette Marie Königin von England (1609-1669) [1/2]
Mit dem gewaltsamen Tod König Heinrichs IV. im Jahr 1610 hatte die Quellengattung der Grabreden begonnen, sich auch in Frankreich zu etablieren.[1] Es wurde nun die Regel, dass Verstorbene von herausragender gesellschaftlicher Bedeutung auf diese Weise geehrt wurden.
Der katholischen Theologie ist eine Trostpredigt (wie im deutschen Luthertum) anlässlich eines Begräbnisses zwar grundsätzlich fremd.[2] Jedoch gab es bereits im Mittelalter vereinzelt Trauerreden, welche anthropozentrisch orientiert waren und in denen auf die Person des Verstorbenen eingegangen wurde.[3] An diese Tradition knüpfte man in Frankreich an, weshalb deutliche Unterschiede zu den lutherischen Leichenpredigten im deutschsprachigen Raum festzustellen sind.
Die in hohen Auflagen publizierten Grabreden des französischen Bischofs und brillanten Predigers Jacques Bénigne Bossuet (1627-1704)[4] zählen zu den berühmtesten Funeralschriften der Frühen Neuzeit. Bossuet hielt unter anderem die Rede zum Seelenamt für Henriette Marie,[5] die Witwe König Karls I. von England, eine geborene französische Prinzessin. Es fand am 16. November 1669 in der Kirche des von der Königin selbst gegründeten Salesianerinnen-Klosters in Challiot bei Paris statt. Dort befand sich das Herz der Verstorbenen, welches, wie zu jener Zeit bei vielen katholischen Dynastien üblich, separat vom restlichen Körper bestattet wurde. Da in Challiot also das Zentrum der Person aufbewahrt war, wurde die Messe dort zelebriert und nicht in St. Denis, der Ruhestätte des restlichen Leibes.
Bossuets Rede weist typische Merkmale einer katholischen Leichenpredigt auf, da sie theologische und zeitbezogene Betrachtungen mit Ausschnitten aus der Biografie der Verstorbenen vermengt. Es gibt also keinen geschlossenen Personalia-Teil. Biografische Daten fehlen völlig, dafür werden besondere oder charakteristische Episoden aus dem Lebensweg ausführlich geschildert.[6] Des Weiteren gibt es keinen Leichtext, da die Rede nicht den Zweck der Schriftauslegung hat.[7] Ihren spezifisch katholischen Abschluss findet sie in der Äußerung des Wunsches nach der baldigen Aufnahme der Verstorbenen in den Himmel.
Zum Inhalt: Bossuet betont den providenziellen Charakter der Ereignisse in der jüngeren englischen Geschichte, welche ihm als düsteres Beispiel für die Lehren dient, die Gott den Mächtigen erteilt. Deren nur geliehene Macht entzieht er ihnen, gibt die Welt dem Chaos und sie selbst einem elenden Schicksal preis, um die Sünde zu bestrafen. Ein Zitat aus Psalm 2 (Nun verstehet es, ihr Könige; lasset euch unterweisen, die ihr die Erde richtet) ist sozusagen der Aufhänger der Oraison; die göttliche Belehrung zur Demut durch das Zulassen von Schrecklichem ist der thematische rote Faden.
Die Höhen und Tiefen im Leben der Königin, die ihren Gatten durch die Revolution verloren hatte und fortan im Exil leben musste, beschreibt Bossuet eindringlich und lobt das Verhalten der Verstorbenen in beiden Extremen. In Zeiten des Glücks, in denen besonders die Mächtigen anfällig sind für Stolz und Weltverliebtheit, zeichnete sich Henriette Marie durch ihre Wohltätigkeit aus: Sie trug vieles zur Verbesserung der Lage der bedrängten englischen Katholiken bei, beschützte und förderte die Kirche. Der Bischof vergleicht sie mit Esther, die das Herz des fremden Königs gewonnen und somit das Gottesvolk gerettet hatte.
Mut und Todesverachtung zählen zu den weiteren Tugenden, die der Prediger jener Tochter des heiligen Ludwig zuschreibt, wenn er seinen Zuhörern die vielfältigen Gefahren vor Augen führt, denen sich die Königin freiwillig ausgesetzt hatte.
Die schmerzvollen Zeiten, die mit dem Bürgerkrieg begonnen hatten, ertrug Henriette Marie mit christlichem Gleichmut. Jede Anhänglichkeit an die vergängliche Welt der irdischen Herrscher legte sie ab, belehrt durch ihre Trübsale, die ihr insofern eine Gnade waren. Auch nach der Restauration nämlich, als sie ihr zurückgezogenes Leben der Exilzeit weiterführte, hatte sie in ihrem Herzen nichts mehr für einen Thron übrig, den man durch Unrecht erlangen kann, sondern verlagerte all ihre Wünsche in den Himmel. Als einzigen wahren Feind erkannte sie die Sünde, die sie entschlossen war zu sühnen und so Christus im Leiden nachzufolgen.
Seine strenge, mahnende Oraison schließt Bossuet mit dem Wunsch, Gott möge die Opfer der leidgeprüften Monarchin an- und sie in den Himmel aufnehmen sowie künftig die Menschen von solch schrecklichen Belehrungen verschonen.
Das in der Rede auftauchende Motiv des nach Christus (im Opfer) geformten Herzens ist sicher ein Hauptmerkmal der französischen Frömmigkeit jener Zeit, wie ja auch in denselben Jahren im Umfeld der Salesianerinnen die Herz-Jesu-Verehrung ihren Aufschwung nehmen sollte.[8]
Auch literarisch von hohem Wert, zeigt dieses Beispiel, dass Leichenpredigten ein europäisches und überkonfessionelles Phänomen der Frühen Neuzeit gewesen sind, so dass viel Potenzial für vergleichende Forschungen vorhanden ist.
INGO DONNHAUSER M.A. ist Stadtarchivar in Waldshut-Tiengen. Der Autor studierte Geschichte an der Philipps-Universität Marburg und war von 2009 bis 2010 Wissenschaftliche Hilfskraft an der Forschungsstelle für Personalschriften.
Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Lv III 3, Nr. 51
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), Stuttgart 2010
Anmerkungen:
[1] Vgl. Bernard Vogler, Leichenpredigten und die aktuellen Forschungen der französischen Historiographie, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 1, Köln 1975, S. 200-208.
[2] Die Seele des Gerechtfertigten wird im Fegefeuer (leidende Kirche) vermutet, wo sie der tätigen Hilfe der streitenden Kirche auf Erden bedarf. Das katholische Requiem ist somit geprägt vom Gebet, als ernster und flehender Kommunikation mit der jenseitigen Welt.
[3] Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb diese Sitte unter Theologen sehr umstritten und fand auch keine flächendeckende Verbreitung; vgl. Friedhelm Jürgensmeier, Die Leichenpredigt in der katholischen Begräbnisfeier, in: Lenz (Hg.), Leichenpredigten (wie Anm. 1), S. 122-141.
[4] Vgl. zu ihm den allerdings sehr abschätzigen Artikel von Peter Manns, Bossuet, Jacques-Bénigne, in: Lexikon für Theologie und Kirche (LThK), begr. von Michael Buchberger, Bd. 2, hg. von Josef Höfer und Walter Kasper, Freiburg (Breisgau) 1958, Sp. 623f.
[5] Vgl. zu ihr Quentin Bone, Henrietta Maria. Queen of the Cavaliers, Urbana 1972.
[6] Vgl. zu diesem Merkmal auch Johann Anselm Steiger, Oratio Panegyrica versus Homilia Consolatoria. Ein exemplarischer Vergleich zwischen einer römisch-katholischen Trauerrede (Wolfgang Fuchs) und einer lutherischen Leichenpredigt (Johann Gerhard), in: Birgit Boge/Ralf Georg Bogner (Hg.), Oratio Funebris. Die katholische Leichenpredigt der frühen Neuzeit (Chloe 30), Amsterdam/Atlanta 1999, S. 103-130, hier S. 124.
[7] Einleitende Bibelstellen erfüllen eher den Zweck eines "mottoartigen Leitwortes", vgl. ebd., S. 109.
[8] Zur Herz-Jesu-Verehrung vgl. Josef Stierli, Herz Jesu, in: LThK, Bd. 5, Freiburg (Breisgau) 1960, Sp. 289ff.
Zitierweise: Ingo Donnhauser, Henriette Marie Königin von England, geb. Prinzessin von Frankreich (1609-1669). Le Coeur d'une grande Reine – Eine französische Oraison funèbre, in: Leben in Leichenpredigten 04/2010, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/henriette-marie-koenigin-von-england-geb-prinzessin-von-frankreich-1609-1669.html>

