Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Christian Gottfried Heidenreich (1671-1687)

01.02.2011

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Helga Petzoldt

[...] wer hat dirs gewiesen also aus der Welt zu scheiden? – Seliges Sterben und Selbsttötung in der Frühen Neuzeit

Die Fürstenschule St. Afra in Meißen [1/2]

Der Suizid hat sich als Thema der Frühneuzeit-Forschung im vergangenen Jahrzehnt auch im deutschsprachigen Raum endgültig etabliert. Für Kursachsen liegt seit 2010 eine grundlegende Studie zur Geschichte der Selbsttötung vom 16. bis 19. Jahrhundert vor.[1] Neben weltlichen und geistlichen Berichten können aussageträchtige Selbstzeugnisse von Betroffenen für solche Untersuchungen besonders wertvoll sein. Mit der hier vorgestellten Trauerschrift aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig versuchte ein Vater, den außergewöhnlichen und suizidale Züge tragenden Tod seines Sohnes zu bewältigen.

Christian Gottfried Heidenreich erblickte am 10. Januar 1671 als Sohn von David Heidenreich (1637-1705) und dessen Frau Margarete, geb. Jahn (gest. 1674), das Licht der Welt. Der Vater war Pfarrer in Großkmehlen[2] und förderte seinen ältesten Sohn mit liebevoller Sorgfalt. Vater Heidenreich war froh und stolz, als sein Sohn – so wie er einst – die Fürstenschule Sankt Afra in Meißen besuchen konnte. Die Zeugnisse der afranischen Lehrer und Erzieher bescheinigten Christian Gottfried ebenfalls schon frühzeitig hervorragenden Fleiß, u.a. habe der Junge die Bibel bereits sechsmal durchgelesen. Mit seinen allerannehmlichste[n] Bezeugungen gegen Lehrer und Erzieher sei man vollkommen zufrieden.

In den Pfingsttagen des Jahres 1687 besuchten Christian Gottfried und sein Präzeptor Andreas Kraut (gest. 1698)[3] die Eltern in Großkmehlen. Als Kantor der Fürstenschule in Meißen war Kraut ein Lehrer des jungen Heidenreich und dem Vater schon viele Jahre gut bekannt. Die Eltern waren sehr zufrieden mit den Lernfortschritten ihres Sechzehnjährigen. Aber schon wenige Tage später beunruhigte den Vater eine Inskription, eine besondere Eintragung, in einem Brief des Sohnes. Sie erreichte den Vater am Sonnabend vor Trinitatis (24. Mai 1687), eine Woche nach dem letzten Wiedersehen. Die Nachricht in lateinischer Sprache war eingebunden in einen auswendig und inwendig beschriebenen Brief, darinnen Klage Ach und Wehe, schilderte der Vater.

Am Abend des 27. Mai 1687, zwischen acht und neun Uhr, geschah die Tragödie, die der Vater aus seiner Sicht in der Trauerschrift darstellte. Er lässt keinen Zweifel daran, dass der Sohn mit der Besteigung des Daches gegen die Schul-Leges verstoßen habe. Aber den im Raum stehenden Vorwurf einer Selbsttötung wollte er entkräften. Es werde glaubhaft berichtet, schrieb er deshalb, Christian Gottfried habe in Herrn Praecentor Silligs[4] Cammer [...] Sterbe Gedancken gehabt, allda er auch das Lied: Nun last uns den Leib begraben! omine ut patuit, maxime sinistro, Cantator cygnus funeris ipse sibi, auf dem Clavier gespielet, und sey darauf dem erbärmlichen Tode entgegen gestiegen. Warum kletterte der unbedachtsame Steiger zu seinem eusersten Unglück hin, fragte der Vater in der Schrift weiter, da ihn auf dem Dache stehend, etliche in Kammern befindliche condiscipuli zuschriehen: Er solle doch zu ihnen hinein steigen, und nicht weiter gehen, daß Gott erbarm! er würde fallen.

Trotz der Bemühungen der Beobachter konnte Christian Gottfried nicht aus der Gefahrensituation geleitet werden. Sicher ist, dass er schließlich vom Dach auf das Pflaster stürzte. Ob er vor den Augen der Mitschüler verunglückte oder absichtlich in die Tiefe sprang, gibt die väterliche Darstellung nicht preis. Christian Gottfried starb am 28. Mai gegen 2 Uhr morgens, nachdem ihm der herbeigerufene Arzt zwo Adern hatte eröfnen lassen. Die starken Selbstzweifel des Vaters werden noch unterstrichen durch den Versuch, dem Sohn bei der Schilderung dessen letzter Lebensstunden die Möglichkeit für Reue im Sterben zu bezeugen. Interessanterweise verwendet der Vater an dieser Stelle wie beiläufig das Wort Springer.

Für den Vater war das Leichenbegängnis am 12. Juni 1687 vor Schmerz kaum zu ertragen. Am Tag nach der Beisetzung begann er Klage-Blätter aufzusetzen: Er trachte danach, begann er die Vorbemerkungen an den Leser, entweder meinen Jammer mit andern Verrichtungen zu überschütten, und denen allerbittersten Anfechtungen des allzeit in trüben Wässern fischenden Satans den Anlauf zu verrameln, oder doch durch continuierliche Arbeit in so kläglicher Materie mein Hertz [...] so zu verhärten, daß ichs endlich gantz gewohnen müste. Die chronologische Beschreibung der Ereignisse in der Trauerschrift des Vaters wird durch Beispiele und Vergleiche aus Geschichte und Kirchenpolitik, durch theologische Erörterungen und Zitate lutherischer Positionen zum selb-Mord untermauert.

Von Ungewissheit gequält, sucht der Vater verzweifelt nach Erklärungen und zeichnet zur Warnung auch ein abschreckendes Bild von Teufel, Hölle und ewiger Verdammnis. Die unzähligen Fragen in den Klageblättern zeigen, wie sehr der Tod des Sohnes den Vater in seinen Überzeugungen erschütterte. Er fragt ihn: [...] allzukühner Wage Hals, was woltest du [...] auf de[m] Dache? Liegen die Ursachen für dieses Tun bei dir selbst oder außer dir? Es war dem Pfarrer und Vater Heidenreich ein großes Bedürfnis, zum seligen Tod seines Kindes was gewisses auszusagen. Gott sei kein Zurnebock, er habe dem Sohn vergeben: Mein Kind ist selig gestorben. In diesem Wunsch bestärkt wurde er durch zahlreiche, ihm vorliegende Zeugnisse, die offensichtlich im Zuge von Ermittlungen entstanden und in Einzelfällen sogar notariell beglaubigt waren. Bemerkenswert bleibt darunter u.a. der besondere Zuspruch und Trost durch eine Frau: Maria Elisabeth Keilig aus Königsbrück muste mich mit argumenten die bey Frauenvolcke nicht so gar gemein sind, aufmuntern, meinen Sohn nicht als ein verlohrnes Kind zu sehen, so der Vater.

Am Ende der Trauerschrift unterstützte der Verfasser den Gedanken, eine gewünschte statuâ zur Mahnung am Ort des Unglücks zu stiften. Aus welchen Gründen auch immer nahm er dies in der Vorbemerkung an den Leser jedoch wieder zurück. Stattdessen gab er der Hoffnung Ausdruck, seine Schrift möge als Memorial und Vermächtnis seines Sohnes verstanden werden.

Aus mehreren Gründen kann diese Trauerschrift als besondere Quelle für historische Untersuchungen zur Frühen Neuzeit angesehen werden. Im Jahr des Geschehens bereits gedruckt[5] und 1717 aus bisher nicht bekannten Gründen nahezu unverändert wieder aufgelegt, zeigt sie beeindruckend die Strategie der Verarbeitung eines vermutlichen Suizids bei Familienangehörigen, zitiert Aussagen von Zeugen, wirft ein Licht auf ärztliches Handeln zur Lebensrettung und erwähnt Bestrebungen zur Errichtung eines Mahnmals am Ort des Geschehens.

 

Dr. HELGA PETZOLDT war von 1991 bis 2011 Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Leipzig
Signatur: Fam.700
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Leipzig (Marburger Personalschriften-Forschungen 50), Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Alexander Kästner, Tödliche Geschichte(n): Selbsttötungen und Suizidversuche in Kursachsen 1547-1815, Diss. Technische Universität Dresden 2010 [Ms.], S. 29-85; David Lederer, Madness, Religion and the State in Early Modern Europe. A Bavarian Beacon (New Studies in European History), Cambridge 2006, S. 145-196; Vera Lind, Selbstmord in der Frühen Neuzeit. Diskurs, Lebenswelt und kultureller Wandel am Beispiel der Herzogtümer Schleswig und Holstein (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 146), Göttingen 1999, S. 315-462.

[2] Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen, Bd. 4, hg. vom Verein für Pfarrerinnen und Pfarrer in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen e.V., Leipzig 2006, S. 186.

[3] Reinhard Vollhardt, Geschichte der Cantoren und Organisten von den Städten im Königreich Sachsen, Leipzig 1978, S. 218 und 452.

[4] Ebd., S. 218.

[5] David Heidenreich, Threni Cmelenenses oder Kmelische Klage-Blätter [...], Bautzen 1687 (VD17 14:014042U), Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, PURL: http://digital.slub-dresden.de/id373479077 (Zugriff: 26.01.2011).

 

Zitierweise: Helga Petzoldt, Christian Gottfried Heidenreich (1671-1687). [...] wer hat dirs gewiesen also aus der Welt zu scheiden? – Seliges Sterben und Selbsttötung in der Frühen Neuzeit, in: Leben in Leichenpredigten 02/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/christian-gottfried-heidenreich-1671-1687.html>

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