Elisabeth von Meysebug, geb. Robinson (1629-1681)
01.11.2013
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Spiegel einer recht-Tugend-edlen Matronen – Das Leben einer (un)gewöhnlichen Adligen?
Kirche in Riede [1/2]
Als Elisabeth von Meysebug am 10. März 1681 im Alter von 52 Jahren in Schmalkalden verstarb, hatte sie den Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn als Hofmeisterin der verwitweten Landgräfin Hedwig Sophie von Hessen-Kassel erreicht. Die anlässlich ihrer Beerdigung von Hofprediger David Pforr verfasste Leichenpredigt bezeugt jedoch mehr als nur die aufrichtige Trauer des Kasseler Hofes und den Trost für den Witwer Wolrad von Meysebug. Insbesondere der in der 60-seitigen Leichenpredigt immerhin zehn Seiten umfassende Lebenslauf dokumentiert nicht nur die einzelnen Stationen von Elisabeths Leben, sondern belegt anschaulich die Mobilität weiblicher Adliger im 17. Jahrhundert sowohl in geographischer als auch in sozialer Hinsicht. Indem die wichtigsten Lebensabschnitte der Verstorbenen aufgezählt werden, wird die Hofmeisterin in den Bezugsrahmen der europäischen Politik des 17. Jahrhunderts gesetzt. Gleichzeitig werden dadurch eindrucksvoll nicht nur die hessisch-englischen Beziehungen belegt, sondern auch die europaweit agierende Adelsgesellschaft präsentiert.
Elisabeth von Meysebug wurde 1629 in Lancaster als Tochter von Peter Robinson und seiner Gattin Margaretha, geb. Foulcke, geboren und lebte von Kindesbeinen an in einem höfischen Umfeld, da ihr Vater Kammermeister bei König Karl I. von England war.[1] Nach einer ersten umfassenden Erziehung in wahrer Gottesfurcht und allen Christ-Adelichen Tugenden[2] verließ Elisabeth Robinson England, da sie mit einer entfernten Verwandten, Elisabeth Gräfin von Löwenstein-Wertheim, Großhofmeisterin der englischen Prinzessin Elisabeth Stuart, verwitwete Pfalzgräfin und Königin von Böhmen, nach Den Haag reiste.[3] Dort wurde sie Kammerjungfrau von deren zweiten Tochter, Henriette Marie von der Pfalz, die sie nach Ungarn zu ihrer Hochzeit mit Fürst Sigmund Rákoczy, einem Sohn des Fürsten Georg I. Rákoczy von Siebenbürgen, begleitete.[4] Da die junge Fürstin jedoch kurz nach ihrer Vermählung am 28. September 1651 verstarb, wurden Elisabeth Robinson und die übrigen Bediensteten Henriette Maries entlassen.[5]
Elisabeth kehrte ins Reich zurück und trat noch im gleichen Jahr in Kasseler Dienste, zunächst als Kammerjungfrau von Prinzessin Elisabeth Henriette und zwei Jahre später bei Landgräfin Hedwig Sophie, geb. Markgräfin von Brandenburg. Bis zu ihrem Lebensende blieb die Engländerin nun in Hessen. 1669 heiratete sie Wolrad von Meysebug, blieb jedoch weiterhin als Kammerjungfrau, aber auch als Erzieherin der beiden Prinzessinnen Charlotte Amalie und Elisabeth Henriette im Dienste der Kasseler Landgräfin.[6] Als die langjährige Hofmeisterin Juliane Elisabeth von Wallenstein im Jahr 1677 Prinzessin Charlotte Amalie, die mit dem späteren dänischen König Christian V. verheiratet wurde, nach Dänemark begleitete,[7] stieg Elisabeth von Meysebug in die Position der Hofmeisterin bei Hedwig Sophie auf.
Der Lebenslauf von Elisabeth Robinson, verheiratete von Meysebug, liest sich wie viele andere Biographien von adligen Damen des 17. Jahrhunderts, die in der höfischen Hierarchie in das höchste Amt, das eine Frau erlangen konnte, aufstiegen und Hofmeisterin wurden.[8] Entscheidend war für ihre Karriere die in ihrer Jugend erhaltene gute Ausbildung, aber gleichzeitig die vor allem über weibliche Mitglieder verschiedener Hofstaaten zu ihren Gunsten wirkenden Netzwerke.[9] Die "Türöffnerin" spielte dabei offensichtlich Elisabeth von Löwenstein-Wertheim, die sie mit an den Exil-Hof der "Winterkönigin" nahm, wo sie ihre erste Stellung erhielt.
Wird nach der Betrachtung des Lebenslaufes der Versuch unternommen, die Kernaussage der Leichenpredigt, die Verstorbene sei eine im tiefen Glauben gefestigte Stütze der Hofgemeinde und stete Hilfe in sozialen Bereichen gewesen, in der archivalischen Überlieferung nachzuspüren, finden sich erstaunliche Belege für ebendiese Behauptung. Zwar lässt sich die Hofmeisterin von Landgräfin Hedwig Sophie bisher nur in einer Akte greifen,[10] aber hier sind unterschiedliche Bittgesuche um ihren Einsatz bei der Landgräfin vor allem in sozialen Belangen verwahrt. Dies war eine der Hauptaufgaben einer Hofmeisterin, die als enge Vertraute und "rechte Hand" einer Fürstin den Zugang zur ersten Dame eines Hofes kanalisierte.[11] Dennoch belegen die Schriftstücke, wie erfolgreich Elisabeth von Meysebug das Amt der Hofmeisterin versah.
Dabei wird in den Briefadressen an Elisabeth von Meysebug stets auch ihr Geburtsname genannt, der Hinweis auf ihre englische Herkunft ist, doch dies ist in der Frühen Neuzeit üblich, da für eine Adlige die Herkunftsfamilie von erheblicher identitätsstiftender Relevanz war.[12] Dass die Hofmeisterin der Hessen-Kasseler Landgräfin aus England stammte, wird genauso wenig erörtert wie die Tatsache, dass sie offenbar die deutsche Sprache beherrschte, ohne die sie die unterschiedlichsten Positionen am Hof sicher nicht hätte bekleiden können. Eine weitere Aufgabe der Hofmeisterin war die Aufsicht über das religiöse Leben im Frauenhofstaat.[13] Vor diesem Hintergrund ist möglicherweise die auffällige Anzahl von Übersetzungen englischer Erbauungsliteratur im Nachlass von Hedwig Sophie auf den Einfluss ihrer Hofmeisterin zurückzuführen,[14] zumal diese wohl eine recht enge Beziehung zur Landgräfin hatte.[15]
Elisabeth Robinson war durch ihre Heirat mit Wolrad von Meysebug aber nicht nur in das Kasseler Hofleben integriert, sondern versah auch ihre Aufgabe als weiblicher Part des adligen Arbeitsehepaares des Oberhofmarschalls von Meysebug und seiner hofmeisterlichen Gattin innerhalb der lokalen Adelsgesellschaft erfolgreich, wobei die Bedeutung des Paares von Meysebug auch nach außen kommuniziert wurde.[16] Noch heute sichtbare Zeichen dafür sind die nach Umbauarbeiten durch Wolrad von Meysebug am Schloss zu Riede angebrachten Wappen der von Meysebug und Robinson. Beide Wappen finden sich auch in der über dem Eingang der Schlosskirche von Riede angebrachten Tafel, die anlässlich der Einweihung der Kapelle am 18. Mai 1674, bei der Hedwig Sophie und der spätere Landgraf Karl anwesend waren, angebracht wurde.[17]
Insgesamt lässt sich über Elisabeth von Meysebug sagen, dass ihr hier präsentierter Lebenslauf der typische Lebensweg einer Hofmeisterin im 17. Jahrhundert ist. Die Auseinandersetzung mit weiblichen Funktionsträgern an den Höfen weist jedoch auf Forschungsdefizite hin: Diese liegen zunächst in der noch nicht angemessenen Analyse weiblicher Netzwerke an den europäischen Adelshöfen, denn abgesehen von Wien und München liegen weder für einzelne Höfe noch hofübergreifend Forschungsergebnisse vor, die zu systematisierenden Aussagen über die geographische und soziale Mobilität weiblicher Adliger im 17. Jahrhundert herangezogen werden könnten.[18] Aber auch die Beziehungen von Hessen-Kassel und anderer Dynastien des Alten Reiches zu England, die offensichtlich bereits vor der Anglophilie des 18. Jahrhunderts bestanden,[19] lohnen, tiefer erforscht zu werden. Wie sich aus der Biographie von Elisabeth Robinson, verheiratete von Meysebug nachweisen lässt, war die englische Hofdame an deutschen Höfen wohl kein Kuriosum.
Dr. EVA BENDER ist Historikerin mit den Forschungsschwerpunkten Bildungs- und Prinzenreisen, adlige Memoria sowie höfische und politische Kommunikation in der Frühen Neuzeit.
Bestand: Universitätsbibliothek Marburg
Signatur: VIIn B 662 Leichenpredigten Rinteln, Bd. 9
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstigen Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Marburg (Marburger Personalschriften-Forschungen 2), 2 Bde., Marburg/Lahn 1980
Anmerkungen:
[1] Aus der Leichenpredigt für Elisabeth von Meysebug, geb. Robinson, verfasst von David Pforr, Seelen-Friede Deren im Herrn Sterbenden [...], Schmalkalden 1681, S. 48 (VD17 3:643909P), hier verwendet das Exemplar der Universitätsbibliothek Marburg, Sign.: VIIn B 662 Leichenpredigten Rinteln, Bd. 9), Digitalisat des Exemplars in der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale), Sign.: Pon Zc 6541, QK, URN (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-82097 (Zugriff: 10.09.2013). Das Folgende, wenn nicht anders vermerkt, nach den Personalia, S. 48-58.
[2] Ebd., S. 51.
[3] Elisabeth Stuart (1596-1662) heiratete am 14. Februar 1613 den späteren Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz (1596-1632), der 1619-20 auch König von Böhmen war und als sogenannter "Winterkönig" bekannt wurde. Nach der gescheiterten Schlacht am Weißen Berg zog er sich mit seiner Familie in das Den Haager Exil zurück. Vgl. Margret Lemberg, Eine Königin ohne Reich. Das Leben der Winterkönigin Elisabeth Stuart und ihre Briefe nach Hessen (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 46, 3), Marburg 1996, S. 5-30.
[4] Diese Mobilität war an sich nicht ungewöhnlich, da es die Aufgabe von Hofpersonal war, ihre Dienstherren auch auf Reisen zu begleiten. Vgl. dazu: Eva Bender, "... daß Er mit Sr. Ld. hiernegst zu reisen, um sich beßer zu qualifizieren ...". Hofpersonal als Begleitung bei Prinzenreisen gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in: Elena Taddei/Michael Müller/Robert Rebitsch (Hg.), Migration und Reisen. Mobilität in der Neuzeit (Innsbrucker historische Studien 28), Innsbruck 2012, S.187-199; Britta Kägler, Frauen am Münchener Hof (1651-1756) (Münchener historische Studien, Abteilung Bayerische Geschichte 18), Kallmünz/Oberpfalz 2011, S. 354-373.
[5] Zum Lebenslauf von Prinzessin Henriette Marie v.a. Anna Wendland, Die Heirat der Prinzessin Henriette Marie von der Pfalz mit dem Fürsten Sigmund Rákoczy von Siebenbürgen. Ein Beitrag zur Geschichte des Kurhauses Pfalz-Simmern, in: Neue Heidelberger Jahrbücher 14 (1906), S. 241-278, hier S. 277 mit Anm. 3, dass die Dienerschaft der Prinzessin nach ihrer Beerdigung wieder zurück ins Reich geschickt wurde. Dazu ebenso: Lemberg, Königin ohne Reich (wie Anm. 3), S. 64, gibt das Todesjahr der Prinzessin mit 1650 an.
[6] Christoph von Rommel, Geschichte von Hessen, Bd. 9: Geschichte von Hessen seit dem Westphälischen Frieden bis jetzt, Kassel 1853, S. 53. Elisabeth Robinson war gemeinsam mit Catherine Gibson aus York, der späteren Gattin des Hofmeisters und Regierungsrats Caspar Friedrich von Dalwigk, als Erzieherin der beiden Prinzessinnen tätig.
[7] Louis Bobé, Charlotte Amalie Königin zu Dänemark, Prinzessin zu Hessen-Cassel und die Anfänge der deutsch und französisch-reformierten Kirche zu Kopenhagen, Kopenhagen 1940, S. 1, nennt fälschlicherweise Elisabeth Robinson als Gattin Caspar Friedrich von Dalwigks. Ebd., S. 3 und S. 13, dass Hofmeisterin von Wallenstein zunächst die Kasseler Prinzessin 1667-1669 nach Dänemark begleitete und sie von 1677-1688 erneut dem Hofstaat der nun dänischen Königin vorstand.
[8] Katrin Keller, Hofdamen. Amtsträgerinnen im Wiener Hofstaat des 17. Jahrhunderts, Wien/Köln/Weimar 2005, S. 185-198, wobei es keine typischen Karrieremuster gibt, nur Ähnlichkeiten. Zum Amt der Hofmeisterin: Sabine Koloch, Kommunikation, Macht, Bildung. Frauen im Kulturprozess der Frühen Neuzeit, Berlin 2011, S. 403-415; Kägler, Frauen am Münchener Hof (wie Anm. 4), S. 310-316.
[9] Keller, Hofdamen (wie Anm. 8), S. 180-185, zum Begriff; sowie S. 170-179 zur familiären Konstellation und dem Bezug zur Fürstin.
[10] Hessisches Staatsarchiv Marburg, 4a 52, 21.
[11] Karin Plodeck, Hofstruktur und Hofzeremoniell in Brandenburg-Ansbach vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Zur Rolle des Herrschaftskultes im absolutistischen Gesellschafts- und Herrschaftssystem, Ansbach 1972, S. 107; Keller, Hofdamen (wie Anm. 8), S. 109f.
[12] Pauline Puppel, Die Regentin. Vormundschaftliche Herrschaft in Hessen 1500-1700 (Reihe "Geschichte und Geschlechter" 43), Frankfurt (Main)/New York 2004, S. 237.
[13] Plodeck, Hofstruktur (wie Anm. 11), S. 108; Keller, Hofdamen (wie Anm. 8), S. 107-109.
[14] Jill Bepler, Die Lektüre der Fürstin. Die Rolle von Inventaren für die Erforschung von Fürstinnenbibliotheken in der Frühen Neuzeit, in: Dies./Helga Meise (Hg.), Sammeln, Lesen, Übersetzen als höfische Praxis der Frühen Neuzeit. Die böhmische Bibliothek der Fürsten Eggenberg im Kontext der Fürsten- und Fürstinnenbibliotheken der Zeit (Wolfenbütteler Forschungen 126), Wiesbaden 2010, S. 201-227, hier S. 212f.
[15] Das geht aus den Formulierungen in der Leichenpredigt hervor, die nicht nur als topisch zu werten sind. Vgl. Pforr, Seelen-Friede (wie Anm. 1), S. 57f.: Als Ihre Hochfürstl. Durchl. Sie in Ihrer Schwachheit besuchet/ und die seelige Frau zu ihr sagte: Sie hoffte/ Ihre Durchl. würden von ihr verspüret haben/ daß sie Ihro jederzeit mit unterthänigster Treue und Affection gedienet hätte/ und Ihro Durchl. darauff antworteten/ wie Sie solches wohl erkenneten und wünscheten/daß der höchste GOTT Ihr wiederumb auffhelffen/ und sie ihrer treu-geleisteten Dienste noch ferner geniessen lassen möchte [...].
[16] Zum adligen Arbeitspaar Keller, Hofdamen (wie Anm. 8), S. 188-191.
[17] August Bitter, Das Schloß zu Riede, in: Hessischer Gebirgsbote 90 (1989), H. 3, S. 101f.; Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Hessen, bearb. von Magnus Backes, Sonderausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2. Aufl., Darmstadt 1982, S. 742. Das Wappen befindet sich auch im Kircheninnenraum. Vgl. die entsprechende Internetseite des Kirchenkreises Fritzlar mit der Kirche zu Riede, URL: http://www.kirchenkreis-fritzlar.de/scripts/angebote/2185?layout=4&gesamtverband=30765 (Zugriff: 10.09.2013).
[18] Keller, Hofdamen (wie Anm. 8); Kägler, Frauen am Münchener Hof (wie Anm. 4). Wie im Bereich der weiblichen Netzwerke an Höfen über den Austausch von Büchern und Bibliotheken wesentliche Erkenntnisse gewonnen werden können, zeigen besonders die Forschungen von Jill Bepler. Zuletzt: Jill Bepler, Women's Books and Dynastic Networks in Early Modern Germany. Female Practices of Collecting and Bequeathing, in: Susanne Rode-Breymann/Antje Tumat (Hg.), Der Hof. Ein Ort kulturellen Handelns von Frauen in der Frühen Neuzeit (Musik - Kultur - Gender 12), Köln/Weimar/Wien 2013, S. 295-313 (im Druck).
[19] Zur Anglophilie Michael Maurer, Aufklärung und Anglophilie in Deutschland (Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London 19), Göttingen/Zürich 1987; zu den über weibliche Mitglieder der Familien begründeten Beziehungen zwischen England und dem europäischen Festland Sonja Kmec, Across the Channel. Noblewomen in Seventeenth-century France and England. A Study of the Lives of Marie de la Tour "Queen of the Huguenots" and Charlotte de La Trémoïlle, Countess of Derby, Trier 2010.
Zitierweise: Eva Bender, Elisabeth von Meysebug, geb. Robinson (1629-1681). Spiegel einer recht-Tugend-edlen Matronen – Das Leben einer (un)gewöhnlichen Adligen?, in: Leben in Leichenpredigten 11/2013, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/elisabeth-von-meysebug-geb-robinson-1629-1681.html>

