Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Johann Matthias Groß (1676-1748)

01.01.2013

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Stefan Dornheim

Jubel-Acta – Frühneuzeitliche protestantische Gedenkkultur neben der Leichenpredigt

Porträt von Johann Matthias Groß [1/2]

Im Jahr 1748 verstarb im damals brandenburg-kulmbachischen Marktbergel der evangelische Pfarrer Johann Matthias Groß im Alter von 72 Lebensjahren und nach 50 Jahren im Pfarramt.[1] Im gleichen Jahr hatte er als Senior des Kirchenkreises Neustadt an der Aisch noch mit großem Aufwand und unter Anteilnahme der gesamten Region sein Amtsjubiläum feiern können - mit feierlicher Prozession, Festgottesdienst und Festmahl im Pfarrhaus. Am Ende seines Pfarrer- und Gelehrtenlebens glänzte keine aufwändig gedruckte Leichenpredigt. Sein Leben, Lehren und Wirken waren bereits zu Lebzeiten vor seiner Gemeinde und einer breiten Öffentlichkeit resümiert, gefeiert und theologisch reflektiert worden. Dabei hatte der greise Jubilar noch nicht im Sarg vor den Nachkommen gelegen, sondern in einem weißen Talar als exemplarischer Pfarrer in einem Sessel vor dem Altar gesessen und eine Gedenkpredigt gehalten, in der er sein langes Leben als Geistlicher rückblickend betrachtete. Schließlich hatte er der Gemeinde seinen Amtsnachfolger vorgestellt und eingesegnet.

Groß starb nicht lange Zeit nach diesem besonderen Fest. Zuvor aber sorgte er selbst noch mit der Publikation der Jubiläumspredigten, der Glückwünsche und einer detaillierten Festbeschreibung dafür, dass sein Amtsjubiläum eines der am besten dokumentierten Pfarramtsjubiläen seiner Zeit wurde.[2] Der Eifer kam nicht von ungefähr, wurde der Jubilar seiner vielfältigen Publikationen wegen doch gerühmt, selbst der Spezialist dieses genuin protestantischen Gedenkformates im 18. Jahrhundert zu sein. Groß konnte zu seinem Lebenswerk rechnen, weit über eintausend Pfarramtsjubiläen dokumentiert und zwischen 1727 und 1746 in Form eines dreibändigen "Historischen Lexicon Evangelischer Jubel-Priester" herausgegeben zu haben.[3] Daneben bemühte er sich um eine grundlegende historische Erforschung dieses Gedenkformates.[4] Während dessen am Personalschrifttum interessierte Zeitgenossen vermehrt Leichenpredigten sammelten, spezialisierte sich Groß in seinem Sammlungs- und Forschungseifer auf das personalschriftliche Format der Jubiläumspredigt, welche quantitativ freilich hinter der Leichenpredigt rangierte, in ihrer langfristigen kulturellen Wirkungskraft für die neuzeitliche bürgerliche Erinnerungs- und Festkultur aber nicht unterschätzt werden sollte.

Groß' Interesse verweist auf eine Entwicklung in der frühneuzeitlichen protestantischen Gedenkkultur, welche neben dem Totengedenken zunehmend das Personengedenken im Kreis der Lebenden in Form einer personalen und familialen Jubiläumskultur betonte. Zugleich verdeutlicht das Beispiel die zentrale Rolle der Pfarrer und des evangelischen Pfarrhauses für die Herausbildung einer genuin lutherischen Erinnerungskultur sowie auf das Zusammenspiel von Konfession und Gedächtnis und die daraus resultierende kulturelle Prägekraft.

Das evangelische Pfarrhaus galt im protestantisch geprägten Deutschland lange Zeit als ein Vorbild und wichtiger Ursprung bürgerlicher Lebensgestaltung. Im Gegensatz zum zölibatären Priesterentwurf der katholischen Kirche konnte sich darin seit dem späten 16. Jahrhundert eine neue Sozialgruppe mit einer eigenen Familienkultur etablieren. In ihrer Rolle als lehrhaftes Vorbild religiösen Alltagslebens konnte und sollte die Pfarrfamilie früh ein exklusives Familienbewusstsein und öffentlich-repräsentative Erinnerungsformen ausbilden. Als Spezialisten des Gedenkens prägten die lutherischen Pfarrer im Rahmen einer konfessionsspezifischen Fest- und Erinnerungskultur kollektive Identitätsbildungsprozesse. Denn Theologen nahmen im Kontext historischer Wirklichkeitsdeutung und heilsgeschichtlicher Selbstverortung eine zentrale Rolle bei der Aktivierung gesellschaftlicher Bindekräfte ein. Die Fragen nach den Ursprüngen und Grundlagen der sozialen und politischen Ordnung eines Gemeinwesens und die Deutung seiner historischen Entwicklung waren in der Vormoderne stets auch theologische Fragen, die im Rahmen einer öffentlichen Fest- und Gedenkkultur verhandelt wurden.

Der Diskurs über die Vergangenheit band sich dabei überwiegend an das Gedenken verstorbener Personen. In diesem Zusammenhang nahmen Erinnerungszeichen wie Grabdenkmale und Epitaphien einen zentralen Platz in der frühneuzeitlichen Gedenkkultur ein. Nicht zuletzt waren es aber die sog. "Denkmale aus Papier", die gedruckten Leichenpredigten der Pfarrer, welche biographisches Wissen und dessen theologische Deutung verbreiteten und auf Dauer stellten. Die Bedeutung der Leichenpredigten als multidisziplinäre Quelle ist nicht zuletzt aufgrund ihrer massenhaften Überlieferung inzwischen erkannt und durch vielfältige Untersuchungen und Dokumentationsprojekte gewürdigt worden. Die Konzentration der Forschung auf die Leichenpredigt als einzelnes Gedenkformat übersah dabei mitunter, dass sich an der Seite bzw. im Schatten der Leichenpredigt seit dem späten 16. Jahrhundert ein weiteres, formal mit den Leichenpredigten eng verwandtes, Format von Personalschriften herausbildete, welches als Anlass nicht Tod und Begräbnis, sondern das festliche historisch-biographische Gedenken im Kreis der (noch) Lebenden ins Zentrum stellte.

Der Fall des fränkischen Pfarrers Johann Matthias Groß ist Teil einer neuen Untersuchung zu den verschiedenen Gedenkformaten einer sich in lokalen Bezügen entfaltenden lutherischen Erinnerungskultur in der Frühen Neuzeit, in der neben der Leichenpredigt und dem Totengedenken erstmals auch die Gedenkformate der Amts-, Akademiker- und Ehejubiläen betrachtet werden. Unter dem Titel "Der Pfarrer als Arbeiter am Gedächtnis. Lutherische Erinnerungskultur in der Frühen Neuzeit zwischen Religion und sozialer Kohäsion", entstand am Dresdner SFB 804 "Transzendenz und Gemeinsinn" eine Studie, welche das Format der Leichenpredigt in ein ganzes Ensemble von Medien und Formaten lokaler Erinnerungskultur vernetzt und eingebettet sieht. Die Arbeit fragt dabei grundlegend nach der Entwicklung des Zusammenhanges von Religion und sozialer Kohäsion anhand der frühneuzeitlichen lutherischen Erinnerungskultur zwischen Reformation und Spätaufklärung. Sie analysiert konkret konfessionsspezifische Formate, Entwicklungslinien, Trägerkreise und Intentionen einer lokalen lutherischen Gedenkkultur. Im Mittelpunkt steht dabei die Untersuchung eines ausgewählten Spektrums an Arbeitsfeldern öffentlicher Erinnerung, die sich mit dem lutherischen Pfarramt verbanden: So wird etwa der Entwicklung des Vergangenheitsdiskurses im Rahmen des Totengedenkens nachgegangen, der Kirchenraum als kollektiver Erinnerungsraum betrachtet und nach den Funktionen des archivarischen Gedächtnisses des Pfarrhauses gefragt. Bei der Mehrzahl der untersuchten Gedenkformate handelt es sich um die Vermessung von wissenschaftlichem Neuland. Dies gilt für die Grundsteinlegungs- und Turmknopffeste frühneuzeitlicher Stadt- und Dorfgemeinschaften ebenso, wie für die jährliche Verhandlung der kollektiven Vergangenheit im Rahmen der Neujahrspredigt und Neujahrspublizistik. Mit der Fokussierung auf Amts-, Promotions- und Ehejubiläen wurde erstmals die Entstehung und Entwicklung der personalen Jubiläumskultur genauer in das Blickfeld der Forschung gerückt.

Obgleich im späten 18. und im 19. Jahrhundert mit der allgemeinen Durchsetzung des Personaljubiläums in allen sozialen Schichten und der Etablierung der '25' als weiterer jubiläumsrelevanter Zahl ein regelrechter Jubiläumsboom einsetzte - übrigens nahezu parallel zum Schwund der Leichenpredigtkultur und einer zunehmenden Tabuisierung des Todes - so wurde das neue Massenphänomen nach den frühen Forschungsbemühungen des fränkischen Pfarrers Johann Matthias Groß kaum mehr wissenschaftlich hinterfragt.

 

Dr. STEFAN DORNHEIM ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt G "Gemeinsinnsdiskurse und religiöse Prägung zwischen Spätaufklärung und Vormärz (ca. 1770 - ca. 1848)" des SFB 804 "Transzendenz und Gemeinsinn" an der Technischen Universität Dresden.

 

Literaturhinweise:

Stefan Dornheim, Der Pfarrer als Arbeiter am Gedächtnis. Lutherische Erinnerungskultur in der Frühen Neuzeit zwischen Religion und sozialer Kohäsion (Schriften zur Sächsischen Geschichte und Volkskunde 40), Leipzig 2013 (URL: http://www.univerlag-leipzig.de/article.html;article_id,1364 [Zugriff: 06.12.2012]).

Ders., Amtsjubiläum und Familiennachfolge im lutherischen Pfarrhaus der frühen Neuzeit, in: Hartwin Brandt/Katrin Köhler/Ulrike Siewert (Hg.), Genealogisches Bewusstsein als Legitimation. Inter- und Intragenerationelle Auseinandersetzungen sowie die Bedeutung von Verwandtschaft bei Amtswechseln (Bamberger Historische Studien 4), Bamberg 2009, S. 307-327 (URL: http://opus4.kobv.de/opus4-bamberg/frontdoor/index/index/docId/202 [Zugriff: 06.12.2012]).

 

Die Dokumentation des Amtsjubiläums "Vollständige Jubel-Acta [...]" findet sich u.a. im

Bestand: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
Signatur: Biogr.erud.D.710,1

 

Anmerkungen:

[1] Art. "Groß (Johann Matthias)" in: Johann Gottlob Wilhelm Dunkel, Historisch-Critische Nachrichten von verstorbenen Gelehrten und deren Schriften/ Insonderheit aber Denenienigen/ welche in der allerneuesten Ausgabe des Jöcherischen Allgemeinen Gelehrten-Lexicons entweder gänzlich mit Stillschweigen übergangen/ oder doch mangelhaft und unrichtig angeführet werden, Bd. 2, 3. Teil, Dessau/Köthen 1756, S. 464-467; Digitalisat der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar, URL: http://ora-web.swkk.de/digimo_online/digimo.entry?source=digimo.Digitalisat_anzeigen&a_id=14301 (Zugriff: 06.12.2012).

[2] Johann Matthias Groß, Vollständige Jubel-Acta/ M. Johann Matthiä Großen/ Pastoris in Marckt-Bergel und Senioris des Neustädtischen Capituls/ Als des bisherigen Auctoris des Historischen Jubel-Priester-Lexici/ Nachdem er [...] auch sein eigenes Priester-Jubiläum erlebet/ und auf erlangte Hoch-Fürstliche Gnädigste Concession/ dasselbe offentlich feyerlich zu begehen/ Am X. Sonntag p. Trinitat. A. 1748 zu Marckt-Bergel mit Christlichen Solennitäten celebriret hat. Darinnen/ nebst der von ihm abgelegten Jubel-Predigt/ Auch die von [...] Johann Christian Lerche Hoch-Fürstl. Superintendenten zu Neustadt dabey gehaltene erbauliche Jubel- und Einsegnungs-Rede/ nebst vielen Gratulationen enthalten sind, Schwabach 1748 (VD18 14669730-001); digitaler Volltext der Bayerischen Staatsbibliothek, München (im Folgenden BSB München), URL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10346791-7http://gateway-bayern.de/BV001606643 (Zugriff: 06.12.2012).

[3] Ders., Historisches Lexicon Evangelischer Jubel-Priester/ Darinnen eine Ehren-Crone der Alten Ehrwürdigen Lehrer und Prediger/ enthalten/ Die in Funffzig- und mehr Jährigen Aemtern meistentheils viel erfahren und Gott geförchtet haben; Nach ihren Geburten/ Lebens-Geschichten/ wunderbaren Göttlichen Führungen und Schicksalen/ unterschiedlich verwalteten Aemtern und edierten Schrifften/ auch bey vielen hinzu gesetzten Vorfahren/ Nachfolgern/ Familien und Anverwandten; wol aus glaubwürdigen Scribenten/ als auch aus authentischen Nachrichten/ Dem grossen Gott zu ehren und denen wohlverdienten Dienern des Herrn zu guten Andencken/ nach Alphabetischer Ordnung verfasset, 3 Bde.,
Bd. 1: Nürnberg 1727 (VD18 80300472), digitaler Volltext der BSB München, URL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10050521-5http://gateway-bayern.de/BV008852825 (Zugriff: 06.12.2012);
Bd. 2: Nürnberg 1732 (VD18 80300480), digitaler Volltext der BSB München, URL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10050522-1http://gateway-bayern.de/BV008852826 (Zugriff: 06.12.2012);
Bd. 3: Schwabach 1746 (VD18 80300499), digitaler Volltext der BSB München, URL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10050523-6http://gateway-bayern.de/BV008852827 (Zugriff: 06.12.2012).

[4] Ders., Vorbericht von der Historia Literaria des funffzig-jährigen Priester-Jubilaei, in: Johann Matthias Groß, Historisches Lexicon Evangelischer Jubel-Priester (wie Anm. 3), Bd. 1 (unpag.).

 

Erläuterung zur Abbildung der Gedenkvignette (Abbildung 2):

Gedenkvignetten, als preisgünstigere Variante zur Prägung von Gedenkmedaillen, wurden mitunter an Verwandte, Freunde und Gäste als Präsent und Erinnerungsträger verteilt und häufig auch in den erschienenen Personalschriften abgedruckt.

Als Beispiel wird hier die Gedenkvignette auf das Ehejubiläum des Hamburger Oberältesten und Leichnams-Geschwornen Wilhelm Mattfeld und seiner Frau Margaretha Elisabeth, geb. Scheller im Jahr 1758 präsentiert. Auf einem weiten Feld stehen zwei Palmbäume einander gegenüber und werden vom göttlichen Licht der Vorsehung beschienen. An den Stämmen sind die Wappen der beiden Eheleute angebracht. Beide Wappenschilder werden von den weiblichen Figuren der Religion mit dem Kreuz (links)und der Hoffnung mit dem Anker (rechts) gehalten. Nahe dabei steht eine weibliche Personifizierung der Andacht, die auf einem dem Ehejubiläum gewidmeten Altar Weihrauch opfert und in der linken Hand ein flammendes Herz hält. Spruchbänder zitieren den Psalm 92, der häufig bei Ehejubiläen ausgelegt wird. Vom rechten Bildrand aus wird die gesamte Szene von Merkur, dem Gott der Kaufleute beobachtet.

(Die Gedenkvignette erscheint als zweite Abbildung in der Bilderserie zu diesem Artikel. Durch Klicken auf das oben gezeigte Porträt von Johann Matthias Groß kann die Bilderserie geöffnet werden, über "Next" am rechten Bildrand gelangen Sie zur nächsten Abbildung.)

 

Zitierweise: Stefan Dornheim, Johann Matthias Groß (1676-1748). Jubel-Acta – Frühneuzeitliche protestantische Gedenkkultur neben der Leichenpredigt, in: Leben in Leichenpredigten 01/2013, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-matthias-gross-1676-1748.html>

Artikel nach...

...Monaten