Georg Ulrich von Beulwitz (1661-1723)
01.08.2015
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Unter stetiger Arbeit und Sorge – Selbstverständnis und -darstellung eines adligen Fürstendieners
Porträt Georg Ulrichs von Beulwitz
Wie sich ein adliger landesherrlicher Amtsträger auf der höchsten Stufe der Macht in einem kleinen Territorium des Alten Reiches selbst darstellt, für seine Memoria sorgt und sein amtliches Handeln zu rechtfertigen sucht, zeigen exemplarisch die autobiographischen Personalia des Georg Ulrich von Beulwitz (1661-1723).[1] Sie geben auch Aufschluss über die Begründung und Konstruktion adligen Standes- und Amtsethos zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Zur Legitimation eines Adligen reichte in dieser Zeit nicht mehr allein der Verweis auf eine Abstammungsgemeinschaft aus.[2] Darüber hinaus waren individuelle Leistung und ein Lebenswandel nachzuweisen, der sich an nicht standesspezifischen religiös-ethischen Normen orientierte. Das ist zu Beginn dieses autobiographischen Textes zu erkennen. Georg Ulrich von Beulwitz distanziert sich deutlich von Standesgenossen, die lediglich von der Reputation ihrer Vorfahren zehren. Sie habe er niemals des Adels für würdig gehalten. Vielmehr solle der ererbte Adel Begierde und Eifer wecken, sich durch beständiges tugendhaftes Verhalten auszuzeichnen. Derartige Formulierungen sind für adlige Leichenpredigt-Personalia jener Zeit nicht untypisch. Im Folgenden gibt Beulwitz, der aus einem alten thüringischen Adelsgeschlecht stammt,[3] allerdings noch einen kurzen Abriss seiner Familiengeschichte und zählt seine Vorfahren auf.
Beulwitz kam in Löhma im Südosten Thüringens zur Welt. Gemeinsam mit einem ein Jahr älteren Bruder wurde er zunächst von Privatlehrern unterrichtet, ehe beide auf die Landschule in Rudolstadt kamen und dann 1678 ein Studium in Leipzig begannen. Beide konzentrierten sich auf ihr vor allem juristisches Studium[4] und hielten sich von Müßiggang fern, wie Beulwitz betont und als Vorbild empfiehlt. Hier zeigt sich ein Leistungsethos, das allerdings religiös begründet wird. Nach einer halbjährigen Zwangspause bei ihren Eltern wegen einer Seuche setzten die Brüder ihr Studium in Jena fort. Ihrer produktiven Studiengemeinschaft wurde durch den frühen Tod des Bruders 1681 ein jähes Ende gesetzt. Ab 1682 vertiefte Beulwitz seine auf der Universität erworbenen juristischen Kenntnisse in Merseburg und in seiner engeren Heimat durch die Praxis.
Am 2. Juni 1684 trat er auf Anraten und mit Unterstützung seines Vaters eine Kavalierstour nach Frankreich an. Diese Reise wird von ihm relativ ausführlich beschrieben. Sie führte ihn über die Stationen Genf und Tours nach Paris. In dieser Stadt verbrachte er fast ein halbes Jahr. Mitte 1685 trat er seine Rückreise an, die ihn durch die Niederlande an den Rhein führte. In seiner Heimat kam er im September 1685 an.
Im März des darauffolgenden Jahres trat er in die Dienste des Grafen Johann Georg III. von Mansfeld-Eisleben (1640-1710). Nachdem er zunächst die Funktion eines Hofmeisters für einen jungen Grafen von Solms, der am mansfeldischen Hof erzogen wurde, ausgeübt hatte, erhielt er nach ein paar Monaten eine Bestallung als Hof-, Justiz-, Konsistorial- und Bergrat, die er bis 1692 innehatte. Beulwitz deutet an, wie diffizil seine Arbeit in den Diensten eines mindermächtigen Reichsstandes mit eingeschränkter Souveränität war.[5]
Im Jahr 1692 nahm ihn sein Lehnsherr, Graf Albrecht Anton von Schwarzburg-Rudolstadt (1641-1710), in die Pflicht und ernannte ihn zum Kanzleidirektor in Frankenhausen. Aufschlussreich für Selbstverständnis und Amtsethos adliger landesherrlicher Bediensteter sind seine Äußerungen über diesen Abschnitt seiner Karriere. Beulwitz versteht es durchaus, seine blutsaure Arbeit zu würdigen, die er meint, in diesem Amt geleistet zu haben. So schreibt er beispielsweise, wegen des damaligen Zustandes des Landesteils, für den er verantwortlich war, manchen Kummer und manche schlaflose Nacht erlitten zu haben. Allerdings erwähnt er auch, sein Dienstherr habe ihn durch viele Gnadenbeweise motiviert.
Den Höhepunkt seiner Karriere erreichte Beulwitz 1702 mit seiner Ernennung zum Kanzler in Rudolstadt. Er stand nun an der Spitze von Regierung und Verwaltung der Grafschaft Schwarzburg-Rudolstadt, die 1710 zum Fürstentum erhoben wurde.[6] In eine Bescheidenheitsformel gekleidet, stellt er sich selbst das Testat aus, neben der Besorgung seiner ordentlichen Tätigkeiten auch die Rechte seiner Landesherrschaft in schwierigen Verwicklungen und Auseinandersetzungen - auch mit Mächtigeren - vertreten sowie die mit der Fürstung des Hauses Schwarzburg-Rudolstadt verbundenen Angelegenheiten geregelt zu haben.[7] Wichtig ist es ihm dabei, seine Treue und Redlichkeit gegenüber dem Fürstenhaus herauszustellen. Er spricht von seiner unermüdlichen Vorsorge und Tag und Nacht währenden Arbeit. Dabei sei er öfters keiner geringen Gefahr ausgesetzt gewesen. Offenbar hatte sich Beulwitz vor allem durch sein Verhalten in einem eskalierenden Konflikt zwischen Landesherr und Untertanen wegen der zunehmenden Steuerlast[8] unbeliebt gemacht. So zogen Handwerker aus Stadtilm, Königsee und Blankenburg 1716 nach Rudolstadt, um Fürst Ludwig Friedrich I. (1667-1718) eine Bittschrift zu überreichen, die Beschwerden gegen Beulwitz enthielt.[9] Seine Kontrahenten warfen ihm auch vor, sein Amt zum persönlichen Vorteil missbraucht zu haben.[10] In einem Schreiben des Fürsten Friedrich Anton (1692-1744) an Kaiser und Reichshofrat ist die Rede davon, dass Kanzler Beulwitz von Untertanen bedroht worden sei.[11]
Selbsteinschätzung und -rechtfertigung des Kanzlers sprechen auch aus einem weiteren, kurzen Selbstzeugnis, das im ergänzenden Nachspann zu seinem eigenhändigen Lebenslauf enthalten ist (S. 50). Es handelt sich um eine Art Lebensbeichte, die er seinem Beichtvater, dem Rudolstädter Oberpfarrer Johann Elias Sommer, kurz vor seinem Tode ablegte. Amts-Zorn und Eyfer sieht er darin nicht als Sünde an. Er bereut es aber, wenn er mit bößartigen Gemüthern, mit denen er in seinem Amt leider meistens zu tun gehabt habe, zu weit gegangen sei. Aus diesen Worten mag man erahnen, warum Beulwitz bei den Untertanen seines Landesherrn unbeliebt war und heute von Historikern als rücksichtslos, herrschsüchtig, selbstherrlich und autoritär bezeichnet wird.[12]
Dr. JÖRG WITZEL ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.
Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Fun. div. IV
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), 4 Bde., Stuttgart 2010
Anmerkungen:
[1] Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen überarbeiteten Abschnitt aus folgendem Aufsatz: Jörg Witzel, Autobiographische Texte aus Thüringer Leichenpredigten der Frühen Neuzeit. Eine digitale Edition, in: Helmut Flachenecker/Janusz Tandecki (Hg.), Editionswissenschaftliches Kolloquium 2013. Neuere Editionen der sogenannten "Ego-Dokumente" und andere Projekte in den Editionswissenschaften (Publikationen des Deutsch-Polnischen Gesprächskreises für Quellenedition 7), Torún 2015, S. 27-44, hier S. 37-39. - Der gedruckte Lebenslauf findet sich in der Trauerschrift: Heinrich Christoph Ludwig, Des Hochwohlgebohrnen Herrn [...] Georg Ulrichs von Beulwitz [...] Lebens=Lauff [...], Rudolstadt 1724, S. 35-53 (VD18 11543671). Die Autobiographie ist als Volltext in der digitalen Edition "AutoThür" der Forschungsstelle für Personalschriften erfasst. Über folgenden Link können der Lebenslauf und alle weiterführenden Informationen abgerufen werden: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/digitale-editionen/autothuer/georg-ulrich-von-beulwitz-1661-1723.html (Zugriff: 25.06.2015).
[2] Zur Bedeutung der Abstammung für die Selbstlegitimation des Adels und ihren Grenzen vgl. Ronald G. Asch, Ständische Stellung und Selbstverständnis des Adels im 17. und 18. Jahrhundert, in: Ders. (Hg.), Der europäische Adel im Ancien Régime. Von der Krise der ständischen Monarchien bis zur Revolution (ca. 1600-1789), Köln 2001, S. 3-45, besonders S. 11f.; Elizabeth Harding/Michael Hecht, Ahnenproben als soziale Phänomene des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Eine Einführung, in: Diess. (Hg.), Die Ahnenprobe in der Vormoderne. Selektion - Initiation - Repräsentation (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme. Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496, 37), Münster 2011, S. 9-83, besonders S. 73f.
[3] Zur Familie von Beulwitz vgl. Ernst Heinrich Kneschke (Hg.), Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon, Bd. 1, Leipzig 1859 (ND Hildesheim/New York 1973), S. 394-396.
[4] Zur Bedeutung des Jurastudiums in der adligen Bildung vgl. Ronald G. Asch, Europäischer Adel in der Frühen Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 2008, S. 136f.
[5] Zum prekären Status dieser Grafschaft vgl. Elisabeth Schwarze-Neuss, Untersuchungen zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der Grafschaft Mansfeld, insbesondere der magdeburgisch-preußischen Hoheit, in: Sachsen und Anhalt 18 (1994), S. 525-549, hier S. 526-530.
[6] Vgl. Ulrich Heß, Geschichte der Staatsbehörden in Schwarzburg-Rudolstadt (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Große Reihe 2), Jena 1994, S. 14-17 u. 174.
[7] Zu den außen- und innenpolitischen Problemen des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt vgl. Siegrid Westphal, Revolution in Rudolstadt? Der Bulisiussche Landstreit im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 61 (2007), S. 131-156, hier S. 138-147.
[8] Zu diesem sog. Bulisiusschen Landstreit vgl. ebd.
[9] Vgl. Horst Fleischer, Vom Leben in der Residenz Rudolstadt 1646-1816, Rudolstadt 1996, S. 57.
[10] Vgl. Land- und Ausschußtage in Schwarzburg-Rudolstadt 1531-1736 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Große Reihe 4), bearb. von Hans Herz, Jena u.a. 1997, S. 277.
[11] Vgl. Westphal, Revolution in Rudolstadt (wie Anm. 7), S. 144.
[12] Vgl. Heß, Geschichte der Staatsbehörden (wie Anm. 6), S. 17; Frank Esche, Friedrich Anton. 1692 - 1718 - 1744, in: Die Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, 3. Aufl., Rudolstadt 2001, S. 33-47, hier S. 33 und 36.
Zitierweise: Jörg Witzel, Georg Ulrich von Beulwitz (1661-1723). unter stetiger Arbeit und Sorge –Selbstverständnis und -darstellung eines adligen Fürstendieners, in: Leben in Leichenpredigten 08/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/georg-ulrich-von-beulwitz-1661-1723.html>

