Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Margaretha Elisabeth von Harling (1633-1685)

01.03.2017

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Cornelia Niekus Moore

Der Kloster-Jungfrau Pflicht – Das Leben einer Domina des Evangelischen Konvents zu Lüne

Margaretha Elisabeth von Harling [1/3]

Zwei junge Mädchen von Harling fanden im Kloster Lüne ein neues Zuhause. Von der Älteren, Ilse Catharina von Harling (1628-1651), wird in ihrer Leichenpredigt berichtet, dass sie schon jung ihre Mutter verloren hatte.[1] Der Vater, Johann von Harling, übergab die Elfjährige deshalb 1639 Catharina Margarethe von Estorff, Domina des Klosters Lüne, eines evangelischen Damenstifts, zur weiteren Erziehung, welche wie eine Mutter zu ihr war.[2] Ihr Schwesterchen, Margaretha Elisabeth von Harling, musste noch eine Weile zu Hause bleiben, bis auch sie, als Elfjährige, ebenfalls der Domina übergeben wurde. Ilse Catharina von Harling verließ 1647 das Kloster und heiratete Lorentz Heinrich von Meltzing, Erbsasse auf Emmendorf. Margaretha Elisabeth blieb im Kloster, wurde 1649 eingekleidet, übernahm mehrere ihr aufgetragene Klosterämter, bis sie 1680 zur Domina gewählt wurde. 1685 starb sie. Heinrich Wilhelm Scharff (1653-1703), der fünf Jahre zuvor von ihr zum Superintendenten in Lüneburg ernannt worden war, hielt die Leichenpredigt.[3] Darin ging er nicht nur auf das Leben der Domina ein, sondern er benutzte ihr fast vollständig im Kloster verbrachtes Leben als Vorbild eines gottgefälligen Klosterlebens. Das tat er mit Begeisterung, Überzeugungskraft und Details, und so gab er seinen Zuhörerinnen wie auch weiteren Lesern einen Einblick in das weibliche protestantische Klosterleben im 17. Jahrhundert, wie auch in das Leben einer Frau, die sich das Kloster als lebenslanges Zuhause gewählt hatte.

Schon in der Widmung an die neue Domina, Barbara von Wittorf (1649-1713),[4] und ihre Mitschwestern geht der Prediger ausführlich auf die Geschichte des Klosters Lüne ein, erwähnt Äbtissinnen vor der Reformation (eine Liste von Adligen und Nicht-Adligen) und danach (ausschließlich Adlige aus der Umgebung). Die Widmung an die Klosterinsassen ist schon ein Zeichen dafür, dass diese Leichenpredigt (wie wahrscheinlich auch die Beisetzung) eine innerklösterliche Angelegenheit war. Dazu nutzt der Prediger, jetzt fünf Jahre im Amt, die Gelegenheit, seinen Zuhörerinnen ein sehr positives Bild des Lebens im Kloster, abgeschirmt von der Außenwelt, jedoch ohne die Verpflichtung durch ewige Gelübde, zu entwerfen; ein tatkräftiges, auf dem Glauben aufbauendes Leben, ganz im Sinne von Luthers Schriften, die er auch ausführlich zitiert. Zuerst erwähnt er die lange Tradition der Klostergemeinden, jetzt wieder fortgeführt, nachdem einige Missstände die eingeschlichen waren beseitigt worden waren, um dann das 46 Jahre dauernde Klosterleben der Domina als Vorbild eines gottgefälligen Lebens zu benutzen. Dies bedeute: Nicht nur im Glauben, sondern auch in der Ausübung der Klosterpflicht. Sie habe gesagt: 'Herr Jesu dir lebe ich im Glauben', aber es war bey ihr noch lange nicht genug, sie konnte auch sagen: Herr Jesus dir lebe ich in Wercken, das ist meine Klosterpflicht. Zu dieser Klosterpflicht rechnet er nicht nur die karitative Arbeit, sondern auch die religiösen Verrichtungen im Kloster: das Beten, das Singen, das Anhören von Predigten, den täglichen Gottesdienst. Auch die Mädchenerziehung, die sie und ihre Schwester genossen hatten, wird hier erwähnt, da vormalige Kloster nicht anders als Schulen gewesen. Und er hält es für angebracht, dass es denjenigen, die nicht an den täglichen religiösen Praktiken des Klosters teilnahmen, nicht erlaubt war, Mädchen in ihren Räumen zu erziehen. Er betont, dass dieses Klosterleben eine freywillige klösterliche Einsamkeit sei, nicht ein gezwungenes Gefängnis mit ewigen Gelübden.[5]

Bei aller Weltabgewandtheit wird deutlich, dass Margaretha Elisabeth ihre weltlichen Wurzeln nie verließ. Die Liste der Dominae (ihrer Vorgängerinnen) ist eine Auflistung von Namensträgerinnen aus dem Landadel. Als ihre Schwester Ilse Catharina an den Folgen einer Geburt erkrankte und starb, war Margaretha Elisabeth da, um ihr beizustehen. Deutlich wird, dass das Kloster Lüne wie die anderen protestantischen Stifte mit aller selbstgewählten Absonderung seine Rolle als Schutzraum für den weiblichen Teil des niedersächsischen Landadels aus der Umgebung überaus erfüllte. Das ansprechende Porträt ist aus einer Reihe von Äbtissinnen-Porträts im Kloster Lüne. Auch in anderen Heideklöstern in der Lüneburger Gegend war es üblich, mit Porträts der Äbtissinnen eine Art Ahnenreihe fortzuführen.[6] Mit einer Predigt, in der das Leben der Verstorbenen ausführlich als Vorbild erwähnt wurde, und dem schon existierenden Porträt schuf man so ein Memorial in Wort und Bild.

Ein kurzes Nachwort über den Prediger, den damaligen Lüneburger Superintendenten: Heinrich Wilhelm Scharff gehörte zu der damals aufkommenden lutherischen Erneuerungsbewegung des Pietismus. Im Wesentlichen gleichen seine Ausführungen den "Pia Desideria" von Philipp Jacob Spener (1635-1705), der in der Leichenpredigt ein weltberühmter gottseliger Lehrer genannt wird, um dann am Rand der betreffenden Seite als Herr[n] D. Spener identifiziert zu werden.[7] Die Gattung der meist biographischen Leichenpredigt erlaubt dem Prediger jedoch nicht nur einen Ruf nach Reform, sondern den Entwurf eines positiven biographischen Bildes, so wie in diesem Kloster und durch diese Äbtissin die Harmonie von Glauben, Werken und Klosterdisziplin schon gestaltet wurde. Wo Spener in seinen "Pia Desideria" die Missstände in der Kirche betont, entwirft Scharff ein Vorbild eines idealen Klosterlebens. In seinem Werk "Die Lünische Rechnung/ Vorstellend Die Pflichten des Predigers/ und seiner Zuhörer [...]" (Erstdruck 1696 bei Johann Stern in Lüneburg; weitere Auflagen 1703 und 1717) gibt er sich im pietistischen Sinne als Kirchenreformer, wobei er sich genau wie in der Leichenpredigt vor allem auf das persönliche Leben der Gläubigen bezieht.[8]

 

Prof. Dr. CORNELIA NIEKUS MOORE ist emeritierte Professorin für deutsche und niederländische Sprache an der University of Hawaii, Mānoa (USA). Regelmäßige Forschungsaufenthalte führen sie u.a. an die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Leipzig
Signatur: Fam.311/13
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Leipzig (Marburger Personalschriften-Forschungen 50), Bd. 2, Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Augustinus Angerstein, Christliche Leich- und Ehren-Gedächtniß-Predigt/ Auß Gottes Wort/ Bey der Christ-Adelichen [...] Leich-Begängnis/ Der [...] Frauen/ Ilsen Catharinen Gebohrnen von Harling/ [...] Durch Göttliche Gnaden-Hülffe gehalten [...], Lüneburg 1652 (VD17 1:037778S).

[2] Von diesem weniger bekannten Zweig der Familie von Harling wird berichtet, dass der Vater 1621 das Gut in Neuenfeld (Nienfeld) und 1647 weitere Güter in Dötlingen und Oldenburg erwarb und sich darum Erbgesessen zu Oldenburg, Nienfeld und Dötlingen nennen konnte, vgl. Ernst Heinrich Kneschke (Hg.), Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon, Bd. 4, Hildesheim/New York 1973, S. 204. Wahrscheinlich heiratete der Vater nach dem Tod seiner ersten Ehefrau wieder. In der Leichenpredigt auf Ilse Catharina von Harling wird eine jüngere Schwester erwähnt.

[3] Heinrich Wilhelm Scharff, Der Kloster-Jungfrau Pflicht/ Und beste Zuversicht [...], Lüneburg 1686 (VD17 1:033178S), Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL (Werk): http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB00008A5A00000000 (Zugriff: 19.10.2016). - Für biographische Angaben über den 1653 in Bardewick bei Uelzen geborenen Heinrich Wilhelm Scharff siehe Fortgesetzte Sammlung von Unschuldigen Nachrichten von alten und neuen theologischen Sachen 32 (1734), S. 62-70.

[4] Ihre Leichenpredigt: Johann Pott, Christum das Leben der Gläubigen/ Sammt Deren Gewinn im Sterben [...], Lüneburg 1713, Digitalisat der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:23-drucke/alv-nh-227-11s-2f3 (Zugriff: 19.10.2016).

[5] Vgl. hierzu auch Wolfgang Brandis/Hans-Walter Stork (Hg.), Weltbild und Lebenswirklichkeit in den Lüneburger Klöstern. IX. Ebstorfer Kolloquium vom 23. bis 26. März 2011, Berlin 2015.

[6] Siehe dazu Karin Schrader, Fürstin und Äbtissinnen. Protestantische Frauenbildnisse der Frühen Neuzeit als Zeugnisse politischen und kulturellen Handelns, in: Susanne Rode-Breymann (Hg.), Musikort Kloster. Kulturelles Handeln von Frauen in der Frühen Neuzeit (Musik - Kultur - Gender 6), Köln/Weimar/Wien 2009, S. 169-201. Das Kloster Lüne hat mehrere Webseiten, u.a. URL: http://www.kloster-luene.de (Zugriff: 19.10.2016). Das Porträt und der Sarg von Margaretha Elisabeth sind im Internetportal "Deutsche Inschriften Online" abrufbar; das Porträt unter URL: http://www.inschriften.net/di076/0309/, der Sarg unter URL: http://www.inschriften.net/di076/0310/ (Zugriffe: 19.10.2016).

[7] Scharff, Kloster-Jungfrau (wie Anm. 3), S. 15.

[8] Ders., Die Lünische Rechnung/ Vorstellend Die Pflichten des Predigers/ und seiner Zuhörer/ Hat am Sonntag Misericord. Domini Anno 1696. 26. Apr. Bey der General-Kirchen Visitation abgeleget/ Und Nachhero etwas erweitert ans Licht gegeben [...], Lüneburg [1696] (VD17 39:159019Q), 2. Aufl., o.O. 1703, 3. Aufl., o.O. 1717, Digitalisat der Erstauflage: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, PURL (Werk): http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN782393454 (Zugriff: 19.10.2016). Das Buch wurde von dem Lüneburger Superintendenten D. Weiss zensiert. 1696 verteidigte Scharff es erfolgreich im fürstlichen Konsistorium. Vgl. Unschuldige Nachrichten (wie Anm. 3).

 

Zitierweise: Cornelia Niekus Moore, Margaretha Elisabeth von Harling (1633-1685). Der Kloster-Jungfrau Pflicht – Das Leben einer Domina des Evangelischen Konvents zu Lüne, in: Leben in Leichenpredigten 03/2017, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/margaretha-elisabeth-von-harling-1633-1685.html>

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