Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Heinrich Adolph von Schlitz gen. von Görtz (1608-1625)

01.02.2010

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Volker Puthz

Denkmale von Stein und Papier – Ein Epitaph in der Lutherischen Pfarrkirche zu Marburg

Lutherische Pfarrkirche St. Marien, Marburg [1/3]

Außer gedruckten Leichenpredigten gab es in der Frühen Neuzeit weitere dauerhafte Formen der Erinnerung an Verstorbene. Derartige Zeugnisse öffentlicher Trauerarbeit sind beispielsweise Epitaphien, die - ebenso wie die Leichenpredigten - nicht allein vom Seelenheil des Individuums kündeten, sondern zugleich auch immer der Selbstdarstellung der Angehörigen der Geehrten innerhalb der Gesellschaft dienten. Denn mit Hilfe dieser von einem Grab unabhängigen Denkmäler konnte soziale Repräsentation auch und gerade dann realisiert werden, wenn die Bestattung in einer Kirche nicht erlaubt war.[1]

Ein interessantes Beispiel für ein solches steinernes Denkmal stellt das Epitaph auf Heinrich Adolph von Schlitz gen. von Görtz,[2] einen Studenten der Marburger Universität, dar. Bemerkenswert ist es vor allem deshalb, weil der eingemeißelte Text ein Trauergedicht aus den Anhängen der Leichenpredigt zitiert und somit gedruckte Schrift und handwerkliche Arbeit in einen Kontext setzt. Die Leichenpredigt auf Heinrich Adolph, übrigens die älteste auf einen Schlitzer Standesherrn, wurde gehalten von Justus Feuerborn (1587-1656), damaligem Professor der Theologie in Marburg, und im Jahre 1625 in Marburg gedruckt.[3] Aus ihr und aus einem Eintrag in den Matrikeln der Universität Marburg[4] erfahren wir etwas über die kurze Lebensgeschichte Heinrich Adolphs: Bereits mit elf Jahren wurde er auf die Hohe Schule nach Gießen geschickt. Der Dreißigjährige Krieg nötigte ihn aber, wieder nach Schlitz zurückzukehren, wo er eine Weile Privatunterricht genoss. Anfang Mai 1625 setzte er dann zusammen mit seinem Bruder, Otto Hartmann, das Studium in Marburg fort. Nach kurzer Krankheit starb er dort schon am 15. November 1625. Im Matrikeleintrag (Original in lateinischer Sprache) wird seiner mit diesen Worten gedacht: Beisetzungen: 17. November. Der Hochedle gerechte Heinrich Adolph von Schlitz, genannt von Görtz, der zu großen Hoffnungen Anlaß gegeben hat auf Grund seiner einzigartigen Tugend und Erziehung. Mitten unter den Bitten seines Bruders und seines Lehrers und der in seltener Treue und beispielhaften Liebe Beistehenden hat er (vermutlich von der Pest befallen) in wahrer Erkenntnis und in inbrünstiger Anrufung des einzigen Retters, Jesus Christus, friedlich sein Leben ausgehaucht und ist der Mutter Erde zurückgegeben worden.

Das große Epitaph für Heinrich Adolph selbst befindet sich in der Vorhalle der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien in Marburg. Sein Auftraggeber war die Adelsfamilie von Schlitz. Sie hat nicht nur in Schlitz steinerne Zeugnisse hinterlassen, sondern auch an anderen Orten der näheren und ferneren Umgebung. Abgesehen vom Görtzischen Palais in Hamburg finden sich Grabsteine bzw. Grabtafeln auf Familienangehörige mit Inschriften, die auch auf Schlitz hinweisen, in Itzehoe,[5] Butzbach[6] und eben in Marburg. Das Epitaph besitzt ein oberes und ein unteres Feld mit Wappen der Familie und mit Symbolen, ein Mittelfeld mit Inschrift und ringsherum eine Inschrift (siehe Abb. 3). Das obere Bildfeld zeigt das Schlitzer und das Riedeselsche Wappen (als die Wappen der Eltern des Toten) sowie Symbole der Vergänglichkeit (Schädel, Stundenglas) und der Auferstehung (Engelsflügel), das untere Bildfeld die Wappen derer von Hees und Berlepsch (den Großeltern des Toten) sowie einen Engel. Als umlaufender Text (wenige Fehlstellen) ist zu lesen: HENRICUS ADOLPHUS EX EQUE // STRI F[AMILIA] GOERTZORUM PROGNAT[US] PIETATIS ET BON.ARTIUM [...] // [...] HUC PIE MORT. CHRISTIANO // RITU POSITUS EST RESURGER [...] OVISS. DIE AD ÆTERN. BEATIT. (Heinrich Adolph aus der Adelsfamilie der Görtze, (Student) der Theologie und der Freien Künste ist hier nach seinem Tod nach christlichem Ritus beigesetzt worden. Er wird am jüngsten Tag zu ewiger Glückseligkeit auferstehen.)

Im Text der Mittelinschrift des Epitaphs findet man, als Chronostichon,[7] das oben erwähnte, der Leichenpredigt auf Heinrich Adolph entnommene Epicedium wieder. Die deutsche Übersetzung der lateinischen Inschrift lautet: Die unschuldige Blüte des Görtzischen Geschlechts, Heinrich Adolph, der sechste in der Kette seiner Brüder, ist hinweggerafft worden. Für ihn hat die ewige Ruhe im Himmel begonnen, die ihm willkommen ist unter den mächtigen Himmelschören. Er, der ehemalige Student, ist geboren in Schlitz am 9. Juli 1608, gestorben in Marburg am 15. Nove[m]ber 1625 im Alter von 17 Jahren, 4 Monaten und 5 Tagen C[onrad] Bachm[ann] M[agister].[8]

 

Dr. VOLKER PUTHZ ist promovierter Entomologe, pensionierter Studiendirektor und zurzeit ehrenamtlicher Leiter des Burgmuseum Schlitz.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel
Signatur: 4° Ms. Hass. 171 [2
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in Kasseler Bibliotheken, Archiven und Museen (Marburger Personalschriften-Forschungen 42), Stuttgart 2006

 

Anmerkungen:

[1] Zu Epitaphien siehe z.B. Anne-Dore Ketelsen-Volkhardt, Schleswig-holsteinische Epitaphien des 16. und 17. Jahrhunderts, Neumünster 1989.

[2] In Schlitz ist Heinrich Adolph bezeugt auf dem großen Barock-Epitaph für Wilhelm Balthasar von Schlitz im Chor der Stadtkirche. Dort ist bei der Aufzählung der Kinder des Verstorbenen (nach dem fünften Sohn) zu lesen: "Der Adolphf Heinrich hies, Der als er Achtzehn mal Die Sommer lust gesehn, Schlieff er zu Marpurg ein Die Musen hört man noch umb Ihn betrübet sein."

[3] Vgl. Volker Puthz, Bey Christo will ich bleiben, in: Schlitzer Bote, 23.11.2000, Nr. 273.

[4] Julius Caesar (Hg.), Catalogus studiosorum Scholae Marpurgensis, Bd. 4, Marburg 1887.

[5] Vgl. Heinrich Sippel, Der tote Görtz von Itzhoe und sein zwielichtiger Onkel, in: Schlitzer Bote, 29.02.1992, Nr. 51.

[6] Vgl. Volker Puthz, Spuren der Familie von Schlitz genannt v. Görtz in Butzbach, in: Butzbacher Geschichtsblätter 2000, Nr. 148.

[7] D.h. die groß hervorgehobenen Buchstaben ergeben, zusammengezählt, das Todesjahr des Verstorbenen.

[8] Für Hilfe bei der Übersetzung danke ich Frau Dr. G. Vögler und Herrn H. Faitz.

 

Zitierweise: Volker Puthz, Heinrich Adolph von Schlitz gen. von Görtz (1608-1625). Denkmale von Stein und Papier – Ein Epitaph in der Lutherischen Pfarrkirche zu Marburg, in: Leben in Leichenpredigten 02/2010, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/heinrich-adolph-von-schlitz-gen-von-goertz-1608-1625.html>

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