Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Hans Joachim von Zieten (1699-1786)

01.02.2012

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Gabriele Bosch

Gefährten in der Schlacht – Des Königs General

Porträt Hans Joachim von Zieten [1/4]

Das Jahr 2012 bietet wieder einmal Gelegenheit, sich intensiv mit dem Preußenkönig Friedrich II., "der Große" genannt, zu befassen.[1] Grund ist der 300. Geburtstag am 24. Januar. Vor allem wegen seiner militärischen Leistungen wurde dem Monarchen das schmückende Attribut verliehen.[2] Einer alten Binsenweisheit folgend kann kein Mann, sei er auch König und Feldherr, allein und aus eigener Kraft Kriege führen. Wenn sich zu einem Jubiläum alle Blicke auf den Regenten richten, lohnt im Besonderen die Betrachtung der Personen, die maßgeblich zu dessen Ruhm beigetragen haben. Der General der Kavallerie Hans Joachim von Zieten ist eine der militärischen Führungspersönlichkeiten, die in den diversen Kriegen, die Preußen führte, herausragende Leistungen erbracht hat. Doch war ihm der Erfolg nicht in die Wiege gelegt, der Weg zum Ruhm steinig, und nicht nur einmal erschien er vorzeitig beendet.

Zieten wurde 1699 in Wustrau südlich von Neuruppin geboren.[3] Seine Familie gehörte dem kurmärkischen Uradel an. Er wuchs auf dem Gut seines Vaters auf und verlebte eine unbeschwerte Kindheit, wenn auch in recht bescheidenen Verhältnissen. Weder der Knabe noch seine Schwestern genossen eine Schulbildung. Mit 16 Jahren wurde Zieten als Freikorporal in das Infanterieregiment Nr. 24 aufgenommen. 1720 wurde er Fähnrich, doch weitere Beförderungen ließen auf sich warten und blieben letztlich aus. Der Regimentschef Kurt Christoph von Schwerin setzte sich nicht für Zieten ein. Als Angehörigem des Adels sollte Zieten eigentlich das Tor zu einer Karriere als preußischer Offizier weit offenstehen. Doch die Natur hatte Zieten nicht gerade mit den körperlichen Merkmalen ausgestattet, die man bei einer militärischen Führungspersönlichkeit finden möchte. Er war von kleiner Gestalt und soll nur 1,60 Meter groß gewesen sein. Zudem wirkte seine Stimme zart und dünn, somit also nicht geeignet, eine Kompanie oder gar ein Regiment zu führen. So musste er 1724 zunächst seine Demission hinnehmen, auch wenn er sich persönlich an König Friedrich Wilhelm I. gewandt hatte. 1726 gab ihm der König eine zweite Chance und berief ihn in das Dragonerregiment von Wuthenau (Nr. 6). Streitigkeiten mit dem Schwadronschef, die endlich 1730 in einem Duell zwischen den beiden gipfelten, führten dazu, dass Zieten in Festungshaft kam, wo er sechs Monate ausharren musste. Trotz dieser Misslichkeiten war man auf die soldatischen Fähigkeiten des nicht mehr ganz so jungen Mannes aufmerksam geworden. In der Kavallerie konnte Zieten seine körperlichen Defizite durch reiterisches Können und Gewandtheit mit der Waffe kompensieren.

1731 berief man Zieten zum Rittmeister und Chef eines Husarenkorps. Es folgten noch viele Prüfungen und Demütigungen, doch die militärische Karriere nahm endlich wie gewünscht  ihren Lauf. Zieten zeichnete sich in der Kavallerie in den Kriegen, die Preußen in der Mitte des 18. Jahrhunderts führte, aus, stieg vor allem während des Siebenjährigen Krieges zum General der Kavallerie auf und wurde ein enger Weggefährte Friedrichs. Auch wenn er nicht die Position des Inspekteurs der Husaren einnehmen konnte und dem General von Winterfeldt den Vortritt lassen musste, genoss er spät aber nicht zu spät großes Ansehen wegen seiner Tapferkeit und seines taktischen Geschicks. Dabei behielt er selbst in den unübersichtlichsten Situationen stets den Überblick und die nötige Ruhe, um zum richtigen Zeitpunkt Entscheidungen zum Angriff oder zum geordneten Rückzug zu fällen. Zieten war einer der wenigen Generale, die den Siebenjährigen Krieg überlebt hatten und empfand es sicher als Genugtuung, am 27. März 1763 an der Seite des Königs zu Pferde in Berlin einzuziehen.

Nachdem Zieten seine erste Frau 1737 verloren hatte, heiratete er mit 65 Jahren 1764 die um 40 Jahre jüngere Hedwig Elisabeth Albertine von Platen, mit der er sogar noch zwei Kinder hatte. In der folgenden Friedenszeit diente er Preußen als Vorsitzender von Kriegsgerichten und bewährte sich als wirtschaftlich erfolgreicher Gutsherr auf seinem Landsitz. Im selben Jahr, in dem der König starb, verschied auch sein Gefährte Hans Joachim von Zieten am 27. Januar 1786, drei Tage nach dem Geburtstag seines Landesherrn.

Die Zeit der klassischen Leichenpredigt war 1786 bereits vorüber, aber immerhin sind zwei Epicedien im Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) der Forschungsstelle für Personalschriften auf Hans Joachim von Zieten nachgewiesen. Ein Gedicht von G. W. Burman aus dem Jahr 1786, gedruckt in Berlin[4] und ein 23 Seiten umfassendes Trauergedicht ebenfalls von 1786 von E.G. Ebert, gedruckt in Weißenfels.[5] Während Burman ein unkritisches Ruhmesbild des Verstorbenen malt und sogar die Stimmgewalt Zietens rühmt Und wenn donnerte Sein winkend Sprechen […],[6] so greift Ebert, der sich auf dem Titelblatt selbst als Husar am Begräbnißtage seines Generals ausgibt, einzelne Begebenheiten aus dem Leben Zietens auf. Vor allem hebt er darauf ab, dass Zieten noch im hohen Alter von 64 Jahren im Kampfgetümmel seine Soldaten antrieb, sich selbst nicht schonte und den Säbel schwang. Würdigung in literarischer[7] wie auch in bildlicher Darstellung hat Zieten vielfach erhalten. 30 Treffer erzielt man allein im Digitalen Portraitindex.[8] Friedrichs Bruder Prinz Heinrich von Preußen ließ 1790 ein Denkmal für Zieten in Rheinsberg auf dem Wilhelmsplatz errichten, was Ebert in seinem Epicedium 1786 bereits forderte: Drum stell' Ihn auf den Wilhelms-Platz / Zu Seidlitz, Winterfeld.[9] Nach einigen Umwegen und Überwindung vieler Hindernisse wurde Zieten einer der bedeutenden Generale, die zum Ruhm des in diesen Tagen auch noch nach 300 Jahren im Rampenlicht stehenden Friedrich, genannt der Große, beitrugen.

 

Bestand: Bibliothek des Ossolineums Wrocław (Breslau)
Signatur: XVIII 35071
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Bibliothek des Ossolineums Wrocław (Breslau) (Marburger Personalschriften-Forschungen 21), Sigmaringen 1998

 

Anmerkungen:

[1] Zu Recht sind es die Kriege, Feldzüge und Schlachten Friedrichs des Großen, die das besondere Interesse der Historiker erregen, denn in ihnen hat vieles vom Kriegs- und Militärwesen des Barock seine höchste Stufe erreicht. Zitat aus: Petter, Wolfgang, Zur Kriegskunst im Zeitalter Friedrichs des Großen, in: Kroener, Bernhard R. (Hg.), Europa im Zeitalter Friedrichs des Großen. Wirtschaft, Gesellschaft, Kriege (Beiträge zur Militärgeschichte 26), München 1989, S. 248.

[2] Den Beinamen "der Große" trug Friedrich II. bereits zu Lebzeiten. Er war bestrebt, ruhmreich in die Historiografie einzugehen, so: Luh, Jürgen, Der Große. Friedrich II. von Preußen, München 2011. Zu der Fragestellung ebenfalls interessant die Beiträge des dritten Colloquiums in der Reihe "Friedrich300" vom 25./26. September 2009 in Potsdam; URL: www.perspectivia.net/content/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-groesse (Letzter Zugriff: 2. Dezember 2011).

[3] Zur Biografie siehe u.a.: Schnitter, Helmut (Hg.), Gestalten um Friedrich dem Großen (Biographische Skizzen 2), Reutlingen 1993, S. 35-44; Blumenthal, Luise Johanne Leopoldine von, Joachim Hans von Zieten. Ausgewählter Nachdruck der "Lebensbeschreibung Hans Joachim von Zieten, Königl. Preuß. Generals der Kavallerie". Nachdruck der Ausgabe Berlin 1797 (Quellen und Schriften zur Militärgeschichte 5), bearb. von Jürgen Kloosterhuis, Paderborn 1992; Engelmann, Joachim, Friedrich der Große und seine Generale, Wölfersheim-Berstadt 1988, S. 98f.

[4] Bestand: Universytet Wroclawski (Universitätsbibliothek Breslau), Biblioteka Uniwersytecka, Sign.: 571158, enthalten in: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften der Universitätsbibliothek Breslau (Datenbank der Forschungsstelle für Personalschriften).

[5] Bestand: Bibliothek des Ossolineums Wroclaw (Breslau), Sign.: XVIII 35071, enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Bibliothek des Ossolineums Wroclaw (Breslau) (Marburger Personalschriften-Forschungen 21), bearb. von Rudolf Lenz, Eva-Maria Dickhaut, Petra Kehl und Jörg Witzel, Sigmaringen 1998, S. 177, Auswertungs-Nr. 513.

[6] Burmann, G. W., Dem Nachstrebenden Sohne gewidmet [Epicedium auf Hans Joachim von Zieten], Berlin 1786, S. 3 (siehe Anm. 4).

[7] Theodor Fontane widmete Zieten sogar ein Gedicht unter dem Titel "Der alte Zieten", in: Fontane, Theodor, Gedichte, 10. Aufl., Stuttgart/Berlin 1905, S. 259f.

[8] Überblick der verzeichneten Portraits zu Hans Joachim von Zieten: URL: http://www.portraitindex.de/db/apsisa.dll/ete?action=queryGallery/1&index=sys_obj_pnd_no&desc=%22118808443%22 (Letzter Zugriff: 2. Dezember 2011).

[9] Ebert, E. G., Gedanken eines Husaren am Begräbnißtage seines Generals Hans Joachim von Ziethen, Weißenfels 1786, S. 19 (siehe Anm. 5). Da Ebert Zietens Denkmal neben dem von Friedrich Wilhelm von Seydlitz und Hans Karl von Winterfeldt sehen möchte, ist sicher der Wilhelmplatz in Berlin gemeint, den Friedrich II. mit Denkmälern für Generale des Siebenjährigen Krieges ausgestalten ließ. Dort wurde 1794 auf Betreiben Friedrich Wilhelm II. die Bronze-Statue für Zieten aufgestellt, wo heute wieder ein Denkmal für den General steht.

 

Zitierweise: Gabriele Bosch, Hans Joachim von Zieten (1699-1786). Gefährten in der Schlacht – Des Königs General, in: Leben in Leichenpredigten 2/2012 <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/hans-joachim-von-zieten-1699-1786.html>