Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Eitel Philipp Ludwig von und zu Gilsa (1700-1765)

01.07.2015

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Holger Th. Gräf

Ein Held – Die „Leichen-Rede“ auf einen hessischen Militär in ihrer spezifischen Funktion für die adlige Memorialkultur nach dem Siebenjährigen Krieg

Epitaph in der Kirche zu Gilsa [1/3]

Eigentlich war die Blütezeit der Gattung "Leichenpredigt" längst vorbei, als der Ziegenhainer Metropolitan Georg Ernst Otto (1707-1767) am 15. März 1765 seine "Leichen-Rede Bey der Gruft Sr. Excellenz [...] in Dero Erbbegräbnis zu Gilsä"[1] hielt. Doch der Text dieser Beisetzungsrede entfernt sich formal wie inhaltlich weiter von den Leichenpredigten des 17. und frühen 18. Jahrhunderts als üblich. So fehlt beispielsweise die übliche Widmung, und die Trauergemeinde, neben der Familie vor allem die Hochzuverehrenden Herrn Leichenbegleiter, vermutlich die Offiziere des Regiments Gilsa in Ziegenhain, wird direkt adressiert.[2] Vergeblich sucht man ausführlichere Informationen zur Familie Eitel Philipp Ludwigs von und zu Gilsa oder gar eine Ahnentafel. Zudem fehlt auch die Bibelstelle, auf der dann der theologische Teil der Leichenpredigt aufgebaut wurde. Stattdessen ist ein Zitat des römischen Historikers Cornelius Nepos (100-28 v. Chr.) aus dessen Biographie des Spartaner-Königs Agesilaos II. vorangestellt: "In hoc non minus eius pietas suspicienda est quam virtus bellica."[3] So oszilliert der Text zunächst zwischen der sehr persönlichen Betroffenheit und dem Schmerz des Autors sowie dem allgemeinen Lob der menschlichen Tugenden und des militärischen Ruhms des Toten. Der Metropolitan tritt dementsprechend auch weniger als Seelsorger auf, sondern als, in klassisch-antikem Sinne, Gefolgsmann des Toten: Jzt [!] Gnädige und Hochgeehrteste Herrn, stehen bey mir die Thränen eines Clienten für seinen Patronen still.[4] Man wird also mit der Annahme nicht fehl gehen, dass in dieser Leichen-Rede "die zunehmend säkularen Denkweisen"[5] des 18. Jahrhunderts wirken, die letztlich zum Ende dieser Literaturgattung selbst führen sollten.

Eitel Philipp Ludwig von und zu Gilsa gehörte im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) tatsächlich zu den herausragenden Offizieren des hessen-kasselischen Militärs. Als Generalleutnant und Kommandeur selbstständig operierender Einheiten kam er nicht nur mit dem alliierten Oberbefehlshaber Herzog Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel, sondern auch mit König Friedrich II. von Preußen in Kontakt. Ebenso weisen seine Korrespondenzen mit Landgraf Wilhelm VIII. und Landgraf Friedrich II. auf einen vertrauensvollen Kontakt mit seinen Kriegsherren hin. Diese Bedeutung als Offizier hat ihm neben der gedruckten "Leichen-Rede" und der Lebensbeschreibung von der Hand seines Sohnes Georg Ernst von und zu Gilsa im Jahre 1788 auch einen biographischen Eintrag in das mehrbändige Werk über die "Geschichte der größten Heerführer neuerer Zeiten" des seinerzeit vielgelesenen Militärschriftstellers Karl Ludwig O'Cahill eingebracht.[6] An seinem Stammsitz ist er freilich durch das von seinen Hinterbliebenen wenige Monate nach seinem Tod errichtete Epitaph in der Dorfkirche von Gilsa bis zum heutigen Tage präsent geblieben. Auch dessen Inschrift ist ein Zitat des klassischen römischen Dichters Horaz vorangestellt, gefolgt vom Ausdruck der wiederum sehr persönlichen Trauer seiner Hinterbliebenen sowie der Betonung seines militärischen Erfolgs.[7]

Dieses Epitaph, die "Leichen-Rede" und die "Skizze der Lebens-Geschichte" von Georg Ernst sind als spezifische Facetten der Erinnerungspflege an Eitel zu bedenken. Die aktuelle Forschung zur adligen Memorialkultur ist sich weitgehend einig, dass "Memoria, Erinnerung [...], das entscheidende Moment [ist], das 'Adel' konstituiert".[8] Doch die Memoriapflege hat über diese konstituierende Funktion weiter reichende Aufgaben, denn über die "Vorbildwirkung der Ahnen" werden bestimmte Werte innerhalb der jeweiligen Familien wie innerhalb des Standes insgesamt in der Regel unabhängig vom "Wandel der Gesellschaft und der Lebensbedingungen" über Generationen vermittelt.[9]

Ausgehend von der "Leichen-Rede" erlaubt die Betrachtung der Memoriapflege Eitels weitergehende Schlüsse. Bereits der Metropolitan Otto fokussierte am Grab Gilsas in erheblichem Maße die Person des Generalleutnants und vor allem seine militärischen Verdienste, wobei hier zehn Seiten auf den Siebenjährigen Krieg entfallen, während seine vorherige immerhin rund vierzigjährige Laufbahn im Wortsinne als Fußnote abgehandelt wird.[10] Bei O'Cahill nimmt der Siebenjährige Krieg sogar 50 von 52 Seiten ein und in Georg Ernsts "Skizze" sind es 76 von 82 Seiten. Die Teilnahme Eitels am Polnischen Thronfolge- (1733-1738) und am Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1748) bleibt in allen drei Darstellungen auffallend unterbelichtet. Die Memoria innerhalb der Familie konzentrierte sich also ganz überwiegend auf die Verdienste Eitels im Siebenjährigen Krieg. Die Ursache ist darin zu vermuten, dass sein Sohn Georg Ernst - ebenso wie die anderen genannten Autoren - "fritzisch" (Goethe), also pro-preußisch, gesonnen war, wie etwa aus dessen geradezu euphorischen Tagebucheinträgen zu den Siegen Friedrichs II. zu entnehmen ist.[11] Dies macht Georg Ernst, den Metropolitan Otto und O'Cahill im Grunde zu Vorläufern der vom "Beruf Preußens"[12] in der deutschen Geschichte überzeugten Historiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In dieser Perspektive musste selbstverständlich die "bayerisch-französisch-hessische" Waffenbrüderschaft im Österreichischen Erbfolgekrieg eher unterbelichtet bleiben. Stattdessen wird selbstverständlich die persönliche Begegnung Eitels mit dem Preußenkönig am 13. Januar 1760 im sächsischen Freiberg hervorgehoben. Das in diesem Zusammenhang gemachte Geschenk einer Tabaksdose mit dem Porträt des Königs sowie dem entsprechenden Begleitbrief und ein anekdotenhaft überliefertes Gespräch zwischen Friedrich II. und Eitel gehören zu den zentralen "Erinnerungsorten" der Familiengeschichte.[13] Und das, obwohl bereits Felix von und zu Gilsa die letztlich unbelegte Wiedergabe der persönlichen Unterhaltung nach dem Empfang des Geschenks, wie sie 1842 im Frankfurter Konversationsblatt erstmals publiziert wurde, 1887 überzeugend in das Reich der Legende verwiesen hat.[14] Bereits ein Brief Friedrichs II. an Herzog Ferdinand von Braunschweig vom 23. Februar 1760 entzieht diesem angeblichen Gespräch jede Plausibilität.[15] Aus dem Schreiben geht klar hervor, dass der König erst damals, also rund sechs Wochen nach dem Treffen in Freiberg, das Geschenk schickte und Ferdinand bat, dasselbe gemeinsam mit seinem beiliegenden Dankesschreiben an Eitel weiterzureichen - der sich zu diesem Zeitpunkt längst wieder in Niederhessen befand.

Doch im Grunde genommen sind die "Wahrheiten" in diesem Zusammenhang zweitrangig. Entscheidend ist die "Wirklichkeit" dieser Episode und auch des Epitaphs. Das legendenhafte Gespräch entsprach dem Bild des volkstümlichen, gegenüber Militärs geradezu kameradschaftlichen Preußenkönigs, das noch zu Lebzeiten Friedrichs II. aufkam und die borussische Historiographie nachhaltig bestimmen sollte. Die Abhaltung zahlreicher Festakte, Militärparaden und die entsprechende Berichterstattung in der Tagespresse, beispielsweise im Juni 1858 anlässlich des 100. Jahrestages der Schlacht von Krefeld, förderten dieses Bild weiter. Eine zweite Erinnerungswelle ist im wilhelminischen Kaiserreich zu beobachten. So wurde am 7. April 1903, dem Jahrestag der Erstürmung der Burg von Ulrichstein im Jahre 1759, eine Gedenktafel am Massengrab der dabei getöteten hessischen Soldaten der Einheit Gilsas angebracht. Mit ungleich größerem Aufwand wurde anlässlich des 150. Jahrestages der Schlacht von Vellinghausen die Implementierung des Gedenkens an Eitel in die gesamte preußisch-deutsche Erinnerungskultur vorangetrieben. Federführend war dabei der Ururenkel des Helden, der bereits erwähnte Felix von und zu Gilsa (1840-1916), der 1910 eine kleine Monographie über die "Hessen in der Schlacht von Vellinghausen" bei Elwert in Marburg in Druck gegeben hatte. Konsequenterweise gehörte Felix auch dem Ausschuss an, der zur Einweihung des Denkmals am 16. Juli 1911 einlud, das den Zeitgenossen als "Vollendung [eines] nationalen Werkes" galt.[16]

Dies bedeutet letztlich, dass die familiäre Erinnerung an den mit seinem Epitaph bei jedem Kirchgang vor Augen tretenden Helden in der nationalen, preußisch-deutschen Denkmalskultur aufgehoben wurde. Mit ihm hatte gleichsam die ganze Familie teil am Ruhm Friedrichs II. und am Aufstieg Preußens und damit auch am preußisch-deutschen Nationalstaat. Eitel war mit dieser spezifischen Memoriapflege ein, wenn nicht der "sinnstiftende Urahn der Familie"[17] geworden, der sich gleichsam als Leitbild in den politisch-gesellschaftlichen Umbrüchen des 19. und 20. Jahrhunderts anbot. Es ist daher kein Zufall, dass unter seinem Epitaph im Zuge der Renovierung der Kirche 1889 am oberen Rand der Täfelung des Kirchenstandes der Familie folgende, mittlerweile wieder entfernte, Inschrift angebracht wurde: "Dem Andenken der Mitglieder der Freiherrlich von und zu Gilsaschen Familie: Unterhof geweiht, welche an den Kriegen des 19. Jahrhunderts ruhmvollen Anteil genommen haben." Rechts davon, an der Ostwand des Kirchenchores war zudem ein Epitaph für den 1822 geborenen Friedrich Wilhelm Werner von und zu Gilsa aus der freiherrlichen Linie Unterhof angebracht, der am 9. Juli 1866 den Wunden erlag, die er sechs Tage zuvor in der Schlacht von Königgrätz als preußischer Major der Infanterie erhalten hatte.

 

Prof. Dr. HOLGER TH. GRÄF ist Akademischer Oberrat am Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde in Marburg. Er ist zudem als Honorarprofessor am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften der Philipps-Universität Marburg tätig.

 

Bestand: Familienarchiv von und zu Gilsa, Neuental-Gilsa
Signatur: Lp 1

 

Anmerkungen:

[1] Georg Ernst Otto, Leichen-Rede Bey Der Gruft Sr. Excellenz Des Hochwohlgebohrnen Herrn Herrn Eitel Philipp Ludwig Von und zu Gilsä [...], Marburg [1766] (Familienarchiv von und zu Gilsa, Lp 1). Das Familienarchiv ist erreichbar über die Adresse: Familienarchiv von und zu Gilsa, c/o Dr. Friedrich-Wilhelm von und zu Gilsa, Gilsatalstraße 9, 34599 Neuental-Gilsa.

[2] Vgl. die kurze Beschreibung der Beisetzung durch seinen Sohn: Holger Th. Gräf/Lena Haunert/Christoph Kampmann (Hg.), Adliges Leben am Ausgang des Ancien Régime. Die Tagebuchaufzeichnungen (1754-1798) des Georg Ernst von und zu Gilsa (Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte 26), Marburg 2010, S. 178.

[3] "Bei dieser Gelegenheit ist seine Pflichttreue gegen das Vaterland nicht minder hoch zu achten, als seine kriegerische Tüchtigkeit." Cornelius Nepos, Agesilaos, Kap. IV, § 2.

[4] Otto, Leichen-Rede (wie Anm. 1), S. 6.

[5] Heike Düselder, Art. "Leichenpredigt", in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 7, hg. von Friedrich Jaeger, Stuttgart 2008, Sp. 821-823, hier Sp. 822.

[6] Georg Ernst von und zu Gilsa, Skizze der Lebens Geschichte meines seligen Vatters [Ms.] (Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 von Gilsa: Familien- und Gutsarchiv v. Gilsa); Karl Ludwig O'Cahill, Geschichte der Größten Heerführer neuerer Zeiten, 13 Bde., Frankenthal 1785-1790, hier Bd. 10, Frankenthal 1788, S. 84-136.

[7] Abgedruckt in: Holger Th. Gräf, "Ein Held" - Eitel Philipp Ludwig von und zu Gilsa (1700-1765), (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 46,14), Marburg 2015, S. 86.

[8] Otto Gerhard Oexle, Memoria als Kultur, in: Ders. (Hg.), Memoria als Kultur (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 121), Göttingen 1995, S. 9-78, hier S. 37f.

[9] Gudula Walterskirchen, Adel in Österreich heute. Der verborgene Stand, Innsbruck/Wien 2010, S. 151.

[10] Otto, Leichen-Rede (wie Anm. 1), S. 19, Anm. (*).

[11] Gräf/Haunert/Kampmann (Hg.), Adliges Leben (wie Anm. 2), S. 122, 130.

[12] Johann Gustav Droysen, Zur Charakteristik der europäischen Krisis (1854), in: Ders., Politische Schriften, hg. von Felix Gilbert, München 1933, S. 307-342, hier S. 335f.

[13] Der Deckel der Dose mit dem Porträt Friedrichs II. von Preußen befindet sich noch heute im Besitz der Familie.

[14] Frankfurter Konversationsblatt 1842, Nr. 7, S. 28; zur Richtigstellung: Felix von und zu Gilsa, Miscellen zur Geschichte des Siebenjährigen Krieges, in: Mitteilungen des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 1887, S. C.I-IV.

[15] Johann Gustav Droysen u.a. (Hg.), Politische Correspondenz Friedrichs des Großen, 46 Bde., Berlin/Leipzig 1879-1939, hier Bd. 19, S. 120f., Anm. 4; sowie Gräf/Haunert/Kampmann (Hg.), Adliges Leben (wie Anm. 2), S. 100.

[16] Heinrich Dreckhoff, Festschrift zur Erinnerung an den 16. Juli 1911. Das Siegesdenkmal des Herzogs Ferdinand von Braunschweig bei Vellinghausen, Soest 1911, S. 12; vgl. auch den immerhin zweiseitigen Bericht zur Denkmalseinweihung im Westfälischen Anzeiger Nr. 165 vom 17. Juli 1911.

[17] Ganz ähnliche Vorgänge beobachtet Alexander Jendorff am Beispiel der mit der Familie von Gilsa verwandten Wintzingerodes auf dem Eichsfeld und deren Umgang mit der Erinnerung an ihren Ahn Barthold: Alexander Jendorff, Der Tod des Tyrannen. Geschichte und Rezeption der Causa Barthold von Wintzingerode (Bibliothek Altes Reich 9), München 2012, S. 259.

 

Zitierweise: Holger Th. Gräf, Eitel Philipp Ludwig von und zu Gilsa (1700-1765). Ein Held – Die „Leichen-Rede“ auf einen hessischen Militär in ihrer spezifischen Funktion für die adlige Memorialkultur nach dem Siebenjährigen Krieg, in: Leben in Leichenpredigten 07/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/eitel-philipp-ludwig-von-und-zu-gilsa-1700-1765.html>

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