Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Maria Dorothea Pertsch, geb. Roth (1700-1745)

01.11.2017

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Cornelia Niekus Moore

Das biographische Denkmal der Liebe für eine Helmstedter Professorengattin

Porträt Maria Dorothea Pertsch, geb. Roth [1/2]

Als es um 1700 Praxis wurde, die Verstorbenen mit einem "stillen Begräbnis" zu beerdigen, d.h. ohne die zeremonielle Begleitung durch Predigt, Glocken und Chor, verschwand auch der Leichenpredigt-Druck, der 150 Jahre seine (religiös bedingte) Nachruffunktion erfüllt hatte: Gott zur Ehre, den Verstorbenen zum Ruhm und den Überlebenden zum Trost. Für Männer, gerade akademische Gelehrte, erschienen noch immer Nachrufe; über Frauen, deren oft ausführlicher Lebenslauf manch einen Leichenpredigt-Druck geziert hatte, wurde weniger geschrieben. Aber die Tradition des Lebenslaufs setzte sich fort und es waren gerade Gatten, die auch weiter in oft autobiographischen Texten ihre (verstorbene) Gattin und das gemeinsame Leben mit ihr beschrieben. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts glichen diese biographischen Erzählungen noch ganz den Personalia der Funeralien. Daraus entwickelte sich jedoch allmählich eine biographische Erzählung.[1]

Ein gutes Beispiel dafür ist der "Kurze Bericht von dem Leben und seeligen Ende meiner Ehegattin", welches der Helmstedter Juraprofessor Johann Georg Pertsch (1694-1754) für seine Frau Maria Dorothea, geb. Roth, entwarf.[2] Es ist eine sehr persönliche Erzählung in Ich-Form. Sie wurde wahrscheinlich zuerst in kürzerer Fassung bei der Beerdigung vorgetragen. Der Gatte erzählt, wie er als junger Student zu Hause in Gera die 15-jährige Maria Dorothea Roth kennenlernte, wie sie sich verliebten, wie er ihr auch in fernen Studienorten treu blieb und wie sie 1720 heirateten. Besonders betont wird, wie die im Elternhaus genossene Ausbildung seiner Frau in Schreiben und Rechnen ihm bei seiner wissenschaftlichen Arbeit zu Gute kam; wie bereitwillig sie war, sich über ihren Mann Allgemeinbildung anzueignen; wie erfolgreich die Kaufmannstochter ihre Rolle als Professorenfrau annahm. Genauso wie andere Professorenfrauen richtete auch sie einen Haushalt mit Schülern als Kostgängern ein.[3] Ihre letzten Tage und ihr Sterben werden ausführlich beschrieben, aber die Betonung liegt nicht so sehr auf dem ersehnten Eintritt in das Himmelreich, sondern auf dem Abschiednehmen der Eheleute. Trotz der Verstorbenen als Leitfigur ist die Erzählung hauptsächlich als autobiographisch geprägt einzuordnen.

In der offensichtlich für Familie und Freunde arrangierten Ausgabe steht die Biographie an erster Stelle. Anschließend folgt die Abdankungsrede (hier "Leichenrede" genannt), in der August Gesenius, der Pastor der Walpurgiskirche, wo die Beerdigung stattfand, den Anwesenden für ihre Teilnahme dankt. Dann folgt das Programma academicum der Helmstedter Universität ("Supremum Amoris Officium"). Dadurch wird der Platz der Verstorbenen in der akademischen "Familie" verdeutlicht. Die am Ende abgedruckten Gedichte sind meistens von Mitgliedern der weitläufigen Familien Pertsch und Roth verfasst worden. Eines davon ist das Gedicht des Ehemanns: "Ach, meine Doris ist erkältet". Erneut geht es darin um das jetzt unterbrochene Zusammensein der Eheleute.[4]

Traditionsgemäß publizierte die Universität Helmstedt diese Denkschrift in verschiedenen Ausgaben.[5] Darin erschienen die gleichen Dokumente wie im "Ehren-Mahl" Johann Georg Pertschs, hier erweitert um zusätzliche Universitätsschriften und Epicedien von Kollegen und Bekannten. Aber das "Wolverdiente Ehren- und Gedächtnis-Mahl" mit dem Porträt und dem Lebenslauf an erster Stelle ist das persönliche biographische Testament und Beispiel einer weiteren literarischen Entwicklung auch der Frauenbiographien im 18. Jahrhundert.[6]

 

Prof. Dr. CORNELIA NIEKUS MOORE ist emeritierte Professorin für deutsche und niederländische Sprache an der University of Hawaii, Mānoa (USA). Sie lebt in Fairfax (USA); regelmäßige Forschungsaufenthalte führen sie u.a. an die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

 

Bestand: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
Signatur: Db 3499
Enthalten in: Online-Katalog der Leichenpredigten der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

 

Anmerkungen:

[1] Cornelia Niekus Moore, "Denckmal der Liebe". Biographische Berichterstattung über Frauen im 18. Jahrhundert, in: Christian Soboth/Pia Schmid (Hg.), "Schrift soll leserlich seyn". Der Pietismus und die Medien. Beiträge zum IV. Internationalen Kongress für Pietismusforschung 2013 (Hallesche Beiträge 44), Halle (Saale)/Wiesbaden 2016, S. 499-519.

[2] Johann Georg Pertsch, Kurzer Bericht von dem Leben und seeligen Ende meiner Ehegattin, in: Ders., Wolverdientes Ehren- und Gedächtnis-Mahl welches seiner im Leben geliebten und auch im Tod noch wehrtgeschätzten Ehegattin, Frauen Marien Dorotheen Pertschen gebohrnen Rothen, aufgerichtet hat Derselben hinterlassener Mann [...], Helmstedt 1745, S. 3-32, Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (im Folgenden HAB Wolfenbüttel) (Db 3499), PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:23-drucke/db-34992 (Zugriff: 14.07.2017).

[3] Elizabeth Harding, Der Gelehrte im Haus. Ehe, Familie und Haushalt in der Standeskultur der frühneuzeitlichen Universität Helmstedt (Wolfenbütteler Forschungen 139), Wiesbaden 2014; vgl. Heide Wunder, Helmstedter Professorinnen. Zur Konstituierung des Professorenstandes, in: Jens Bruning/Ulrike Gleixner (Hg.), Das Athen der Welfen. Die Reformuniversität Helmstedt 1576-1810. Ausstellungskatalog (Ausstellungskataloge der Herzog-August-Bibliothek 92), Wiesbaden 2010, S. 152-159.

[4] Siehe in diesem Zusammenhang die Sammlung von Anton Paul Ludwig Carstens, Zeugnisse treuer Liebe nach dem Tode Tugendhafter Frauen in gebundener deutscher Rede abgestattet von ihren Ehemännern, Hannover 1743 (Staatliche Bibliothek Regensburg, 999/Germ.90), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München (im Folgenden BSB München), Permalink (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb11090046-0 (Zugriff: 14.07.2017).

[5] Supremum Amoris Officium Matronae Generis Virtutumque [...] Mariae Dorotheae Pertschiae [...], Helmstedt o.J. (HAB Wolfenbüttel, Q 140c. Helmstedt 4o (32)); vgl. die Gedenkschrift der Universität auf den Tod des Gatten: Parentalia Quibus Memoriam [...] Io. Georgii Pertschii, Helmstedt [1754], Digitalisat der HAB Wolfenbüttel (114 Helmst. Dr. (1)), PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:23-drucke/114-helmst-dr-1s7 (Zugriff: 14.07.2017).

[6] Siehe z.B. Johann Salomo Semler, Zum Andenken einer würdigen Frau, Frauen Christina Magdal. Philipp. Semlerin gebohren Doebnerin [...], Halle (Saale) 1772 (VD18 10411585), Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) (Pon Ze 5125), PURL (Werk): http://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:3:1-236075 (Zugriff: 14.07.2017); sowie auch Anton Friedrich Büsching, Zum Gedächtniß der Frau Polyxene Christ. Auguste Büsching gebornen Dilthey [...], Berlin 1777 (VD18 90089952), Digitalisat der BSB München (Biogr. 153 xb), Permalink (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10062083-7 (Zugriff: 14.07.2017).

 

Zitierweise: Cornelia Niekus Moore, Maria Dorothea Pertsch, geb. Roth (1700-1745). Das biographische Denkmal der Liebe für eine Helmstedter Professorengattin, in: Leben in Leichenpredigten 11/2017, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/maria-dorothea-pertsch-geb-roth-1700-1745.html>

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