Abraham Klesel (1635-1702)
01.11.2014
Kategorie: Leben in Leichenpredigten
[...] eine selige Rache/ [...] an Satan und seinem Höllen-Reiche aus zu üben – Ein Pfarrer als Seelsorger während der Hexenverfolgung in Schlesien
Porträt Abraham Klesel
"Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen", mit diesen Worten aus 2.Mose 22,17 wurde der Mord an tausenden Menschen in Europa gerechtfertigt. Allein in Polen sollen zwischen 5.000 bis 10.000 Menschen Opfer dieses 'Hexenwahns' geworden sein.[1] Die Autobiographie Abraham Klesels, enthalten in seiner Leichenpredigt,[2] ist ein Zeugnis dieses Hexenglaubens im 17. Jahrhundert. Aber nicht nur aus diesem Grund ist die Trauerschrift erwähnenswert: Lediglich rund vier Prozent der überlieferten Leichenpredigten enthalten autobiographisches Material; die hier vorzustellende Predigt ist somit in zweifacher Hinsicht als Quellenwerk für die historische Forschung von Bedeutung.
Abraham Klesel, dessen Vater und Großvater ebenfalls Theologen gewesen waren, wurde am 7. November 1635 in Fraustadt im Königreich Polen (poln. Wschowa) geboren.[3] Seine Eltern, Paul Klesel und Ursula, geb. Lang, befanden sich dort im Exil vor der Deutschen Unruh, dem Dreißigjährigen Krieg. Die Stadt diente damals als Exilort für protestantische Flüchtlinge.[4] Seine Schulzeit verbrachte Klesel auf der Fraustädtischen Schule, deren Lehrer - Rollius, Textor und Blotherus - er in seinem Lebenslauf erwähnt. Später besuchte er in Breslau das Elisabeth-Gymnasium, wo er Unterricht u.a. von Elias Major, Christoph Coler, Johann Fechner und dem Theologen Johann Frimel erhielt.[5] Obwohl die Familie, bedingt durch ein weiteres Exil, nur ungenügend mit Finanzmitteln ausgestattet war, entschloss sich Klesel, anschließend an der Universität in Königsberg Jura zu studieren.[6] Er hörte zunächst bei dem Juristen Adam Riccius, besuchte aber bereits während des juristischen Studiums theologische Lehrveranstaltungen. Nach reiflichen Überlegungen über die Konsequenzen bestimmter theologischer Aspekte auf sein persönliches Seelenheil (insbesondere das Jüngste Gericht spielte hier eine zentrale Rolle) entschied er sich schließlich für eine intensivere Beschäftigung mit der Materie und wechselte zum Studienfach Theologie.[7] Dies sei trotz der Samaritanischen Greuel und verdammlichen Mischmasch der Religion[8] (gemeint ist der Synkretismus) nicht schädlich für ihn gewesen, so Klesel rückblickend. Er verweist mit dieser Passage auf einen theologischen Disput an der Universität Königsberg, der durch zwei Schüler von Georg Calixt, Theologieprofessor an der Universität Helmstedt und Urheber des sog. Synkretistischen Streits, ausgelöst worden war.[9] Christian Dreier und Johann Latermann hatten versucht, Verbindendes zur Lehre des Calvinismus zu finden, um weitere Religionskonflikte zu verhindern. Cölestin Myslenta, Professor der Theologie und hebräischen Sprache an der Königsberger Universität und radikaler Verfechter der lutherischen Orthodoxie, setzte ihnen aber erheblichen Widerstand entgegen.[10] Klesel erwähnt in diesem Zusammenhang, dass sich bei seinem Studiengangwechsel bey der Theologischen Facultaet [...] nach Absterben des berühmten Theologi D. Mislentae, ebenfalls D. Colbius [...] unter denen noch reinen Theologis befand, also zu den orthodoxen Lutheranern gehörte.[11]
Seine erste Pfarrstelle trat Abraham Klesel im Jahr 1660 in Ulbersdorf bei Fraustadt (poln. Olbrachcic) an. Auf der Reise zu seiner Ordination nach Liegnitz (poln. Legnica)[12] wäre er beinahe von einem Steingiebel erschlagen worden, den ein Sturm vom Dach gestürzt hatte.[13] Am 29. Mai 1663 heiratete er Maria Magdalena Schramm, eine Tochter des Pastors Georg Schramm aus Fraustadt. Sie gebar ihm fünf Söhne und zwei Töchter, von denen jedoch nur zwei Söhne und eine Tochter das Erwachsenenalter erreichten. Die beiden Söhne David und Theodor studierten ebenfalls Theologie, die Tochter Anna Magdalena wurde 1682 Ehefrau von Siegmund Ledel, dem Syndikus der Landstände des Markgraftums Oberlausitz in Bautzen; aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor.[14] Insgesamt dreimal musste Abraham Klesel die Pfarrstelle wechseln, was er als große Last empfand. Im Jahr 1670 wurde er nach Zedlitz (poln. Grabicen),[15] 1674 nach Driebitz bei Fraustadt (poln. Drzewce)[16] und 1680 nach Jauer (poln. Jawor) berufen. Am 18. Juni 1694 erlitt Klesel während einer Predigt einen Schlaganfall.[17] Von diesem erholte er sich jedoch, so dass er seinen Predigtdienst fortsetzen konnte. Am Sonntag Rogate (1. Mai) im Jahr 1701 zeigten sich erneut Symptome eines Schlaganfalls, die durch den Arzt Dr. Alischer erfolgreich behandelt werden konnten.[18] Stark geschwächt und fast erblindet nahm Klesel sein Amt als Pfarrer zunächst weiterhin wahr und sprach am 4. Advent des gleichen Jahres zum letzten Mal von der Kanzel, von der er nach einer Stunde allerdings mehr todt als lebendig[19] getragen werden musste. Christian Frimel, dem Verfasser der Leichenpredigt, erscheint es besonders wichtig darauf hinzuweisen, dass Klesel zehn Tage vor seinem Tod seine Familie segnete und davon sprach, er werde am Gründonnerstag sterben. Unter den Gebeten und Gesängen seiner Familie entschlief er tatsächlich am 13. April 1702[20] nach einem insbesondere von den Auswirkungen der Hexenverfolgung geprägten 42-jährigen Berufsleben.
Durch die Reformation und die damit verbundenen Umwälzungen des Geisteslebens gewann der Glaube an ein Wirken des Teufels auf Erden an Gewicht. Die lutherischen bzw. reformierten Theologen stellten mittelalterliche Vorstellungen auf biblische Grundlagen, betonten damit die Präsenz des Teufels und schürten die Angst vor seinen Machenschaften. Der Mensch sei in ständiger Gefahr, durch Satan und seine Werkzeuge getäuscht und somit in Sünde geführt zu werden.[21] Ausgehend von 5.Mose 22,17, "Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen", wurde dabei der häretische stärker als der magische Aspekt betont, was zu einer entschlosseneren Bekämpfung von vermeintlichen Hexen führte. Durch entsprechende Mahn- und Bußpredigten wurde diese Angst in einem größeren Umfeld verbreitet, da Informationen zur Hexerei somit nicht nur einer kleinen gebildeten Elite zugänglich waren.[22] In der Folge nahmen die Anklagen wegen Hexerei zu.[23] In Osteuropa begann die intensive Verfolgung erst spät, reichte aber bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts.[24] Die Vorstellungen über Hexerei wurden dabei meist aus dem Alten Reich übernommen. Drei Faktoren bildeten den Rahmen für die intensive Verfolgung: 1. Theorien über den Satan, 2. das Fehlen einer wirksamen Zentralkontrolle der Gerichte und 3. der unbegrenzte Einsatz der Folter. Angesichts dieser Voraussetzungen werden auch die sehr hohen Opferzahlen der Hexenverfolgung in Osteuropa erklärbar.[25] Mit Abraham Klesel als direkt involvierten und schriftlichen Zeugen kann diese Phase authentisch nachvollzogen werden.
In seinem Lebenslauf berichtet er, wie er Werckzeuge des Teuffels - der Hexerei angeklagte und verurteilte Personen - während Folter, Prozess und auf dem Weg zum Scheiterhaufen begleitete und dabei versuchte, ihre Seelen zu retten.[26] Dies dürfte jedoch nur in Ulbersdorf der Fall gewesen sein. Zudem publizierte er zu diesen Ereignissen die Schrift "Oyai! Oyai! Horrendum Vae! Das schreckliche Weh!"[27] und stand mit den Universitäten Wittenberg und Leipzig in Korrespondenz über seine Handlungen. In seiner Schrift "Horrendum Vae" berichtet er von einer Frau, die zu ihm kam und ihm mitteilte, wie der Teufel sie mit Reichtum gelockt hätte. Da sie aber gemerkt habe, dass er ein Lügner sei, wolle sie ihre Seele retten.Sie bat Klesel um Hilfe, wieder zu Jesus zurückzufinden.[28] Des Weiteren beschreibt er zwei Fälle, in denen Frauen - wie sie ihr Meister der Teufel gelehret hatte - durch Missbrauch der Hostie für Zauberei das Abendmahl entweiht haben sollen und danach hingerichtet wurden.[29] Außerdem erwähnt Klesel, dass er eine Frau, die sich der Hexerei schuldig bekannt hatte, in der Gefangenschaft seelsorgerisch betreut habe[30] und dass eine weitere, die unter der Folter nicht ihren Bund mit dem Teufel habe bekennen wollen, durch das Gebet Klesels zur Einsicht gebracht worden sei.[31] Exemplarisch führt er im Anhang seiner Schrift noch zwei Fälle aus seiner Gemeinde an, bei der eine Frau an den Folgen der Folter starb und eine andere auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Am Ende ermahnt Klesel seine Leser, Menschen, die im Verdacht ständen, mit dem Teufel im Bunde zu sein, vor Augen zu führen, dass sie durch die Erlösungstat Christi nicht länger an den Teufel gebunden bleiben müssen.[32]
KRISTIAN GESSNER ist Student (B.A.) der Fächer Geschichte und Evangelische Theologie an der Philipps-Universität Marburg. Er absolvierte im Sommer 2014 ein Praktikum an der Forschungsstelle für Personalschriften, in dessen Rahmen er Autobiographien von Pfarrern untersuchte.
Bestand: Universitätsbibliothek Breslau/Wroclaw
Signatur: 565022
Enthalten in: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften der Universitätsbibliothek Breslau
Anmerkungen:
[1] Brian P. Levack, Hexenjagd. Die Geschichte der Hexenverfolgung in Europa, 2. Aufl., München 1995, S. 202.
[2] Christian Frimel, Abrahamus Pater Credentium Redivivus, Der von neuem lebende Abraham/ Nehmlich Der weyland Hoch-Ehrwürdige Hoch-Achtbahre und Hochgelahrte Herr Abraham Klesel [...] Ward unter dem Bilde des Ertz-Vaters Alß Ein ander gläubiger Abraham [...] Bey Vornehmer Hochansehnlich und Volckreicher Versammlung/ [...] vorgestellet, Jauer o.J. (Universitätsbibliothek Wrocław, 565022).
[3] Ebd., Bl. E1v.
[4] Vgl. Norbert Conrads (Hg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas, Teil: Schlesien, Berlin 1994, S. 277.
[5] Frimel, Abrahamus (wie Anm. 2), Bl. E2r-v.
[6] Ebd., Bl. E2v-F1r.
[7] Ebd., Bl. F1r.
[8] Ebd., Bl. F1v.
[9] Zum Synkretistischen Streit siehe u.a. Jörg Baur, Die Helmstädter Lesart des Rechtfertigungsartikels und deren rechtgläubige Kritiker. Eine Untersuchung zur Genese des synkretistischen Streites, in: Uto Sträter (Hg.), Zur Rechtfertigungslehre in der Lutherischen Orthodoxie. Beiträge des sechsten Wittenberger Symposiums zur Lutherischen Orthodoxie [1999] (Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie 2), Leipzig 2003, S. 81-135.
[10] Hermann Dembowski, Zur Geschichte der Theologischen Fakultät der Universität Königsberg (1544-1945), in: Hartmut Boockmann/Bernhart Jähnig (Hg.), 450 Jahre Universität Königsberg. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Preußenlandes (Tagungsberichte der Historischen Kommission für Ost- und Westpreußische Landesforschung 14), Marburg 2001, S. 28.
[11] Frimel, Abrahamus (wie Anm. 2), Bl. F1r. Allerdings kann der von Klesel erwähnte "Colbius" nicht identifiziert werden. Als Person mit diesem Namen und theologischem Bezug erscheint um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Königsberg lediglich Georg Colbius, Diakon an der Domkirche, der auch mehrere Leichenpredigten auf Königsberger Persönlichkeiten verfasste, u.a. auf den genannten Myslenta. Jedoch gehörte Colbius nicht zum Lehrkörper der Theologischen Fakultät.
[12] Rademacher nennt den 22.12.1660 als Datum der Ordination. Siehe Julius Rademacher, Predigergeschichte des Kirchenkreises Jauer, Breslau 1935, S. 7.
[13] Der "Merian" verzeichnete einen Sturm im Januar des Jahres 1661 in Nordosteuropa. Siehe Martin Meyer, Irenico-Polemographiae Continuatio Das ist: Der Historisch-fortgeführten Friedens- und Kriegs-Beschreibung Oder deß Theatri Europaei Neundter Theil : Von den denckwürdigsten Geschichten/ so sich hie und da in Europa/ [...] vorgegangen [...], Frankfurt (Main) 1699, S. 308 (VD17 3:302388B).
[14] Frimel, Abrahamus (wie Anm. 2), Bl. F2v.
[15] Fischer spricht hier von einer "Beförderung". Siehe Christian Friedrich Emanuel Fischer, Geschichte und Beschreibung der schlesischen Fürstenthumshauptstadt Jauer. Größtenteils nach handschriftlichen Urkunden bearbeitet, Jauer 1803, S. 178.
[16] Ebd. spricht von einer "Versetzung".
[17] Frimel, Abrahamus (wie Anm. 2), Bl. H1v.
[18] Ebd.
[19] Ebd.
[20] Ebd., Bl. H2v.
[21] Levack, Hexenjagd (wie Anm. 1), S. 105.
[22] Ebd., S. 106.
[23] Ebd., S. 108.
[24] Ebd., S. 201.
[25] Ebd., S. 203.
[26] Frimel, Abrahamus (wie Anm. 2), Bl. G2r.
[27] Abraham Klesel, Oyai! Oyai! Horrendum Vae! Das schreckliche Weh! [...] Bey ietzigen schrecklichen Begebenheiten/ und letzten trübseligen Zeiten/ merckwürdigen Außsagen/ und Abstraffungen der Satanischen Reichs-Genossen/ auch Hertz-stürtzender Beängstigung vieler frommen und unschuldigen Hertzen/ In einer kurtzen und nothwendigen Vermahnungs- und Warnungs- Schrifft Vorgestellet von [...], Oels [1667] (Bayerische Staatsbibliothek, München, Film R 2001.281,NWA-122).
[28] Ebd., S. 37f.
[29] Ebd., S. (60-62). Die Paginierung des Drucks ist ab S. 57 fehlerhaft, deshalb wird hier und im Folgenden die tatsächliche Seitenzählung in Klammern angegeben.
[30] Ebd., S. (64f.).
[31] Ebd., S. (66).
[32] Ebd., "Kläglicher Anhang", S. (115-118).
Zitierweise: Kristian Geßner, Abraham Klesel (1635-1702). [...] eine selige Rache/ [...] an Satan und seinem Höllen-Reiche aus zu üben – Ein Pfarrer als Seelsorger während der Hexenverfolgung in Schlesien, in: Leben in Leichenpredigten 11/2014, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/abraham-klesel-1635-1702.html>

