Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Judith Göring, geb. Conrad (1639-1682)

01.11.2012

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Marion Kobelt-Groch

Zwei Frauen – ein Name. Was verbindet die herzhaffte Judith Göring mit ihrer biblischen Namensschwester?

Darstellung der biblischen Judith [1/6]

Gelegentlich wird in Leichenpredigten auf den Namen, speziell den Vornamen eines Verstorbenen, eingegangen. In diesem Zusammenhang verweist Heike Düselder darauf, dass die Namensgebung vielfach nicht nur sehr gezielt geschah, sondern auch versucht wurde, "den Namen mit der Persönlichkeit des Verstorbenen in Einklang zu bringen."[1] Ein schönes Beispiel für dieses Bestreben, den Rufnamen mit der Persönlichkeit des Trägers zu verquicken und als Lebensprogramm zu begreifen, liefert die Leichenpredigt auf Judith Göring, geb. Conrad,[2] die nach ihrer Großmutter mütterlicherseits benannt wurde, wobei sich mit dem Namen Judith mehr verbindet als eine familiäre Tradition.

Unter den "Großen Frauen"[3] der Bibel nimmt Judith in zweifacher Hinsicht eine Sonderstellung ein. Sie ist nicht nur eine Mörderin, sondern auch die zentrale Gestalt eines nach ihr benannten Buches, das hinsichtlich der Verfasserschaft sowie seiner Personen- und Ortsangaben voller Rätsel und Ungereimtheiten steckt. Schenkt man der Schilderung des unbekannten Verfassers Glauben, so könnte sich im Zeitraum um 100 v. Chr. ein brutaler Mord ereignet haben, der bis heute wenig von seiner Faszination verloren hat.[4] Begangen wurde er von Judith, der schönen Witwe des Manasse, die den gefürchteten assyrischen Feldhauptmann Holofernes eigenhändig enthauptete und durch diese Tat unsterblich wurde. In höchster Not, als alle Bewohner Bethulias an Gott zu zweifeln begannen und ihm sogar ein Ultimatum stellten, begibt Judith sich in Begleitung ihrer Magd ins feindliche Lager, wo es ihr bald gelingt, den gefürchteten Holofernes für sich zu gewinnen. Nach einem abendlichen Bankett ist es dann soweit: Beide sind allein im Zelt, nach einem inbrünstigen Gebet packt Judith den Feind beim Schopf, ergreift sein Schwert und vollbringt die alles entscheidende Tat. Mit zwei Schlägen trennt sie den Kopf vom Rumpf, übergibt das abgeschlagene Haupt der vor dem Zelt wartenden Magd, worauf beide unbemerkt das Lager verlassen und heimkehren. Die befreiende Tat bleibt nicht ohne Folgen, die "kopflos" gewordenen Assyrer ergreifen die Flucht, Bethulia ist gerettet und mit der Stadt das israelische Volk.

Dass Judith wohl nie gelebt und sich der Mord an Holofernes nicht ereignet hat, störte Künstler, Schriftsteller und Komponisten wenig. Sie nahmen sich des Stoffes an und ließen Judith stets erneut aus unterschiedlichen Beweggründen ihrem blutigen Geschäft nachgehen.[5] Nicht immer schnitt die Heldin dabei gut ab. In einem anonym erschienenen antijüdischen Drama lässt der unbekannte Autor sie zur Hölle fahren.[6] Frauen konnten in der starken Jüdin eine Verbündete im Kampf gegen männliche Vorherrschaft und Tyrannei entdecken,[7] während Männer angesichts des brutalen weiblichen Übergriffs in vorchristlicher Zeit gelegentlich ein gewisses Unbehagen beschlich. Ihm konnte dadurch begegnet werden, dass der Mord als göttlich legitimiert und gelenkt angesehen wurde, wodurch die schöne Vollstreckerin zu einer Art Werkzeug wird. Notfalls ließ sich die Enthauptung sogar ausblenden oder wenigstens in den Hintergrund drängen. Auf diese Weise fiel das Licht allein auf die gottesfürchtige, gänzlich zurückgezogen lebende Witwe. Für eine derart demütige Heldin konnten sich auch Theologen erwärmen, die gelegentlich eine der vielen Judiths aus gut situierten Kreisen zu Grabe trugen und mit einer Leichenpredigt bedachten.[8]

Nomen est omen. Auch Johann Benedict Carpzov (II., 1639-1699) sah sich angesichts des Todes von Judith Göring mit der biblischen Heldin und ihrer Tat konfrontiert. Natürlich hätte er gänzlich darauf verzichten können, Parallelen zwischen der schönen Bezwingerin des Holofernes und der Verstorbenen herzustellen, aber anders als manche seiner Kollegen, die sich mit einem flüchtigen Hinweis begnügten und die eine oder andere Übereinstimmung zwischen der Tugendheldin und ihrer nunmehr verstorbenen Namensschwester entdeckten, schöpfte Carpzov aus dem Vollen. Durch die ganze Leichenpredigt hindurch wird immer wieder auf die biblische Judith verwiesen und die eine oder andere Verbindung zu der Verstorbenen hergestellt. So bemerkt Carpzov gleich zu Beginn der Leichenpredigt, dass die Bibel zwar mit einer Reihe tugendhafter Weiber aufwarte, die allesamt über einen Vorbildcharakter verfügen und einen gantzen frauenzimmer-spiegel füllen, darunter denn die hertzhaffte Judith eine der fürnehmsten Frauen ist/ von welcher wir ein gantzes buch unter ihrem nahmen in unserer bibel finden. Nachdem Carpzov zunächst in gelehrter Manier auf Lateinisch und Hebräisch den zwischen Lutherischen und Papisten nicht unumstrittenen biblischen Stellenwert des Judithbuches thematisiert hat, kommt er unter Hinweis auf die von Luther 1534 verfasste Vorrede auf das apokryphe Buch Judith[9] zu der Erkenntnis, dass es sich um eine schöne und lehrreiche Erzählung handle, so ihren guten nutzen hat/ und allerhand erbaulicher und tröstlicher lebensregeln uns erinnert.

Carpzov geht davon aus, dass der Hörer von sich aus auf Übereinstimmungen zwischen den beiden Judiths gestoßen ist. Er wird sogar noch deutlicher und lässt Ur- und Abbild gänzlich miteinander verschmelzen: Denn ja alles/ was von jener Judith das büchlein Judith angeführet/ an unserer seligen frau Judith in allen puncten und clausulen eintrifft/ und fehlet nicht an einem/ daß wirs nicht auch von ihr sagen könten/ als von einer vornehmen/ einsamen/ betrübten/ schönen/ reichen/ Gottfürchtigen/ehrlichen und tugendhafften wittwen. Betont werden ausschließlich übereinstimmende Eigenschaften und Lebensumstände beider Frauen. Dementsprechend werden Hörer oder Leser dieser Leichenpredigt vergeblich nach Gegebenheiten und Ereignissen Ausschau halten, die auch nur im Entferntesten an die biblische Szenerie erinnern, angefangen bei den Feldzügen und der elenden Lage Bethulias bis hin zum phantastischen Mord. Bei der festgestellten Parallelität geht es vielmehr vorrangig um die bedingungslose Gottergebenheit beider Frauen in allen Lebenslagen. So wie Judith ihre Sorgen allen Widrigkeiten zum Trotz beherzt allein auf Gott geworfen habe, sei auch Judith Göring stets verfahren. Der spektakuläre biblische Mord wird zur Nebensache. Carpzov macht keinen Hehl daraus, dass die Verstorbene zu einer derartigen Tat nie fähig gewesen wäre: unserer seligsten Frau Judith traute ich das nicht zu/ daß sie einem hette mit dem schwerd den kopff abhauen sollen/ sie war zart/ und vermochte kaum einer execution zuzusehn/ wenn etwan ein maleficant hier auff dem marckt vor ihrem fenster enthauptet wurde.

Inwieweit die Verstorbene selbst eine Beziehung zu ihrer biblischen Namensschwester unterhielt, lässt sich der Leichenpredigt nicht entnehmen. In diesem Punkt unterscheidet sich Judith Göring von Catharina Leuchterus, geb. Ort, verw. Cnefelius (1564-1649),[10] die eine besondere Vorliebe für das Buch Judith gehegt habe, weshalb ihre Erben auch den Leichtext daraus entnommen hätten. Judith Göring hatte sich einen Leichtext aus dem 55. Psalm, Vers 23 ausgewählt, der sich wiederum mühelos mit Judiths Einstellung in Einklang bringen lässt: Wirff dein anligen auff den Herrn/ der wird dich versorgen/ und wird den gerechten nicht ewiglich in unruhe lassen.

Benedict Carpzov hat es verstanden, die verstorbene herzhaffte Judith mit dem biblischen Urbild geschickt zu verknüpfen. Dabei halfen ihm gewisse Übereinstimmungen, wozu auch die Kinderlosigkeit beider Frauen gehörte. Bemerkt wird, dass Judith Göring mit ihrem Mann in ihrer 26 Jahre währenden Ehe zwar ohne kinder und leibes erben/ sonsten aber höchst-vergnügt und glücklich gelebt habe. Wenn Kinderlosigkeit in der Frühen Neuzeit als Strafe Gottes oder zumindest schwere Prüfung angesehen wurde,[11] so trug Carpzov mit seinem ausdrücklichen Rückgriff auf die biblische Judith mit dazu bei, diesen angeblichen Makel zu überwinden.

 

PD Dr. MARION KOBELT-GROCH ist Privatdozentin am Historischen Seminar der Universität Hamburg.

 

Bestand: Stolberger Leichenpredigten-Sammlung (als Depositum in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)
Signatur: Slg. Stolberg LP 7855
Enthalten in: Katalog der fürstlich Stolberg-Stolberg'schen Leichenpredigten-Sammlung, Bd. I, Leipzig 1927

 

Anmerkungen:

[1] Heike Düselder, Der Tod in Oldenburg. Sozial- und kulturgeschichtliche Untersuchungen zu Lebenswelten im 17. und 18. Jahrhundert (Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen 34; Quellen und Untersuchungen zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Niedersachsens in der Neuzeit 20), Hannover 1999, S. 233.

[2] Johann Benedict Carpzov (II.), Die hertzhaffte Judith [...], Leipzig 1682 (VD17 1:040935B). Alle folgenden, entsprechend gekennzeichneten Zitate stammen aus dieser Leichenpredigt.

[3] Große Frauen der Bibel in Text und Bild, mit Beiträgen von Dorothee Sölle u.a., Freiburg (Breisgau)/Basel/Wien 1993, S. 206-219 (Kapitel: Judit. Retterin ihres Volkes).

[4] Es gibt eine Fülle von Untersuchungen, die sich mit den vielen ungelösten Fragen um das Judithbuch befassen; einen ersten Überblick bietet Erich Zenger, Artikel "Judith/Judithbuch", in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. 17, in Gemeinschaft mit Horst Balz hg. von Gerhard Krause und Gerhard Müller, Berlin/New York 1988, S. 404-408.

[5] Bettina Uppenkamp, Judith und Holofernes in der italienischen Malerei des Barock, Berlin 2004; Marion Kobelt-Groch (Hg.), "Ich bin Judith". Zur Rezeption eines mythischen Stoffes, Leipzig 2003; Dies., Judith macht Geschichte. Zur Rezeption einer mythischen Gestalt vom 16. bis 19. Jahrhundert, München 2005; Kevin R. Brine/Elena Ciletti/Henrike Lähnemann (Hg.), The Sword of Judith. Judith Studies Across the Disciplines, Cambridge 2010.

[6] Gabrijela Mecky Zaragoza (Hg.), Judith und Holofernes. Ein Drama in fünf Akten (1818), München 2005.

[7] Margarita Stocker, Judith. Sexual Warrior. Women and Power in Western Culture, New Haven/London 1998.

[8] Kobelt-Groch, Judith macht Geschichte (wie Anm. 5), S. 84-124.

[9] Martin Luther, Luthers Vorreden zur Bibel (Insel-Taschenbuch 677), hg. von Heinrich Bornkamm, Frankfurt (Main) 1983, S. 147-149.

[10] Die Leichenpredigt auf Catharina Leuchterus verfasste Conradus Steinius, Die Hochgeehrte Judith [...], Frankfurt (Main) 1650 (VD17 107:725210T), Digitalisat des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz, Speyer, URN (Werk): http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0128-1-24527 (Zugriff: 29.10.2012). Der folgend zitierte Leichtext ist dieser Predigt entnommen.

[11] Heide Wunder, "Er ist die Sonn', sie ist der Mond". Frauen in der Frühen Neuzeit, München 1992, S. 162.

 

Zitierweise: Marion Kobelt-Groch, Judith Göring, geb. Conrad (1639-1682). Zwei Frauen – ein Name. Was verbindet die herzhaffte Judith Göring mit ihrer biblischen Namensschwester?, in: Leben in Leichenpredigten 11/2012, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/judith-goering-geb-conrad-1639-1682.html>

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