Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Hieronymus Wolff (1590-1617)

01.10.2017

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Annika Funke

Klatsch und Tratsch als Motiv einer Leichenpredigt

Porträt Paul Röber [1/3]

1. Hieronymus Wolffs steiniger Weg zum seligen Tod
Der Tod des fürstlich-magdeburgischen Schöffen zu Halle an der Saale, Hieronymus Wolff, war ein ungewöhnlicher Fall. Erahnen lässt sich dieser Umstand bereits bei Betrachtung des Umfangs der ihm gewidmeten Leichenpredigt. Die 62-seitige Erbauungsschrift ist ausgestattet mit einem umfangreichen Predigtteil, der sich insbesondere mit der biblischen Figur Asaph, dem Anführer des Chors König Davids, befasst.[1] Ihm vorgelagert sind etwa sieben Druckseiten erbaulicher Sprüche, die, so der Verfasser Paul Röber, dem Verstorbenen auf seinem Sterbebett zu Trost verholfen hatten. Es folgt ein ebenfalls detailreicher biographischer Abschnitt, in dem neben der besonderen Gelehrsamkeit des Verstorbenen auch dessen reges Interesse an Theologie hervorgehoben wird. Er habe von Göttlichen Sachen gerne geredet/ das es Ihme seine höchste Frewde gewesen/ wann er bey solchen Gesprächen hat sein sollen. Beispielsweise habe er beim gemeinsamen Abendmahl mit dem Pastor der halleschen Liebfrauenkirche, Johannes Olearius, uber essens Gott nicht vergessen möge[n]. Besagter Geistlicher widmete dem Verstorbenen ein Epicedium. Die Beteiligung zweier Pastoren an der Sterbeseelsorge und an der Druckschrift sowie die darin enthaltene ausführliche Schilderung der Todesumstände liegen nicht nur in der öffentlichen Stellung des Gewürdigten begründet, sondern auch in den ungewöhnlichen Vorgängen, mit denen sich die Stadtgemeinde im Vorfeld seines Ablebens konfrontiert sah.

Die Symptome von Wolffs Krankheit zeigten sich erstmals acht Tage vor seinem Tod. Kurz nach einer Hochzeitsfeier, bei der er noch wohlauf gewesen sei, befiel ihn ein Fieber, seither litt er unter Schlaf- und Appetitlosigkeit. Der Arzt Matthias Unzer diagnostizierte die Krankheit und warnte vor einem Delirium als typischen Verlauf.[2] Als der Erkrankte schließlich nach Gebet und großer Erschöpfung einschlief, sei er von einem so erschreckenden Fiebertraum erfasst worden, dass er in unbesinnener furia, davon hierunten meldung aus seinem Bette in die Stube gelauffen: Ach wie ist mir so Angst/ ruffendt/ Ach wie Angst ist mir: Er greiffet auch allda/ welches wir nicht leugnen/ bey einander liegendt Messer und Gabel/ und verwundet sich gefährlich. Dass es sich bei den Episoden des Verstorbenen um fiebernde, unbewusste Traumzustände handelte, wird in der Folge mehrfach betont. Er unterlag per sumnium visa & concepta horrenda phantasma, einem delirio oder Wahnwitz und schrecklichen recht hellischen Träumen. Dabei handle es sich, so Röber, um ein nicht selbstverschuldetes Phänomen; jeder könne von solchen Teufelsvisionen betroffen sein: Lieber/ wem könte das unter uns nit begegnen/ da Gott für sey/ daß er in ein hitzig Fieber fiele/ daß er in Schwermuth fiele/ und so teuffelische Träume oder Gespenst sehe und hörete? Dann heist es: Cuilibet accicedere potest, quod accidit cuivis. Ein Exempel habe ich gelesen/ das ein Mensche von Sinnen kommen ist/ aus einem eintzigen solchen schrecklichen Traum und nächtliche gesichte.

Indem der Prediger den Rat von Medizinern zur Kenntnis nimmt und in seine Argumentation einbaut, definiert er den Status des Sterbenden als Person in einem spezifischen gesundheitlichen Zustand. Zwar hat sicher in der Stadtgesellschaft nicht infrage gestanden, dass Hieronymus Wolff erkrankt war, jedoch bedeutet das nicht, dass alle seine Handlungen unter dem Mantel dieses Zustands betrachtet wurden. Otto Döhner Jr. beschreibt in seiner Studie zum historisch-soziologischen Krankheitsbegriff das Problem der sozialen Anerkennung: Besonders seelische Normabweichungen wurden in der Regel nicht als Krankheitszustände verstanden.[3] In einem Denksystem, in dem Körper und Seele voneinander getrennt funktionieren, unterliegen die geistigen Leiden keiner natürlichen Ursache. Wolffs Fieber, das sich ein nicht rein körperliches Ventil suchte, durchbrach das einfache Muster und lief daher Gefahr, als Häresie aufgefasst zu werden. In einem ähnlichen Fall, so von Werner Friedrich Kümmel dokumentiert, beteuerte ein Mann auf dem Sterbelager im Jahr 1662 seinen Glauben, selbst falls die Schmerzen ihn zu lästerlichen Aussagen trieben.[4] Ein Bewusstsein für körperliche Extremsituationen und ihren Zusammenhang mit dem Denken, Fühlen und Handeln war nur teilweise gegeben.

Der ungewöhnlich affektvolle Todeskampf des inmitten der Öffentlichkeit stehenden Mannes schlug in der Stadt schnell Wellen. Einziger Zeuge des Schauspiels soll zunächst sein Diener gewesen sein, der aber bald darauf ein Geschrey gemachet/ das nit alleine die im Hauß/ Als Herr D. Unzerus am ersten/ nachmals Herr D. Olearius mit seiner familia, besondern auch der H. Lehen=Secretarius Paul Goltstein/ als sein Schwager/ welcher ihn in der Kranckheit fleissig besuchet/ auch Meister Caspar Bardenstein Bürger und Balbierer allhier/ mit seinen Gesellen also baldt zu ihm kommen seyn.

Schon während des Geschehens war dieses unerhörte Ereignis also zu einem Anzugspunkt für Schaulustige geworden.[5] Nicht nur unmittelbar betroffene Personen, sondern sogar einfache Handwerker kamen, um dem Schauspiel beizuwohnen und wurden so Zeugen, wie Hieronymus seltzame reden führte. In einer Gesellschaft, die dem plötzlichen und frühen Tod noch skeptisch gegenüberstand, die hinter ungewöhnlichen Todesumständen schnell die Strafgewalt Gottes witterte,[6] und in der der Gang zur Kirche und der unhinterfragte Glaube noch als Selbstverständlichkeit galten und sozialen Kontrollmechanismen unterlagen, musste ein solches Vorkommnis unweigerlich für Gesprächsstoff sorgen. Denn wer nicht dem Idealbild des sanften, seligen Todes entsprechen konnte, stand im Verdacht, ein sündhaftes, unchristliches Leben geführt zu haben und dementsprechend nach dem Tod der Verdammnis anheimzufallen.[7] Jenen idealtypischen, friedvollen Tod nun doch noch zu ermöglichen, lag in der Verantwortung des Seelsorgers Röber. Gemeinsam mit Olearius verteidigte er den verwirrten Hieronymus mit Gottes Wort wider den bösen Geist (welcher [sie] warlich nicht gern darbey sahe [...]). Dabei war er konfrontiert mit einem Kranken, der ernste Zweifel an der Versöhnlichkeit Gottes äußerte und zudem zunächst das Bekenntnis verweigerte - was die Geschichte um seinen Tod, abgesehen von ihrer theologischen Dimension, auch in literarischer Hinsicht deutlich spannender und ansprechender machte.

Zunächst arbeitet[en] [ihre] Zunge[n] [...] umbsonst. Ständige Ermahnung zum Gebet, Trostworte aus der Bibel und der Liturgie sowie Gespräche über die Vergebung der Sünden führten, glaubt man Röbers Ausführungen, erst allmählich zu Teilerfolgen und schließlich doch noch zum Glaubensbekenntnis sowie zum Abendmahl, zu welchem Wolff sich sogar trotz seiner Krankheit und Erschöpfung sitzend im Bett aufrichtete.[8] Erst dann begann für ihn die ruhige, heilsgewisse Vorbereitung auf den Tod, so wie die reformatorische ars moriendi sie vorsah,[9] denn [v]on der zeit an [war] ihn nicht die geringste verfluchung wider angestossen. Mit der neugewonnenen Sicherheit konnte der Sterbende die gesellschaftlichen Erwartungen an ein "richtiges", weil seliges Sterben erfüllen und nach dem Hören einiger Passagen aus der Heiligen Schrift und der Abwicklung seines Nachlasses unter den Gebeten Röbers in Ruhe entschlafen. Den Schlusspunkt der Sterbeszene bildet also, der erbaulichen Intention der Leichenpredigten folgend, der sanfft[e] und stille Tod.[10] Denn, wie der Prediger betont, nicht die Anfechtungen, denen ein Sterbender ausgesetzt ist, machen sein Bild vor Gott aus - alle diejenigen, die sich zum rechten Glauben bekennen und ihre Sünden bereuen, werden erlöst. Wolff habe zu ihm gesprochen: quae Blasphema protuli, [...] item audivi rugitum Diabolorum. Nicht freiwillig, nicht im vollen Bewusstsein griff er zu Messer und Gabel und wankte in seinem Glauben. So wie ein verunglückter Schlafwandler, das Opfer eines anderweitigen Unfalls oder ein nicht voll schuldfähiges Kind nicht verdammt werden können, so könne man auch dem Verstorbenen keinen Vorwurf machen: Wann ein Mensch zuvor rechtgläubig gewesen/ daß er sich zu GOTtes Wort unnd Sacrament fleissig gehalten/ darzu ein Gottselig Leben und Wandel geführet: Und es widerführe ihm/ daß er in Kranckheit wider seinen willen/ und ohne sein wissen aus Aberwitz seltzame dinge redete und fürnehme/ oder ihm selbst auch wol etwa an seinem Leibe und Leben einen Schaden zufügete/ das kann ihm nicht imputiret und zugerechnet werden/ weil er sich bey guter Vernunfft zum Tode geschicket.

Mit seiner Darlegung zur Schuldfähigkeit und der Erlösung bei plötzlichem Tod reagierte Röber auf die verbreitete Angst vor eben dieser Situation, in der die Menschen keine Gelegenheit bekamen, ihre Angelegenheiten zu regeln und ihren Frieden zu machen.[11] Indem Gott Wolff zunächst schwer erkranken ließ, sodass er sich den teuflischen Anfechtungen stellen musste, so die Interpretation Röbers, gab er ihm die Gelegenheit, sich nochmals zu bekehren und im rechten Glauben zu sterben. "Für die beim Sterben eines Christen Anwesenden manifestiert sich in seinem Glauben in der Todesstunde die Realität des ewigen Lebens",[12] urteilt Rudolf Mohr nach Sichtung ähnlicher Quellen. Hier scheint die spätmittelalterliche Vorstellung von der zentralen Funktion der Sterbestunde als letzte Prüfung noch durch. Auch Luther hatte Krankheiten als göttliche Prüfungen interpretiert und daher das Gebet als geistliche Medizin par excellence verstanden.[13] Die zentrale Frage, so Röber, sei aber nicht das Wie des Sterbens, sondern die bußfertige Einstellung des Verstorbenen. Nur denjenigen, die bereit sind, Buße zu tun und sich Gott zu überantworten, könne Vergebung zuteilwerden. Daher befassen sich auch die meisten zur Erbauung dem Verstorbenen zu dessen Lebzeiten vorgetragenen Trostsprüche, die Röber seiner eigentlichen Predigt voranstellt, mit den Themen Sünde, Buße und Vergebung, auch im Falle des Glaubenszweifels (z.B. Jesaja 49,14-15; Lukas 23,43; Hesekiel 18; 1. Johannes 1,7; Römer 3,24; Buch der Weisheit 3,1).

Hieronymus Wolff dient in diesem Sinne als exemplum humanae imbecillitatis, als ein Spiegel Menschlicher Schwachheit/ das nemblich/ wenn Gott uns sincken lesset/ es gar leichtlich umb den Menschen geschehen ist.[14] Seine Sünden, so Röber, seien unbedeutende, lässliche Sünden gewesen.[15] Seine Todesangst und die wahnhafte Selbstverletzung, die von seinen Mitbürgern als Beweis großer Schuld interpretiert wurden, seien nur eine List des Satans, denn dieser könne aus einer Fliegen einen Elephanten machen/ und rudicula peccata, wie Lutherus redet/ geringe Sünde also aussnutzen/ als wenn es die Sünde wider den heiligen Geist selber were. Wolffs Sünden seien deshalb weder zivil- noch strafrechtlich verfolgbar gewesen und seine Schuld von Gott vergeben. Eine Warnung ergeht daher im Rahmen der Leichenpredigt auch vor solchen kleinen Vergehen: Zwar würden diese von Gott vergeben, jedoch dienten sie als Einfallstor des Teufels und führten so, wie der Geistliche an vielen Beispielen gesehen haben will, zu bedrohlichen Angstzuständen. Der starke Fokus, den die Leichenpredigt auf das Sterbeverhalten Wolffs richtet, zeigt, wie präsent die Angst vor dem Sündengericht in der Todesstunde trotz des sola gratia-Prinzips der Reformation in der frühneuzeitlichen Vorstellungswelt blieb.[16]

2. Die Unterbindung der Gerüchte und das Problem der fehlenden Zeugen
Mit der Schilderung der Ereignisse und ihrer sittlich-theologischen Rechtfertigung waren allerdings nicht alle Probleme gelöst - denn bei genauer Durchsicht des Textes zeigt sich ein gewisser Mangel an Beweisen für die Bewältigung von Wolffs Glaubenskrise. Viele sahen seine Verletzungen und hörten seine im Fieber ausgesprochenen Zweifel. Auch andere frevelhafte Äußerungen konnten bezeugt werden, beispielsweise durch den Schwager, den Arzt Caspar Bardenstein und den Pastor Olearius. Erst als diese das Krankenbett verlassen hatten und nur Röber zurückblieb, zeigten sich "Zeichen einer Bekehrung": Nach etzlicher Zeit fieng er an seine Hände zufalten/ als ob er beten wollte/ welches ich denn für ein gut Zeichen hielte/ und also bald den schönen Gesang Eberi: Herr Jesu Christ war Mensch unnd Gott ect. Mit heller Stimme betete/ da er dann im letzten Verßlein (biß wir entschlaffen seliglich) Das letzte Wort/ Seliglich/ widerholte/ welches das aller erste war zu seiner bekehrung/ und zu begreiffung seiner Vernunfft.

Um, so die Begründung Röbers, umbstehendes Weibes Volck/ Kinder und Jungen nicht in Wolffs Anfechtungen einzuweihen, sprach der Prediger fortan auf dessen Wunsch auf Latein über die Todesängste. Wieder waren also Zeugen vom Gespräch ausgenommen, denn die weniger gelehrten Anwesenden konnten über dessen Inhalt nur spekulieren. Dass am Sterbelager viele Gemeindemitglieder erschienen, um den Prozess mit ihrer Anteilnahme und mit Gebeten zu begleiten, war die Regel und stand nicht in Zusammenhang mit den Vorkommnissen der zurückliegenden Nacht.[17] Später wurden die Sterbebegleiter aber von Seiten der Ärzte weggeschickt, um dem Kranken Ruhe zu verschaffen. Zurück blieb erneut nur Röber. Am Folgetag sprachen Wolff und sein Beichtvater, wieder ohne Zeugen, über die Vergebung der Sünden und ob der Theologe diese versichern könne. Daraufhin zeigte sich Wolff, so die Erzählung, derart getröstet, dass er sich zum Empfang des Abendmahls bereit erklärte.

Der Autor nutzt in seiner Darstellung verschiedene Methoden, um bösen Buben [...] irer Boßheit geredt zu unterbinden. Darunter fällt zum Beispiel das Herbeischaffen von Zeugen: Nachdem er erste seelsorgerische Erfolge vorzuweisen hatte, ließ er seinen Kollegen Olearius rufen, das er doch anhörete/ bezeugete und in solchen Glauben ihn stercken hülffe. Um nicht den Anschein einer überzogenen Verklärung der Vorkommnisse zu erwecken, erwähnt der Prediger auch einige negative Vorkommnisse und betont dabei seine eigene Ehrlichkeit. Um der Leichenpredigt exemplarischen Mehrwert zu verleihen, hätte er ohnehin nicht auf diese Passagen verzichten können. Kümmel fasst treffend zusammen, wie die Schilderung der Ereignisse dem belehrenden Textsinn zugutekommt und ihm damit auch zum Teil zu Glaubwürdigkeit verhilft: "Die paränetische Absicht der Leichenpredigten schloß allerdings nicht aus, daß im Einzelfall mehr oder weniger ausführlich auch Züge des tatsächlichen Geschehens beim Sterben wiedergegeben wurden, selbst wenn sie dem geforderten Ideal offenkundig widersprachen. Wichtig war nur, daß sich der Sterbende wenigstens zuletzt doch noch so verhielt, wie man es von ihm erwartete."[18]

Darüber hinaus kamen zusätzliche "Hilfsmittel" zum Einsatz, um die Bußfertigkeit des Verstorbenen herauszustellen. Sie sind vor allem aus der römisch-katholischen Tradition bekannt: Beichte und Almosen bzw. Stiftungen. Die Beichte wurde, wenn sie auch im lutherischen Ritus nicht mehr eine der Grundfesten des religiösen Ritus war, auch in nachreformatorischer Zeit noch lange zum Einsatz gebracht.[19] Ebenso verhielt es sich mit Almosen und Stiftungen, die in der antipapistischen Kritik als Versuch, seine Schuld abzubezahlen, verurteilt wurden. Wolff habe nun, so ist in der Predigt zu lesen, eine Beichte bei Olearius abgelegt, der somit ebenfalls als Zeuge auftritt. Und auch Röber konnte aufgrund seiner seelsorgerischen Tätigkeit am Sterbebett gewisse Kenntnisse über diese zuvor als lässlich beschriebenen Sünden für sich reklamieren. Die in der vorliegenden Leichenpredigt erwähnte Stiftung Wolffs erscheint als Zeichen seiner Hingabe in den von Gott geschenkten Tod. Sie wird im lutherischen Kontext umgedeutet.[20]

Angesichts dieser Strategien zur Verifizierung des Geschilderten verbleibt es Röber nur noch, in einem Fazit auf das Übel des Lästerns aufmerksam zu machen und diejenigen, die zur Verbreitung der Gerüchte beitragen, aufs Schärfste moralisch zu verurteilen. Damit greift er seine bereits an anderen Stellen der Predigt geäußerten kritischen Gedanken über die vorschnelle, abschätzige Beurteilung der Mitmenschen auf.[21] Im Rahmen eines Lobs der gedruckten Leichenpredigt als Medium der Kommunikation über christliche Inhalte folgert er, die Menschen würden sich schicklicher verhalten, um nach ihrem Tod selbst nicht unter übler Nachrede leiden zu müssen.

3. Über die Breitenwirkung von Wolffs Tod
Die ungewöhnliche Leichenpredigt zu Ehren Hieronymus Wolffs wurde nicht nur einmal in den Druck gegeben. Noch im Todesjahr entstanden mindestens zwei Auflagen dieser Schrift, die wohl beim selben Drucker gefertigt wurden. Beide weisen dieselbe schlichte Ornamentik am Seitenrand mit einer Spalte für Glossen auf, die Buchstaben beider Drucke zeigen dieselbe Type. Auch im Wortlaut sind die zwei Exemplare identisch. Jedoch unterscheiden sie sich in Einzelheiten der Orthographie. Die Nachfrage nach einer Erklärung dieses Todesfalls scheint also erheblich gewesen zu sein, wenn noch im selben Jahr die hohen Kosten eines Nachdrucks in Kauf genommen wurden. Die beiden Drucke aus dem Sterbejahr sind uns heute an mindestens zwölf Standorten überliefert, die meisten davon im Umkreis von etwa 200 Kilometern um Halle (z.B. Rudolstadt, Gotha, Berlin, Braunschweig, Hannover), aber auch in die deutlich weiter entfernten Orte Breslau und Oels gelangten Exemplare. An einer in Halle verbliebenen Leichenpredigt lassen sich Gebrauchsspuren feststellen: Hier finden sich nicht nur zahlreiche Unterstreichungen, sondern auch zwei handschriftliche Glossierungen.[22]

Noch 1657, vierzig Jahre nach Wolffs Tod, wurde ein Nachdruck, diesmal mit völlig neuem Layout, angefertigt.[23] Diese Auflage erschien nicht am Sterbeort des Protagonisten, sondern im Handelszentrum Frankfurt am Main, wo die Drucklegung von Leichenpredigten seit den 1630er-Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts auf einem kontinuierlich hohen Stand blieb.[24] Der Druck ist inkorporiert in eine Sammlung von Leichenpredigten Röbers und weist inhaltlich fast keine Änderungen auf. Allerdings hebt er sich durch einige Ergänzungen im Bereich der Glossen hervor. Während im Original, bis auf wenige Gliederungshilfen, nur solche Bibelstellen in die Randspalte gesetzt wurden, die tatsächlich im Predigt- und Personalia-Text angesprochen werden, sind diese Verweise auf die Heilige Schrift in der Ausgabe von 1657 um ein Vielfaches vermehrt. Dabei fällt auf, dass Text und Glossen oft nur in vagem Zusammenhang stehen. Bei den meisten Ergänzungen handelt es sich um Hinweise auf verschiedene Psalmen, darunter auch auf diejenigen, deren Autorenschaft Asaph zugeschrieben wird. Aus welchem Grund wurde die Predigt in dieser Form vermehrt? Denkbar ist, dass es sich bei der Sammelhandschrift um ein für geistliche Zwecke angefertigtes Werk handelt, das der Predigtvorbereitung diente und daher seinen Nutzern besonders viele Hinweise auf verwendbare Bibeltexte bieten wollte. Denn gerade aus der gesteigerten Bedeutung der Predigt in der reformatorischen Theologie leitete sich ein Bedarf an solcher Literatur ab.[25] Psalmen waren in der seelsorgerischen Sterbebegleitung besonders beliebt; Mohr schreibt ihr häufiges Auftreten in Form von Zitaten und Glossen innerhalb der Leichenpredigten der Tatsache zu, dass man sie singen konnte und sie deshalb eingängig und leicht adaptierbar waren.[26] Möglich ist auch, dass mit der Auffüllung der Randspalte ein besonders professioneller Eindruck von ausgezeichneter Bibelkenntnis erweckt werden sollte.

Dass die Leichenpredigt auch nach vierzig Jahren noch von öffentlichem Interesse war, hatte sie zum Großteil ihrer exemplarischen Charakter[27] zu verdanken: In beispielhafter Weise zeigt sie, wie ein Seelsorger seinen Gemeindemitgliedern im Angesicht von Todesangst und heftigen Anfechtungen zur Seite stehen konnte. Gleichzeitig verknüpft sie diese Unterweisung für Sterbebegleiter mit einer Lektion für den Alltag, indem sie nachdrücklich Gerüchte und schlechte Nachrede verdammt. Allerdings ist das sicher nicht der einzige Grund für die langfristige Popularität der Schrift. Auch der Name des Verfassers Paul Röber, der als beliebter Prediger, vielseitig gelehrter und poetisch begabter Mann bekannt war, dürfte dazu beigetragen haben. Von seinem guten Ruf bereits vor Niederschrift der Leichenpredigt auf Hieronymus Wolff zeugt sein Amt als Geistlicher am fürstlich-magdeburgischen Hof, das er zum Zeitpunkt des Drucks bekleidete. Spätere Berufungen an die Universitäten Rostock und Straßburg lehnte er ab; in Wittenberg, wo sein Lebensmittelpunkt lag, lehrte er schließlich an der Theologischen Fakultät. Paul Röber war also fraglos ein einflussreicher Theologe, dessen Schriften als Mustervorlagen für andere Geistliche dienten und weite Verbreitung fanden. Hierunter ist auch die vorgestellte Predigt zu zählen: Mit der in zweifacher Weise belehrenden Schrift hatte er - mit einigem literarischen Geschick und mithilfe dramaturgischer Kniffe - sicher bereits bei der Abfassung beabsichtigt, einen größeren Leserkreis zu erreichen.

 

ANNIKA FUNKE B.Ed. studiert im Masterstudiengang Geschichte sowie Geschichte, Philosophie/Ethik und Germanistik als Lehramt an der Universität Trier. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft am dortigen Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften und im Projekt "Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich" der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Im November 2016 absolvierte sie ein Praktikum in der Forschungsstelle.

 

Ausgabe 1617
Bestand: Bibliothek der Schlosskirche zu Oels/Oleśnica
Signatur: 137,7
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Bibliothek der Schloßkirche zu Oels (Marburger Personalschriften-Forschungen 20), Sigmaringen 1998

Ausgabe 1657
Bestand: Kirchenbibliothek der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Rudolstadt
Signatur: VII B 5
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften kleinerer Bestände in Rudolstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 52), Stuttgart 2011

 

Anmerkungen:

[1] Paulus Röberus, Cessionis sive renuntiationis Asaphicae summarius processus. Wie Asaph Himmel und Erden sich verzeihet [...], Halle (Saale) [1617]; hier untersucht der Druck VD17 7:714161V, Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (4 CONC FUN II, 72 (43)), PURL (Werk): http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN80906510X (Zugriff: 19.06.2017). Alle wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[2] Der Schlaff verleuret sich auch gantz und gar/ unnd schlegt zum hitzigen Fieber/ wie er solches mit H. D. Matthia Unzero, Physico ordinario allhier geredet/ auch seinem Bruder unnd Schwager zugeschrieben hat/ welches endlich degenerirt in ein delirium, wie dann die Medici davor halten/ das solche Fieber offtmals zu thun pflegen/ und sehr viel exempla derer darauff erfolgter trawriger und diesem nicht ungleicher Fälle in ihren Schrifften anziehen. Ebd., Bl. F4r.

[3] Otto Döhner jr., Historisch-soziologische Aspekte des Krankheitsbegriffs und des Gesundheitsverhaltens im 16. bis 18. Jahrhundert (anhand von gedruckten Leichenpredigten), in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 1, Köln u.a. 1975, S. 442-468, hier S. 443f.

[4] Werner Friedrich Kümmel, Der sanfte und selige Tod. Verklärung und Wirklichkeit des Sterbens im Spiegel lutherischer Leichenpredigten des 16. bis 18. Jahrhunderts, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 3, Marburg u.a. 1984, S. 199-226., hier S. 208. Ein weiteres Beispiel findet sich bei Rudolf Mohr, Der Tote und das Bild des Todes in den Leichenpredigten, in: Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle 1 (wie Anm. 3), S. 82-121, hier S. 99.

[5] Über das öffentliche Interesse an den Glaubenskrisen hochrangiger Personen: Rudolf Mohr, Protestantische Theologie und Frömmigkeit im Angesicht des Todes während des Barockzeitalters hauptsächlich auf Grund hessischer Leichenpredigten, Diss. Marburg 1964, S. 205f.

[6] Martina Kessel, Sterben/Tod - Neuzeit, in: Peter Dinzelbacher (Hg.), Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, 2. Aufl., Stuttgart 2008, S. 298-314, hier S. 298f. Philippe Ariès, Geschichte des Todes, Darmstadt 1996, S. 20.

[7] Kümmel, Der sanfte und selige Tod (wie Anm. 4), S. 205f., mit einem Beispiel für Gerüchte um einen nicht sanften und daher nicht zur Erlösung führenden Tod.

[8] Zum Motiv des Aufrichtens der Kranken beim Abendmahl in Leichenpredigten: Peter Assion, Sterben nach tradierten Mustern. Leichenpredigten als Quelle für die volkskundliche Brauchtumsforschung, in: Lenz (Hg.) Leichenpredigten als Quelle 3 (wie Anm. 4), S. 227-248, hier S. 237f., 243ff.

[9] Claudia Resch, Trost im Angesicht des Todes. Frühe reformatorische Anleitungen zur Seelsorge an Kranken und Sterbenden (Pietas liturgica. Studia 15), Tübingen/Basel 2006, S. 54f.

[10] Kümmel, Der sanfte und selige Tod (wie Anm. 4), S. 202-205; Assion, Sterben nach tradierten Mustern (wie Anm. 8), S. 238f.

[11] Kessel, Sterben/Tod (wie Anm. 6), S. 298f.; siehe auch die Passage zum unerwarteten Tod des noch verhältnismäßig jungen Hieronymus Wolff bei Olearius, Cessionis (wie Anm. 1), Bl. H1v: Und ist einmahl gewis/ daß er mit solchen Gedancken nicht etzlich Tage zuvor umbgangen/ sondern plötzlich und in dem erschrecklichen Traum/ durch die apparationem spectrorum & rugitum daemonum, darauff gefallen ist.

[12] Mohr, Protestantische Theologie (wie Anm. 5), S. 100.

[13] Kümmel, Der sanfte und selige Tod (wie Anm. 4), S. 212; Döhner, Aspekte des Krankheitsbegriffs (wie Anm. 3), S. 447f.

[14] Das Motiv der menschlichen Schwäche wird ebenfalls im Predigtteil der Druckschrift aufgegriffen, vgl. Olearius, Cessionis (wie Anm. 1), Bl. B1v.

[15] Ebd., Bl. H2r: Ich habe es mit grosser Verwunderung angehöret/ daß der Satan desselben Sünden hat dergestalt exaggeriret, daß er sie für unvergebliche Todt=Sünden hat außgegeben/ so sehr und schwer/ daß er gemeinet/ Er sesse schon in der Hellen mitten unter den Teuffeln.

[16] Irene Dingel, "Recht glauben, christlich leben und seliglich sterben". Leichenpredigt als evangelische Verkündigung im 16. Jahrhundert, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 4, Stuttgart 2004, S. 9-36, hier S. 9.

[17] Heinrich Schipperges, Die Kranken im Mittelalter, München 1990, S. 59; Assion, Sterben nach tradierten Mustern (wie Anm. 8), S. 235.

[18] Kümmel, Der sanfte und selige Tod (wie Anm. 4), S. 201.

[19] Rudolf Lenz, Zur Funktion des Lebenslaufes in Leichenpredigten, in: Walter Sparn (Hg.), Wer schreibt meine Lebensgeschichte. Biographie, Autobiographie, Hagiographie und ihre Entstehungszusammenhänge, Gütersloh 1990, S. 93-104, hier S. 95.

[20] Gundolf Keil, Diskussionsbericht zum Arbeitsbereich Sozialgeschichte des Sterbens, in: Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle 3 (wie Anm. 4), S. 287-290.

[21] Z.B. zitiert Röber auf Bl. B1r Römer 14,4 hinsichtlich des Urteilens über die Sünden der Mitmenschen. Weitere in dieser Richtung zu deutende Passagen finden sich auf den Bll. B4r und D1r.

[22] Aus welcher Zeit diese Gebrauchsspuren stammen, lässt sich im Rahmen dieser Arbeit nicht einschätzen. Ebenso muss im Dunkeln bleiben, wann und auf welche Weise die Ausgaben der Leichenpredigt in die verschiedenen Orte gelangt sind. Mit einiger Sicherheit lässt sich daraus nichtsdestotrotz ein reges Interesse an der Schrift ableiten.

[23] Paul Röber, Wie Assaph Himmel und Erden verzeihet [...], in: Arcus Roberi Triumphalis Oder Triumph-Bogen: Welchen Auß herrlichen Sprüchen des Heiligen Worts Gottes/ vielen/ in und durch den Herrn/ geistlich Siegreichen Christen/ bey ihren Begräbnissen in Hall und Wittenberg auffgerichtet hat/ Weiland Herr Paulus Röber [...] Erster Theil [...], Frankfurt (Main) 1657, S. 235-262 (VD17 39:139662V).

[24] Franz Lerner, Frankfurter Leichenpredigten als Quelle der Stadt- und Kulturgeschichte des 16. bis 19. Jahrhunderts, in: Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle 1 (wie Anm. 3), S. 234-276, hier S. 238.

[25] Dingel, Leichenpredigt als evangelische Verkündigung (wie Anm. 16), S. 11.

[26] Mohr, Protestantische Theologie (wie Anm. 5), S. 287.

[27] "Besonders die Standhaftigkeit derer, die in Krankheit und Tod ihrem Glauben treu blieben, haben die Prediger immer wieder ihren Gemeinden empfohlen", schreibt Robert Kolb in seinem Beitrag: [...] da jr nicht trawig seid wie die anderen, die keine hoffnung haben. Der Gebrauch der Heiligen Schrift in Leichenpredigten der Wittenberger Reformation (1560-1600), in: Eva-Maria Dickhaut (Hg.), Leichenpredigten als Medien der Erinnerungskultur im europäischen Kontext (Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften 5), Stuttgart 2014, S. 1-24, hier S. 12. Im Falle von Hieronymus Wolff trifft das sicher auch mit einer kleinen Anpassung zu: Die Standhaftigkeit derer, die in Krankheit und Tod ihren Glauben gegen die teuflischen Anfechtungen verteidigen.

 

Zitierweise: Annika Funke, Hieronymus Wolff (1590-1617). Klatsch und Tratsch als Motiv einer Leichenpredigt, in: Leben in Leichenpredigten 10/2017, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/hieronymus-wolff-1590-1617.html>

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