Heinrich Christian Stegelmann (1708-1763)
01.01.2016
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Vom Ende der gedruckten lutherischen Leichenpredigten – und was kommt danach? Anton Friedrich Büschings St. Petersburger Grabreden
Porträt Anton Friedrich Büsching [1/5]
Nahezu zwei Jahrhunderte gehörte es zum guten Ton wohlsituierter lutherischer Familien, die Seelen verstorbener Männer, Frauen und Kinder mit einer mehr oder weniger seitenstarken gedruckten Leichenpredigt in den Himmel zu begleiten. Leichenpredigten dienten aber genauso der irdischen Erbauung, der Belehrung, der familiären Selbstdarstellung und der Reputation des Verfassers. Hier konnte ein Prediger zeigen, was an Gelehrsamkeit in ihm steckte. Das Ende dieser Leichenpredigt-Kultur, das weitgehend um die Mitte des 18. Jahrhunderts anzusetzen ist,[1] wurde bislang kaum untersucht. Dies betrifft sowohl die Gründe für den Niedergang, die gemeinhin in Aufklärung, Säkularisierung und übertriebener Prachtentfaltung gesehen werden, als auch die Nachfolge. Was trat an die Stelle der gedruckten lutherischen Leichenpredigten? In einigen Gegenden seien sie durch gedruckte Trauergedichte ersetzt worden,[2] durch am Grab verlesene Personalia[3] oder durch die Danksagungen der Angehörigen nach erfolgter Beisetzung in den Tageszeitungen,[4] wobei hinsichtlich des Umfangs nur von einem begrenzten Ersatz gesprochen werden kann. Letztlich sei die Lücke durch nichts zu schließen gewesen: "Wir suchen heute vergebens nach einem Ersatz für daß (sic!), was die Leichenpredigt als religiöse Literaturgattung dem Volke gewesen ist. Diese Literaturgattung ist ausgestorben."[5] Dennoch musste es weitergehen, der Todesfall und die Trauernden verlangten nach Worten.
Wodurch die gedruckten Leichenpredigten im Einzelfall ersetzt wurden, lässt sich kaum pauschal, sondern lediglich am konkreten Beispiel zeigen. Der evangelische Theologe, Geograph und Pädagoge Anton Friedrich Büsching (1724-1793), der 1761 nach St. Petersburg berufen wurde, um dort als 2. Prediger an der Peterskirche und Leiter der angeschlossenen Schule zu wirken, gehörte zu jenen, die nach einem Ersatz für die Leichenpredigt suchten. Nur wenige Jahre hielt sich Büsching in der Stadt an der Newa auf. 1765 legte er nach Auseinandersetzungen alle Ämter nieder, um sich zunächst nach Altona und ein Jahr später als Direktor des vereinigten Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster und der berlinischen und cöllnischen Stadtschulen sowie als Oberkonsistorialrat in die preußische Hauptstadt zu begeben.[6] Aus Büschings St. Petersburger Zeit stammt eine knapp 300 Seiten umfassende Schrift, die nicht zu seinen bekanntesten Werken zählt: "Der Christ bey den Särgen". Sie enthält "bey dem Sarge" gehaltene Reden, deren Adressaten an die Empfänger gedruckter Leichenpredigten erinnern. Bei den Verstorbenen handelt es sich um höhergestellte bzw. der Familie zugehörige Personen und keine x-beliebigen Armen, die es durchaus reichlich gegeben habe. In seiner "Lebensgeschichte" gibt Büsching an, von ihnen nichts für die Beerdigung genommen zu haben, auch wenn er merkte, dass hier ehrenhalber von Klagenden manch unnützer Aufwand getrieben worden sei.[7] Auch wenn nur wenige Ansprachen in den Druck gingen, so sei doch in St. Petersburg, wie Büsching betont, kein Kind oder Erwachsener ohne Standrede begraben worden.[8]
Büschings Grabreden lassen kaum Gemeinsamkeiten mit den gedruckten lutherischen Leichenpredigten erkennen. Dies beginnt bereits bei der formalen Gestaltung. Während die gelegentlich äußerst umfangreichen Leichenpredigten einem dezidierten Aufbau folgen, pflegte Büsching seinen kurzen, zumeist unvorbereiteten und frei gesprochenen Reden eine individuelle Struktur zu verleihen. Wie er in der Vorrede zu "Der Christ bey den Särgen" betont, habe er es sich zur Regel gemacht, jedesmahl die verstorbenen Personen zum Hauptinhalt seiner Reden zu erwählen.[9] Wichtig ist Büschings Begründung, die geradezu einen Abschied von der klassischen Leichenpredigt signalisiert. Er geht davon aus, dass die Zuhörer mehr von einer am Menschen orientierten Rede beeindruckt sind als an Erklärungen bekannter Sprüche, die gemeiniglich bey den Leichenpredigten zum Grunde geleget, und auf die Verstorbenen so gut es möglich ist, zugeeignet werden.[10] Künstliche, bemühte Reden sind Büsching ein Gräuel, er legt Wert auf Empfindung und Affect.[11] Wie so eine Rede im Einzelfall gestaltet sein konnte, sei an der am 2. Oktober 1763 gehaltenen Grabrede auf den Kaufmann und Kirchenältesten von St. Petri, Heinrich Christian Stegelmann, demonstriert.
Entgegen theologischer Gepflogenheiten in gedruckten Leichenpredigten, den Tod als Erlösung vom irdischen Jammertal und großartiges Ereignis zu feiern, macht Büsching keinen Hehl daraus, dass das Ende dieses Mannes äußerst ungelegen kam: Es ist geschehen, ja leider![12] Ohne große Umschweife, allenfalls mit dem einen oder anderen knappen Verweis auf Gott und die Bibel, wird ziemlich schnell auf das Leben und die Wohltaten Stegelmanns eingegangen. Überschwänglich wird der einst in Lübeck geborene Kaufmann und Kirchenvorsteher als Menschenfreund, Wohltäter und Mäzen, aber auch als Gottes- und Jesusfreund gefeiert. Büschings Lobgesang auf diesen besonderen Menschen macht sogar vor Gott nicht Halt, der zur Rechenschaft gezogen wird: GOtt! warum lässest du den Menschenfreund so viel leiden! warum erhörest du die tausendfachen Wünsche für seine Genesung nicht![13] Derartige Vorwürfe gehören gemeinhin nicht zum Repertoire gedruckter lutherischer Leichenpredigten. An Gottes Entscheidung zu zweifeln war unangemessen und geradezu tabu. Wie Büsching in seiner Grabrede ausführt, beschränkten sich Stegelmanns Verdienste nicht darauf, dass er u.a. den Kirchhof pflastern und Kirchstühle mit Tuch bespannen ließ, nein, er hatte auch viele tausend Rubel in die zwischen 1762 und 1763 errichtete Petrischule investiert, deren Fundament und eisernes Dach er finanzierte.[14] Schon allein dieser Tatbestand wird als ausreichend betrachtet um Gottes Gnade zu erlangen, die Büsching förmlich zu erzwingen versucht: Herr! Stegelmann ist es werth, daß du ihm hilfst, und dich seiner erbarmest, denn er hat unsere Schule erbauet![15] Dass er selbst von Stegelmanns Freigiebigkeit profitiert hatte, erwähnt der als äußerst integer geltende Büsching in diesem Zusammenhang nicht, wohl aber in seiner "Lebensgeschichte". Stegelmann habe ihn bei seiner Ankunft in St. Petersburg großzügig mit 200 Flaschen Wein, 100 weißen und 100 roten, bedacht. Er hätte ihm sogar eine Kutsche mit einem Pferdepaar zukommen lassen, aber, und darauf legt Büsching Wert, hätte ihn die Annahme dieses Geschenks ins falsche Licht gerückt und habgierig erscheinen lassen.[16]
In seiner Rede auf den verstorbenen Wohltäter verzichtet Büsching nicht nur bewusst auf Bibelzitate und einen die Rede inhaltlich strukturierenden Leichtext, da der Mensch und nicht die Schrift im Zentrum der Ausführungen stehe, sondern auch auf eine moralische bzw. erbauliche Nutzanwendung, die in gedruckten lutherischen Leichenpredigten stets von Bedeutung ist. Büsching glaubt darauf verzichten zu können, die Stegelmann widerfahrene göttliche Gnade noch besonders und weitläufig zur Erbauung der Zuhörer anwenden zu müssen.[17]Er geht vielmehr davon aus, dass ihre Herzen durch diesen liebenswürdigen Menschenfreund längst angerührt seien. Büsching gehört zu jenen, die mehr auf Empfindungen als auf theologische Argumente setzten, wodurch er sich vom Gros der Verfasser gedruckter lutherischer Leichenpredigten unterscheidet, die gerne mit erhobenem Zeigefinger für "Zucht und Ordnung" sorgten.
Selbstverständlich kann es in Büschings Rede nicht nur um Stegelmanns vorbildliches Leben und Sterben gehen, sondern vor allem auch um Gott. Die von Büsching hergestellte enge Liaison zwischen ihm und dem Verstorben kommt in einer unmittelbaren Ansprache Gottes zum Ausdruck. Anders als in den Leichenpredigten früherer Zeiten, in denen es dem Verfasser allenfalls deucht, den himmlischen Vater zu vernehmen, sind in Büschings Rede alle Hemmungen gefallen. Gott gibt in wörtlicher Rede zu verstehen, dass Stegelmann ihn als einen gnädigen Herrn antreffen wird.[18] Neben dieser vermeintlich göttlichen Ansprache dürfte die euphorische Lobpreisung des Verstorbenen entscheidend dazu beigetragen haben, dass Büschings vollmundige Rede, die zusammen mit weiteren Teilen bereits 1763 separat im Druck erschienen war,[19] nicht bei allen gut ankam. Er erwähnt in seiner "Lebensgeschichte", dass der russische Schriftsteller Alexander Petrowitsch Sumarokov eine satyrische Parodie auf die Gedächtnißrede verfasste, um die er, Büsching, sich aber nicht gekümmert habe.[20]
Mit ihrem übertriebenen Personenkult ist Büschings Grabrede auf Heinrich Christian Stegelmann im Kontext all jener Reden, die der Band "Der Christ bey den Särgen" vereint, eher untypisch. Zumeist geht es nüchtern und sachlich zu oder auch einfühlsam wie bei Büschings letzten Worten auf seine verstorbenen Kinder. In ihrer variablen, offenen Struktur ohne dominanten biblischen Bezug verkörpern Büschings Grabreden einen Versuch, die gedruckten lutherischen Leichenpredigten durch neue Ausdrucksformen zu ersetzen.
PD Dr. MARION KOBELT-GROCH ist Privatdozentin am Historischen Seminar, Arbeitsbereich Deutsche Geschichte, der Universität Hamburg.
Bestand: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
Signatur: 8 HLP I, 8642
Enthalten in: Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts (VD18 10927492)
Anmerkungen:
[1] Rudolf Mohr, Das Ende der Leichenpredigten, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 3, Marburg (Lahn) 1984, S. 327.
[2] Marina Arnold, Die Leichenpredigten der Herzog August Bibliothek und ihre Erschließung, in: Überlieferung und Kritik. Zwanzig Jahre Barockforschung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung 21), Wiesbaden 1993, S. 108.
[3] Rudolf Lenz, Leichenpredigten - eine Quellengattung, in: Blätter für deutsche Landeskunde 111 (1975), S. 20, Anm. 24.
[4] Alfred Schleißing, Die Glaubwürdigkeit der Leichenpredigt des 16. und 17. Jahrhunderts. Eine Untersuchung über den Quellenwert einer Literaturgattung (Fortsetzung und Schluß), in: Mitteilungen des Roland 27 (1942), S. 17.
[5] Ebd.
[6] Peter Hoffmann, Anton Friedrich Büsching (1724-1793). Ein Leben im Zeitalter der Aufklärung, Berlin 2000.
[7] Anton Friedrich Büsching, D. Anton Friderich Büsching, königl. preußisch. Oberconsistorialraths, Directors des vereinigten berlinischen und cölnischen Gymnasiums, und der beyden Schulen desselben, eigene Lebensgeschichte, in vier Stücken, Halle (Saale) 1789, S. 378 (VD 18 11356235), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München, PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10062081-6 (Zugriff: 01.12.2015).
[8] Ders., Der Christ bey den Särgen [...], Hamburg 1766, S. 5 (VD18 10927492), Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (im Folgenden SUB Göttingen), PURL (Werk): http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN819411949 (Zugriff: 01.12.2015).
[9] Ebd., S. 5f.
[10] Ebd., S. 6.
[11] Ebd.
[12] Ebd., S. [23].
[13] Ebd., S. 47f.
[14] Casimir Lemmerich, Geschichte der deutschen Hauptschule St. Petri in St. Petersburg, St. Petersburg 1862, S. 51.
[15] Büsching, Der Christ (wie Anm. 8), S. 40.
[16] Ders., Lebensgeschichte (wie Anm. 7), S. 377.
[17] Ders., Der Christ (wie Anm. 8), S. 55.
[18] Ebd., S. 48-50.
[19] Ders., Die St. Peters-Schule stiftet ihrem grossen Wohltäter, dem Hochedelgebohrnen Herrn, Herrn Heinrich Christian Stegelmann, Kaiserlichem Hof- und Cammer-Factorn, berühmtem Kaufmanne und höchstverdientem Aeltesten der Evangelischen St. Peters-Gemeinde, dieses Denkmahl ihrer dankbaren Hochachtung durch die pflichtmäßige Bemühung ihres Directors D. Anton Friedrich Büschings, St. Petersburg 1763 (VD18 10118357), Digitalisat der SUB Göttingen, PURL (Werk): http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN61701471X (Zugriff: 01.12.2015).
[20] Ders., Lebensgeschichte (wie Anm. 7), S. 380.
Zitierweise: Marion Kobelt-Groch, Heinrich Christian Stegelmann (1708-1763). Vom Ende der gedruckten lutherischen Leichenpredigten – und was kommt danach? Anton Friedrich Büschings St. Petersburger Grabreden, in: Leben in Leichenpredigten 01/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/heinrich-christian-stegelmann-1708-1763.html>

