Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Thomas Schweicker (1540-1602)

01.06.2017

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Johanna Pöppelwiehe

Schreib ich doch dis mit meinem fus – Die Leichenpredigt auf einen armlosen Kalligraphen

Thomas Schweickers Schreibtechnik [1/2]

Die Geschichte von behinderten Menschen in der Frühen Neuzeit war bisher nicht Gegenstand umfassenderer Forschungen. Dabei betrafen Behinderungen - damals wie heute - einen nicht geringen Teil der Bevölkerung und waren ebenso bereits Teil des sozialpolitischen Diskurses, welcher allerdings weniger medizinisch-naturwissenschaftlich, sondern vielmehr theologisch geprägt war. In der Öffentlichkeit präsent waren behinderte Menschen zu dieser Zeit oftmals als Bettler, teilweise wurden sie auch gegen ein Eintrittsgeld publikumswirksam präsentiert.[1]

Dass behinderte Menschen jedoch auch in der Frühen Neuzeit ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Leben führen konnten, zeigt die Leichenpredigt Johannes Weidners auf Thomas Schweicker. Dieser wurde ohne Arme geboren und wird von Weidner in seiner Predigt als Wunderman[2] bezeichnet, da er trotz dieser Einschränkung als Kalligraph Karriere machte. Schweicker kam am 21. Dezember 1540, dem Thomastag, als Sohn von Dorothea und Hans Schweicker, einem Bäcker und späteren Ratsherrn der Stadt Schwäbisch Hall, zur Welt. Der medizinische Grund für seine angeborene Behinderung - eine sogenannte Amelie[3] - war den Zeitgenossen unbekannt, weshalb sie auf abergläubische Erklärungsmuster für die Fehlbildung zurückgriffen und diese als Folge des "bösen Blicks" deuteten.[4] Weidner beschreibt in der Leichenpredigt Dorothea Schweickers Begegnung mit einem Bettler, welche sich während ihrer Schwangerschaft ereignet habe. Der genannte Mann habe an der Tür des Schweickerschen Wohnhauses um Almosen gebeten. Als sie ihm etwas reichte, bemerkte Dorothea Schweicker, dass dem Mann die Arme fehlten, was sie offenbar gleichermaßen entsetzte und faszinierte, denn sie wurde von ein[em] verlangen/ denselben Man eben wol zubesehen, ergriffen. Sie folgte dem Mann ein Stück die Straße herunter, um ihn zu beobachten, wurde aber unversehens durch Nachbarn abgewarnet. Dorothea Schweicker erschrak daraufhin jäh und brachte - vermeintlich als Folge der Begegnung mit dem Bettler - ihren Sohn später mit der gleichen Behinderung zur Welt. Dass derartiger Aberglaube verbreitet war, zeigt auch eines der Epicedien, in dem es heißt: Ohn Arm kam er von Mutterleib/ Dieselb als ein blöd zaghafft Weib/ Da sie schwanger erschrocken ist/ Gar hart/ zeigt an diß Bild zur frist. Johannes Weidner betont hingegen, dass Dorothea Schweickers Begegnung mit dem Bettler die Behinderung ihres Sohnes nicht verursacht habe. Er gibt zwar an, dass diese verborgene natürliche Ursachen haben könne, erklärt sie jedoch vorrangig als Göttliche Fürsehung und Werk Gottes, an dem weder Thomas Schweickers Mutter noch der Landstreicher eine Schuld trügen.

Im Gegenteil hätten die Eltern durch die Förderung des Jungen dazu beigetragen dieses Werk Gottes fortzusetzen. So schickten sie Thomas erst in die deutsche und ab 1552 schließlich auch zur Lateinschule. Dort bekam er einen eigenen, abschließbaren Tisch zur Aufbewahrung seiner Schreibutensilien, den Weidner noch einige Jahre später in der Schule mit eigenen Augen gesehen habe. Neben der schulischen Ausbildung vertiefte Schweicker sich im Selbststudium und studierte theologische, historische und literarische Werke mit grosser begier/ fleiß und verstand, sodass er einen hohen scharpffsinnigen verstand ausbilden konnte.

Nicht zuletzt habe er sich auch im schreiben vielfältig geübt. Wie Thomas Schweicker dies trotz seiner Behinderung bewerkstelligte und später im Rahmen seines Berufs ausübte, verdeutlicht einer von zwei Stichen, die der Leichenpredigt vorangestellt sind. Er zeigt Schweicker auf dem Boden sitzend, die Knie angewinkelt und die Füße vor dem Körper zusammengeführt. Neben ihm liegen verschiedene Schreibutensilien, unter anderem Lineal, Zirkel und Tintenfass. Zwischen dem ersten und zweiten Zeh seines rechten Fußes hält Schweicker eine Feder. Sein Oberkörper ist nach vorne gebeugt und der Blick auf eine vor ihm liegende Tafel gerichtet, auf der "Deus est mirabilis in operibus suis" - übersetzt in etwa "Gott ist wunderbar in seinen Werken" - geschrieben steht, womit ein Bezug zum Text der Leichenpredigt genommen wird. Das unter der Abbildung abgedruckte Epigramm, welches der Leichenpredigt zudem noch einmal im Anhang beigefügt ist, lässt Thomas Schweicker selbst zu Wort kommen. Er beschreibt seine Behinderung als Werk Gottes, aber auch der Natur, und fordert die Menschen dazu auf, für ihre Gesundheit dankbar zu sein. Zudem führt er aus, wie er in der Lage ist, sein Leben selbstständig unter Zuhilfenahme seiner Füße zu bewältigen:

Essen und Trincken über Tisch
Mit meinem Fuß ich bhend erwisch.
Schreib/ mahl/ schnitz/ und bind Bücher ein/
Das Armbrust kann ich brauchen fein.
Zähl Gelt/ und auff freundlichs begern/
Im Bretspil meins mans mich thue wehrn.
Schenck ein/ trinck auß: Die Kleider mein
Anleg selbs: Schneid ein Feder sein.

Thomas Schweicker konnte jedoch nicht nur alltägliche Aufgaben problemlos mit seinen Füßen ausführen, er war auch in seiner Tätigkeit als Schönschreiber sehr erfolgreich. Weidner beschreibt, dass Schweicker durch seine Schriften überregionale Bekanntheit erlangte. Wenn Schweicker von frembden anwesenden Herrn/ Adelichen und andern ansehnlichen Personen aufgesucht oder anderweitig kontaktiert worden sei, habe er sich nicht nur willig/ demütig/ ehrerbietig/ bescheiden/ erbar und höflich gezeigt, sondern fast jedem auch eine Schrift angefertigt. Das Epigramm eines ungenannten Verfassers präzisiert, welchen Persönlichkeiten Thomas Schweicker im Laufe seines Lebens mit seinen Fähigkeiten dienlich war. So ließ sich Kaiser Maximilian II. im Jahr 1570 Schweickers Arbeiten zeigen, im selben Jahr traf Schweicker zudem in Schwäbisch Hall mit Kurfürst August von Sachsen zusammen. Auch Kurfürst Ludwig VI. von der Pfalz lud Thomas Schweicker an den Hof nach Heidelberg ein. Es ist anzunehmen, dass die Audienzen Schweickers nicht nur dem Zweck dienten, seine Schriften zu bewundern, sondern auch die Neugier nach dem Anblick des armlosen Kalligraphen zu befriedigen suchten. Wie Schweicker selbst dies erlebte, ist der Leichenpredigt allerdings nicht zu entnehmen.

Hingegen wird beschrieben, dass die weite Verbreitung von Schweickers Werken neben Faszination auch Zweifel an seinen Fertigkeiten aufkommen ließ. Johannes Weidner gibt an, es seien auß fernen Landen/ als der Schlesien/ etc. eigene Botten/ umb erkundigung unnd uhrkund der Warheit/ an einen Erbarn Raht alhero mit Brieffen geschickt worden. Weidner führt dies nicht weiter aus, nimmt aber wohl auf einen Vorfall aus dem Jahr 1585 Bezug. Schweicker hatte für einen Breslauer Bürger eine Kalligraphie angefertigt, welche dieser der städtischen Bibliothek schenkte. Da die Bibliothekare offenbar nicht glauben konnten, dass das Dokument tatsächlich mit dem Fuß geschrieben worden war, ließen sie für eine Bestätigung nach Schwäbisch Hall schicken, die sie in der Folge durch den dortigen Rat auch erhielten.[5]

Thomas Schweicker erkrankte Anfang Oktober 1602 und verstarb schließlich, unverheiratet und kinderlos, in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 1602. Bereits zehn Jahre vor seinem Tod hatte Schweicker sein Epitaph entworfen und selbst fertiggestellt, dessen Abschrift der Leichenpredigt beigefügt ist. Der Umstand, dass er in diesem abschließend erneut als Gotts Wunderwerck bezeichnet wird, lässt die Einzigartigkeit, die sein Werdegang für ihn selbst und die Zeitgenossen besaß, abermals deutlich werden.

 

JOHANNA PÖPPELWIEHE M.A. ist Wissenschaftliche Hilfskraft der Forschungsstelle für Personalschriften und hat an der Philipps-Universität Marburg ein Master-Studium im Fach Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit absolviert.

 

Bestand: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz
Signatur: Ee 552-6
Enthalten in: Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts (VD17: 1:021530Q)

 

Anmerkungen:

[1] Patrick Schmidt, Behinderung in der Frühen Neuzeit. Ein Forschungsbericht, in: Zeitschrift für historische Forschung 37 (2010), S. 617-651, hier S. 618f.

[2] Johannes Weidner, Christliche und einfältige Leichpredig/ Bey der Begräbnis des wundermans Thomae Schweickers Seeligen [...], Frankfurt (Main) 1603 (VD17: 1:021530Q), Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL (Werk): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0000AB7200000000 (Zugriff: 12.04.2017). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[3] Vgl. Erich Püschel, Die Amelie in der Lebensbewährung dargestellt an Thomas Schweicker 1540-1602, in: Deutsche medizinische Wochenschrift 28 (1963), S. 1402-1404.

[4] Joachim W. Siener, Der Kalligraf Thomas Schweicker zu Schwäbisch Hall. Eine Spurensuche, in: Aus dem Antiquariat 7 (2009), S. 221-237, hier S. 223.

[5] Vgl. hierzu ausführlich ebd., S. 232f.

 

Zitierweise: Johanna Pöppelwiehe, Thomas Schweicker (1540-1602). Schreib ich doch dis mit meinem fus – Die Leichenpredigt auf einen armlosen Kalligraphen, in: Leben in Leichenpredigten 06/2017, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/thomas-schweicker-1540-1602.html>

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