Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Thomas Lange (gest. 1689)

01.05.2009

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Daniel Geißler

Eine unvergessene Mordtat – Ehebruch und Kriminalität in der Frühen Neuzeit

Darstellung des Mordes an Thomas Lange [1/2]

Ein ungewöhnlicher Kriminalfall erschütterte im Sommer 1689 den kleinen Ort Fockendorf im Altenburger Land. Thomas Lange wurde, wie sich später herausstellte, von seiner Ehefrau Maria und deren Liebhaber im Schlaf erwürgt. Noch heute können wir am damaligen Geschehen teilhaben - der im Gerichtsverfahren gegen die Beschuldigten aufgedeckte Tathergang wurde, detailliert und authentisch geschildert, der Leichenpredigt auf den Ermordeten beigefügt. Als "Peinliche Ruge und Nützlicher Unterricht" blieb das Verbrechen auf diese Weise der Nachwelt erhalten.

Was war geschehen? Die Abbildung auf dem Titelblatt gibt einen ersten Hinweis. Müllermeister und Mühlenbesitzer Lange war seit 14 Jahren verheiratet, die Ehe jedoch offenkundig sehr problematisch: Es war Ambtskündig worden, das weder der Ehestand noch Haußhalt- und Mühlwesen bey diesen Leuten zu besten stehe, Maria Lange wurde nachgesagt, dass sie denen Mühl-Knech[t]en zu sehr nachgienge. Nachdem Thomas Lange am Abend des 2. Juli nach einem Besuch im Wirtshaus und dem familiären Abendbrot zu Bett gegangen war, fand ihn eine Magd am nächsten Morgen erhencket [...] in der Geschirr-Kammer. Eine oberflächliche Obduktion und die durchgeführte gerichtliche Befragung der Anwesenden ließen zunächst eine Melancholey als Ursache des vermeintlichen Selbstmordes vermuten. Müller Lange wurde, den Gepflogenheiten entsprechend, ohne kirchliche Zeremonien an einem abgesonderten Orte beigesetzt.

Dennoch blieben Fragen offen, mehrere Anhaltspunkte lenkten den Verdacht schnell auf die Ehefrau und einen ehemaligen Knecht der Mühle, Martin Müller aus Langenleuba, offensichtlich deren Geliebten. Das Inquisitions-Verfahren begann am 23. Juli und bereits am 26. Juli bekannten sich beide Delinquenten des Ehebruchs und Mordes schuldig: Seit zwei Jahren war die Tat geplant; Martin Müller, so die Witwe, habe sie dazu angestiftet, denn er wollte sie heiraten und die Mühle erben. Gemeinsam hatten sie Thomas Lange im Schlaf mit einem Strick erwürgt und ihn anschließend, um einen Suizid vorzutäuschen, an eine eiserne Zimmermans-Klammer gehängt.

Die Reaktion der Justiz auf das Geständnis folgte rasch: Das offentlich gehegt[e] Halß-Gerichte in Altenburg verurteilte beide Täter am 17. August zum Tode: Maria Lange wurde gesäckt,[1] Martin Müller starb durch das Rad. Das Opfer Thomas Lage erhielt vier Wochen nach seiner Ermordung ein neues, dieses Mal ehrenvolles Begräbnis. Der Pfarrer verurteilte dabei in seiner Predigt die Täter auf das Schärfste und bedauerte insbesondere die fünf kleinen Kinder des Ehepaares, die nun zwangsläufig durch die böse That [ihrer] Mutter zerstreuet und verstöret wurden.

Alle Einzelheiten können im Prozesstext und in der Leichenpredigt nachgelesen werden. Sie sind ein prägnantes Beispiel für Kriminalität und Strafverfahren in der Frühen Neuzeit und beleuchten eindrucksvoll die juristische Praxis in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Als wertvolles Fallbeispiel liefert es in diesem Zusammenhang eingehende Hinweise auf die damalige öffentliche Wahrnehmung von Opfer und Täter, wie sie z.B. bei Rebekka Habermas und Gerd Schwerhoff in der aktuellen Forschungsliteratur behandelt wird.[2] Zugleich wird anhand dieser Quelle die interdisziplinäre Relevanz der von der Forschungsstelle für Personalschriften geleisteten notwendigen Grundlagenforschung für die Historischen Wissenschaften und weitere Disziplinen aufgezeigt. Erfassung, Sicherung und Publikation der in historischen Personaldokumenten vorhandenen Informationen sind für frühneuzeitliche, wie bei diesem Text speziell sozialhistorische und kriminologische, Forschungsproblematiken von enormer Bedeutung.[3] Das demonstriert nicht zuletzt die Predigt auf Thomas Lange aus Fockendorf.

 

DANIEL GEIßLER M.A. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Thüringisches Staatsarchiv Altenburg
Signatur: GAGO 1863
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Thüringischen Staatsarchiv Altenburg. Nachtrag (Marburger Personalschriften-Forschungen 48), Stuttgart 2009

 

Anmerkungen:

[1] Dabei handelte es sich um eine spezielle Form der Hinrichtung durch Ertränken: Der bzw. die Verurteilte wurde in einen Sack eingenäht, in das Wasser geworfen und meist noch zusätzlich mit Stangen unter die Wasseroberfläche gedrückt, bis der Tod eintrat.

[2] Rebekka Habermas/Gerd Schwerhoff (Hg.), Verbrechen im Blick. Perspektiven der neuzeitlichen Kriminalitätsgeschichte, Frankfurt (Main) 2009.

[3] Vgl. hierzu u.a. Andreas Blauert/Gerd Schwerhoff (Hg.), Kriminalitätsgeschichte. Beiträge zur Sozial- und Kulturgeschichte der Vormoderne (Konflikte und Kultur - historische Perspektiven 1), Konstanz 2000; Richard van Dülmen, Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit, Bd. 2: Dorf und Stadt 16.-18. Jahrhundert, 3. Aufl., München 2005, hier insbesondere S. 246-274; Ders. (Hg.), Verbrechen, Strafen und soziale Kontrolle. Studien zur historischen Kulturforschung, Frankfurt (Main) 1990.

 

Zitierweise: Daniel Geißler, Thomas Lange (gest. 1689). Eine unvergessene Mordtat – Ehebruch und Kriminalität in der Frühen Neuzeit, in: Leben in Leichenpredigten 05/2009, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/thomas-lange-gestorben-1689.html>

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