Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Johann Bonifacius Reuter (1624-1690)

03.01.2011

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Birthe zur Nieden

[...] aufs greulichste tractieret – Gewalterfahrungen im Dreißigjährigen Krieg

Plünderungsszene im Dreißigjährigen Krieg [1/2]

In der militärgeschichtlichen Forschung der letzten Jahrzehnte zeichnet sich ein verstärktes Interesse an der individuellen Wahrnehmung von Gewalt und Krieg ab.[1] Als ein Modellfall für Untersuchungen zur Gewalt[2] gilt dabei der Dreißigjährige Krieg, der in der kollektiven Erinnerung als eine Zeit der zügellosen Willkür von marodierenden Söldnerhorden gerade auch gegenüber der Zivilbevölkerung empfunden wird.

Ein eindrucksvolles Beispiel für Gewalt- und Leidenserfahrungen, die schon ein junger Mensch machen konnte, bietet der Lebenslauf Johann Bonifacius Reuters, der später Diakon in Orlamünde war.

Er wurde als Sohn eines Kantors in Abtsbessingen geboren. Seine Eltern hatten wegen eingefallener Kriegs-Unruhe, Plünderungen und schweren Läuffte[3] Schwierigkeiten, ihn und seine Geschwister zu ernähren. Aus diesem Grunde wurde der zwölfjährige Johann Bonifacius nach Sondershausen zur Schule geschickt, wo er sich selbst durch Kurrendesingen ernähren musste. Nach zwei Jahren hatte er immer noch kein Hospitium gefunden, so dass ihm seine Lehrer rieten, zurück nach Hause zu gehen, wo er seinen Eltern mit Ackern, Dreschen und dergleichen Hauß-Arbeit half.

Aufgrund von Kriegsunruhen musste sich die Familie nach Greußen wenden. Als der Junge von dort aus ihrem eintzig übergebliebenen Stücklein Viehe etwas Futter zu Hause holen sollte, geriet er einer Parthie von mehreren Soldaten in die Hände, die den Jungen folterten, um eines und das andre zu erfahren. Er wurde gewürgt und geschlagen, und schließlich haben sie ihn lassen auff eine Banck treten, ihm einen Strick umb den Hals geleget, und an einen in die Wand geschlagenen Spitz-Hammer auffgehencket, doch also, daß der eine seinen Fuß in etwas gehalten, damit er nicht alsobald erdrosseln, und sie vielleicht noch was von ihm erfahren möchten. Zu seinem Glück kam in diesem Moment der Offizier der Truppe und beendete den Übergriff.[4]

In jedem Fall bewegte gerade dieses grosse Unglück und wunderbare Erret[t]ung Gottes Reuter dazu, sich dem Studium der Theologie zu widmen. Es ist auffällig, dass keine direkte Nennung der Kriegspartei stattfindet, der die folternden Soldaten angehörten – die Gewalt wird hier nicht als Politikum benannt, sondern dient hauptsächlich dem Zweck, die Beweggründe des Verstorbenen darzustellen, sich der Theologie zuzuwenden.[5]

Um sich auf das Studium vorzubereiten, ging Reuter 1639 von Westerengel, wo sein Vater inzwischen Kantor und Schulmeister war, nach Clausthal zur Schule. Dort war er gezwungen, sich ein Viertel Jahr sein Brod vor den Thüren zu erbetteln und des Nachts elende in der Höllen, auff seinem Mantel zu schlafen, bis er wiederum einen Platz als Kurrendesänger fand. Gleichzeitig wurde er von einem Schuster aufgenommen, von dem er auch etwas Zugemüse dafür bekam, dass er dessen Kinder müssen zur Schule führen und informieren. Allerdings nutzte der Schuster die Situation des Jungen weiter aus, indem er ihn Wochentlich zum wenigsten zweymahl etliche Meilen nacher Goßlar gehen und Leder holen ließ. Als sich Johann Bonifacius schließlich weigerte, weil ihn das vom Lernen abhielt und außerdem auch wegen Gefahr der Wölffe auf dem Weg, hat ihn der unbarmhertzige Wirth Anno Christi 1641. gegen Faßnacht mit einem Stecken auff den Kopff also gezeichnet, daß das Blut darnach gangen, und ih[n] zum Hause hinaus gestossen.

Auch hier ist die Gewalt als ein Teil der Schwierigkeiten beschrieben, die den Verstorbenen auf seinem Bildungsweg betrafen, die er aber mit Zähigkeit und Durchhaltewillen überstand.

Nachdem er den Schuster verlassen hatte, traf es Reuter bei einem Bergschreiber und einem MüntzerOhm besser, sang aber weiterhin Kurrende. Außerdem wurde ihm vom Pfarrer, weil kein Kirchner da war, dem Herkommen gemäß die entsprechenden Aufgaben übertragen, so dass er mit Läuten, bey Tauffen und sonsten aufgewartet, und seine Accidentien verdienet.

Die musikalische Ausbildung, die er durch das Kurrendesingen erhalten hatte,[6] half ihm in der Folge, indem er in seiner weiteren Bildungslaufbahn nicht nur als Informator, sondern auch als Praefectus des Cohro Musico in Northeim und Regent des Chores in Osterode arbeitete, ja sogar eine Stelle als Kantor in einer kleinen Stadt an der Weser angeboten bekam, die er auf Anraten seiner Lehrer aber ausschlug, um weiter studieren zu können.

Man siehet hieraus, wie wunderlich mich GOTT zum Studiren geführet. Hätte freylich sollen mehr praestiret haben, aber ich habe getan, was ich gekunnt und vermocht, und sage billich: Herr, du wirst nicht mehr von mir fordern, als du mir gegeben hast.

 

BIRTHE ZUR NIEDEN M.A. ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Stadtarchiv Altenburg
Signatur: A II 23
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Stadtarchiv Altenburg (Marburger Personalschriften-Forschungen 44), Stuttgart 2007

 

Anmerkungen:

[1] Speziell zum 17. Jahrhundert siehe u.a. Maren Lorenz, Das Rad der Gewalt. Militär und Zivilbevölkerung in Norddeutschland nach dem Dreißigjährigen Krieg (1650-1700), Köln/Weimar/Wien 2007; Benigna von Krusenstjern/Hans Medick (Hg.) in Zusammenarbeit mit Patrice Veit, Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 148), Göttingen 1999; Markus Meumann/Dirk Niefanger (Hg.), Ein Schauplatz herber Angst. Wahrnehmung und Darstellung von Gewalt im 17. Jahrhundert, Göttingen 1997.

[2] Michael Kaiser, "Ärger als der Türck". Kriegsgreuel und ihre Funktionalisierung in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, in: Sönke Neitzel/Daniel Hohrath (Hg.), Kriegsgreuel. Die Entgrenzung der Gewalt in kriegerischen Konflikten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert (Krieg in der Geschichte 40), Paderborn 2008, S. 155-183, hier S. 157.

[3] Christophorus Henricus Löber, Aeterna fidelium gloria [...], Rudolstadt o.J. (VD17 39:114118C). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[4] Zur Instrumentalisierung von militärischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung als Dominanzgeste siehe Kaiser, Ärger als der Türck (wie Anm. 2).

[5] Dass der beschriebene Gewaltakt zwar als einschneidendes, nicht aber als traumatisches Erlebnis beschrieben wird, darf vermutlich der deutlich höheren Gewöhnung an Gewalt in der Zeit zuzuschreiben sein. Siehe auch hierzu ebd., S. 176.

[6] Auch wenn diese Ausbildung, die vorher selbstverständlich war, in der Notzeit oft zugunsten des rein karitativen Zweckes des Kurrendesingens zurückgedrängt war, scheint sie hier trotzdem stattgefunden zu haben. Zum Kurrendesingen siehe Franz Krautwurst, Art. "Kurrende", in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart: allgemeine Enzyklopädie der Musik, begr. von Friedrich Blume, Sachteil, 5. Kas-Mein, 2., neu bearbeitete Ausgabe, hg. von Ludwig Finscher, Kassel u.a. 1996, Sp. 827-831, hier Sp. 829.

 

Zitierweise: Birthe zur Nieden, Johann Bonifacius Reuter (1624-1690). [...] aufs greulichste tractieret – Gewalterfahrungen im Dreißigjährigen Krieg, in: Leben in Leichenpredigten 01/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-bonifacius-reuter-1624-1690.html>

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