Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Ludwig V. Landgraf von Hessen-Darmstadt (1577-1626) • Moritz Landgraf von Hessen-Kassel (1572-1632) • Georg II. Landgraf von Hessen-Darmstadt (1605-1661)

01.05.2010

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Margret Lemberg

Fürstliche Funeralwerke als Medien dynastischer Auseinandersetzungen

Titelblatt des "Monumentum Sepulcrale", Funeralwerk auf Moritz Landgraf von Hessen-Kassel [1/2]

Im 17. Jahrhundert wurde eine Art von "Grabdenkmal" modern, das nicht an einen festen Ort in einer Kirche gebunden war, sondern den Ruhm des Verstorbenen und seines fürstlichen Hauses in gedruckter Form weit in Europa verbreiten konnte. Es handelt sich um prächtig ausgestattete Folianten mit Trauerpredigten, Kondolenzschreiben und Gedichten; kunstvolle Kupferstiche ergänzen die Texte. Die wichtigsten Vertreter dieser Gattung zählt die Universitätsbibliothek Marburg zu ihren Schätzen.

Das früheste dieser Werke ist das "Ehren Gedechtnus Deß Durchleuchtigen Hochgebohrnen Fürsten vnnd Herren Herrn Ludwigen Landgraven zu Hessen", das Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt für seinen 1626 verstorbenen Vater Ludwig V. in Auftrag gab. Der mehr als 500 Seiten starke Foliant wurde in Marburg – das damals für einige Jahre zu Hessen-Darmstadt gehörte – von Nikolaus Hampel und Kaspar Chemlin gedruckt und zählt zu den schriftlichen Zeugnissen der konfessionellen und schriftlichen Auseinandersetzungen zwischen den landgräflichen Linien Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Landgraf Ludwig V. hatte nämlich nach einer Entscheidung des Reichshofrats im Jahr 1623 zu seinem Anteil am Erbe seines Onkels Ludwig IV. auch den Anteil seines Konkurrenten Moritz des Gelehrten von Hessen-Kassel erhalten. Das "Ehren Gedechtnus" stellt somit auch einen Ausweis der Überlegenheit der Darmstädter über die Kasseler Linie dar. Es umfasst im ersten Teil die Trauerpredigten und 15 Blätter mit Kupferstichen, die den Verstorbenen und seine Ehefrau zeigen und als Gruppenbildnis die Brüder und die Söhne Ludwigs V. Ein Kupfer gibt das Paradebett, eins den gesamten Trauerzug und ein anderes einen vergrößerten Ausschnitt wieder. Die hessischen Wappen und die seiner Gemahlin sind nicht vergessen, sie werden von Sargbegleitern hochgehalten. Dieses frühe Funeralwerk ist eine erstaunliche Leistung der Marburger Drucker, die vermutlich auch für die Zusammenstellung der Kupfer verantwortlich waren.

In einer völlig anderen politischen Situation ließ Landgraf Wilhelm V. bzw. dessen Witwe Amelie Elisabeth von Hessen-Kassel eine Gedächtnisschrift für den 1632 verstorbenen Vater bzw. Schwiegervater Landgraf Moritz anfertigen. Das 1638 von Johannes Saur in Kassel und Johann Ammon in Frankfurt gedruckte "Monumentum Sepulcrale" soll offensichtlich das Hessen-Darmstädtische Werk aus dem Jahr 1626 überbieten. Es ist fast doppelt so dick, nämlich über 900 Seiten stark und enthält 63 Kupferstiche, die zum Teil mehrfach gefaltet sind. Die Künstler und Stecher tragen berühmte Namen: Als Zeichner arbeiteten August Erich und C. LeBlon, als Stecher Matthäus Merian und Jacobus von der Heyden. Hier sind im Bilde die Ahnen versammelt, die Ehefrauen und Kinder aus zwei Ehen, die Ehepartner der verheirateten Söhne und Töchter und vor allem deren Wappen. Damit jeder die Bedeutung der Kasseler Linie, ja ihren Vorrang vor der Darmstädter sieht, wird als Ahnentafel die Ausmalung des Saals im Schloss und das Epitaph Landgraf Philipps und Christines von Sachsen aus der Martinskirche in Kassel in hervorragender Qualität wiedergegeben.

Aber nicht nur die Kupfer sind von großer Bedeutung, auch die Auswahl der Texte ist wohl überlegt. Neben den Trauerpredigten bedeutender calvinistischer Theologen auf Landgraf Moritz stehen Predigten zum Tod seiner vor ihm verstorbenen Kinder und eine Sammlung seiner lateinischen Gedichte. Der finanzielle und intellektuelle Aufwand für das Monumentum steht im krassen Gegensatz zu der politischen Bedeutung Hessen-Kassels in dieser Zeit. Das Land war von fremden Truppen besetzt, und der regierende Landgraf Wilhelm V. weilte fern seiner Landgrafschaft, starb 1637 während der Drucklegung in Nordfriesland und konnte erst 1640 in seiner Residenz beigesetzt werden. Hessen-Kassel bestand eigentlich nur noch aus einem Heer, so dass das opulente Funeralwerk viel mehr war als ein Monument für den verstorbenen Landgrafen, es war ein Stück Selbstvergewisserung.

Obgleich die große Zeit der konfessionellen Auseinandersetzungen eigentlich schon vorüber war, versuchte die 1647/48 im sogenannten Hessenkrieg unterlegene Darmstädter Linie beim Tod Landgraf Georgs II. im Jahr 1661 das Kasseler Monumentum durch ein Werk in Großfolio mit dem Titel "Vita Post Vitam" zu übertrumpfen, das Trauergesänge, elf Leichenpredigten, sechs Trauerreden und zahlreiche Kupferstiche und Holzschnitte umfasst. Die Professoren der von Georgs Vater Landgraf Ludwig V. gegründeten Universität in Gießen nahmen in einem eigenen Band Abschied von ihrem Landesherrn: "Unverweslicher Ceder-Baum, zu ewigem Andencken und Namens Unsterblichkeit, Des Durchleuchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Georgen des Andern [...] im Namen der gantzen Universität Gissen [...] auffgerichtet durch Johan. Tacken".

Selbstverständlich dauerte die Sitte an, beim Tod der Landgrafen und auch Landgräfinnen Sammlungen der Leichenpredigten und Trauergesänge drucken zu lassen, doch eine Bedeutung im konfessionellen und politischen Kampf um die Vorherrschaft in Hessen konnten und wollten diese späteren Funeralwerke nicht mehr erringen.

 

Dr. MARGRET LEMBERG hat zahlreiche Veröffentlichungen zur hessischen und Marburger Geschichte vorgelegt.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Marburg
Signaturen: VIII A 306 / VIII A 266 / VIII A 307
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Marburg (Marburger Personalschriften-Forschungen 2), Marburg 1980 /
Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Marburg. Nachtrag. Unter Berücksichtigung von Leichenpredigten und Trauerschriften weiterer Marburger Sammlungen (Marburger Personalschriften-Forschungen 12), Sigmaringen 1990 /
Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 13), Sigmaringen 1991

 

Die abgebildeten Kupferstiche waren Teil der Ausstellung "Hessenland. Die Hassiaca-Sammlung der Universitätsbibliothek Marburg", die vom 2. Dezember 2009 bis 7. März 2010 im Oberen Foyer der Universitätsbibliothek Marburg präsentiert wurde. Der Text ist dem von Margret Lemberg und Bernd Reifenberg publizierten, gleichnamigen Begleitband entnommen, der - reich illustriert - 2009 als Band 135 der Reihe Schriften der Universitätsbibliothek Marburg erschienen ist.

 

Zitierweise: Margret Lemberg, Fürstliche Funeralwerke als Medien dynastischer Auseinandersetzungen, in: Leben in Leichenpredigten 05/2010, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/ludwig-v-landgraf-von-hessen-darmstadt-1577-1626-moritz-landgraf-von-hessen-kassel-1572-1632.html>

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