Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Marin Marais (1656-1728)

01.07.2013

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Werner Friedrich Kümmel

Le Tableau de l’Opération de la Taille – Die barocke Vertonung einer Blasenstein-Operation

Notentext "Le Tableau de l’Opération de la Taille" [1/2]

Seit Beginn ihrer systematischen Erforschung und Katalogisierung haben sich gedruckte Leichenpredigten als vielseitige Quellen erwiesen. Unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen profitieren von dem in diesen Schriften enthaltenen Informationsreichtum. Neben Arbeiten u.a. zur Historischen Familienforschung, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Theologie oder Literatur- und Musikgeschichte ziehen insbesondere Medizinhistoriker für ihre Untersuchungen wiederholt Leichenpredigten heran. Aus den darin geschilderten Krankengeschichten mit den Symptombildern, Behandlungsversuchen und Sterbeprozessen lassen sich konkrete, medizinhistorisch relevante Informationen gewinnen. Die Themenbreite der bisher publizierten Studien verdeutlicht, welches Potential Leichenpredigten für die Forschung bieten und welcher Wert diesen Quellen beigemessen wird: Es handelt sich um Arbeiten zu Krankheitsverläufen, Todesursachen und frühneuzeitlichen Krankheitsvorstellungen ebenso wie zum medizinischen Fachvokabular (auch dem von Laien) und zum Gesundheits- und Krankheitsverhalten in dieser Epoche.

Zahlreiche Belege zu diesen Themen liefern vor allem die ausführlichen Beschreibungen der Leiden der Verstorbenen in den Tagen und Stunden vor dem Tod, die als Teil des Ehrengedächtnisses in den Leichenpredigten dokumentiert sind. So hat eine Untersuchung zu Krankheiten und Krankheitserfahrungen bei Kirchenmusikern des 17. und 18. Jahrhunderts insbesondere subjektive Krankheitswahrnehmungen und die Bewältigung von Schmerz und Angst beschrieben.[1] Analysen von Ulmer Leichenpredigten förderten des Weiteren zu Tage, dass der größte Teil der ermittelten Todesursachen auf Krankheiten zurückgeführt wurde.[2] Unter den am häufigsten genannten Beschwerden finden sich heftige Koliken durch Nieren- oder Blasensteine. In manchen Fällen sind den Texten sogar detailgenaue Abbildungen der Steine beigefügt. Im Rahmen der von der Forschungsstelle für Personalschriften in Marburg durchgeführten Intensivauswertung eines ausgewählten Leichenpredigten-Korpus ergab sich ein interessanter Befund: Von den ermittelten 3.310 Verstorbenen litten 167 an einem Blasen- oder Nierenstein. Die Ergebnisse einer Studie, die sich speziell mit dieser Patientengruppe kritisch auseinandersetzt, zeigen exemplarisch die Fülle an Erkenntnissen, die in Bezug auf Steinleiden aus Leichenpredigten gewonnen werden können.[3] Das Spektrum reicht dabei von der Krankenversorgung und den Behandlungsformen über natürliche Steinabgänge bis hin zu den konkreten Todesumständen. Auffällig ist, dass auch in der Darstellung dieser Schicksale die Thematisierung der Schmerzen, denen die Kranken ausgesetzt waren, einen besonders großen Raum einnimmt.

Den Schmerzen von Steinleidenden näherten sich Zeitgenossen aber nicht nur über das literarische Medium der Leichenpredigt. Auch die Musik bot sich als Ausdrucksform an. Ein in dieser Hinsicht außergewöhnliches Dokument liegt mit einer Komposition des französischen Gambisten Marin Marais vor. Unter den über 550 Stücken für Gambe und Generalbass, die Marais in fünf Sammlungen zwischen 1686 und 1725 veröffentlichte, sind auch "pièces de caractères", d. h. Stücke, die bestimmte "programmatische" Inhalte mit musikalischen Mitteln darstellten wie z. B. bestimmte Menschentypen, die Tätigkeit der Schmiede, Vogelstimmen oder Klänge eines Glockenspiels. Zu dieser Gruppe gehört aus der letzten Sammlung von 1725 das Stück Nr. 108 mit dem Titel "Le Tableau d l'Opération de la Taille",[4] d. h. "Bild/Schilderung einer Blasenstein-Operation". Darin geht es um die Empfindungen eines Betroffenen bei einem solchen Eingriff.

Was den Komponisten zur Wahl dieses ausgefallenen Themas bewogen hat, ist unbekannt. Dass er sich dabei auf eine eigene Erfahrung stützte, wurde in der Literatur immer wieder behauptet, ist aber nicht belegt. Marais muss das Thema als neuartig und ungewöhnlich eingeschätzt haben, denn von seinen über 550 Gambenstücken versah er nur dieses eine außer mit einer Überschrift auch noch mit kurzen Erläuterungen im Notentext, um dem Spieler bzw. Hörer den Ablauf des Geschehens verständlich zu machen. Das war umso mehr sinnvoll, als die einzelnen Abschnitte der Komposition jeweils nur wenige Takte umfassen, der Ablauf des Ganzen also sehr schnell vor sich geht.

Zum besseren Verständnis für uns heute ist aber auch ein kurzer Blick auf die damalige Operationspraxis erforderlich. Der Blasensteinschnitt gehörte neben der Schädeltrepanation und dem "Stechen" des Grauen Stars zu den ältesten, schon in der Antike beschriebenen chirurgischen Eingriffen; er galt aber als riskant und wurde nur als "letzte Lösung" gewagt, wenn andere Therapieversuche erfolglos geblieben waren. Noch im frühen 18. Jahrhundert wurde die Operation folgendermaßen durchgeführt: Der Patient wurde auf einem Stuhl mit hoher Lehne oder auf einem schmalen Tisch mit verstellbarer Rückenlehne gelagert, mit angewinkelten und gespreizten Beinen von mehreren Personen festgehalten und mit Bändern in dieser Position fest fixiert, damit das Operationsfeld für den Operateur gut zugänglich war und der Patient sich nicht bewegen konnte. Dann wurden der Zeige- und der Mittelfinger der linken Hand in den After eingeführt, mit der rechten Hand wurde der Stein durch Druck auf die Schamregion aufgespürt und zum Zeigefinger der linken Hand hin geschoben, damit dort durch einen Schnitt mit der rechten Hand in Damm und Blase der Stein freigelegt und mit einem Haken oder einer Zange entfernt werden konnte. Zuletzt wurde ein komplizierter Verband angelegt.

Das Stück von Marais ist nur kurz, aber es steckt voller hörbarer Symbolik. Zunächst wird das Zittern des Patienten beim Anblick des Operationstisches durch ein doppeltes Tremolo wiedergegeben, der Entschluss hinaufzusteigen durch einen schnellen Lauf nach oben. Das Absenken der Rückenlehne des Operationstisches, um den Patienten in die richtige Position zu bringen, wird durch eine absteigende Tonleiter nachgeahmt, die "ernsten Gedanken", die ihm dabei kommen, durch zwei kurze Floskeln, das anschließende Festbinden durch Figuren mit vielen Bindebögen. Die eigentliche Operation ist charakterisiert durch mehrfaches Ansteigen der Tonhöhe: zunächst der Schnitt durch zwei kurze Tremoli, danach das Einführen einer Zange und die Entfernung des Steins durch ein langes Tremolo, die dem Patienten zuletzt versagende Stimme durch einen noch höheren langen, nun aber ganz leisen Ton ("doux"). Auf diese Weise werden die immer stärkeren Schmerzen und die Schreie des Patienten ausgedrückt, die vor der Ära der Narkose bei einer Operation unvermeidlich waren, bis dem Patienten eine Ohnmacht zu Hilfe kam. Das nach dem Schnitt und der Steinextraktion ausfließende Blut wird fünf Takte lang durch absinkende Töne dargestellt; dabei verdeutlicht ein in Halbtönen absteigendes Quartintervall, das traditionell zum Ausdruck von Schmerz, Klage usw. diente ("Lamentobass"), dass die Schmerzen andauern. Schließlich wird das Lösen der Bänder wieder (wie zuvor das Festbinden) durch Figuren mit Bindebögen angedeutet. Der Transport des Patienten in sein Bett in den letzten Takten bleibt ohne "tonmalerische" Ausgestaltung.

Marin Marais war, wie in Johann Gottfried Walthers "Musicalischem Lexicon" von 1732 zu lesen ist, ein unvergleichlicher frantzösischer Violdigambist zu Paris, dessen Wercke in gantz Europa bekannt sind.[5] Wir wissen aber nicht, wie seine ebenso originelle wie kunstvolle Vertonung einer Blasenstein-Operation von der Musikwelt aufgenommen wurde. Man darf allerdings annehmen, dass die Mischung aus gruseligem Inhalt und virtuosem Gambenspiel ihre Wirkung im geselligen Kreis nicht verfehlte.

 

Prof. Dr. WERNER FRIEDRICH KÜMMEL ist Professor für Medizingeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und war von 1988 bis 2004 Leiter des Medizinhistorischen Instituts der Mainzer Universität.

 

Anmerkungen:

[1] Michael Reuber, Krankheiten und Krankheitserfahrungen bei Kirchenmusikern im Spiegel von Leichenpredigten des 17. und 18. Jahrhunderts, Marburg 2005.

[2] In den Dissertationen: Eva-Maria Moll, Todesursachen in Ulmer Leichenpredigten des 16. und des 18. Jahrhunderts, Diss. Ulm 2006, online abrufbar über den Volltextserver der Universität Ulm (im Folgenden VTS), URL: http://vts.uni-ulm.de/doc.asp?id=6408, URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:289-vts-64085 (Zugriff: 12.04.2013); und Sonja Christine Seidel, Todesursachen in Ulmer Leichenpredigten des 17. Jahrhunderts, Diss. Ulm 2006, online abrufbar über VTS, URL: http://vts.uni-ulm.de/doc.asp?id=5774, URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:289-vts-57740 (Zugriff: 12.04.2013), ermittelten die Autorinnen mehr als zwei Dutzend verschiedene Todesursachen in den Quellen. Am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm entstand zudem in jüngster Zeit eine weitere Arbeit: Anja Spickereit, Todesursachen in Leichenpredigten vom 16. bis 18. Jahrhundert in ausgewählten oberdeutschen Reichsstädten sowie in den Memminger Verzeichnissen der Verstorbenen von 1740-1809, Diss. Ulm 2011, online abrufbar über VTS, URL: http://vts.uni-ulm.de/doc.asp?id=8368, URN: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:289-vts-83682 (Zugriff: 12.04.2013).

[3] Susanne Specht, Die Marterpein des Grueß und Stein - Steinleidende in Leichenpredigten. Ein Beitrag zur medikalen Kultur der Frühen Neuzeit, Magisterarbeit Marburg 2000, hier besonders S. 8-10, 65-91.

[4] Marin Marias, Pièces de viole, cinquième livre, Paris 1725, Nr. 108. Neudruck der Partitur u.a. in: Ders., The Instrumental Works, Vol. 5, ed. by John Hsu, New York 2000.

[5] Johann Gottfried Walther, Musicalisches Lexicon Oder Musicalische Bibliothec, Darinnen nicht allein Die Musici, welche so wol in alten als neuern Zeiten, ingleichen bey verschiedenen Nationen, durch Theorie und Praxin sich hervor gethan [...] Sondern auch Die in Griechischer, Lateinischer, Italiänischer und Frantzösischer Sprache gebräuchliche Musicalische Kunst- oder sonst dahin gehörige Wörter, nach Alphabetischer Ordnung vorgetragen und erkläret [...], Leipzig 1732, S. 382, Digitalisat, URL: http://archive.org/stream/JohannGottfriedWalther-MusicalischesLexiconOderMusicalischeBibliothec/Walther-MusicalischesLexiconOderMusicalischeBibliothec1732#page/n0/mode/2up (Zugriff: 12.04.2013).

 

Zitierweise: Werner Friedrich Kümmel, Marin Marais (1656-1728). Le Tableau de l’Opération de la Taille – Die barocke Vertonung einer Blasenstein-Operation, in: Leben in Leichenpredigten 07/2013, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/marin-marais-1656-1728.html>

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