Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Leonhard Euler (1707-1783)

01.09.2018

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Werner Schaal

Lobrede auf einen großen Mathematiker

Titelblatt der "Lobrede" auf Leonhard Euler [Durch Anklicken des Titelblattes öffnet sich die Bilderstrecke zum Beitrag] [1/9]

"Dies sind Eulers Verdienste um die Aufklärung seines Zeitalters, dies seine der Unsterblichkeit würdigen Arbeiten. Sein Name, den die Nachwelt dem eines Galilei, Descartes, Leibnitz, Newton und so vieler anderer grossen Männer, die der Menschheit durch ihr Genie Ehre gemacht haben, an die Seite setzen wird, kann nur mit den Wissenschaften erlöschen. [...] Wenige Gelehrte haben so viel als Euler geschrieben, kein Geometer so viele Gegenstände auf einmal umfaßt, keiner über alle Teile der Mathematik so viel Licht verbreitet."[1]

Diese Sätze schreibt Nicolaus Fuß (1755-1826) in seiner "Lobrede" auf Euler in der deutschen Fassung vom 28. April 1785 (julianisches Datum folgend der Angabe auf dem Originaltext, gregorianische Datierung: 9. Mai). Es dürfte sich hierbei um einen der berühmtesten Nachrufe auf einen Gelehrten handeln, die in der Geschichte der Wissenschaften überliefert sind. Nicolaus Fuß kam 1772, also sehr jung, nach Eulers endgültiger Erblindung auf dessen Wunsch aus Basel zu ihm nach Sankt Petersburg als sein Sekretär. Er übte diese Tätigkeit bis zu Eulers Tod gewissenhaft aus, und er war zweifellos berufen, ihn als erster unmittelbar nach seinem Tod eingehend zu würdigen. Die ursprüngliche Fassung war auf Französisch geschrieben und wurde am 23. Oktober 1783 (Datum auf dem Originaltext, gregorianisch: 3. November) in der "Kayserlichen Akademie der Wissenschaften zu Sankt Petersburg" vorgelesen - Euler war erst am 18. September 1783 gestorben. Wegen des unverdienten Beyfalls, mit dem dieser Abriß von Eulers Leben aufgenommen wurde,[2] übersetzte Fuß selbst die "Lobrede" mit einigen "Zusätzen" ins Deutsche. Ich beziehe mich in den nachfolgenden Ausführungen auf die deutsche Fassung.

Zunächst geht Fuß auf Eulers Jugend und seinen wissenschaftlichen Werdegang ein. Sicherlich bezieht er sich dabei auf Eulers eigene Darstellung, die er seinem ältesten Sohn Johann Albrecht (1734-1800) nach seiner Rückkehr an die Akademie in Sankt Petersburg (1766) diktiert hatte: Leonhard Euler, Professor der Mathematik, Mitglied der kayserlichen Akademie der Wissenschaften zu Sankt Petersburg, gewesener Director der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, der Pariser und der Londner Gesellschaften der Wissenschaften, so wie vieler andrer Mitglied, ward geboren zu Basel, den 4/15 ten April 1707. Sein Vater war: Paul Euler, damals designierter Prediger zu Riehen, seine Mutter: Margaretha Brucker, aus einem Geschlechte, das der Welt durch verschiedne Gelehrte dieses Namens rühmlich bekannt ist.[3]

Den ersten Unterricht erhielt Euler von seinem Vater, der als ein Liebhaber der mathematischen Wissenschaften und als ein Schüler des berühmten Jacob Bernoulli (1655-1705) nicht ermangelte, auch seinen Sohn [...] in der Mathematik zu unterrichten.[4]

Euler wurde in Basel geboren, wohl in der Nähe des Marktplatzes. Wenig später zog seine Familie nach Riehen, einem Vorort aber kein Stadtteil von Basel. Er wurde an der Basler Universität mit dem derzeit berühmten Professor für Mathematik Johann Bernoulli (1667-1748) bekannt, einem Bruder des oben genannten Jacob Bernoulli. Dieser erkannte sehr schnell Eulers mathematische Begabung, verweigerte sich aber seinem Wunsch, ihm Privatstunden zu erteilen. Er gab ihm vielmehr den Rat, aus den damaligen Lehrbüchern die Mathematik im Selbststudium zu erlernen und erbot sich ferner ihm alle Sonnabend die Zweifel zu heben, die ihm die Woche durch beym durchlesen der schwersten Schriften und sonst vorgekommen seyn mochten. Eine herrliche Methode![5] (Wahrscheinlich sträuben sich unseren modernen Didaktikern die Haare, wenn eine solche Empfehlung für ein Studium gemacht wird. Aber sie dürfte auch heute noch zur Nachahmung für ähnlich Begabte wie Euler empfohlen werden.) Nach dem Erhalt der Würde eines Magisters im Jahre 1723 studierte Euler Theologie und morgenländische Sprachen,[6] nach seinen eigenen Worten Griechisch und Hebräisch. Aber er erhielt von seinem Vater bald die Erlaubnis, sich ganz der Mathematik zu widmen. Dabei machte er die Bekanntschaft mit den beiden Söhnen Johann Bernoullis, Nicolaus (1695-1726) und Daniel (1700-1782).

Zar Peter I. (der Große, 1672-1725) unterzeichnete 1724 ein Dekret, welches die Gründung einer Akademie der Wissenschaften zur Folge haben sollte. Nach seinem frühen Tod realisierte seine Witwe Katharina I. (1684-1727) diesen Plan. Da Russland zu dieser Zeit nicht über viele ausgewiesene Wissenschaftler verfügte, versuchte man, ausländische Gelehrte für das Amt des Akademiepräsidenten zu gewinnen. Aber sowohl Johann Bernoulli als auch der seit 1723 wegen seiner Vertreibung aus Halle (Saale) in Marburg lebende Philosoph Christian Wolff (1679-1759) lehnten ein solches Angebot ab. Wolff empfahl die Söhne Johann Bernoullis, die oben genannten Nicolaus und Daniel. Euler wäre ihnen gerne sofort gefolgt, zumal seine Bewerbung um eine offene physikalische Professur in Basel 1726/27 trotz einer preisgekrönten Arbeit an der Pariser Akademie über die Bemastung von Schiffen nicht erfolgreich war. Auf Empfehlung der beiden Bernoulli erhielt Euler im September 1726 ein Angebot an die Sankt Petersburger Akademie als Adjunkt für die mathematische Classe, wie Fuß ausführt. Schon hier soll erwähnt werden, dass Euler mit Christian Goldbach (1690-1764), dem ersten permanenten Sekretär der Sankt Petersburger Akademie, gut bekannt war und bis zu dessen Tod einen intensiven Briefwechsel mit ihm unterhielt. Goldbach hat die beiden folgenden zahlentheoretischen Vermutungen formuliert:

  1) Jede gerade Zahl ≥4 ist Summe zweier Primzahlen.
  2) Jede ungerade Zahl ≥7 ist Summe dreier Primzahlen.

(Letztere, die schwächere der beiden Vermutungen, ist erst 2013 von dem peruanischen Mathematiker Harald Helfgott (geb. 1977) bewiesen worden. Er hat seinen Beweis auch im Rahmen der regelmäßig stattfindenden Kolloquien im Fachbereich Mathematik und Informatik der Philipps-Universität Marburg vorgetragen.) Euler hat sich mit beiden Vermutungen beschäftigt, und natürlich hat er sein Augenmerk auf die erste der beiden gelegt, da sie die zweite impliziert. Euler trat die Reise nach Sankt Petersburg im Frühjahr 1727 von Basel aus an. Sie führte ihn auch über Marburg, wo er am 12. April 1727 ein kurzes Treffen mit Christian Wolff hatte. Er erreichte Sankt Petersburg eine Woche nach dem frühen Tode Katharinas I., und auch Nicolaus Bernoulli war einige Zeit vorher verstorben.

An dieser Stelle seiner Rede weist Fuß darauf hin, dass die mathematische Laufbahn [...], als Herr Euler sie betrat, nichts weniger als aufmunternd [war].[7] Er musste sich vergleichen lassen mit Isaac Newton (1643-1727), Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), Pierre de Fermat (1607-1665) und einigen anderen berühmten Mathematikern und Physikern. Aber es gab genügend offene Fragen, die Fuß anspricht, und womit er gleichzeitig Eulers allumfassende mathematische und physikalische Interessen und Resultate beschreibt:

Die Infinitesimalrechnung war noch zu nah an ihrer Entdeckungsepoche, als daß sie schon einen beträchtlichen Grad von Vollkommenheit hätte erreicht haben können. Die Mechanik, die Dynamik, besonders die Hydrodynamik und die physische Astronomie fühlten noch die Unvollkommenheit dieser neuen Rechnungsart.[8] Die Anwendung der Differenzialrechnung hatte zwar keine Schwierigkeit; desto mehr aber die Kunst zu integriren, das ist von den Elementen zu den Größen selbst zurück zu kehren. Eine Menge Beweise über die Eigenschaft und die Natur der Zahlen, die Fermat entdeckt hatte, waren mit ihm gestorben.[9] Später bezieht sich Fuß ausdrücklich auf die Beiträge Eulers zur Integralrechnung: [...] daß Euler durch die zahllose Menge glücklicher Integrationen, die nur ihm gelungen ist, [...] Sein ist der Triumph, die Gränzen dieser erhabenen Wissenschaft weit über die Erwartung der ersten Erfinder herausgerückt zu haben; und selbst Newton [...] würde über die unendlichen Schwierigkeiten erstaunen, die dieser außerordentliche Mann zu übersteigen gewußt hat.[10] Dieses überschwängliche Lob wird durchaus noch von heutigen Mathematikern geteilt.

Liest man die Ausführungen Fuß' in seiner Lobrede, dann fällt auf, dass er das Schwergewicht auf die Analysis und auf die vielen Anwendungen legt, die Euler erfolgreich und zum großen Teil erstmalig durchgerechnet hat, obwohl Fuß ausdrücklich bemerkt, dass dieser alles berechnete, was sich berechnen ließ. Ich möchte an dieser Stelle zwei Beispiele explizit nennen - durch das erste erreichte Euler einen hohen Bekanntheitsgrad, das zweite erörterte er ganz unauffällig am Ende seiner berühmten "Vollständigen Anleitung zur Algebra"[11] (angeblich eines der am meisten verkauften Bücher nach der Bibel und Euklids Werk "Elemente" aus dem 3. Jahrhundert v.Chr.).

Bei dem sog. Basler Problem handelt es sich um die Bestimmung des Wertes der unendlichen Reihe

                    1+ 1/2² + 1/3² + 1/4² + …

Viele Mathematiker hatten sich damit beschäftigt, und Jean-Étienne Montucla (1725-1799) nannte es die "Geißel der Analytiker". Euler gelang es 1735 durch eine gewagte, also nicht vollständig abgesicherte Produktentwicklung der trigonometrischen Funktion sin x diese Reihe mit deren Nullstellen in Verbindung zu bringen. Bei diesen Nullstellen handelt es sich um ganzzahlige Vielfache der Zahl π, und da mit axπ auch -axπ eine Nullstelle ist, also das Quadrat a²π² auftritt, erklärt sich dadurch der Zusammenhang mit den Quadratzahlen in der unendlichen Reihe. So bestimmte er den Wert der Reihe zu

                    Π²/6 (= 1,6449340668…)

- ein Resultat, das ihm höchste Anerkennung eintrug.

Das zweite Beispiel bezieht sich auf die sog. Fermatsche Vermutung. Pierre de Fermat behauptete 1637, dass die Gleichung      

                    x + y = z

für ganzzahlige n≥3 keine Lösungen in positiven ganzen Zahlen x, y, z besitzt. Man muss in diesem Zusammenhang Folgendes beachten: Für den Exponenten n=2 gibt es unendlich viele Lösungen, also eine gewagte Vermutung, obwohl sie für n=4 von Fermat selbst bewiesen wurde. Euler bewies auf den letzten Seiten seiner oben genannten Anleitung die Richtigkeit für den Fall n=3. Dieser Beweis in der von Euler angegebenen Form ist zwar bis heute umstritten, konnte jedoch ziemlich schnell richtiggestellt werden. Man sollte beachten, dass Euler Zahlenbeispiele kannte, in denen die Summe zweier dritter Potenzen nur um 1 von einer dritten Potenz abweicht, etwa

                    6³ + 8³ = 9³ -1  oder  9³ + 10³ = 12³ +1,

sodass also die Richtigkeit der Fermatschen Vermutung keineswegs nahe lag. (Übrigens ist die Fermatsche Vermutung endgültig erst 1994/95 von dem englischen Mathematiker Andrew Wiles bewiesen worden, also nach rund 360 Jahren.)

In seiner Lobrede berichtet Fuß auch, dass Euler im Jahr 1735 den Verlust seines rechten Auges infolge von Überarbeitung zu beklagen hatte. Emil A. Fellmann schreibt jedoch in seiner Euler-Biographie,[12] dass diese Angaben nicht korrekt seien, vielmehr habe Euler sein rechtes Auge im Jahre 1738 verloren. Auch seien die Ursachen anderer Art gewesen, als die von Fuß genannten.

Fuß geht in seinen weiteren Ausführungen sehr detailliert und natürlich lobend auf Eulers wissenschaftliche Leistungen bis zum Jahre 1740/41 ein. Diese werden z.B. bei Fellmann sehr sachlich beschrieben. Im Jahre 1741 erreichte Euler ein Angebot König Friedrichs II., an die damalige Königlich Preußische Sozietät der Wissenschaften, später Königliche Akademie der Wissenschaften (ab 1746 Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres) zu wechseln. Ihr erster Präsident war Leibniz gewesen. Euler nahm das Angebot nach Berlin an, obwohl er in Sankt Petersburg eine durchaus gefestigte Stellung hatte. In seinem kurzen autobiographischen Lebenslauf spricht er davon, dass es aufgrund des Todes der Kaiserin Anna (1693-1740) zu misslichen Umständen kam. Auch scheinen die vielen Brände in Sankt Petersburg und die Einquartierung von Soldaten in sein Haus diesen Entschluss begünstigt zu haben.

Fuß bemerkt, dass Euler in Berlin von Friedrich II. durch einen Brief aus dem Kriegslager in Reichenbach im Eulengebirge (heute poln. Dzierżoniów) sehr freundlich aufgenommen wurde. Er erwähnt ferner, dass die Sankt Petersburger Akademie Euler von 1742 an eine Pension ausgesetzt hatte, und dass Euler derselben auch in Berlin freundschaftlich verbunden blieb und regelmäßig Abhandlungen nach Russland schickte. Ausführlich beschreibt Fuß die wissenschaftlichen und anwendungstheoretischen Arbeiten Eulers in Berlin, auf die hier trotz ihrer Bedeutung nicht näher eingegangen werden kann. Genannt seien nur seine Auseinandersetzung mit Newtons Theorie des Lichtes, die er ablehnte, seine Beiträge zur Schiffsbaukunst und erste Ideen zur Variationsrechnung, die Euler später zusammen mit Joseph-Louis Lagrange weiter ausbauen sollte.

Auf Seite 80 seiner Lobrede teilt Fuß ohne eine nähere Begründung mit, dass Euler im Juni 1766 Berlin mit seiner Familie (außer seinem jüngsten Sohn Christoph, dem Friedrich II. zunächst die Ausreise verweigerte) verließ und nach Sankt Petersburg zurückkehrte: Die Thronbesteigung Catharinen der Großen, der Glanz Ihrer eben so gelinden als weisen, eben so gerechten als wohlthätigen Regierung hatte die Welt mit Bewunderung erfüllt. Der Schutz, den Sie den Wissenschaften und ihren Beförderern angedeihen ließ, hatte der Akademie neue Kräfte gegeben. Dies befestigte Eulern in dem Entschlusse, seine Tage in Rußland im Dienste einer Monarchin zu beschließen, die das Glück Ihrer Völker und der Stolz der Welt ist.[13] Fellmann beschreibt die Gründe für den erneuten Ortswechsel in seiner Biographie ausführlicher. Offenbar war es zum Bruch zwischen Friedrich II. und Euler gekommen, zwei Persönlichkeiten, die einander letztlich völlig fremd waren.[14] Die Zarin erfüllte fast alle Bedingungen Eulers, die er an eine Rückkehr geknüpft hatte, und auch sein Sohn konnte ihm nach ihrer Intervention bei Friedrich II. nach Sankt Petersburg folgen.

Eulers Sehvermögen war aufgrund des Stars auf dem zweiten Auge beträchtlich reduziert, und eine Operation half nur kurzfristig. So war er bis auf geringe Sehreste seit 1771 fast vollständig erblindet. Im selben Jahr brannte sein Haus ab. Dank einer großzügigen finanziellen Unterstützung durch die Zarin konnte er jedoch ein neues beziehen. Fuß berichtet, dass Euler nach der Erblindung als erstes die Verfertigung eines Lehrbuchs der Algebra[15] begann, welches er einem jungen Mann diktierte, der keinerlei mathematische Kenntnisse besaß, der es aber aufgrund Eulers didaktischen Geschicks vollständig verstanden haben soll. Es handelt sich dabei um die bereits oben genannte "Vollständige Anleitung zur Algebra". Fellmann widerspricht hier der zeitlichen Datierung von Fuß[16] und behauptet, dass die Anfänge dieses Werkes bereits in den Berliner Jahren lagen. Schon an dieser Stelle sei deshalb bemerkt, dass Euler nach seiner Erblindung noch außerordentlich produktiv war: Redende Beweise hiervon sind siebenzig Abhandlungen, die er Herrn Golovin in einem Zeitraum von sieben Jahren in die Feder dictirt und zwey hundert und fünfzig andere, die ich selbst berechnet und der Akademie vorgelesen habe.[17] Michael E. Golovin (1756-1790) war ein Assistent Eulers, und Fuß war, wie bereits eingangs erwähnt, 1772 nach Sankt Petersburg gekommen.

Fuß erwähnt nur im Rahmen einer Aufzählung von Eulers Veröffentlichungen und deren Druck die 234 berühmten Briefe an eine deutsche Prinzessin: "Lettres à une Princesse d'Allemagne sur diverts sujets de physique et de philosophie". Euler schrieb sie auf Französisch an die Prinzessin Friederike Charlotte von Brandenburg-Schwedt (1745-1808) und an ihre jüngere Schwester Luise Henriette Wilhelmine (1750-1811), später verheiratete Fürstin bzw. Herzogin von Anhalt-Dessau, in den Jahren 1760 bis 1762 im Auftrage von deren Vater. Sie wurden sehr schnell in alle wichtigen Sprachen übersetzt und galten lange Zeit als die am meisten verbreitete populäre Zusammenfassung der Naturwissenschaften und der Philosophie. Erschienen sind sie in erster Auflage in den Jahren 1768 bis 1772.[18]

Es ist im Rahmen dieses Beitrags völlig ausgeschlossen, auf Eulers zahlreiche Arbeiten auch nur annäherungsweise einzugehen. Aber ich habe oben schon auf seine wichtigen Untersuchungen zur Bewegung des Mondes hingewiesen. Deswegen möchte ich auch noch erwähnen, dass er sich eingehend mit dem "zweiten" Venusdurchgang 1769 befasst hat (der "erste" fand 1761 statt).[19] Hierzu waren Beobachtungen des Durchgangs an möglichst weit auseinander liegenden Stellen der Erde erforderlich. Nachdem entsprechende Messungen 1761 trotz großen Aufwands zu keinem guten Ergebnis geführt hatten, rüsteten viele Staaten nach noch gründlicherer Vorbereitung wiederum zahlreiche Expeditionen aus: Zehn Beobachter, beseelt von der Ehre, Antheil an diesem Vorfall zu nehmen, und unterstützt durch den großmütigen Beystand unserer unvergleichbaren Monarchin, zerstreuten sich allein in den unter Rußlands mächtigem Scepter stehenden Ländern, während daß Herr Euler auf ein Mittel dachte, ihre Beobachtungen zur Bestimmung der Sonnenparallaxe zu nützen. Er fand eine neue Methode, nicht nur die Beobachtungen des Durchgangs, sondern auch die Sonnenfinsterniß zu berechnen, welche jenem Phänomen vorherging und die Mittel erleichterte, die geographische Lage der Beobachtungsörter zu bestimmen.[20] Der jüngste Sohn Eulers, Christoph, hat an einer dieser Expeditionen teilgenommen.

Am Ende seiner Lobrede geht Fuß auf Eulers Lebenslauf und dessen Charakter ein. Er betont Aufrichtigkeit und unbestechbare Redlichkeit, die anerkannten Nationaltugenden eines Schweizers. [...] Er war, was nicht jeder grosse Mann ist, gerecht gegen fremdes Verdienst, sogar gegen das seiner Gegner. Wie oft habe ich ihn nicht gesehn, mit den unverdächtigsten Aeußerungen des Wohlgefallens, den Verdiensten eines Daniel Bernoulli, eines d'Alembert, eines Lagrange u.a.m. das aufrichtigste Lob ertheilen.[21]

Euler war zweimal verheiratet. Seine erste Frau, Catharina Gsell, gebar ihm dreizehn Kinder, von denen acht früh verstarben. Von den weiteren drei Söhnen und zwei Töchtern sind die beiden Töchter vor ihm gestorben. Euler heiratete 1776 ein zweites Mal, Salome Abigail Gsell, eine Halbschwester seiner verstorbenen Frau. Euler starb am 18. September 1783. Fuß beschreibt seinen Tod mit den Worten: Er hatte sich noch bei der Mittagsmahlzeit mit dem nun auch verstorbenen Lexell und mir über den neuen Planeten [Es handelte sich um den zwei Jahre zuvor von Herschel entdeckten Uranus; d.V.] und andere Gegenstände mit ungeschwächtem Geiste und sehr zusammenhängend unterhalten, und darauf seine gewöhnliche Mittagsruhe gehalten. Beym Thee scherzte er noch mit einem seiner Enkel, als er plötzlich vom Schlage gerührt wurde. Er verlohr sogleich mit den Worten: ich sterbe, Sinne und Bewußtseyn und endigte einige Stunden nachher seine glorreiche Laufbahn in einem Alter von 76 Jahren, 5 Monaten und 3 Tagen.[22]

Fuß hat seiner Lobrede eine Literaturliste angefügt. Diese Liste stammt aus dem Anhang zur französischen Rede vom 23. Oktober 1783. Sie enthält zunächst die selbstständig erschienenen Werke in chronologischer Folge, sodann die Abhandlungen, geordnet nach Zeitschriften, und endlich die Titel von 208 noch ungedruckten Abhandlungen, die der Akademie schon vorgelegen haben. Insgesamt sind dies knapp 700 Einträge. An dieser Stelle sei nur kurz auf die mittlerweile über 100 Jahre andauernde Edition der gesammelten Werke Eulers eingegangen. Als erster Band der "Opera Omnia" erschien 1911 unter dem Reihentitel "Leonhardi Euleri Opera Omnia, Sub Auspiciis Societatis Scientiarum Naturalium Helveticae Edenda curaverunt Ferdinand Rudio, Adolf Krazer, Paul Stäckel, Basileae MCMXI" in der Unterabteilung "Opera Mathematica" der erste Teil der "Vollständige Anleitung zur Algebra mit den Zusätzen von Joseph Louis Lagrange". Insgesamt liegen bisher 79 Bände vor, vier weitere sind in Arbeit. Die Herausgabe der Werke wird seit 2012 vom Bernoulli-Euler-Zentrum an der Universität Basel wahrgenommen.[23]

Nicolaus Fuß heiratete 1784 eine Tochter Johann Albrecht Eulers, also eine Enkelin Leonhard Eulers. Johann Albrecht wurde auf Wunsch Eulers Konferenzsekretär der Sankt Petersburger Akademie, und er hatte dieses Amt von 1769 bis 1800 inne. Ihm folgte Nicolaus Fuß nach und bekleidete das Amt bis zu seinem Tode 1826. Sein Nachfolger wurde, ebenfalls auf Lebenszeit, sein Sohn Paul Heinrich (1798-1855). Beide Söhne von Nicolaus Fuß haben sich zusammen mit dem Mathematiker Carl Gustav Jacob Jacobi (1804-1851) große Verdienste um die Veröffentlichung des Nachlasses von Euler erworben. Man erkennt aus diesen Ausführungen, welche Bedeutung der Basler Nicolaus Fuß und seine Nachkommen im Leben Eulers und nach seinem Tode gespielt haben.

 

Prof. Dr. Dres. h.c. WERNER SCHAAL lehrte von 1970 bis 1994 als Professor am Fachbereich Mathematik und Informatik der Philipps-Universität Marburg. Von 1989 bis 1993 war er Vizepräsident, ab 1994 bis 2000 Präsident der Philipps-Universität. Von 2000 bis 2012 führte er in gleicher Funktion die Lucian-Blaga-Universität in Sibiu (Rumänien).

 

Bestand: Hessische Landesbibliothek Wiesbaden
Signatur: Oct. Ce 7010
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden (Marburger Personalschriften-Forschungen 23), Stuttgart 1999

 

Anmerkungen:

* Für wertvolle Ratschläge und Hinweise danke ich Herrn dipl. math. Martin Mattmüller vom Bernoulli-Euler-Zentrum an der Universität Basel. Ferner danke ich ebenfalls Herrn Daniel Geißler von der Forschungsstelle für Personalschriften für wesentliche Hilfe bei der Erstellung dieses Artikels.

[1] Nicolaus Fuß, Lobrede auf Herrn Leonhard Euler, in der Versammlung der Kayserlichen Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg den 23 Octob. 1783 vorgelesen. [...] Von dem Verfasser selbst aus dem französischen übersetzt und mit verschiedenen Zusätzen vermehrt, nebst einem vollständigen Verzeichnis der Eulerschen Schriften, Basel 1786, S. 106f. (VD18 11401869), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München, PURL (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10063079-3 (Zugriff: 20.07.2018).

[2] Ebd., Vorrede, unpag.

[3] Ebd., S. 10. - Zu Eulers Biographie siehe u.a. Emil A. Fellmann, Leonhard Euler (Rowohlts Monographien 387), Reinbek 1995 [Eine englische Übersetzung ist 2007 im Verlag Birkhäuser, Basel, erschienen.]; Hannelore Bernhardt, Leonhard Euler - Leben und Werk. Eine Einführung, in: Zum 300. Geburtstag von Leonhard Euler (Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin 94/2008), hrsg. von der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 2008, S. 15-31; Gerd Biegel (Hg.), Leonhard Euler 1707-1783. Mathematiker - Mechaniker - Physiker (Disquisitiones historiae scientiarum 3), Braunschweig 2008; Moritz Cantor, Art. "Euler, Leonhard", in: Allgemeine Deutsche Biographie 6 (1877), S. 422-431 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118531379.html#adbcontent (Zugriff: 20.07.2018); Andreas Speiser, Art. "Euler, Leonhard", in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 688f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118531379.html#ndbcontent (Zugriff: 20.07.2018).

[4] Fuß, Lobrede (wie Anm. 1), S. 11.

[5] Ebd., S. 13.

[6] Ebd., S. 14.

[7] Ebd., S. 18.

[8] Hierzu einige Anmerkungen: Euler hat sich neben vielen anderen astronomischen Problemen ebenso wie der von ihm hochgeschätzte Joseph-Louis Lagrange (1736-1813) mit dem Drei-Körper-Problem befasst; beide wussten noch nicht, dass es im Allgemeinen nur chaotische Lösungen besitzt. Er hat grundlegende Arbeiten über die Mondbewegung geschrieben, die für die Berechnung der Mondtafeln von Tobias Mayer (1723-1762) von entscheidender Bedeutung waren und über viele Jahre zur Bestimmung des Längengrades für die Seefahrt dienten. Von der vom britischen Parlament 1714 für die Lösung dieses Problems ausgesetzten Preissumme von maximal 20.000 englischen Pfund erhielten die Witwe Mayers 3.000 Pfund und Euler 300 Pfund. Vgl. hierzu Dava Sobel, Längengrad. Die wahre Geschichte eines einsamen Genies, welches das größte wissenschaftliche Problem seiner Zeit löste, übersetzt von Matthias Fienbork und Dirk Muelder, Berlin 2010.

[9] Fuß, Lobrede (wie Anm. 1), S. 20.

[10] Ebd., S. 67.

[11] Leonhard Euler, Vollständige Anleitung zur Algebra, 2 Bde., Sankt Petersburg 1770, Digitalisat des 2. Bandes im Deutschen Textarchiv, URN (Werk): http://www.deutschestextarchiv.de/euler_algebra02_1770 (Zugriff: 20.07.2018).

[12] Vgl. Fellmann, Euler (wie Anm. 3), S. 41.

[13] Fuß, Lobrede (wie Anm. 1), S. 79.

[14] Vgl. Fellmann, Euler (wie Anm. 3), S. 96ff.

[15] Fuß, Lobrede (wie Anm. 1), S. 84.

[16] Vgl. Fellmann, Euler (wie Anm. 3), S. 108.

[17] Fuß, Lobrede (wie Anm. 1), S. 105.

[18] Die 1. Auflage erschien in französischer Sprache, ab der zweiten Auflage wurden die Briefwechsel auch in deutscher Sprache gedruckt: Leonhard Euler, Lettres à une Princesse d'Allemagne sur diverts sujets de physique et de philosophie, 3 Teile, 1. Aufl., Sankt Petersburg 1768-1772; Ders., Briefe an eine deutsche Prinzessin über verschiedene Gegenstände der Physik und Philosophie, 3 Teile, 2. Aufl., Leipzig/Sankt Petersburg/Riga 1769-1773 (ND Braunschweig 1986). Vgl. hierzu u.a. Wilhelm Haefs/Holger Zaunstöck (Hg.), Hof - Geschlecht - Kultur. Luise von Anhalt-Dessau (1750-1811) und die Fürstinnen ihrer Zeit (Das achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts 28 (2004), H. 2), Göttingen 2004.

[19] Die Venusdurchgänge treten äußerst selten auf, immer paarweise im Abstand von acht Jahren und dann erst wieder nach über hundert Jahren. Durch ihre Beobachtung kann man die Sonnenparallaxe und damit die Entfernung Erde-Sonne berechnen. Mit Hilfe des Dritten Keplerschen Gesetzes lassen sich dann die Abstände aller Planeten von der Sonne bestimmen. Für eine ausführliche Darstellung der Transite 1761 und 1769 sei das Buch von Andrea Wulf empfohlen: Andrea Wulf, Die Jagd auf die Venus und die Vermessung des Sonnensystems, übersetzt von Hainer Kober, München 2012.

[20] Fuß, Lobrede (wie Anm. 1), S. 90.

[21] Ebd., S. 115f.

[22] Ebd., S. 109.

[23] Zur Editionsgeschichte der "Opera Omnia" vgl. Andreas Kleinert/Martin Mattmüller, Leonhardi Euleri Opera Omnia: a centenary project, in: Newsletter of the European Mathematical Society 9 (2007), S. 25-31, Online-Ausgabe, URL: http://www.euler-2007.ch/doc/EMS70965.pdf (Zugriff: 20.07.2018). - Mit einem derzeitigen Bestand von 72 Bänden kann ein Großteil der Edition von Eulers Werken sowohl in der Bibliothek des Fachbereichs Mathematik und Informatik als auch im Neubau der Zentralbibliothek der Philipps-Universität Marburg eingesehen werden.

 

Zitierweise: Werner Schaal, Leonhard Euler (1707-1783). Lobrede auf einen großen Mathematiker, in: Leben in Leichenpredigten 09/2018, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/leonhard-euler-1707-1783.html>

 

 

 

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