Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Hanns Adam Freiherr von Praunfalk (1604-1655)

01.07.2011

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Cornelia Reinhardt

Zeitliches Leiden und Ewige Freuden – Ein österreichischer Exulant in Nürnberg

Frontispiz der Leichenpredigt auf Hanns Adam von Praunfalk [1/2]

Das geflügelte Wort "De mortuis nil nisi bene" trifft gerade auf exulantische Leichenpredigten zu:[1] Protestanten, die für ihren Glauben ihre Heimat, ihr Hab und Gut, ihren Status und ihr Vermögen zurücklassen mussten, konnten nach zeitgenössischen Ansichten nur gute Christen gewesen sein. In ihren Leichenpredigten werden sie deshalb oft als eine Art Märtyrer dargestellt. Dies geht jedoch nicht ausschließlich auf die Glaubensbekundung zu Lebzeiten der Exulanten zurück, sondern ein großer Teil gilt auch der Selbstpräsentation der Familie des Verstorbenen, die ihr Standesbewusstsein zeigen wollte.[2]

Aus diesem Grund ist die 1655 in Nürnberg verfasste Leichenpredigt auf Hanns Adam von Praunfalk, einen Angehörigen des Niederadels der Steiermark, mit literarischen und musikalischen Zugaben berühmter lokal verorteter Persönlichkeiten, z.B. Sigmund von Birken (1626-1681) und Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658), versehen. Außerdem stärkte die exulantische Gemeinde ihr Gemeinschaftsgefühl durch Totenfeiern, worauf auch die charakteristische Floskel bey volckreicher Bestattung hinweist.[3]

Die Leichenpredigt des Theologieprofessors und Predigers an der Kirche St. Sebald, Johann Michael Dilherr (1604-1669), für diesen fromme[n]/ Gottliebende[n]/ ehrliche[n]/ aufrichtige[n]/ redliche[n] Herr[n] ist durchzogen mit Bezugnahmen auf den Titel der Schrift: "Zeitliches Leiden und Ewige Freuden". Dieser ist angelehnt an eine Bibelstelle aus dem Römerbrief und bezieht sich im weiteren Sinn auf das große Leid, welches von Praunfalk in mehrfacher Hinsicht zu Lebzeiten auszustehen hatte. Dem Titel, der als typischer Leichenpredigt-Titel tröstlich auf eine Erlösung vom irdischen Leid durch den Tod hindeutet, könnte jedoch auch eine weitere, konkrete Bedeutung zukommen: die „dortige“ Verfolgung und das erlittene Leid in der Heimat und die zumindest irdische „Erlösung“ von diesen Leiden im Exil, in diesem Fall in der Reichsstadt Nürnberg.

Von Praunfalk hatte aber nicht ausschließlich dieses Leid auszustehen, denn neben dem Heimatverlust wird es durch das frühe Sterben seiner ersten Ehefrau sowie seiner vier Söhne und drei seiner insgesamt neun Töchter begründet; außerdem litt er jahrelang an schmerzhafter Gicht. Aufgrund dessen erscheint dem Prediger eine Parallelisierung mit den biblischen Leidenden Hiob (Altes Testament) und Paulus (Neues Testament) offensichtlich passend. Diese beiden verfielen, wie der Verstorbene, nicht einmal in ihrer größten Not dem Zweifel an Gott – so zumindest der Überlieferung nach. Außerdem galten (bzw. gelten) diese Figuren, wie auch die ebenfalls angeführten Leidenden Jesus und Petrus, als tröstende Beispiele für die Trauergemeinde und wurden daher oft in zeitgenössischen Funeralschriften erwähnt.

Die mit 53 Seiten umfangreiche, im zeitgenössischen Quartformat gedruckte Leichenpredigt auf diesen Standhafftigen und Gottseligen Bekenner [...] Christi, wie von Praunfalk schon auf dem Titelblatt bezeichnet wird, ist mit mehreren textlichen Zugaben (Abdankung, fünf Epicedien), einer Trauerkomposition und einem Kupferstich ein Beispiel für einen (re)präsentativen Funeraldruck. Die iterative Bezugnahme auf sowohl die Erlösung durch den Tod als auch die Standhaftigkeit des Gläubigen trotz seiner Verfolgung soll durch biblische (und aufgrund zeitgenössischer Konventionen auch weltliche) Vergleiche nachgewiesen werden. So wurden z.B. nicht nur in den Predigttext, sondern auch in den Lebenslauf zahlreiche Bibelzitate eingefügt. Des Weiteren bezieht sich der sinnbildliche, dem Druck vorangestellte Kupferstich von Andreas Kohl (1624-1657) auf die Emigration von Praunfalks: Das hier dargestellte obeliskförmige Trauerdenkmal gilt in der christlichen Ikonografie als „Sinnbild einer festen Gesinnung“[4], denn, so heißt es im Predigttext, alle/ die Gottselig leben wollen in CHRISTO JESU/ müssen Verfolgung leiden.

Im neunseitigen Lebenslauf wird besonders hervorgehoben, dass der Verstorbene einer adeligen Familie entstammt, die – und das ist bezüglich der Emigration relevant – in allen Oesterreichischen/ und andern Landen wol bekandt war. Erörtert wird der Erwerb der christlichen Tugenden des Verstorbenen, der durch seine Taufe, sein Bad der Wiedergeburt, initiiert wurde. Da all seine Söhne gestorben waren, wird von Praunfalk in seiner Leichenpredigt mehrfach als der Letzte von dem Stammen bezeichnet. Dies musste er zu Lebzeiten, sozusagen zu allem Überfluss, auch noch ertragen. Der von seiner Krankheit Gezeichnete war an seinem Lebensende trotz aller körperlicher Einschränkungen noch in der Lage, zu beten und das Abendmahl zu vollziehen und dankte Gott bis zuletzt, daß er Ihn/ mit so einem Himmelischen Labsal erquicket hätte. Freiherr von Praunfalk entschlief in ungezweiffelter Hoffnung eines [...] freudigen Ostertags / in Christo. In der in diesem Zusammenhang aufgezeigten Parallele zum Leidensweg Jesu, indem die letzten Lebenstage des Geehrten als Charwochen seines Schmertzenvollen Lebens beschrieben werden, schwingt die von Luther vertretene Vorstellung mit, dass Gott die Menschen aus Liebe züchtige.[5]

Die von Wolfgang Martin Imhoff (1625-1672) gehaltene Abdankungsrede greift primär die Beendigung des Namensstrangs und somit auch die des Adelsgeschlechts durch den Tod von Praunfalks auf. Das symbolische Zerbrechen von Schild und Helm des Verstorbenen an dessen Grab durch den Redner – einerseits als Abschied vom Toten (durch Zerstören des irdischen Besitzes bzw. seiner Statussymbole) und andererseits als Beendigung seines Stammes – begründete eine Tradition des Abschiednehmens.[6]

Die in der vorgestellten Trauerschrift enthaltenen Informationen lassen die vielfältigen Chancen erkennen, die sich durch das Einbeziehen der Quellengattung Leichenpredigt bieten, die Forschungen hinsichtlich der Personengruppe der Konfessionsmigranten voranzubringen.[7]

 

Cornelia Reinhardt B.A. studiert an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Master-Studium Germanistik.

 

Bestand: Landeskirchliches Archiv Nürnberg
Signatur: Fen. II 497/13

 

Anmerkungen: 

[1] Ich beziehe mich hierbei auf die erste Flüchtlingswelle protestantischer Gläubiger aus Österreich in oberdeutsche Reichsstädte Mitte des 17. Jahrhunderts.

[2] Vgl. Werner Wilhelm Schnabel, Österreichische Exulanten in oberdeutschen Reichsstädten. Zur Migration von Führungsschichten im 17. Jahrhundert (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 101), München 1992, S. 533.

[3] Vgl. ebd., S. 528.

[4] Joachim Poeschke, Art. "Obelisk", in: Lexikon der christlichen Ikonographie, hg. von Engelbert Kirschbaum u.a., Bd. 3, Rom u.a. 1971, Sp. 337.

[5] Maria Fürstenwald, Andreas Gryphius dissertationes fuebres. Studien zur Didaktik der Leichabdankungen (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft 46), Bonn 1967, S. 59.

[6] Vgl. Schnabel, Exulanten (wie Anm. 2), S. 530.

[7] Vgl. den in dieser Reihe publizierten Beitrag von Jörg Witzel über die Migrantin Amalia von Stubenberg: Jörg Witzel, Amalia von Stubenberg, geb. von Liechtenstein (1593-1664). Adlige Glaubensflüchtlinge aus Österreich im Nürnberger Exil, in: Leben in Leichenpredigten 07/2009, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/amalia-von-stubenberg-geb-von-liechtenstein-1593-1664.html (Zugriff: 05.05.2011).

 

Zitierweise: Cornelia Reinhardt, Hanns Adam Freiherr von Praunfalk (1604-1655). Zeitliches Leiden und Ewige Freuden – Ein österreichischer Exulant in Nürnberg, in: Leben in Leichenpredigten 07/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/hanns-adam-freiherr-von-praunfalk-1604-1655.html>

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