Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Justinus Töllner (1656-1718)

01.04.2015

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

Ob mich gleich die Menschen um mein Amt gebracht, so haben sie mir doch damit wenig geschadet – Pietistische Strenge, eine Amtsenthebung und ein theologischer Streit

Ausschnitt Brief August Hermann Francke [1/3]

Als sich die mit dem Spottwort "Pietisten" betitelte neue geistliche Bewegung Ende des 17. Jahrhunderts ausbreitete, gerieten gerade Geistliche, die sich dazu bekannten, bald ins Visier ihrer Vorgesetzten.

Einer davon war Justinus Töllner. Geboren in Gera als Sohn eines Schreib- und Rechenmeisters, verlief seine berufliche Laufbahn zunächst sehr geradlinig: Er besuchte das Gymnasium in Gera, bis er sich im Alter von 20 Jahren an der Universität Leipzig immatrikulierte, wo er sich zwar kümmerlich behelffen, und seinen nöthigen Unterhalt theils mit informiren, theils mit corrigiren in den Druckereyen[1] verdienen musste, dabei aber überaus fleißig studierte. Wegen der Pest musste er nach drei Jahren Leipzig verlassen und verdiente sich den Lebensunterhalt als Hauslehrer der Kinder des Pfarrers in Panitzsch unweit von Leipzig. Dort blieb er zwei Jahre, und als sein Arbeitgeber starb, wurde er zu dessen Nachfolger berufen. Er heiratete die zweitälteste Tochter seines Vorgängers und wäre wohl sein Leben lang im Panitzscher Pfarramt geblieben, wenn er nicht aufgrund seiner pietistischen Ansichten und Amtsführung mit den ihm vorgesetzten Kirchenoberen in Konflikt geraten wäre.

In den Personalia seiner Leichenpredigt wird dies nur mit wenigen Worten erwähnt. Stattdessen wird auf zwei Druckschriften Töllners verwiesen, die er nach seiner Amtsenthebung 1697 veröffentlichte: zum einen die "Christliche Abschieds-Rede [...] An Seine gewesene Zuhörer",[2] zum anderen eine apologetische Streitschrift über seine "Unrechtmäßige Absetzung".

In letzterer Schrift, die insgesamt 214 Seiten umfasst, stellt Töllner die Faktenlage aus seiner Sicht genauestens dar. Der Streit entzündete sich am sogenannten Pfingst-Bier, bei dem an den Pfingstfeiertagen traditionell alle Bauern, alt und jung, männliches und weibliches Geschlechts, als bald in Feyertagen, anfangen zuzechen, zu spielen, zu tantzen, und anderes üppiges Wesen, auf Heydnische Art und Weise [...] zu treiben[3]. Töllner begann dagegen anzupredigen, offenbar mit scharfen Worten, was seine Pfarrkinder verärgerte, da diese Tradition auf allen Dörffern um Leipzig herum jährlich gehalten, und von den meisten Leuten, auch ins gemein von den andern Dorff-Priestern, (welche daher gemeiniglich solcher sündlichen Zech-Gesellschafft ein oder etliche Tage beyzuwohnen pflegen) als eine zugelassene Christliche Lust und Ergötzlichkeit vertheidiget wurde.[4]

Töllner geriet daraufhin nach eigener Darstellung in einen Gewissenskonflikt, weil ihm klar wurde, dass er als Pfarrer eine Verantwortung seinen Pfarrkindern gegenüber hatte. Dementsprechend durfte er nicht zulassen, dass diejenigen, die ihr Tun nach wie vor nicht bereuten, am Abendmahl teilnahmen, denn dann würden sie schuldig sein am Leib und Blut des Herrn.[5] Er begann aus diesem Grund, ihnen die Absolution nach der Beichte zu verweigern und sie damit vom Abendmahl auszuschließen. Außerdem wetterte Töllner auch allgemein gegen das in die Schencke gehen des Zechens halber, sowie gegen das Spielen und Tanzen. Als sich Vertreter der Gemeinde deshalb beim Superintendenten in Leipzig über ihn beschwerten, begann ein regelrechter Kleinkrieg. Superintendent und Konsistorium verdächtigten Töllner schnell des Pietismus. Er blieb bei seiner Überzeugung, versuchte sich auch schriftlich zu verteidigen, was ihm aber nicht gelang, weil ihm - nach seiner Aussage - die Akten mit den Vorwürfen vorenthalten wurden. In seiner nach der Absetzung erschienenen Verteidigungsschrift erwähnt er diese Tatsache elf Mal, betont damit eine Art juristischen Formfehler, der ebenso wie weitere solcher Details in den Augen Töllners die Unrechtmäßigkeit der Entlassung aus dem Pfarrdienst untermauert.[6]

Am 12. Juni 1696 wurde er nach einer Anhörung, in der sich seine chiliastisch-pietistische Theologie für das Konsistorium bestätigte, zunächst vom Dienst suspendiert und schließlich im März 1697 seines Amtes enthoben.

Bereits am 30. März 1697 wurde sein Nachfolger berufen, der am 2. Osterfeiertag seine Antrittspredigt hielt. Auch hinsichtlich dieses Vorgangs kritisiert Töllner wiederum einen juristischen Formfehler, denn nach seiner Aussage war zu diesem Zeitpunkt die kurfürstliche Bestätigung seiner Absetzung noch nicht eingetroffen.[7] Töllner musste mit seiner Familie umgehend das Pfarrhaus verlassen. Auf das ausdrückliche Ersuchen August Hermann Franckes hin, mit dem er bereits vorher in Kontakt gestanden hatte,[8] zog Töllner daraufhin nach Halle (Saale). Am 7. Mai traf er mit seiner Frau und den sieben Kindern dort ein und stand von solcher Zeit an denen hiesigen Anstalten des Wäysenhauses, und denen damit verknüpften Schulen, als Inspector[9] vor.

Für Töllner ergab sich damit ein neues Arbeitsfeld außerhalb seines ursprünglichen geistlichen Standes. Trotzdem bezeichnet er sein neues Amt in einer nicht näher benannten, 1703 erschienenen Schrift, aus der in den Personalia zitiert wird, als einen Segen Gottes, da es ihn von der schweren und ängstlichen Last des Beicht-Stuhls und der Administrirung des Abendmahls, und von der schweren Seelen-Verantwortung befreyet, darunter aber viele andere treue Knechte GOttes noch seufzen müssen wegen des vielen Misbrauchs.[10] Zudem verschaffe es ihm geistliches Wachstum durch die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten zu sprechen, und seinen Kindern eine bessere Bildung.

Töllner selbst scheint im Schulwesen ebenfalls eine Betätigung gefunden zu haben, die seinen Neigungen entsprach. Im Laufe der 21 Jahre, die er in Halle verbrachte, veröffentlichte er ein Buch mit Bibelsprüchen, die Kinder auswendig lernen konnten;[11] es erfuhr in der Folge mehrere Neuauflagen. Darüber hinaus publizierte er kurz vor seinem Tod auch eine sprachwissenschaftliche Schrift über die "Orthographie der Teutschen".[12]

Am 6. Mai 1697 starb Justinus Töllner nach einwöchigem Krankenlager, vermutlich an einem grippalen Infekt, denn er wurde bereits vorher mit Husten und Schnupfen incommodiret, was sich dann am 28. April mit Hitze und Mattigkeit in allen Gliedern ausweitete. Seine Leichenpredigt wurde von August Hermann Francke gehalten. Den Lebenslauf (man beachte: nicht etwa seine Predigt!) übersandte Francke gleich am nächsten Tag an den Leiter des Verlagshauses der Franckeschen Stiftungen, Heinrich Julius Elers, daß er ihn zu vieler andern Erbauung ietzt zu Leipzig in der Meße gebrauchen könne.[13]

Justinus Töllners Lebensbeschreibung verfolgte also ebenso wie seine Schrift über die "Unrechtmäßige Absetzung" gleich mehrere Zwecke: Während sein Lebenslauf gleichzeitig der Erbauung anderer Gläubiger diente, war sein Versuch einer nachträglichen juristischen Rechtfertigung auch eine theologische Streitschrift, in der er nicht nur das anprangerte, was er als ihm zugefügtes Unrecht empfand, sondern auch seine theologische Einstellung erläuterte und ganz spezifisch auf einige Veröffentlichungen einging, die ihn oder die als pietistisch beschimpfte Bewegung angriffen. Sowohl an seinen eigenen apologetischen Schriften als auch an Franckes Predigt und Lebenslauf wird somit die Vieldeutigkeit der zeitgenössischen, theologisch orientierten Publizistik sichtbar.

Justinus Töllner ist wohl keine der prägendsten Figuren des Pietismus, aber sehr wohl eine Persönlichkeit, an deren Lebensweg man einiges über diese Frömmigkeitsbewegung und über den Gegenwind ablesen kann, der denen entgegenblies, die sich ihr zuwandten - und über die Art und Weise, wie sie selbst publizistisch damit umgingen.

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Stadtmuseum Gera
Signatur: S 109/25
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in Geraer Sammlungen (Marburger Personalschriften-Forschungen 55), Stuttgart 2014

 

Anmerkungen:

[1] August Hermann Francke, Das Vertrauen der Knechte Gottes Auf die ihnen verheissene Treue Gottes [...], 21. Leichenpredigt (S. 697-728) der Sammlung: August Hermann Franckens, S. Theol. Prof. Past. Ulr. & Scholarchae, Gedächtniß- und Leichen-Predigten/ Nebst denen Mehrenteils besonders beygefügten erbaulichen Umständen des Lebens und seligen Abschieds mancher christlicher Personen; Wie auch einigen Trauer- und Trostreden, und einem Anhange Etlicher andern eben dahin gehörigen Materien, Halle (Saale) 1723, hier S. 722 (VD18 10212302), hier verwendet das Exemplar im Stadtmuseum Gera, Sign.: S 109/25, Digitalisat des Exemplars in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Sign.: Theol.ev.asc.229.m, PURL (Werk): http://digital.slub-dresden.de/ppn327812656 (Zugriff: 19.03.2015).

[2] Justinus Töllner, Christliche Abschieds-Rede/ Eines Um der Wahrheit und um seiner redlichen Amts-Treu willen abgesetzten Evangelischen Priesters/ An Seine gewesene Zuhörer [...], Halle (Saale) 1697 (VD17 3:645493H), Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) (im Folgenden ULB Sachsen-Anhalt), PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-93241 (Zugriff: 19.03.2015).

[3] Ders., Justini Töllners/ Gewesenen Pfarrers zu Panitzsch/ Sommerfeld und Althen/ unter der Inspection Leipzig/ Unrechtmäßige Absetzung/ Das ist: Außführliche und deutliche Beschreibung dessen/ wie man nemlich etliche Jahr her mit ihm um der Wahrheit willen sehr übel umgegangen/ ihn hefftig verfolget/ an vielem Guten in seinem Amt gehindert/ dreyviertel Jahr suspendiret und endlich gar removiret [...] Dabey auch zugleich zufinden Eine Widerlegung deßen/ was in dem so genannten Unfug der Pietisten wider ihn geschrieben [...], Glaucha 1697, S. 4f. (VD17 39:134346Z), Digitalisat der ULB Sachsen-Anhalt, PURL (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:1-94302 (Zugriff: 19.03.2015).

[4] Ebd., S. 5.

[5] 1.Korinther 11,27.

[6] Martin Gierl, Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 129), Göttingen 1997, S. 154.

[7] Töllner, Unrechtmäßige Absetzung (wie Anm. 3), S. 205.

[8] Siehe ein Schreiben Franckes an Philipp Jacob Spener vom 30. März 1697, in dem es um die Probleme des wegen ähnlicher Gewissensfragen wie Töllner (Diskussion um Beichte und Absolution) in Konflikt mit der oberen Kirchenbehörde geratenen Johann Caspar Schade ging. Töllner hatte laut Francke Schade einen Brief geschrieben, in dem er Schade ermahnt habe, "alles zu thun was müglich damit er hernach keine Verantwortung habe an seinem Gewissen. Hat ihm auch sein eigen Exempel vorgestellet, daß er sich [...] sonderlich daher beruhiget finde, weil er mit willen und wissen nichts unterlassen." (Franckesche Stiftungen, Halle (Saale), AFSt/H D 66 Bl. 341-342), Digitalisat unter PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:ha33-1-15199 (Zugriff: 19.03.2015). Zu den Streitigkeiten um Schade siehe auch Martin Brecht, Philipp Jakob Spener, sein Programm und dessen Auswirkungen, in: Ders. (Hg.), Geschichte des Pietismus, Bd. 1: Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert, Göttingen 1993, S. 279-389, hier S. 355; ebenso Claudia Drese, Der Berliner Beichtstuhlstreit oder Philipp Jakob Spener zwischen allen Stühlen?, in: Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus 31 (2005), S. 60-97.

[9] Francke, Leichenpredigt (wie Anm. 1), S. 725.

[10] Ebd., S. 724.

[11] Justinus Töllner, Herrlicher Schatz der Kinder Gottes/ das ist/ Biblisches Spruch-Buch/ in welchem zufinden die vornehmsten Glaubens- Lehr- Lebens- und Trost-Sprüche/ wie auch viel feine bekandte Reim- Gebetlein auff alle Sonn- und Fest-Tage ; Nebenst einem vierfachen nützlichen Register [...] Zu Nutz/ Gebrauch und Erbauung so wol Christlicher Praeceptorum, Schulkinder/ Prediger und Studiosorum Theologiae, als auch aller anderer Christen/ wie davon deutliche Nachricht in der Vorrede zu finden [...], Halle (Saale) 1700 (VD17 32:666960D).

[12] Ders., Deutlicher Unterricht Von der Orthographie Der Teutschen: Nach Den Grund-Regeln mit ihren Anmerkungen und vielen deutlichen Exempeln, Aus welchen bald und leicht zu erkennen ist, wie man diß und jenes Wort recht schreiben soll ; Mit einer Anweisung von der Construction der teutschen Praepositionen, Und einem doppelten Catalogo der gleichlautenden Wörter ; Ingleichen Mit einer Nachricht von den Distinctionibus und einem doppelten Register [...], Halle (Saale) 1718.

[13] Brief von August Hermann Francke an Heinrich Julius Elers, datiert Halle (Saale), den 10. Mai 1718 (Franckesche Stiftungen, Halle (Saale), AFSt/H A 181 : 23), Digitalisat unter PURL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:ha33-1-10911 (Zugriff: 19.03.2015).

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Justinus Töllner (1656-1718). Ob mich gleich die Menschen um mein Amt gebracht, so haben sie mir doch damit wenig geschadet – Pietistische Strenge, eine Amtsenthebung und ein theologischer Streit, in: Leben in Leichenpredigten 04/2015, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/justinus-toellner-1656-1718.html>

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