Franz Gürich (1705-1796) • Anna Susanna Gürich, geb. Wolf (1712-1793) • Johann Gottlieb Gürich (1740-1815)
01.06.2014
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Leichenpredigten als Quelle historischer Familienforschung – Aufstieg einer Familie aus der Lehnsabhängigkeit ins Bürgertum
Leichenpredigt auf Franz Gürich
In der Familie Gürich haben sich drei Leichenpredigten im Original erhalten.[1] Sie gelten einem Ehepaar und ihrem Sohn. Von den uns bekannten Vorfahren stehen sie in der dritten und vierten Generation. Die Trauerschriften entstanden in einer Zeit, als der Höhepunkt der Publikation von Leichenpredigten bereits seit zwei Generationen vorüber war. Sie weisen zwei Besonderheiten auf: Einerseits liegen sie in handschriftlicher Form vor, andererseits hat sich herausgestellt, dass sie auch als zeitgenössische Drucke in der Rubrik "Denkmäler" der Schlesischen Provinzialblättern[2] veröffentlicht wurden. Durch die Fülle der in den Leichenpredigten geschilderten Lebensumstände ihrer Vorfahren hat diese Familie, bis zum Jahre 1705 zurückreichend, ein Gesicht bekommen. Was sich bis heute eher zufällig an Wissen über die Vorfahren erhalten hat, lässt sich mithilfe der Trauerschriften einordnen, gewichten und sogar korrigieren. Die Auswertung der Leichenpredigten führte auch dazu, mit Erfolg gezielter nach ergänzenden Informationen Ausschau zu halten. Aus einem punktuellen Wissen sind durch die Leichenpredigten zusammenhängende Lebensgeschichten geworden.
Die Leichenpredigt für Franz Gürich, den Vater, bietet eine Fülle biographischer Daten. Über seine Kindheit heißt es beispielsweise: Weil eben an dem Orte, wo er lebte, [...] besonders damahls der betrübte Zeitpunkt war, wo die Geistlichkeit einer andern und schon genanten Kirche bemühet war dergleichen Kinder von ihrem Glauben zu dem sie sich bekanten, abfällig zu machen, ja wohl gar zu ihrer Religionsgenoßenschaft zu zwingen suchten. [...] Die Erb- und Lehnsfrau seines schon erwehnten Geburtsorts Neudorff [d.i. Neudorf bei Leobschütz, poln. Nowa Wieś Głubczycka], eine Frau von Schneckenhaus [d.i. Eleonora Helena Elisabeth von Schneckenhaus, geb. Freiin von Skrbensky] ihn bey nacht und Nebel, auf eine heimliche weise, um diesen traurigen Nachstellungen noch bey Zeiten entrißen werde, [...] nach Löwen [poln. Lewin Brzeski] ohnweit Brieg [poln. Brzeg] schickte und dadurch rettete.[3]
Verwandte der Frau von Schneckenhaus nahmen sich des damals zehnjährigen Kindes an. Nachdem ihm zunächst Erdmuth Louisa Eleonora Gräfin von Beess und Chrostin, ebenfalls eine geborene Freiin von Skrbensky, in Löwen den Dienst eines Pagen in ihrem Hause übertragen hatte, sorgte sein Lehnsherr Carl Heinrich von Schneckenhaus dafür, dass Franz, um etwas rechtschaffenes zu lernen, in Breslau (poln. Wrocław) bei einer großbürgerlichen Familie unterkam. Dort durfte er auch am, durch einen Hoffmeister erteilten, Privatunterricht der Kinder teilnehmen. Obwohl er sogar die Möglichkeit gehabt hätte zu studieren, zog es Franz zur erlernung der Gärtner-Kunst. Nach der Lehre in den reichsgräflichen Gärten in Löwen, die damals neu geplant und angelegt wurden, ging er auf Wanderschaft durch Europa. Neben der Heirat und der Geburt seiner Kinder schildert der Lebenslauf im Weiteren ebenso Einzelheiten über die beruflichen Stationen, bei denen er als Gärtner diente. Eingeflochten in die Ausführungen ist der Einfluss der Schlesischen Kriege auf die Familie. So wurde Franz Gürich durch die Auswirkungen der Kriegshandlungen u.a. genötigt, seine Anstellung auf Schloss Tannhausen (poln. Jedlinka) in Niederschlesien bei dem in habsburgischen Diensten stehenden Feldmarschall Johann Christoph Freiherr von Seheer-Thoss (1677-1743) aufzugeben. Zuletzt war er 28 Jahre Kastellan auf Schloss Kittlitztreben (poln. Trzebień) nördlich von Bunzlau (poln. Bolesławiec), einem der Schlösser des Reichsgrafen von Hochberg. Franz Gürich und seine Frau lebten zuletzt bei ihrem ältesten Sohn und starben beide im Alter von über 90 Jahren. Nur über die Lebensläufe von zweien ihrer insgesamt elf Kinder wissen wir heute Näheres. Der älteste Sohn wurde Pfarrer, ein jüngerer Sohn übte wie sein Vater den Beruf des Schlossgärtners aus und wurde zum Ahnherrn einer bis zum Zweiten Weltkrieg in Schlesien verbreiteten Gärtner-Dynastie.
Die Leichenpredigt auf Anna Susanna, geb. Wolf, Franz Gürichs Ehefrau, die drei Jahre vor ihrem Gatten starb, bietet nur wenig persönliche Angaben. Als Tochter eines Lederfabrikanten lernte sie ihren Ehemann als jungen Gärtner des Schlosses Pfaffendorf (poln. Szarocin) bei Landeshut (poln. Kamienna Góra) kennen.
Die dritte erhaltene Leichenpredigt ist diejenige auf den schon erwähnten ältesten Sohn von Franz und Anna Susanna Gürich, Johann Gottlieb Gürich, dessen Lebensweg ebenfalls glückliche Umstände aufweist und der, wohl auch bedingt durch die Biographie seines Vaters, Theologie studierte, um Pfarrer zu werden. Johann Gottlieb wurde 1740 geboren, dem Jahr der Besetzung Schlesiens durch Preußen, was zugleich den Ausbruch des Ersten Schlesischen Krieges bedeutete und damit den Beginn des Österreichischen Erbfolgekrieges markierte. Als er zehn Jahre alt war, trat Johann Gottliebs Vater in den Dienst des Hirschberger (poln. Jelenia Góra) Arztes Johann Ehrenfried Thebesius, der durch Einheirat seines Vaters in eine der Familien der reichen Leinengroßhändler, den sogenannten Schleierherren, zum Patriziat der Stadt gehörte. Die Kaufmannsozietät der Schleierherren hatte Dank geschickter Verkaufspolitik, insbesondere hinsichtlich der hier produzierten Produkte der Leinen- und Schleierweberei, auf den europäischen Märkten innerhalb von nur zwei Generationen einen enormen Reichtum erwirtschaftet.[4] Öffentlichen Ausdruck fand das mit diesem Reichtum unmittelbar verbundene, gesteigerte Repräsentations- und Geltungsbedürfnis der Schleierherren in Konkurrenz mit dem Adel u.a. auch in der Errichtung immer eindrucksvollerer Barockgärten in der Umgebung der Stadt, von der nun auch Franz Gürich profitierte. Die Familie seines Arbeitgebers ermöglichte Johann Gottlieb den Besuch des Gymnasiums.
Als sein Vater nach vier Jahren, wie schon angesprochen, nach Kittlitztreben in die Dienste des Grafen von Hochberg wechselte, konnte Johann Gottlieb nicht nur weiterhin die höhere Schule in Hirschberg besuchen, sondern er wurde sogar in die Familie Thebesius aufgenommen. In den Personalia heißt es dazu: Er ward in den Knabenjahren durch seine Gönnerin, der Frau Doctor Thebesius, zum Kaufmannsstande gewidmet; doch Abneigung für diese Lebensart, und die Liebe zum Studium bestimmten seinen weiteren Lebensweg. Nun erwarb er sich die zu seinem künftigen Berufe erforderliche Kenntniß auf dem Lyceo zu Hirschberg und der Universität zu Frankfurth an der Oder. Nach dem Theologiestudium befand er sich [...] durch 10 ½ Jahre [...] als Hauslehrer im hochgräflichen Hause von Reichenbach Goschütz. Danach übernahm Johann Gottlieb Gürich eine Pfarrstelle in Schmollen (poln. Smolna), einem Dorf nahe Oels (poln. Oleśnica), und heiratete. Als seine Frau frühzeitig starb, hinterließ sie vier kleine Kinder. Der Witwer heiratete ein zweites Mal, eine in Berlin geborene Nachfahrin hugenottischer Einwanderer, die in jungen Jahren in eine Stellung bei den Grafen von Reichenbach-Goschütz auf Schloss Goschütz (poln. Goszcz) vermittelt worden war. Zum Wendepunkt seines Lebens wurde im Jahr 1812 der Rückzug der im Russlandfeldzug geschlagenen napoleonischen Armee. Plünderungen, persönliche Misshandlungen und die Ansteckung mit einem unter den Soldaten grassierenden Nervenfieber führten zur Entkräftung Johann Gottlieb Gürichs und schließlich zu seinem Tod.
Er lebte in einer Zeit großer Umbrüche: Geboren 1740, das mit der preußischen Annexion ein 'Schicksalsjahr' Schlesiens darstellt, und 1815 im Alter von 75 Jahren gestorben, als die Ära Napoleons endete. Zwei seiner überlebenden Söhne wurden ebenfalls Pfarrer in Schlesien, die Töchter heirateten in bürgerliche Familien ein. In den folgenden Generationen erwies sich die Familie als sehr bildungsorientiert und nutzte die sich in dieser Hinsicht ergebenden Möglichkeiten konsequent für den weiteren beruflichen und sozialen Aufstieg.
Aufgrund der familiengeschichtlichen Angaben in den Leichenpredigten begann eine Spurensuche, um die geschilderten Lebensumstände durch weitere familiäre und allgemein-historische Belege zu stützen. In den verschiedenen Zweigen der Nachfahren-Familien fanden sich Personenstandsurkunden und weitere familienbezogene Dokumente, die die Angaben in den Leichenpredigten bestätigten und erhellten - so etwa von Franz Gürich ein auf Pergament geschriebener Gesellenbrief aus dem Jahre 1731 und ein von Johann Gottlieb Gürich verfasstes, vierzehnseitiges Gedicht, 1762 in Hirschberg publiziert, in dem er seinen großen Dank gegenüber Gott, dem König, seinen Gönnern und seiner Familie zum Ausdruck bringt. Im Zuge der Beschäftigung mit diesen Leichenpredigten stellte sich außerdem heraus, dass Johann Gottlieb Gürich die Veröffentlichung der biographischen Passagen der Leichenpredigten seiner Eltern als Nachruf unter der Rubrik "Denkmal" in den Schlesischen Provinzialblättern veranlasst hatte. Darüber hinaus wurden in weiteren Ausgaben dieser Zeitschrift auch ein von ihm verfasster Nachruf aus dem Jahr 1792 zum Tod seiner ersten Frau, eine Heiratsanzeige seiner zweiten Ehe und Geburtsanzeigen für seine Kinder gefunden. Schließlich publizierte sein ältester Sohn 1815 die Leichenpredigt auf den Vater in vollem Umfang, ebenfalls in den Schlesischen Provinzialblättern. Sie ist umrahmt von drei langen Elegien der Witwe und der jüngeren Kinder.[5]
Die vorgestellten drei Leichenpredigten erweisen sich als eine Art Nachklang zu dieser Form des Totengedenkens, welches damals bereits seinen Zenit überschritten hatte. Zum einen sind sie Belege, dass auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei Beerdigungen Grabreden mit informativen Lebensläufen verfasst wurden. Zum anderen lässt die Veröffentlichung von längeren Nachrufen, wie etwa in den Schlesischen Provinzialblättern - hier nimmt deren Zahl über die Jahre sogar merklich zu, was insbesondere auch für den Anteil der Nachrufe aus dem bürgerlichen Milieu gilt - den Wunsch nach einer Fortsetzung der Tradition der gedruckten Leichenpredigt erkennen.
Wesentliche Absicht der Leichenpredigten war, neben dem Trost der Hinterbliebenen, die Vergewisserung der Trauergemeinde, dass jedes Individuum durch ein gottgefälliges Leben die Seligkeit erlangen konnte. Wobei hier insbesondere der Übertritt zur evangelischen Konfession und die damit einhergehenden Abgrenzung von der katholischen Kirche gemeint war, die den Konfessionswechsel zur Häresie erklärt hatte. Durch die Aufklärung und die sich damit verändernde Einstellung zu Religion und Glaube sowie die folgenden geisteswissenschaftlichen und religionspolitischen Neuorientierungen in Staat und Gesellschaft stellte sich dieser ursprünglich notwendige Argumentationsgang als nicht mehr erforderlich heraus. An die Stelle des theologischen Rechtfertigungsdruckes trat die Bedeutsamkeit des Verstorbenen für die Familie bzw. auch der Familie selbst. Man könnte sagen, das Totengedenken verschob ab dem frühen 19. Jahrhundert seinen Horizont vom Jenseits hin ins Diesseits. Die Herauslösung des Lebenslaufes aus der Predigt - bzw. die Veröffentlichung eines Nachrufes an Stelle einer Leichenpredigt - weist auf diese veränderte Grundeinstellung hin. Dabei konnte in der Leichenpredigt der ursprüngliche Aufbau weiterhin als klassisches Gerüst, geradezu als Zeichen einer Kontinuität, beibehalten werden.
ROLF GÜRICH ist evangelischer Pfarrer i.R. in Roßdorf bei Darmstadt. In dem von ihm betreuten umfangreichen Familienarchiv wird eine Vielzahl von Dokumenten zur Geschichte der Familie bewahrt.
Bestand: Familienarchiv Gürich, Roßdorf
Anmerkungen:
[1] Standort: Familienarchiv Gürich, 64380 Roßdorf. - Alle drei Personen sind nachgewiesen im Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) der Forschungsstelle für Personalschriften an der Philipps-Universität Marburg. Für weitere Informationen siehe "Güerich" / "Gürich" unter Registersuche, URL: http://www.personalschriften.de/datenbanken/gesa/gesa-registersuche.html (Zugriff: 08.05.2014).
[2] Die Schlesischen Provinzialblätter erschienen von 1785 bis 1849 in Breslau als monatliches Periodikum mit jeweils ca. 100 Seiten. Sie enthielten stets einen Teil mit kurz gefassten Personenstandsmitteilungen, geordnet nach "Geburten" / "Trauungen" / "Todesfällen". Waren Nachrufe zu Erscheinungsbeginn der Provinzialblätter zunächst eine Ausnahme und zwischen den kurzen Mitteilungen eingefügt, bildeten sie später unter der Rubrik "Denkmäler" einen gesonderten Teil der Ausgaben. Alle Jahrgangshefte sind durch die Schlesische Bibliothek Kattowitz (Biblioteka Śląska Katowice) digitalisiert worden und im Rahmen der Schlesischen Digitalen Bibliothek (Śląska Biblioteka Cyfrowa) online abrufbar unter URL: http://www.sbc.org.pl/dlibra/docmetadata?id=897&from=publication (Zugriff: 08.05.2014).
[3] Ergänzungen jeweils durch den Autor.
[4] Ein Ausdruck des Wohlstandes der Schleierherren war die Errichtung von aufwendigen Gruftkapellen auf dem Friedhof der Gnadenkirche in Hirschberg. Sie sind in den letzten Jahren restauriert worden, begleitet von zahlreichen online gestellten Artikeln. Siehe z.B. im Rahmen dieser Artikelserie Gerhard Schiller, Christian Mentzel (1667-1748). Das Leben eines Hirschberger Schleierherrn als Kaufmann, Bankier und Mäzen seiner Heimatstadt, in: Leben in Leichenpredigten 12/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe, URL: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/christian-mentzel-1667-1748.html (Zugriff: 08.05.2014); als neueste Publikation Ders., Der Hirschberger Gnadenfriedhof mit seinen Grufthäusern. Erinnerung an seine Geschichte und die hier Ruhenden, Jelenia Góra 2013.
[5] Die drei Leichenpredigten als Nachrufe in den Schlesischen Provinzialblättern:
- Gürich, Franz in: 24 (1796), S. 194f.;
- Gürich, Anna Susanna, geb. Wolf, in: 17 (1793), Anhang S. 67;
- Gürich, Johann Gottlieb in: 62 (1815), Anhang S. 226-235.
Ein weiterer Nachruf auf Gürich, Sophie Beate, geb. Tornau, in: 15 (1792), Beilage (nicht nummeriert), S. 22-24.
Zitierweise: Rolf Gürich, Leichenpredigten als Quelle historischer Familienforschung – Aufstieg einer Familie aus der Lehnsabhängigkeit ins Bürgertum, in: Leben in Leichenpredigten 06/2014, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/franz-guerich-1705-1796-anna-susanna-guerich-geb-wolf-1712-1793-johann-gottlieb-gueric.html>

