Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Johann Aegidius Böttiger (1613-1672)

01.04.2011

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Marion Kobelt-Groch

Wie aus dem beschlossenen frölichen Tauff-begängnis eine hochtraurige Leich-Procession worden – Leichenpredigten für ungetauft verstorbene Kinder

Kindergrabmal auf dem Hauptfriedhof in Wolfenbüttel [1/2]

Wer heute über einen Friedhof schlendert, wird vielleicht auf ein kleines Grabfeld mit einem Gedenkstein neueren Datums stoßen, der, wie beispielsweise auf dem  Wolfenbütteler Hauptfriedhof, all jenen Kindern gewidmet ist, für die das Leben zu Ende war als es anfing. Plätze dieser Art für fehl- oder tot geborene Kinder bieten Eltern einen Ort, an dem sie trauern können.[1] Darüber hinaus sind diese Steine aber auch die Fortschreibung eines jahrhundertealten kontrovers gehandhabten Umgangs mit ungetauft verstorbenen Kindern, worüber folgender Fall Auskunft gibt.

Die Geburt hatte einen unglücklichen Ausgang genommen. Am 7. Mai 1652 war das Kind tot zur Welt gekommen und wurde gut eine Woche später, am 16. Mai, beigesetzt. Da der kleine Junge, Sohn des Grafen Anthon Günther I. von Schwarzburg-Sondershausen und dessen Gemahlin Maria Magdalena, als totes Baby nicht getauft werden konnte, blieb er namenlos. Wie Johann Aegidius Böttiger, seit 1651 Superintendent und Konsistorialpräsident in Sondershausen,[2] in seiner Leichenpredigt auf das junge Herrlein zum Ausdruck bringt, sei dem traurigen Ereignis letztlich aber dennoch etwas Positives abzugewinnen. Auch wenn der gesegnete Ehestand durch die Totgeburt und die nicht vollzogene Taufe in einen 'Wehestand' verkehrt worden sei, müsse man dankbar sein. Dem ungetauft verstorbenen Kind gehe es gut. An seiner Seligkeit, so die frohe Botschaft, sei nicht zu zweifeln.

Mit dieser verkündeten Gewissheit wendet sich der Verfasser der Leichenpredigt kompromisslos von der bis ins 20. Jahrhundert gültigen katholischen Lehre ab, nach der ungetauft verstorbene Kinder nicht bei Gott, sondern im so genannten Limbus puerorum weilen. Hierbei handelt es sich um einen eher neutralen Ort am Rande der Hölle, in dem die Kinder von der Gottesschau ausgeschlossen waren, ohne jedoch zu leiden. Die Lehre vom Limbus puerorum hatte sich im 13. Jahrhundert entwickelt, nachdem zuvor die Lehre des Kirchenvaters Augustinus galt, der die ungetauft verstorbenen Kinder in der Hölle wähnte.[3] Aber auch die neue Heimstätte, die theologisch variantenreich ausgemalt wurde,[4] erschien vielen Eltern als makelbehaftet und alles andere als ideal. Schließlich durften sie ihre ungetauft verstorbenen Kinder gleich Ketzern nicht einmal in geweihter Erde begraben.[5] Aus dieser Unzufriedenheit heraus entwickelte sich eine Glaubensstrategie, durch die das verwehrte Seelenheil doch noch hergestellt werden sollte. Sie bestand darin, dass Eltern ihre ungetauft verstorbenen Neugeborenen zu speziellen Wallfahrtsorten brachten, an denen, wenn alles gut lief, die Kinder noch einmal kurz Lebenszeichen von sich gaben und dann nach erfolgter Taufe in geweihter Erde bestattet werden konnten.[6]

Dies alles wurde nun von Theologen in der Nachfolge Martin Luthers und Johannes Bugenhagens als Lug und Trug entlarvt.[7] Darin waren sich die lutherischen Verfasser von Leichenpredigten auf ungetauft verstorbene Kinder einig. Einige von ihnen räumten sogar noch gründlicher auf und zogen nicht nur gegen den vermeintlichen katholischen Irrglauben vom Limbus puerorum und die damit verbundenen Folgen zu Felde, sondern auch gegen alle Ausdrucksformen volkstümlicher Frömmigkeit, in deren Vorstellungswelt ungetauft verstorbene Kinder etwa zu Zwergen werden oder das Wilde Heer verstärken.[8] Obwohl diese Leichenpredigten auf ungetauft verstorbene Kinder einen radikalen Bruch mit der katholischen Kirche signalisieren und an Brisanz kaum zu übertreffen sind, gehören sie unter den gedruckten Leichenpredigten zahlenmäßig zu den absoluten Raritäten.

Wie alle Verfasser derartiger Leichenpredigten durfte sich auch Johann Böttiger nicht damit begnügen, den vermeintlichen katholischen Irrglauben anzuprangern. Vielmehr war er gezwungen, handfeste biblische Argumente dafür zu liefern, dass es dem ungetauft verstorbenen Kind tatsächlich gut gehe und es sich im Zustand der Seligkeit befinde. Andererseits musste er äußerst achtsam sein, denn grundsätzliche Zweifel an der Notwendigkeit der Kindertaufe konnten die verhassten Täufer und andere vermeintlich Irrgläubige in einem positiven Licht erscheinen lassen, was strikt zu vermeiden war. Die biblischen Argumente und Belege, die Böttiger heranzieht, sind schnell skizziert:

Zunächst einmal argumentiert er mit dem gnädigen Willen Gottes, der darauf ausgerichtet sei, dass alle Menschen erhalten und selig werden. Auch könnten Kinder schon im Mutterleib mit dem Heiligen Geist erfüllt sein, wofür Johannes der Täufer als Beispiel herangezogen wird, aber auch jener gern bemühte französische Chirurg, der im Leib einer verstorbenen Schwangeren ein lebendiges Kind mit zusammen gethanen/ und auffgehabenen Händlein [...] gleichsam betend gefunden hatte. Wenn Jesus Christus der Welt Sünde getragen habe, so seien diese ungetauft verstorbenen Kinder eingeschlossen. Vor allem sei ja beabsichtigt gewesen, das Kind taufen zu lassen. Der feste Vorsatz ist entscheidend. Zwar könnten Kinder die Taufe noch nicht begehren, aber dieser Wille und begehren der Eltern wird interpretativè den Kindern zugerechnet. Abschließend werden noch Parallelen zur Beschneidung im Alten Testament gezogen. Auch jene Kinder, die vor dem achten Tag gestorben waren oder nicht beschnitten wurden, weil das Ritual in Zeiten der Not  ausgesetzt worden war, dürften nicht als verdammt gelten. Eben also können wir auch die Christen-Kinder/ welche in solchem Fall nicht haben können getaufft werden/ nicht verdammen/ sondern müssen sie selig halten und preisen.

Keine Frage, alles war in Ordnung: Derowegen schliessen wir nun/ daß die Christen-Kinder/ ob sie schon ohne Tauffe dahin gestorben/ dennoch bey JEsu Christo in der Seligkeit seyn. So ganz am Ende seiner Predigt war Böttiger dennoch nicht angelangt. Er sah sich genötigt, auch noch zu betonen, dass der frühe Tod des Kindes ohne Murren als Gottes Entscheidung zu akzeptieren sei. Glücklicherweise habe Gott das Leben der Mutter geschont, in derartigen Fällen keineswegs eine selbstverständliche Angelegenheit. Zum Schluss kommt der Verfasser dieser Leichenpredigt noch einmal auf das ungetauft verstorbene Kind zu sprechen, das im Himmel bei Gott weile. Anders als in manch anderer Leichenpredigt auf ein verstorbenes Kind wird das himmlische Dasein zwar nicht anschaulich ausgemalt,[9] dennoch weiß Böttiger, was Eltern und Verwandte in diesem Moment von ihrem verstorbenen Kind gerne hören möchten: Were es müglich/ so würde das liebe junge Herrlein aus seinem Särcklein sich auffrichten/ und von seiner Seligkeit/ die es in Christo JEsu empfangen hat/ zeugen und reden.

 

PD Dr. MARION KOBELT-GROCH ist Privatdozentin am Historischen Seminar der Universität Hamburg.

 

Bestand: Stolberger Leichenpredigten-Sammlung (als Depositum in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)
Signatur: Slg. Stolberg LP 20837
Enthalten in: Katalog der fürstlich Stolberg-Stolberg'schen Leichenpredigten-Sammlung, Bd. IV/1, Leipzig 1932

 

Anmerkungen:

[1] Anja Wiese/Piet Morgenbrodt (Hg.), Kindergrabmale, Hamburg 2005.

[2] Zur Person Böttigers siehe Thüringer Pfarrerbuch, Bd. 2: Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen (Schriftenreihe der Stiftung Stoye 29), hg. von der Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte, Neustadt a.d. Aisch 1997, S. 99.

[3] Elke Pahud de Mortanges, Der versperrte Himmel. Das Phänomen der sanctuaires à répit aus theologiegeschichtlicher Perspektive, in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte 98 (2004), S. 31-47, hier S. 33.

[4] Michael Prosser, Vorstellungen über die Seelenexistenz ungetaufter Kinder in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Schriftdokumente zu Theorie und Praxis, in: Tod und Jenseits in der Schriftkultur der Frühen Neuzeit, hg. von Marion Kobelt-Groch und Cornelia Niekus Moore (Wolfenbütteler Forschungen 119), Wiesbaden 2008, S. 183-199; Johannes Maria Schwarz, Zwischen Limbus und Gottesschau. Das Schicksal ungetauft sterbender Kinder in der theologischen Diskussion des 20. Jahrhunderts. Ein theologiegeschichtliches Panorama, Kisslegg 2006.

[5] Michael Prosser, Friedhöfe eines 'unzeitigen' Todes. Totgeborene Kinder und das Problem ihrer Bestattungsplätze, in: Norbert Fischer/Markwart Herzog (Hg.), Nekropolis: der Friedhof als Ort der Toten und der Lebenden, Stuttgart 2005, S. 125-146.

[6] Ders., Erweckungstaufe. Säuglingssterblichkeit und Wallfahrt für tote Kinder in vormoderner Zeit, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2003, S. 101-138; Eva Labouvie, "Sanctuaires à répit". Zur Wiedererweckung toter Neugeborener, zur Erinnerungskultur und zur Jenseitsvorstellung im katholischen Milieu, in: Tod und Jenseits (wie Anm. 3), S. 79-96.

[7] Eckard Struckmeier, 'Vom Glauben der Kinder im Mutter-leibe'. Eine historisch-anthropologische Untersuchung frühneuzeitlicher lutherischer Seelsorge und Frömmigkeit im Zusammenhang mit der Geburt (Kontexte. Neue Beiträge zur Historischen und Systematischen Theologie 31), Frankfurt (Main) 2000.

[8] Als Wildes Heer (auch Wilde Jagd oder Wütendes Heer) wurden im europäischen Volksglauben Erscheinungen am nächtlichen Himmel bezeichnet, interpretiert als das Umherziehen geisterhafter Wesen und der Seelen der "vor ihrer Zeit" Verstorbenen. Derartige Beobachtungen traten besonders häufig im Zeitraum zwischen Weihnachten und Dreikönigstag ("Zwölfnächte" und "Raunächte") auf. Siehe dazu u.a. Jacob Grimm, Deutsche Mythologie. Göttingen 1835 (ND Wiesbaden 2007), insbesondere Kapitel XXIV; sowie Prosser, Erweckungstaufe (wie Anm. 6), S. 125-130.

[9] Marion Kobelt-Groch, "Freudiger Abschied Jungfräulicher Seelen". Himmelsphantasien in protestantischen Leichenpredigten für Kinder, in: Wolfenbütteler Barock-Nachrichten 31 (2004), S. 117-147.

 

Zitierweise: Marion Kobelt-Groch, Johann Aegidius Böttiger (1613-1672). Wie aus dem beschlossenen frölichen Tauff-begängnis eine hochtraurige Leich-Procession worden – Leichenpredigten für ungetauft verstorbene Kinder, in: Leben in Leichenpredigten 04/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/johann-aegidius-boettiger-1613-1672.html>

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