Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Catharina Elisabeth Stryk, geb. Leidenfrost (1644-1674)

01.02.2015

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Marion Kobelt-Groch

[...] da sie auf dem Kreißstuel alle Kräfte verlohr/ und nach 2. Stunden ihren Geist aufgab – Tod im Kindbett

Aufbahrung Gräfin Maria Elisabeth zu Stolberg-Wernigerode [1/5]

Bis ins 20. Jahrhundert hinein überschattete die Angst vor Komplikationen, übermächtigen Schmerzen und dem eigenen Tod oder dem des Kindes die Freude der werdenden Mutter. Auch wenn eine Frau bereits mehrere Kinder geboren hatte, war sie nicht auf der sicheren Seite. Jede Niederkunft bedeutete eine neue Herausforderung. So starb beispielsweise Eva König, die Ehefrau von Gotthold Ephraim Lessing, erst Wochen nach der Geburt und dem Tod ihres Sohnes am 10. Januar 1778 am Kindbettfieber. Ihr Mann hatte um ihr Leben gebangt und gehofft - vergebens. In einem Brief vom 31. Dezember 1777 schrieb er an seinen Freund Johann Joachim Eschenburg dass "der kleine Ruschelkopf" wohl auch die Mutter mit fortzerre.[1] Und so kam es. Lessing sei fassungslos gewesen und habe am Sarg seiner verstorbenen Frau gebetet, erinnerte sich später die älteste Tochter, eines von vier überlebenden Kindern aus Eva Königs erster Ehe.[2]

Ähnliche Schmerzen und Ängste dürften viele Ehemänner und Väter zu allen Zeiten durchlebt haben, wenn sie nicht nur ihre Ehefrau, sondern auch die Mutter ihrer Kinder durch den Tod verloren und plötzlich vor großen Problemen standen. Zu denen, deren Lebensumstände durch derartige Unglücksfälle radikal verändert wurden, gehörte Christian Stryk, Bruder des bedeutenden Rechtswissenschaftlers Samuel Stryk (1640-1710) und zum Zeitpunkt des Ereignisses Churfl. Brandenb. wolverordnet[r] Zoll- und Licent-Einnehmer in Lenzen, einem kleinen Ort an der Elbe im heutigen Landkreis Prignitz. Seine Frau war am 17. Februar 1674 kurz vor ihrem 30. Geburtstag nach der neunten Entbindung gestorben. Das Kind, ein Junge, kam leblos auf die Welt, die Mutter starb zwei Stunden später. Mit ihrem Tod änderte sich das Leben der Familie schlagartig. Der selbst kränkliche Ehemann und Vater von sechs überlebenden Kindern, den man auf einem Stuhl aus dem oberen Stockwerk des Hauses zu seiner sterbenden Frau tragen musste, sah sich plötzlich einer Situation gegenüber, wie sie schlimmer kaum sein konnte. Wie es in der Leichenpredigt auf seine Frau Catharina Elisabeth geb. Leidenfrost, heißt, habe er sich mit ihr besprechen wollen und wegen der gnädigen Erlösung/ darüber er hertzlich erfreuet war/ ihr zu gratulieren. Was war gemeint? Gratulierte der Ehemann der Überlebenden oder der Sterbenden?

Die von Joachim Dreusike verfasste Leichenpredigt[3] lässt keinen Zweifel daran, dass er als Theologe dem Tod dieser Frau und Glaubensschwester durchaus wohlwollend und bejahend gegenüberstand, was er auch von allen anderen erwartete. Das Kinderzeugen einschließlich tödlicher Konsequenzen sei der Frauen Beruf: Sterben sie denn in dieser Heiligen Arbeit/ so sind sie seelig/ so gehen sie ein in die himmlische Schloßkirche und halten ihren freudigen kirchgang im Himmel/ da ihnen irrdische auff dieser Welt in den irrdischen Tempel nicht werden könnte. Luther hatte ähnliche Worte u.a. in seiner Schrift "Vom ehelichen Leben" (1522) gefunden; auch er betont, dass der Tod unter der Geburt nicht beklagenswert, sondern im Gehorsam Gottes erfolge: "Stirbstu drober, so far hyn, wol dyr."[4] Diese Einschätzung, die auch der Verfasser Joachim Dreusike teilt, sagt jedoch letztlich wenig darüber aus, wie im konkreten Fall mit leidenden Gebärenden und Kindbetterinnen umgegangen wurde. Als Katharina von Bora am 22. Januar 1540 an den Folgen einer Fehlgeburt zu sterben drohte, wich der verzweifelte Luther nicht von ihrer Seite. "Er sagte sogar eine Dienstreise ab und versuchte, sie gesundzubeten."[5] Letztlich dürfte selbst Theologen eine überlebende Kindbetterin doch lieber gewesen sein als eine verstorbene, auch wenn dies wie im Falle der Leichenpredigt auf Catharina Elisabeth Stryk nicht zum Ausdruck gebracht werden durfte, um keine Zweifel an Gottes Wirken aufkommen zu lassen. Hier ging es darum, den Tod anzunehmen und zu begrüßen, den die Verstorbene bei ihrer als "heilig" deklarierten Arbeit gefunden hatte. Der bereits in den Titel eingegangene schmertzliche Kreißstuel der Kindbetterin, der im Text immer wieder auftaucht, wird zum Symbol einer ehrenwert ausgeübten Tätigkeit schwerster Art, die vergleichbar ist mit der Arbeit der Lehrer auff ihrem Kirchen-und Predigt-stuel, sowie der Arbeit der Obrigkeit auf ihrem Regenten-Stuel. Obwohl es durchaus Möglichkeiten gab, das Kind in einer anderen Stellung zur Welt zu bringen, erfreute sich der Ende des 16. Jahrhunderts aus Vorgängern weiterentwickelte Gebärstuhl großer Beliebtheit. "Wegen der Kosten fand der Stuhl vor allem bei den begüterten Ständen Verbreitung, wo er zu einem Erbstück wurde, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde".[6]

Dieser hohen Wertschätzung der Geburtsarbeit entsprechend, duldet Dreusike keine Verspottung kreißender Frauen, die in Ehren zu halten seien, und er kritisiert Männer, die Schwangere schlagen und treten, bis die Frucht abgehe oder tot zur Welt komme, womit er Einblicke in eine durchaus raue Wirklichkeit gibt. Andererseits muss er vorsichtig sein, in seiner Lobpreisung der Schwangeren und Gebärenden, denn Kinderzeugen macht an und vor sich selbst nicht seelig/ sonst würde manche Metze verwegen reden. Selbstverständlich wird Wert darauf gelegt, dass die unter der Geburt oder im Kindbett Verstorbene rechten Wandels war. Daran wird in diesem Fall nicht gezweifelt. Sowohl im Leben als auch im Sterben hatte sich Catharina Elisabeth Stryk als untadelige Glaubensschwester erwiesen, die alle gewünschten Tugenden eines züchtigen, gerechten und gottseligen Lebens in sich vereinte. In die Leichenpredigt eingegangene Negativbilder weiblichen Verhaltens treffen auf die Verstorbene nicht zu. Sie war keine Gotteslästerin und Flucherin wie man solche Früchtlein viel findet, und sie war auch keine Blenderin, kurz: keine Sau mit einem güldenen Haarbande. Hervorgehoben wird u.a., dass sie bis spät in die Nacht hinein gebetet habe und nicht nur zum Schein in die Kirche gegangen sei, sondern mit der Absicht Gottes Wort zu hören/ und zu lernen/ wie sie es denn zu Hause fein/ als ein wiederkeuendes Schäfflein/ widerholet. Was sie nicht begriffen hatte, habe sie sich von ihrem Beichtvater erklären lassen, womit jene - im theologischen Verständnis Dreusikes "goldenen" - Zeiten beschworen werden, in denen die Frau in der Gemeinde schwieg und den Mann um Erklärung bat wie einst heilige Weiber der Bibel, darunter Abrahams Ehefrau Sara, die ihre Hoffnung auf Gott setzten/ und ihren Männern unterthan waren.

Interessant ist diese Leichenpredigt nicht nur durch die Art und Weise, wie der Verfasser versucht, den Tod im Kindbett zu begrüßen und ihn mit dem angeblichen Wunsch Gottes und der Verstorbenen zu rechtfertigen, sondern auch durch Äußerungen über rechtes Verhalten während der Schwangerschaft und der Geburt, wobei Dreusikes Ratschläge nicht selten die in Leichenpredigten üblichen phrasenhaften Züge annehmen. Schwangere mögen sich nicht nur vor Trunkenheit, sondern allgemein davor hüten, das arme Kind in Noth/ ja gar umbs Leben zu bringen. Sie sollen auch nicht mit Sachen prahlen, worunter Schmuck, Windeln, Betten und Laken fallen. Hier deutet sich an, dass auch schon vor 350 Jahren die Babyausstattung nicht nur Notwendiges enthielt, sondern auch dazu diente, sich sozial abzugrenzen, wozu die ebenfalls erwähnten Teppiche aus Ägypten nicht minder beigetragen haben dürften. Verpönt ist alles an weltlicher Pracht, was den echten (göttlichen) "Schmuck" in Gestalt von Scham, Zucht, Glaube und Liebe verdrängen könnte. Besonders wichtig ist es, stets zu beten, wobei allein Gott und nicht wie im Katholizismus üblich, auch die Heilige Margaretha angerufen werden soll, der bereits Luther ablehnend gegenüberstand. Wenig Sympathie brachte er auch dem "nerrischen weyber werck" entgegen, womit verpönte magische Praktiken gemeint sein dürften.[7] Nicht nur die Schwangere wird angehalten, häufig zu beten, sondern auch die Gebärende selbst.

Catharina Elisabeth Stryk musste sich unter der Geburt in Anwesenheit ihres Beichtvaters an Gott wenden, wahrscheinlich wollte sie es auch. Immer wenn die Wehen nachließen, habe er fleißig Gebete verrichtet. Er begann jeweils mit den Bittrufen, sie sprach weiter, als das Ende nahte. Zusammen mit Liedern und geistlichen Texten gehören diese Gebete zur " 'praxis pietatis' um die Gebärende"[8], was in besonderem Maße auch für die sterbende Mutter gilt. Die Gebete halfen letztlich genauso wenig wie die Medizin, die der Arzt brachte. Und auch die anwesenden Frauen, womit Freundinnen, Wehmütter sowie nicht nähere beschriebene vornehme Christinnen gemeint sind, konnten nicht helfen; eine Zerstückelung des Kindes im Mutterleib, die auch Dreusike bekannt war, hatte offensichtlich nicht stattgefunden. Catharina Elisabeth Stryk gebar einen toten Sohn und starb kurze Zeit später. Mit ihrem Tod war nicht unbedingt gerechnet worden, denn die anwesenden Männer hatten sich nach der Geburt bereits zu Tisch gesetzt. Dieses beschriebene vielköpfige Team an weiblichen, aber auch männlichen Helfern, die der Gebärenden beistanden, passt nicht so recht in die vertraute Vorstellung von der Geburt als reiner Frauenangelegenheit.

So sehr Dreusike sich auch bemüht, den Tod der mehrfachen Mutter zu rechtfertigen und zu preisen, so scheint er doch zu wissen, dass seine Überzeugungskraft angesichts der prekären Situation begrenzt ist: Solte dieser Kirchgang den Hinterbliebenen Höchstbetrübten nun nicht tröstlich seyn? Nachdrücklich verweist er noch einmal auf den Willen der Verstorben, die von einem hertzlich Verlangen nach dem himmlischen Kirchgang erfüllt gewesen sei. Hätte der Ehemann die Leichenpredigt verfasst, so wäre sie vermutlich etwas anders ausgefallen. Er hatte seine Frau verloren, die Mutter seiner Kinder und, wie er es in seinem Trauergedicht selbst formulierte, seinen besten Freund[9]. Die beigefügten Gedichte bieten in begrenztem Umfang ein Forum für Ängste und Gefühle abseits formelhafter theologischer Sprachmuster. Davon zeugt auch die in ein poetisches Gewand gehüllte Klage des vor einiger Zeit ebenfalls verwitweten Freundes Johannes Coberus, wobei seine Frau nicht im Kindbett, sondern an einer ansteckenden Krankheit gestorben war:[10]

Ich hab diß auch versucht/ ich hab es auch erfahren
Ach leider! in der That nunmehr vor zweyen Jahren/
Da dieser Angst-Pocal mir auch ward eingeschenckt/
Da meine Augenlust ins Erdreich wart gesenckt;
Da ich besitzen blieb mit zehen lieben Kindern/
[...]
Ich weiß wol/ wie es thut/ was es für Schmertzen bringet/
Wie ein so scharffes Schwerd denn durch die Seele dringet/
[...]
Sie kommen doch zu uns nicht wieder in die Welt/
Wir folgen ihnen nach ins schöne Himmels-Zelt.
Darum/ mein Freund/ Herr Stryk/ nur haltet Maaß im weinen/
Gott machts doch/ wie er wil/ hier mit den lieben Seinen.

 

PD Dr. MARION KOBELT-GROCH ist Privatdozentin am Historischen Seminar, Arbeitsbereich Deutsche Geschichte, der Universität Hamburg.

 

Bestand: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Signatur: 12 in: Ee 710-173
Enthalten in: Verzeichnis der im deutschen Sprachraum des 17. Jahrhunderts erschienenen Drucke (VD17 1:036721B)

 

Anmerkungen:

[1] Siehe Paul Raabe, Eva König. Mit einem Geleitwort von Helmut Schmidt, Hamburg 2005, S. 128.

[2] Ebd., S. 129.

[3] Joachim Dreusike, Christlicher Kindbetterinnen Schmertzlicher Kreißstuel/ wolgeschmücktes Kindbette/ und freudenreicher Kirchgang [...], Frankfurt (Oder) 1674 (VD17 1:036721B), Digitalisat des Exemplars der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL: http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00006C1500000000 (Zugriff: 14.01.2015).

[4] Siehe Martin Luther, Vom ehelichen Leben (1522), in: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe), Bd. 10, II, Weimar 1907, S. 267-304, hier S. 296.

[5] Vgl. Elke Strauchenbruch, Luthers Kinder, Leipzig 2010, S. 140.

[6] Vgl. Jacques Gélis, Die Geburt. Volksglaube, Rituale und Praktiken von 1500-1900, München 1989, S. 202.

[7] Luther, Vom ehelichen Leben (wie Anm. 4), S. 296.

[8] Vgl. Patrice Veit, "Ich bin sehr schwach, doch drückst du nach ...". Evangelisches Kirchenlied und seelsorgerische Begleitung von Schwangeren im 17. und 18. Jahrhundert, in: Barbara Duden/Jürgen Schlumbohm/Patrice Veit (Hg.), Geschichte des Ungeborenen. Zur Erfahrungs- und Wissenschaftsgeschichte der Schwangerschaft, 17.-20. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 170), 2. Aufl., Göttingen 2002, S. 49-74, hier S. 67.

[9] Das Epicedium ist im Anhang "Traur-und Trost-Gedichte [...]" der Leichenpredigt abgedruckt. Siehe Dreusike, Schmertzlicher Kreißstuel (wie Anm. 3), Bl. H4v-I1r.

[10] Ebd., Bl. H2r-H2v.

 

Zitierweise: Marion Kobelt-Groch, Catharina Elisabeth Stryk, geb. Leidenfrost (1644-1674). [...] da sie auf dem Kreißstuel alle Kräfte verlohr/ und nach 2. Stunden ihren Geist aufgab – Tod im Kindbett, in: Leben in Leichenpredigten 02/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/catharina-elisabeth-stryk-geb-leidenfrost-1644-1674.html>

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