Anna Behr, geb. Hyller, verw. Dußig (1581-1661)
01.05.2012
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
Das lange Leben und der soziale Aufstieg einer schlesischen Fischerstochter
Auszug aus der Leichenpredigt auf Anna Behr [1/6]
Unser Leben weret siebentzig Jahr/ wenns hoch kömt/ so sinds achtzig Jahr/ und wenns köstlich gewesen/ so ist Mühe und Arbeit gewesen/ denn es fähret schnell dahin/ als flöhen wir davon [...] – auf den 90. Psalm (eine Gebet Moses) baut Samuel Albinus, Diakon an der Elisabethkirche in Breslau (poln. Wrocław), seine 28 Seiten zählende Leichenpredigt[1] auf die 1661 im achtzigsten Lebensjahr verstorbene Färberwitwe Anna Behr auf.[2] In der Frühen Neuzeit, in der der Mensch von vielfachen Krankheiten geplagt war, galt dieses Alter als außergewöhnlich hoch. Selten erreichten es vor allem Frauen, die bei ihren zahlreichen Niederkünften verschiedensten Komplikationen ausgesetzt waren und oft im Kindbett starben. Luthers Worte helfen dem Prediger, seine Predigt didaktisch zu fundieren: Die Verkürzung des menschlichen Lebens sei als Ergebnis einer sündhaften Lebensführung zu betrachten. Während zu Moses’ Lebzeiten der damalige Mensch das 70. oder 80. Lebensjahr erreichen konnte, so setze Martin Luther die Altersgrenze mit 40 oder 50 Jahren an; in diesem Alter ließen nämlich die menschlichen Kräfte nach. Albinus schildert den christlichen Lebenswandel von Anna Behr, indem er sich auf Moses Exemplifizierung des menschlichen Lebens in drei Sinnbildern beruft: einem Buch der Chronica/ mit der Überschrift/ Dies Annorum/ einem geputzten Last-Thiere/ und drüber/ Splendida Miseria: Labor & Afflictio. / einem durch die Lufft fliegenden Adler/ mit der uberschrifft/ Sic avolamus.
Die Leichenpredigt anlässlich des Todes von Anna Behr ist nicht nur wegen des ungewöhnlich hohen Alters der Handwerkerfrau von großem Interesse für den Leser, sondern auch wegen ihres sozialen Aufstiegs, der anhand des Lebenslaufs rekonstruiert werden kann. Anna wurde 1581 als Tochter des Fischers Gregor Hyller in der Breslauer Neustadt geboren. Nachdem sie allzu früh ihre Eltern verloren hatte, fand sie ihr neues Zuhause bei Nathanael Tilesius, Pfarrer von Militsch (poln. Milicz), bei dem sie Dienstmädchen wurde. Das Städtchen Militsch an der polnischen Grenze war damals Haupt-Ort einer freyen Standes-Herrschaft in Schlesien und besaß Fürstliche Prerogativen.[3] So kann den Personalien entnommen werden, dass Anna nicht nur traditionelle christliche Tugenden und Lesen, sondern auch die polnische Sprache im Pfarrhaus lernte. Weitere Erfahrungen in Wirtschafts-Verrichtungen machte Anna auch am Hof der Freiin von Maltzan in Militsch, wo sie mit [einer] rühmlichen recommendation von Tilesius als sein eigen Kind[4] hinkam und sieben Jahre verbrachte. Eine in der Hofetikette bewanderte junge Dame konnte für die Gastwirtschaft Bey dem weissen Schwan von Lorenz Weber und seiner Frau[5] nur von Vorteil sein. Das Ehepaar ersuchte bei der Freiin, um Anna in seine Dienste stellen zu können und nach ihrer Einwilligung verließ Anna bald Militsch. Ihr Fleiß und ihre Kompetenz wurden von Gastwirt Weber so anerkannt, dass er der Jungfrau, die aufgrund ihrer Herkunft wahrscheinlich nur über eine kärgliche Mitgift verfügte, 1610 eine kostbare Hochzeit[6] mit dem Aufdinger Paul Dußig ausrichtete: [...] biß es sich damals ereignete/ daß aus Göttlichem Rath-Schluß der weiland Ehrbare Paul Dußig/ gewesener Auffdinger allhier/ bey der Herrschafft umb sie zu heirathen sich angegeben; welches ehrliche Ansinnen von gedachter Herrschafft auch gar nicht verhindert/ sondern in Betrachtung [der] geleisteten treuen Dienste ihr alle rühmliche Beförderung gethan/ und darzu eine kostbare Hochzeit gemacht/ ja als ihr eignes Kind den 20. Sontag nach Trinitatis/ war der 10. Octobr. Anno 1610. wol ausgesetzt [...].
Aus der sieben Jahre dauernden Ehe entsprangen zwei Söhne, von denen einer früh starb, und der andere, Simon Dußig, sich als Barbierer und Wund-Arzt in Lissa (poln. Leszno) niederließ. Mit 36 Jahren wurde Anna Witwe. Vier Jahre später (1621) heiratete sie den Ehrbaren und Kunstreichen Bürger und [...] Waid- und Schön-Färbern Eltesten Balthasar Behr aus Breslau, dem sie ebenfalls zwei Söhne gebar, welche Nachfolger in dessen im Bürgerwerder erbauten Familienfärberei wurden. Nach 23 Jahren verstarb auch ihr zweiter Gatte, Anna Behr blieb bis zu ihrem Lebensende im Witwenstand. Einer Handwerkerfrau kam nach dem Tod des Ehemanns gewöhnlich die Betreuung bzw. das Weiterführen des Familiengeschäfts zu. Das Elend des menschlichen Lebens, das im Titel des Funeraldrucks steht und im Exordium ausgedeutet wird, weist u.a. auf diese Lebensphase hin: Dazu gehörte nicht nur der Kummer nach dem Tod der Angehörigen, sondern beispielsweise auch die Vernichtung der Färberei durch einen Brand am 10. Dezember 1648, währenddessen Anna Behr selbst eine schwere Verletzung erlitt. Trost brachten der alten Frau das glückliche Eheleben der Söhne und der Wiederaufbau der Färberei mit dem väterlichen Erbe durch den jüngeren Sohn im Jahre 1656, wie die Personalien angeben.
Der für die Leichenpredigten übliche Tugendkatalog der verstorbenen Person wird in der Leichenpredigt von Albinus mithilfe der rhetorischen Darstellung der köstlichen Krone des Lebens umgesetzt. Er knüpft dabei an die bekannte Edelsteinsymbolik an: Sie hat im Leben getragen die Krone mit schönen Edelgesteinen/ so der Apostel Paulus fromen Frauen auffsetzt/ in welcher geglänzet Prudentia die Vorsichtigkeit/ nemlich des Geistes/ das war die wolgeübte Gottesfurcht/ welche als eine Mutter die andern gebäret: Es glänzte die Gedult/ die Keuschheit/ [...] Darumb hat ihr Gott die Krone der Ehren auch auffgesetzt/ wie ihre Lebens-Chronica aus Mosis Worten weiset/ daß sie ihr Leben auff 80. Jahr gebracht.[7]
Die besprochene Leichenpredigt von Samuel Albinus ist in den Beständen der Universitätsbibliothek Wrocław als Teil eines Sammeldrucks (UBWr. Sign. 426037) aufgenommen. Er enthält des Weiteren eine "Gegen-Antwort" (Abdankung, 26 Seiten) von Johannes Acoluthus, damals zweiter Diakon an der Elisabethkirche, ein Epicedium von Christoph Bremer, einem Freund der Familie der Verstorbenen, ein Sonnet von Balthasar Kopisch aus Reichenbach[8] sowie eine Grabschrift von Balthasar Behr, einem Enkel Anna Behrs und Schüler am Elisabethanum in Breslau. Unter Bezugnahme auf den von Albinus erstabgelesenen Lebens-Lauf[9] weist Acoluthus noch auf eine andere christliche Tugend der verstorbenen Frau hin, die hinsichtlich ihres hohen Alters sicherlich bedeutsam war – die Sorge um ihren Leib: Darneben ist sie nicht aus der Zahl derer gewesen/ die es reuet daß sie ihrem Leibe etwas gutes thun sollen/ viel mehr aber hat sie mit gebührender Versorgung/ mit Nahrung und Artzney-Mitteln ihrer gepfleget/ zur Folge deß Göttlichen Befehlichs: Wartet des Leibes/ doch also daß er nicht geil werde. (zitiert aus Röm. 13,14).
Wie bekannt, wurde die Frau in der Frühen Neuzeit seit der Kindheit einem reformatorisch geprägten Tugendkatalog gemäß erzogen und auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet. Anna Behrs langes Leben zeigt zugleich ihre Sozialisation von einem Waisenkind über ein fleißiges Dienstmädchen und eine anerkannte Wirtin bis hin zur Handwerkerfrau und -witwe, die für die Aufrechterhaltung des Familienbetriebs Sorge trug und somit eine beträchtliche gesellschaftliche Statuserhöhung erfuhr.
Dr. KALINA MRÓZ-JABŁECKA ist Oberassistentin und Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Literatur und Kultur des Barock am Institut für Germanische Philologie der Universität Wrocław.
Bestand: Universitätsbibliothek Wrocław (Breslau)
Signatur: 426037
Enthalten in: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Breslau
Anmerkungen:
[1] Samuel Albinus, Das Köstliche Elend Menschlichen Lebens/ Welches Moses fürgestellet im Ps. 90.10.11 und Bey dem Volckreichen Leich-Begängnüß Der weiland Ehrbaren/ Viel Ehr- und Tugendreichen Frauen Anna Hyllerin/ Deß weiland Ehrbahren und Kunstreichen Hn. Balthasar Behrs/ Bürgers/ Waid- und Schön-Färber Eltesten in Breßlau/ hinterlassenen Wittib/ betrachtet am Tage Creutz-Erfindung/ war der 3. May/ dieses 1661. Jahres. M. Samuel Albinus/ Diac. zu St. Elisabeth. Breßlau/ Gedruckt durch Gottfried Gründern/ Baumannischen Factor.
[2] Siehe auch Kalina Mróz-Jabłecka, Die weiblichen Lebenswelten in den barocken Funeraldrucken. Gedächtnisformen der urbanen Kultur am Beispiel der Stadt Breslau von Mitte des 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts (Studium Litterarum 19), Berlin 2011.
[3] Zu Militsch siehe Johann Heinrich Zedler (Hg.), Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschafften und Künste, Bd. 21, Leipzig/Halle (Saale) 1739 (ND Graz 1961), Sp. 212, Online: www.zedler-lexikon.de, Sucheabfrage mit dem Begriff „Militsch“ unter der URL: http://www.zedler-lexikon.de/suchen/suchergebnisse.html?suchmodus=standard (Zugriff: 17.04.2012).
[4] Albinus, Das Köstliche Elend (wie Anm. 1), S. 22.
[5] In der Leichenpredigt findet sich als Ortsangabe zur Gastwirtschaft der Familie Weber und zur Herkunft des ersten Ehegatten Paul Dußig die Bemerkung allhier. Diese Angabe des Verfassers der Leichenpredigt im Zusammenhang mit dem Beerdigungsort Anna Behrs weist darauf hin, dass es sich jeweils um Breslau handelte.
[6] Albinus, Das Köstliche Elend (wie Anm. 1), S. 23.
[7] Ebd., S. 26.
[8] Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Reichenbach im Eulengebirge (poln. Dzierżoniów).
[9] Albinus, Das Köstliche Elend (wie Anm. 1), S. 57.
Zitierweise: Kalina Mróz-Jabłecka, Anna Behr, geb. Hyller, verw. Dußig (1581-1661). Das lange Leben und der soziale Aufstieg einer schlesischen Fischerstochter, in: Leben in Leichenpredigten 05/2012, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/anna-behr-geb-hyller-verw-dussig-1581-1661.html>

