Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Maria Dumradius, geb. Gerschow (1599-1643)

01.10.2010

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

Mit Schimpff und Schaden in dem alten verfallenen Kahten verlassen – Eine Pfarrersfrau im Dreißigjährigen Krieg

Dorfkirche Iven (Ostvorpommern) [1/2]

Verluste im Dreißigjährigen Krieg mussten nicht unbedingt der direkten Kriegshandlung geschuldet sein. Das wird an der Leichenpredigt auf Maria Dumradius oder Dumrath, geb. Gerschow deutlich, die sich in der Historischen Bibliothek in Rudolstadt erhalten hat - denn diese Pfarrersfrau starb durch einen Unfall im baufälligen Pfarrhaus, für dessen Reparatur schon lange keine Gelder mehr geflossen waren.

Am 6. März 1599 wurde sie als Tochter eines Pfarrers in Medow geboren und heiratete 1622 im 24. Jahr ihres Alters Valentin Dumrath, damals noch Student der Theologie, später Pfarrer in Iven bei Anklam. Sie gebar ihm neun Kinder, von denen vier Töchter schon im Kindesalter starben - dero Cörperlein aber haben in diesen kümmerlichen Zeiten, und wehrendem beschwerlichem exilio ihre Wallfahrt halten müssen und wurden an unterschiedlichen Orten beerdigt. Denn 1638 wurde die Familie aus der Pfarre in Iven vertrieben, verlor ihr Haab und Guth in diesem Landverderblichem, und gantz Unchristlichem Kriegswesen, und floh offenbar zunächst nach Anklam und Greifswald, wo drei der Kinder starben, später wohl bis nach Schleswig[1]. Schon Maria Dumraths Mutter Maria Gerschow, geb. German, hatte 1637 unter der Käyserlichen Soldaten Grawsamkeit gelitten[2] und war in außmergelung und abfoderung unmüglicher Gelder im September des selben Jahres verstorben.

Als Valentin Dumrath mit seiner Familie nach Jahren des Exils nach Iven zurückkehrte, war das Pfarrhaus in einem so schlechten Zustand, dass es zu dem Unglück kam, das seiner Frau das Leben kosten sollte. Denn am Mittwoch nach dem Newen Jahrs Tage 1643 fielen dem Ehepaar, nachdem sie sich zu Bett begeben hatten, auß zweien Boden zwo Fache, und stürtzen gerade auf das Bette, da die Selige Frawe mit ihrem Herrn gelegen [...]: Da haben sie zwar umb Hülffe ruffen wollen (wie wol es sich bey solcher Angst und Schrecken, bey solcher Last und Staume schwerlich schreyen lässet) aber nichtes erlangen können. Valentin Dumrath musste schwer verletzt miterleben, wie seine Frau neben ihm starb. Er selbst konnte, nachdem Kinder und Gesinde aufgewacht waren und zunächst vergeblich versucht hatten, ihn unter den Trümmern hervorzuholen, unter Mithilfe des nahebei wohnenden Schmiedes gerettet werden.

Von Maria Dumrath selbst wird im Lebenslauf gesagt, es habe sich bei ihr Ungedult mercken lassen, insonderheit daß ihr zu ihren und der ihrigen ehrlichen Auffenthalt die gebührlichen und schuldigen intraden von etzlichen entzogen[3] und sie mit Schimpff und Schaden in dem alten verfallenen Kahten, ja in der rechten Mordgrube verlassen worden sind.

In die gleiche Kerbe wird vom Leichenprediger Moevius Volschow geschlagen, der gegen Ende der Predigt die Patrone dazu auffordert, ihrer Pflicht nachzukommen und Kirchen und Pastorat nicht lassen hinfallen und stehen, Gott gebe wie es den armen Predigern auch darin gehe, Sondern sie müssen sie bawen und bessern, damit nicht Menschen- ja Priester-Blut vergossen werde.

Der Predigt vorangestellt ist ein auf den 20. Februar 1643 datiertes Vorwort des Witwers, in dem er die Predigt seinen beiden Schwägern widmet und berichtet, dass er Volschow gebeten habe, diese LeichPredigt auff sich zu nehmen, ob vielleicht etliche ruchlose, auch wol andere gute fromme Christen, dahin könten erweichet werden, den nicht allein Materialischen, besondern auch Geistlichen Kirchen Baw besser in acht zu nehmen, alß leider bißhero in unserm Vaterlande geschehen, damit nicht mehr dergleichen besorgliche Fälle möchten verursachet werden.

Damit beklagt sich der betrübte Witwer durch den Druck der Leichenpredigt einerseits über die fehlenden Gelder, die er auch in einem Brief vom 17. Februar bereits heftig angemahnt hatte[4], weist aber andererseits auch auf das solche Missstände auslösende Übel des Krieges hin, für dessen Ende er im Privat- Hauß- und auch Kirchen Gebet Gott bittet.

Die Leichenpredigt dient in diesem Falle also offensichtlich nicht nur dem Zweck der Memoria, sondern auch als ein Versuch des Witwers, seine Pfarrkinder nach dem schrecklichen Tod seiner Ehefrau dazu zu bewegen, die Zahlungen an ihn und eben gerade auch der Kirchenbaulast wieder aufzunehmen.

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Fun. div. C
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 51), Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Dumrath, "Dumrath, Valentin", in: Allgemeine Deutsche Biographie 48 (1904), S. 167f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd104142057.html (Zugriff: 07.09.2010).

[2] Zu der "Banirschen tid", so benannt nach dem ersten schwedischen Generalgouverneur Pommerns, Johan Banér, und den Gräueltaten der schwedischen, kaiserlichen und brandenburgischen Soldaten in Pommern 1637/38 siehe u.a. Hans Joachim Hacker, Pommern in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in: Haik Thomas Porada (Hg.), Beiträge zur Geschichte Vorpommerns. Die Demminer Kolloquien 1985-1994, Schwerin 1997, S. 189-194; Otto Carsten Krabbe, Aus dem kirchlichen und wissenschaftlichen Leben Rostocks. Zur Geschichte Wallensteins und des Dreißigjährigen Krieges, Berlin 1863, neu herausgegeben und eingeleitet von Helge Bei der Wieden (Mitteldeutsche Forschungen 112), Nachdruck Weimar/Köln/Wien 1994, hier v.a. S. 207ff.

[3] Ausbleibende Pfarrersoldzahlungen waren ein allgemeines Problem dieser Zeit - für Württembergische Beispiele siehe Carsten Kohlmann, "Von unsern widersachern den bapisten vil erlitten und ussgestanden". Kriegs- und Krisenerfahrungen von lutherischen Pfarrern und Gläubigen im Amt Hornberg des Herzogthums Württemberg während des Dreißigjährigen Krieges und nach dem Westfälischen Frieden, in: Matthias Asche/Anton Schindling (Hg.), Das Strafgericht Gottes. Kriegserfahrungen und Religion im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation im Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges, Münster 2001, S. 123-211, hier v.a. S. 170ff.

[4] ADB (wie Anm. 1).

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Maria Dumradius, geb. Gerschow (1599-1643). Mit Schimpff und Schaden in dem alten verfallenen Kahten verlassen – Eine Pfarrersfrau im Dreißigjährigen Krieg, in: Leben in Leichenpredigten 10/2010, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/maria-dumradius-geb-gerschow-1599-1643.html>

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