Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Susanna Margaretha Valentini, geb. Böttcher (gest. 1705)

01.06.2015

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Johanna Pöppelwiehe

Gottes Wege im Wetter – Naturgewalt und Aberglaube im Spiegel einer Leichenpredigt

Frühnzeitliche Darstellung eines Unwetters

Klima und Wetter waren seit jeher essentiell für das Überleben der Menschheit.[1] Insbesondere auf die Landwirtschaft konnte zu warmes, zu kaltes, zu trockenes oder zu feuchtes Wetter fatale Auswirkungen haben. Auch in der noch stark agrarisch geprägten Frühen Neuzeit waren die Menschen vom Wetter abhängig - ein Sturm, eine Flut oder eine Dürre konnten schnell zur Gefahr für Leib und Leben werden.[2] So entwickelten sich regional oftmals unterschiedliche Vorstellungen und Abwehrmechanismen, die den Alltag der Menschen beeinflussten und sie und ihren Besitz vor den Naturgewalten und ihren negativen Auswirkungen schützen sollten. Glaube und Religion spielten dabei natürlich eine große Rolle, Wetter und Klima wurden als "von Gott gegeben" angesehen und Naturkatastrophen von Seiten der Kirche häufig als eine Strafe für menschliches Fehlverhalten dargestellt, der durch Gebete und Gottesdienste entgegenzuwirken war. Doch auch der Volksglaube, der teilweise auf keltisch-germanische Vorstellungen zurückging, sowie Wetter- und Bauernregeln bestimmten in hohem Maße den Umgang der Menschen mit dem Wetter.[3]

Wie der Volksglaube von geistlicher Seite beurteilt wurde und welche Erklärungsmuster die Kirche für Wetterphänomene anbot, zeigt die Leichenpredigt auf Susanna Margaretha Valentini, die am 21. August 1705 in ihrer Wohn-Stube vom Wetter-Strahl erschlagen[4] wurde. Über Susanna Margaretha Valentini erfahren wir in der Predigt nur wenig, Personalia sind nicht beigefügt. Susanna Margaretha, geb. Böttcher, war die Witwe des in der Rudolstädter Residenz angestellten Hof- und Feldtrompeters Johann Leonhard Valentini. Sie hinterließ einen Sohn und eine Tochter. Während ihr Leben in der Leichenpredigt nur wenig Beachtung findet, werden Susanna Margaretha Valentinis aufsehenerregender Tod und seine Begleitumstände umso ausführlicher behandelt. An ihrem Todestag zog ein Sturm auf, der laut Johann Michael Andreä,[5] dem Verfasser der Predigt, so verheerend war, daß mancher Haus-Vater sein aufm Felde liegendes Getreyde den folgenden Morgen kaum zur Helffte wieder gefunden und auch mancher sonst Ruchloser [...] dadurch erwecket worden/ in seinem Quartier um ein Bet- und Gesangbuch zu bitten/ aus Furcht [...], der jüngste Tag würde kommen. Dies wollte auch Susanna Margaretha Valentini tun. Bevor sie und ihre Gesellschaft jedoch Gebet und Gesang anstimmen konnten, schaute Valentini noch einmal aus ihrem Stubenfenster hinaus und wurde prompt vom Blitz getroffen, woraufhin sie auf der Stelle tot zu Boden sank. Die ungewöhnliche Art, mit der Valentini zu Tode gekommen war, führte dazu, dass sich die Leichenpredigt, die unter dem Titel "Gottes Herrliche/ heilige und Heilsame Wege im Wetter" zwei Tage später auf ihrem Begräbnis gehalten wurde, fast ausschließlich mit dem Thema Wetter beschäftigt.

So erläutert Andreä zuerst die Faktoren, die die Entstehung von Blitz und Donner seiner Ansicht nach beeinflussten. Er geht zuerst auf die natürlichen Ursachen ("causas naturales") für ein Gewitter ein. Hier führt er neben dem Stand der Gestirne die aus der Erden auffsteigende Dämpffe und Dünste an. Dabei handele es sich - nach den neuesten Meinungen der Naturkundigen - um ein leichtentzündliches Gemisch aus Schwefel und Salpeter, das sich bei Wärme emporhebe. Sobald es sich entzünde, verursache der brennende Schwefel die Blitze und der Salpeter das Donnern. Diese These bekräftigt Andreä damit, dass Salpetersalz bei Kontakt mit Feuer bekanntlich mit einem Geprassel in die Höhe springen würde. Doch die "causas naturales" sind keineswegs allein ursächlich für Gewitter, hinzukommen mehr denn natürliche Ursachen ("causas praenaturales"), nach Andreä der Teufel, der die Menschen erschrecken und ihnen Schaden zufügen will. Die Hauptursache für Wetter jeder Art sei jedoch übernatürlich; es handele sich um Gott, der sündhaftes Verhalten durch Sturm und Gewitter bestrafe. So seien die Unwetter, die Rudolstadt in den letzten Jahren getroffen hätten, wenig verwunderlich, da in der Stadt Unzucht, Diebstahl, unnöthiges Gezäncke/ Toll- und Vollsauffen/ Unversöhnlichkeit/ Haß/ Neid und Feindschafft/ Stoltz/ Hoffarth und Übermuth herrschten. Dem gegenüber wird ein Vorfall gestellt, der sich am 27. Juni 1679 während der Vesperpredigt in der Nikolaikirche in Leipzig zutrug. In die gut besuchte Kirche schlug ein Blitz ein, tötete oder verletzte jedoch keinen der betenden Gläubigen.

Da Andreä als Kirchenmann Gott als den Hauptverantwortlichen für meteorologische Ereignisse sieht, ist es wenig verwunderlich, dass er abergläubische Vorstellungen über die Beeinflussung des Wetters ablehnt - zumal sich die Kirchen deutlich vom Volksglauben distanzierten und versuchten ihn zu brandmarken und zu unterbinden.[6] Dennoch werden die abergläubischen Irrwege der Bevölkerung in Bezug auf den Schutz vor Gewitter in der Predigt behandelt und bieten einen interessanten Einblick in den Volksglauben dieser Zeit im Rudolstädter Raum. Dort existierten offenbar zur Abwehr von Blitz und Donner verschiedene Praktiken, die sich auch mischen konnten. Es wurden zum Schutz vor Gewitter etwa bestimmte Steine wie Hyazinthe,[7] Smaragde oder auch rote Korallen in einen Ring eingelassen oder als Kette getragen. Daneben wurde bestimmten Pflanzen eine schützende Wirkung zugesprochen. Andreä erwähnt in diesem Zusammenhang Kräuter, Blumen, Körner und Bäume, führt aber leider nicht aus, welche Pflanzengattungen genau gemeint sind. Weit verbreitet war insbesondere der Glaube an die Schutzwirkung des Haselnussstrauches.[8] Tierprodukte werden schließlich als drittes und letztes Mittel zur Gewitterabwehr genannt. Während es sich bei der angeführten Meer-Kalbs Haut, also einem Seehundfell, um ein eher ungewöhnliches Produkt handelt, können die Adlerfedern, die sich die Rudolstädter Einwohner zum Schutz vor Blitzschlag an ihre Hüte steckten, in einer Reihe mit anderen Vögeln gesetzt werden, die dem Volksglauben nach beschützend wirkten.[9]

Doch Andreä behandelt nicht nur den allgemeinen Volksglauben, er geht auch dezidiert auf bei den Papisten herrschende Praktiken ein. Die Katholiken würden etwa Prozessionen von Kirche zu Kirche sowie Wallfahrten für den heiligen Alexius - dem Schutzpatron gegen Unwetter - durchführen. Außerdem trügen auch sie bestimmte Gegenstände bei sich, denen sie eine Schutzwirkung zusprechen und bei denen sie wenig heel gehabt hätten, sie Andreä zu zeigen. Dazu zählten geweihte Kruzifixe und eingefasste Steine, aber auch das Johannesevangelium bzw. Auszüge daraus.

In Andreäs Augen sind alle diese Maßnahmen [a]lleine eitel Aberglauben und ohne Nutzen für die Abwehr von Unwettern. Doch was eignet sich seiner Ansicht nach zum Schutz vor den Gefahren, die schlechtes Wetter mit sich bringen konnte? Die Antwort auf diese Frage findet sich bereits in der Beschreibung von Susanna Margaretha Valentinis Tod und wird am Ende der Predigt nochmals aufgegriffen: Sie wollte noch kurz vor ihrem Tod mit Gebet und Gesang beginnen, was nach Andreä die Mittel der Wahl zur Abwehr schädlichen Wetters sind, denn [d]iese können GOtt nöthigen und Gewalt anthun/ wenn sie durch die Wolcken dringen/ dass Er müsse mit seinem Wetter auffbrechen/ und förder gehen. Der Gläubige ist dem Wettertreiben also nicht so hilflos ausgeliefert, wie es vordergründig erscheint - zumindest solange er sich auf Gott verlässt und seine Gebete mit Ernsthaftigkeit ausführt, wie Andreä ausdrücklich betont. Und diese Gebete könnten nicht nur genutzt werden, um schlechtes Wetter abzuwehren, sondern um grundsätzlich einen Wetterumschwung zu erbitten.

Auch wenn die Leichenpredigt auf Susanna Margaretha Valentini kaum etwas über die Verstorbene erfahren lässt, so bietet sie doch eine reichhaltige Quelle, um sich dem Umgang mit dem Wetter und seiner immensen lebensweltlichen Bedeutung in der Frühen Neuzeit zu nähern. Am Beispiel Rudolstadts lässt sich nachvollziehen, wie bedeutsam bestimmte Bräuche für die Menschen zur Bewältigung der Bedrohung durch das Wetter waren. So bedeutsam, dass es trotz ihrer Autorität nicht einmal die Kirche vermochte die abergläubischen Praktiken zu unterbinden, obwohl sie den Menschen zu diesem Zweck alternative Erklärungsmuster und Bewältigungsstrategien anbot.

 

JOHANNA PÖPPELWIEHE B.A. ist Studentische Hilfskraft der Forschungsstelle für Personalschriften und absolviert an der Philipps-Universität Marburg ein Master-Studium im Fach Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit.

 

Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: SB 77
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), 4 Bde., Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Dazu etwa Franz-Josef Brüggemeier, Klima und Wetter. Historische Erfahrungen, in: Walter Hauser (Hg.), Klima. Das Experiment mit dem Planeten Erde, München 2002, S. 264-273.

[2] Zu den Auswirkungen von Klima und Wetter auf das menschliche Leben exemplarisch für Süddeutschland etwa bei Waltraud Düwel-Hösselbarth, Ernteglück und Hungersnot. 800 Jahre Klima und Leben in Württemberg, Stuttgart 2002; und Susanne Kiermayr-Bühn, Leben mit dem Wetter. Klima, Alltag und Katastrophe in Süddeutschland seit 1600, Darmstadt 2009.

[3] Rüdiger Glaser, Artikel "Klima", in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 6, hg. von Friedrich Jäger, Stuttgart 2007, Sp. 786-808; vgl. auch Brüggemeier, Klima (wie Anm. 1), S. 271f.

[4] Johann Michael Andreä, Gottes Herrliche, Heilige und Heilsame Wege im Wetter [...], Rudolstadt 1705, S. 1-38 (VD18 11418192), Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, PURL (Werk): http://digital.slub-dresden.de/id339276533 (Zugriff: 23.03.2015). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[5] Vgl. zu Andreä auch Patrick Sturm, Johann Michael Andreä (1657-1711). Weiln aber kaum erlittener Kranckheit ich noch ziemlich schwache[n] Leibes war - Die Krankheitsgeschichte eines Geistlichen, in: Leben in Leichenpredigten 07/2014, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-michael-andreae-1657-1711.html [Zugriff: 23.03.2015].

[6] Vgl. Brüggemeier, Klima (wie Anm. 1), S. 271.

[7] Bezeichnung für gelbrote bis braune Zirkonsteine.

[8] Victor Stegemann, Artikel "Blitz", in: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. 1, hg. von Hanns Bächtold-Stäubli, Berlin 1987 (Nachdruck der Ausgabe Berlin 1942), Sp. 1399-1419, hier Sp. 1410.

[9] Dazu sind etwa Störche und Hähne zu zählen. Vgl. ebd., Sp. 1412f.

 

Zitierweise: Johanna Pöppelwiehe, Susanna Margaretha Valentini, geb. Böttcher (gest. 1705). Gottes Wege im Wetter – Naturgewalt und Aberglaube im Spiegel einer Leichenpredigt, in: Leben in Leichenpredigten 06/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/susanna-margaretha-valentini-geb-boettcher-gest-1705.html>

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