Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Margaretha Richter, geb. Möller (hingerichtet 1664)

01.09.2009

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

[...] da der Traurgeist Herberge gefunden – Kindsmord aus Melancholie

Domenico Fetti: Melancholie [1/2]

Kindsmord und Melancholie stehen im Mittelpunkt einer Schrift, die sich in der Historischen Bibliothek in Rudolstadt erhalten hat. Ein im Jahr 1670 in Bautzen verübter Kindsmord wurde zum Anlass genommen, eine Predigt auf die 1664 in Rendsburg durch das Schwert hingerichtete Kindsmörderin Margaretha Richter sowie einen Bericht über ihre Tat und drei Attestate über ihr christliches Leben von neuem abzudrucken. Zusammen mit dem angefügten Bericht über den Mord in Bautzen liefern die Schilderungen Einblicke in Tathergang und zeitgenössische Wahrnehmung eines solchen Verbrechens.

Geschehen war in Rendsburg Folgendes: Kurz nach dem Tod ihres Mannes wurde die siebenjährige Tochter der Margaretha Richter krank. Die Mutter verbrachte Tage und Nächte am Bett ihres Kindes, aß dabei so wenig, dass ihr zweites Kind, noch im Säuglingsalter, nicht mehr genug Milch bekam und ihr zusätzlich Unruhe bereitete. All das führte dazu, dass die sowieso schon Depressive einen Suizidversuch unternahm: Am 20. November 1664 verblendet sie der Teufel so sehr, daß sie die Dienstdirne aussendet, und unterdeß zu erst das kleineste, darnach das gröste Kind in die Küchen führet, und schneidet einem nach dem andern die Gurgel ab [...], denn sie hatte gedacht, bringstu dich umb, und läst die Kinder leben, so wird ihnen stets die Schande vorgeworffen, daß ihre Mutter eine Mörderin gewesen. Der Selbstmord wurde allerdings von den durch die Schreie der Kinder und der zurückkehrenden Dienstmagd herbeigerufenen Nachbarn verhindert. Im Gefängnis bereute sie ihre Tat und ließ sich durch die Bemühungen mehrerer Prediger schließlich zur Überzeugung bringen, dass die Gnade Gottes trotz des Vergehens auch ihr gelte.

Der Verfasser der Predigt, Petrus Scheele, verurteilt zwar die Tat des Kindsmordes scharf, geht aber im Folgenden weitaus mehr auf daß ungebührliche Richten hierüber ein, das er nicht vertragen könne an denen, die daß Richterampt nicht empfangen noch verstehen, die nur auff die That sehen, über die man billich muß zürnen: aber der Persohnen Beschaffenheit nehmen sie nicht war, mit der man muß Mitleiden haben. Denn die Mörderin sei Melancholisch gewesen, welches man zwar wohl in etwas hat spüren können, doch hat niemand können vermuthen, daß das Ubel so groß wäre, wie mans nun nach der That erfahren. Schon in ihrer Jugend hat sie fast ein delirium gelitten,also einen Anfall von akutem Wahnsinn, in dessen Bereich die Melancholie üblicherweise eingeordnet wurde.[1] In Margaretha Richters Fall stellte sich das delirium in suizidalen Wünschen dar: wenn sie ein Messer gesehen, hat sie Gedancken von eigenem Mord auffsteigend gefühlet. Auch in der Zeit ihrer Ehe war sie depressiv. Scheele führt weiter aus, dass sie zwar die Tat scheinbar gut geplant und nicht ohn alle Vernunfft gehandelt, dass aber auch die melancholey ihre intervalla und grada habe, sie sei wie der Mond, bald gantz, bald halb, nimmt ab und zu auff mancherley Weise. Damit wird der Mörderin Unzurechnungsfähigkeit attestiert und die Gemeinde zu Mitleid und Gebet statt zu harscher Verurteilung aufgerufen.

Wichtig ist für das Anliegen des Pfarrers auch das bis zur Tat christliche Leben der Mörderin, das in den drei von der Rendsburger Geistlichkeit verfassten und dem Druck beigegebenen Attestaten noch einmal explizit aufgezeigt wird. Etzliche vornehme Frauen setzten sich für die Mörderin ein und beauftragten die Attestate, sodass sie schließlich mit dem Schwerdt begnadiget und nach der Hinrichtung auf dem Kirchhof beigesetzt werden konnte. In dem Zeugnis von Scheele wird auch der Ehemann mitverantwortlich für ihren seelischen Zustand gemacht: da es ihr der Ehemann hätte sollen erleichtern, hat ers mehr und mehr als in harte Fessel eingeschlossen durch seine Gestrengigkeit, weil er ihr die Hände so bloß gehalten, daß mans nicht sagen mag oder gläuben solte. Auch in der Predigt machte der Pfarrer Andeutungen auf Zufälle, die zu dieser Melancholey gar sehr geholfen. Die Krankheit wird damit nicht ausschließlich auf seelische Wahnvorstellungen und körperliche Anhäufung des überflüßigen und dicken Blutes[2], sondern auch auf äußerliche Umstände zurückgeführt, die die Symptome der Melancholie verstärkten und damit weiter zur Entlastung der Delinquentin beitragen.

Der Fall Margaretha Richter ist ein interessantes Beispiel für die beginnende Säkularisierung des Selbstmordes[3]: Während die Frau ihre Kinder tötete, damit diese nicht die Schande erleben müssten, eine Selbstmörderin zur Mutter zu haben, wird der versuchte Suizid in der Wahrnehmung des Predigers insbesondere der Melancholie als einer körperlichen und seelischen Störung zugeschrieben, die schon von Zeitgenossen als Volkskrankheit wahrgenommen wurde und deren Zunahme Philosophen, Ärzte und Geistliche beschäftigte.[4] Auch Scheele schreibt: man höret mehr, als einem lieb ist, wie die Melancholey unter den Leuten einreist.

In diesem Lichte betrachtet ist es nicht allzu verwunderlich, dass auch der Kindsmord 1670 in Bautzen, der den Anlass für den Neudruck von Scheeles Predigt gab und in einem beigefügten Bericht erläutert wird, der Schwermuth und Melancholey der Delinquentin Anna Kühne zugeschrieben wird. Auch sie hatte zwei ihrer Kinder erschlagen, allerdings in einer Affekthandlung, begründet in der Wahnvorstellung, sie nicht mehr ernähren zu können. Auch sie bereute ihre Tat und wurde wegen der mildernden Umstände ihrer Melancholie durchs Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht - allerdings ist dies das einzige Anzeichen von Mitleid, das der Bericht enthält, und sie wurde, anders als Margaretha Richter, auch nicht auf dem Kirchhof beigesetzt, sondern der enthäupte Körper in einen Sarg geleget, und unfern des Richtplatzes in die Erde verscharret. Ihre Melancholie wird mit dem Satz bewertet: Woraus zur gnüge erhellet, wie hoch es der Teufel bringen könne, wenn er einmahl das Vertrauen zu Gott im Menschlichen Hertzen vernichtiget.

Das Stück macht damit in sich deutlich, wie unterschiedlich die Melancholie wahrgenommen werden konnte[5] - in Margaretha Richters Fall führte die relativ unauffällige Depression der Täterin zu einem milden Urteil der Zeitgenossen, im Fall Anna Kühnes wird der Mörderin, obwohl sie wesentlich eindeutiger an Wahnvorstellungen litt, weniger Mitleid entgegengebracht und ihre Melancholie mit fehlendem Gottvertrauen erklärt.

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Historische Bibliothek Rudolstadt
Signatur: Fun. div. LVI
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek Rudolstadt (Marburger Personal-Schriften-Forschungen 51), Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Angus Gowland, The Problem of Early Modern Melancholy, in: Past & Present 191 (2006), S. 77-120, hier S. 88.

[2] Johann Heinrich Zedler (Hg.), Grosses vollständiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 36, Leipzig/Halle (Saale) 1743 (ND Graz 1962), Sp. 465.

[3] George Minois, Geschichte des Selbstmords, Düsseldorf/Zürich 1996, S. 149; siehe hierzu auch den unten angeführten Link.

[4] Gowland, Problem (wie Anm. 1).

[5] Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf, Melancholischer Diskurs und literaler Selbstmord. Der Fall Adam Bernd, in: Gabriela Signori (Hg.), Trauer, Verzweiflung und Anfechtung. Selbstmord und Selbstmordversuche in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaften, Tübingen 1994, S. 282-310.

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Margaretha Richter (hingerichtet 1664). [...] da der Traurgeist Herberge gefunden – Kindsmord aus Melancholie, in: Leben in Leichenpredigten 09/2009, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/margaretha-richter-hingerichtet-1664.html>

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