Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Karl August Friedrich Fürst von Waldeck (1704-1763)

01.08.2018

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Dominik Motz

das ist mein Glaube von Jugend auf, und sol es bis an mein Ende seyn – Zur Darstellung eines waldeckischen Fürsten in seiner Gedächtnispredigt

Karl August Friedrich Fürst von Waldeck und seine Familie  [1/3]

Als am 29. August 1763 Karl August Friedrich Fürst von Waldeck früh Morgens gegen 3 Uhr[1] verstarb, war die Trauer im gesamten Fürstentum Waldeck groß. Es ging eine seit 1728 andauernde, mehr als 30-jährige Regierungszeit zu Ende, in der sich Karl August Friedrich vor allem als Militär einen Namen gemacht hatte. So stand der Verstorbene im Laufe seines Lebens nicht nur in preußischen, sondern auch in österreichischen Diensten und kämpfte gegen die Türken bei Meadia (1736) und Grocka (Serbien) (1739) sowie gegen die Franzosen bei Fontenoy (1745), Rocourt (1746) und Lauffeldt (alle Belgien) (1747).[2]

Trotz der herausragenden militärischen Verdienste des Verstorbenen verzichtete man von Seiten der Familie nach dem Tod des Fürsten auf ausufernde repräsentative Bestattungsfeierlichkeiten. Dem Trauerzeremoniell des Hauses Waldeck folgend wurde der Leichnam zunächst aus dem SterbeZimmer in das mit schwarzem Tuch [...] behangte Trauerzimmer gebracht,[3] neu eingekleidet und aufgebahrt. Zwei Tage später, am 31. August, erfolgte dann der Transport der sterblichen Überreste im Rahmen eines Trauerzugs nach Niederwildungen. Dort wurde die Hochfürstliche Leiche von denen bemelten H[erren] Officiers [...] von dem TrauerWagen abgenommen, und in die Capelle getragen und beygesetzt. Alles dieses geschah in der Stille [der Nacht], ohne Läutung der Glocken und weitläuftiger Umstände [4] - also auch ohne das Halten einer Leichenpredigt.

Obwohl bei der Beisetzung auf das Verlesen einer Leichenpredigt verzichtet wurde, haben sich zum Tod Karl August Friedrichs verschiedene Trauerschriften erhalten.[5] Diese gehen alle auf eine zweite Gedenkveranstaltung zurück, die man zu Ehren des Fürsten organisierte. Die Rede ist von einem Trauer-, Trost- und Gedächtnisgottesdienst, der am 2. Oktober 1763 stattfand.[6] In allen Dörfern und Städten des Fürstentums Waldeck versammelten sich an diesem Datum die Untertanen in den Kirchen, um des verstorbenen Landesherrn zu gedenken. Höhepunkt war jeweils das Verlesen einer Gedächtnispredigt. Diese musste der jeweilige Pfarrer im Auftrag des Fürstenhauses verfassen, wobei der zugrundliegende Leichtext in allen Fällen derselbe war: die Bibelstelle 1. Korinther 15,55 und 57, deren Auswahl durch die Witwe des Verstorbenen - Fürstin Christiane, geb. Pfalzgräfin von Zweibrücken-Birkenfeld, erfolgte.[7]

Von den am 2. Oktober 1763 gehaltenen Gedächtnispredigten wurden verschiedene gedruckt. Bekannt sind bislang drei, die einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.[8] Unter diesen kommt der vom Waldecker Hofprediger Johann Franz Christoph Steinmetz[9] verfassten "Predigt über den hohen Todesfal"[10] eine besondere Bedeutung zu. Sie wurde nur kurze Zeit nach dem Verlesen in der Schlosskirche zu Arolsen von der Druckerei Konert in Mengeringhausen herausgegeben und scheint ein großer Publikumserfolg gewesen zu sein. Ein Nachdruck der Predigt erschien 1764 in Minden.[11] Ausgewählte Teile des Textes wurden 1765 in zwei Kompilationen veröffentlicht: dem "Geistliche[n] Magazin zum nützlichen Gebrauch für Lehrer und andere Christen"[12] sowie dem "Merckwürdige[n] Sterbe-Bette".[13]

Der Erfolg der von Johann Franz Christoph Steinmetz verfassten Gedächtnispredigt beim Publikum hängt mit der Darstellung des verstorbenen Fürsten zusammen. Denn dieser wird von Steinmetz weniger zum herausragenden Militär und Strategen als vielmehr zum christlichen Vorbild stilisiert, mit dem sich der Gläubige identifizieren kann. Besonders deutlich wird dies am zweiten Teil des Drucks - der "Nachricht von den letzten Stunden".[14] Hier wird in ausführlicher Form von den letzten Tagen und Stunden des verstorbenen Fürsten berichtet. Dabei dominiert eine Darstellung, die besonderen Wert darauf legt, dass der Verstorbene alle Schritte eingehalten habe, die in der Frühen Neuzeit zum seligen Sterben gehörten. So empfieng [der Fürst] das heilige Abendmal am gesetzten Tage,[15] erteilte [den] Durchlauchtigen Prinzen und Prinzessinnen seinen väterlichen Segen[16] und nam [...] von seinen Räthen, vornemsten Officiers, und andern Dienern den [...] Abschied.[17] Zudem brachte er seine letzten Stunden mit Gebet und gotseligen Unterredungen zu,[18] bekannte sich mit den Worten das ist mein Glaube von Jugend auf, und sol es bis an mein Ende seyn[19] zum christlichen Glauben, sang gottgefällige Lieder und schlief schließlich friedlich ein:
Hierauf sas er wieder eine Zeitlang in sich eingekeret, und mit Gott beschäftiget. Es wärte aber nicht lange, so rükte er auf das Ruhebette, worauf die Füse lagen, weiter hervor, warf sich auf die rechte Seite, als ob er schlafen wolte, so daß das Haupt auf den Sessel zu liegen kam; und in dem Augenblik schlossen sich alle Thüren der Sinne, man bemerkte nur noch Otemzüge, die immer langsamer und seltner wurden, und der in dem Blute des Lammes gereinigte Geist gieng den 29sten gegen drei Uhr des Morgens zu Gott, um die Crone des ewigen Lebens zu empfahen, welche er unter der Anführung des Herzogs der Seligkeit erkämpft hatt.[20]

Für den zeitgenössischen Leser wurde der verstorbene Karl August Friedrich auf diese Weise zu einem Exempel christlichen Lebens und Sterbens. Tatsächlich gibt es aber Zweifel, ob die Darstellung der Realität entsprach. Grund hierfür ist eine 1764 erschienene Rezension der Predigt,[21] die aus der Feder des Mindener Theologen Friedrich Maximilian Mauritius stammt.[22] In dieser findet sich der Satz: Man hatte den Fürsten vor seiner Krankheit für einen Naturalisten gehalten.[23] Er belegt, dass Fürst Karl August Friedrich kein so gläubiger Christ gewesen ist, wie in der von Steinmetz verfassten Predigt dargestellt. Denn unter einem Naturalisten wurden in der Frühen Neuzeit Personen verstanden, die "allen Gottesdienst verwerffen, und genug zu seyn achten, daß man als eine allgemein und unleugbare Wahrheit annehme, daß ein Gott sey. Sie meynen, dass durch Vorlegung solcher Dinge, die von der Vernunft nicht könne gefasst werden, ihrer Freyheit Gewalt geschehe, und daß die Lehre des Glaubens, dieweil so viel darüber gestritten wird, nur eine Einbildung sey".[24]

Dementsprechend ist davon auszugehen, dass das Haus Waldeck mit dem Druck der Karl August Friedrich gewidmeten Gedächtnispredigt eine Intention verfolgte, die auf den ersten Blick so nicht deutlich wird. Es sollte mit Hilfe der Trauerpublikation vom verstorbenen Fürsten das Bild eines frommen und gottesfürchtigen Mannes in der Öffentlichkeit gezeichnet werden. Ziel war es nachzuweisen, dass es sich bei Karl August Friedrich tatsächlich um einen gläubigen Christen gehandelt hat, um anderslautende Gerüchte über seine religiöse Einstellung im Keim zu ersticken. Die 1763 veröffentlichte Gedächtnispredigt stellt also mitnichten ein Zeugnis des christlichen Glaubens dar. Sie ist vielmehr ein kalkuliertes Instrument waldeckischer Erinnerungspolitik - ein Medium dynastischer Memoria.

 

Dr. DOMINIK MOTZ ist Leiter des Archivs und der historischen Sammlungen des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen mit Sitz in Kassel. Im Jahr 2016 erschien als Band 57 der Reihe "Marburger Personalschriften-Forschungen" seine Dissertation "Memoria im Duodezformat", in der er die Funeraldrucke des Hauses Waldeck-Pyrmont einer umfassenden Analyse unterzieht.

 

Bestand: Fürstlich Waldecksche Hofbibliothek Arolsen
Signatur: V. Waldec. 247
Neben dem hier verwendeten Exemplar findet sich ein weiterer nachgewiesener Druck (verlegt 1765 in Leipzig) im Bestand der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt, Signatur: Fun. div. CIX, enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt, Bd. 2 (Marburger Personalschriften-Forschungen 51,2), Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Hessisches Staatsarchiv Marburg, Bestand 119a, Nr. 2679: Gnädigst approbirtes Trauer-Reglement vor den Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Carl August Friedrich Fürsten zu Waldeck [...], Arolsen 1763, fol. 1r.

[2] Zu Karl August Friedrich vgl. Jacob Christoph Carl Hoffmeister, Historisch-genealogisches Handbuch über alle Grafen und Fürsten von Waldeck und Pyrmont seit 1228, Kassel 1889, S. 78f.; Torsten Haarmann, Das Haus Waldeck und Pyrmont. Mehr als 900 Jahre Gesamtgeschichte mit Stammfolge (Deutsche Fürstenhäuser 35), Werl 2011, S. 34-36.

[3] Trauer-Reglement (wie Anm. 1), fol. 1r.

[4] Ebd.; Ergänzungen in Zitaten hier und im Folgenden d.V.

[5] Ein Überblick findet sich bei Dominik Motz, Memoria im Duodezformat. Funeraldrucke des Hauses Waldeck als Medien dynastischer Erinnerung (Marburger Personalschriften-Forschungen 57), Stuttgart 2016, S. 185.

[6] Vgl. Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck Kassel (im Folgenden LKA Kassel), Bestand Waldeckisches Konsistorium Nr. 532: Directorium Wie es bei der [...] In denen hiesigen Landen so wol, als in der Graffschaft Piermont auf den 18ten Sontag nach Trinitatis, so den 2ten Octobris 1763 seyn wird, angeordneten Trauer-Trost-und Gedächtnis-Predigt gehalten werden sol, Mengeringhausen 1763.

[7] Vgl. ebd.; sowie LKA Kassel, Bestand Waldeckisches Konsistorium Nr. 778: Anonymes Schreiben, September 1763: Lieder und Leichtext "d[en] 10. Sept[em]bris 1763 aus Hohen Henten Serenissimae Regentis empfangen [...]".

[8] Vgl. Johann Franz Christoph Steinmetz, Predigt über den hohen Todesfal des Wailand Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Carls, Fürsten zu Waldeck [...] nebst einer Nachricht von desselben letzten Stunden, Mengeringhausen 1763 (VD18 90616251), Digitalisat der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PURL (Werk): https://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht?PPN=PPN1002549523&PHYSID=PHYS_0001&DMDID= (Zugriff: 25.06.2018); Johann Carl Christoph Faber, Der Sieg der Gerechten über die Schrecken des Todes [...], Korbach 1763; F.L.B., Die Hofnung auf eine zukünftige Auferstehung [...], Rotenburg an der Fulda 1777.

[9] Johann Franz Christoph Steinmetz (1730-1791) studierte ab 1746 Theologie in Halle (Saale) und wurde 1763 zum Hofprediger, 1768 zum Konsistorialrat ernannt. Seit 1780 hatte er im Fürstentum Waldeck auch das Amt des Superintendenten inne. Vgl. zu ihm Friedrich von Schlichtegroll, Nekrolog auf das Jahr 1791, Bd. 2, Gotha 1793, S. 249-276; Johann Georg Meusel, Lexikon der vom Jahr 1750 bis 1800 verstorbenen teutschen Schriftsteller, Bd. 13, Leipzig 1813, S. 344-346; H. Doering, Die gelehrten Theologen Deutschlands im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, Bd. 4, Neustadt an der Orla 1835, S. 353-358; Paul Tschackert, Art. "Steinmetz, Johann Franz Christoph", in: Allgemeine Deutsche Biographie 36 (1893), S. 5f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd124650600.html#adbcontent (Zugriff: 19.07.2018); Gottfried Lebrecht Richter, Allgemeines biographisches Lexikon alter und neuer geistlicher Liederdichter, Leipzig 1804, S. 388-390.

[10] Vgl. Anm. 8.

[11] Bibliothek des Waldeckischen Geschichtsvereins Arolsen, 607/1291: Johann Christoph Franz Steinmetz, Predigt über den hohen Todesfal [...], Minden 1764.

[12] Christoph Seidel/Georg Ernst Scheidhauer (Hg.), Geistliches Magazin zum nützlichen Gebrauch für Lehrer und andere Christen, Magdeburg/Leipzig 1765, Sammlung 2, Stück 4, hier S. 418-469; der Druck liegt in digitaler Form vor, Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale), URL (Stück): http://digital.bibliothek.uni-halle.de/hd/periodical/pageview/590311 (Zugriff: 25.06.2018).

[13] Anonym, Merckwürdiges Sterbe-Bette dreyer Hohen Generals- theils Fürstl. Persohnen, welche gantz neuerlich und fast zu einer Zeit sich verewigt haben, Halle (Saale) 1765, hier S. 1-86 (VD18 1125095X), Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek, München, PURL (Werk): http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10044126-7 (Zugriff: 19.07.2018).

[14] Steinmetz, Predigt über den hohen Todesfal 1763 (wie Anm. 8), S. 61.

[15] Ebd., S. 102.

[16] Ebd., S. 114.

[17] Ebd., S. 115.

[18] Ebd.

[19] Ebd., S. 43.

[20] Ebd., S. 134f.

[21] Vgl. F[riedrich] M[aximilian] Mauritius, Recension über diese vorstehende Predigt und letzten Stunden, in: Steinmetz, Predigt über den hohen Todesfal 1764 (wie Anm. 11), unpag.

[22] Mauritius wird darin als Senior der Ministerii zu Minden und erste[r] Prediger an der St. Martinikirche bezeichnet. Vgl. ebd.

[23] Ebd.

[24] Art. "Naturalisten, Naturalistae", in: Johann Heinrich Zedler (Hg.), Grosses vollständiges Universal Lexicon Aller Wissenschaften und Künste, Bd. 23, Halle (Saale)/Leipzig 1740 (ND Graz 1961), Sp. 1237f., hier Sp. 1237.

 

Zitierweise: Dominik Motz, Karl August Friedrich Fürst von Waldeck (1704-1763). das ist mein Glaube von Jugend auf, und sol es bis an mein Ende seyn – Zur Darstellung eines waldeckischen Fürsten in seiner Gedächtnispredigt, in: Leben in Leichenpredigten 08/2018, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/karl-august-friedrich-fuerst-von-waldeck-1704-1763.html>

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