Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Georg Hüter (1519-1611)

01.04.2016

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Johanna Pöppelwiehe

Weil langes Leben eine Gabe Gottes ist – Das frühneuzeitliche Altersbild im Spiegel der Leichenpredigt

Lucas Cranach d.Ä., Der Jungbrunnen (Ausschnitt) [1/3]

Als Georg Hüter im Frühjahr 1611 in Leipzig starb, hatte er über 50 Jahre als Ratsherr gewirkt, insgesamt 78 Kinder, Enkel und Urenkel erlebt und das hohe Alter von 91 Jahren erreicht. Die Sterberaten in allen Altersstufen waren zu dieser Zeit hoch - Infekte und Krankheiten, aber auch Kriege, Hungersnöte und Unfälle führten bei einem nicht geringen Teil der Bevölkerung zu einem vergleichsweise frühen Tod.[1] Hatte man das Kindesalter, in dem die Sterblichkeit besonders hoch war,[2] überstanden, konnte zwar ein Lebensalter von 60 Jahren oder mehr erreicht werden,[3] mit seinen 91 Jahren gehörte Georg Hüter jedoch einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe an. Dass ein derart hohes Lebensalter von den Zeitgenossen als außergewöhnlich wahrgenommen wurde, zeigt die 1618 im Rahmen einer Sammlung veröffentlichte Leichenpredigt auf Hüter. So wählte der Verfasser der Predigt, Vincentius Schmuck, die menschliche Lebenszeit als zentrales Thema seiner Predigt auf den verstorbenen Ratsherrn.

In der Leichenpredigt wird Georg Hüters Lebenslauf nur recht kurz dargelegt. Hüter wurde 1519 in Leipzig geboren - als Referenzpunkte für diese ferne Zeit werden die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen Kaiser sowie die Leipziger Disputation zwischen einer Gruppe Reformatoren um Martin Luther und Johannes Eck genannt. Seine Eltern waren Johann Hüter und dessen Ehefrau Elisabeth, geborene Preiser. Georg Hüters Vater, der ebenfalls in Leipzig als Rat und Baumeister tätig war, wird als ein eiferiger Lutheraner[4] beschrieben, der zum ersten Kirchenvorsteher dieses Glaubens der Thomaskirche in Leipzig ernannt und auch von Keyser Carolo V. auffm Reichstag zu Wormbs geadelt wurde. Besondere Erwähnung findet zudem, dass Johann Hüter ein noch höheres Lebensalter als sein Sohn erreicht habe und im 114. Jahr seines Alters gestorben sei. Weitere Angaben hierzu werden nicht gemacht. Georg Hüter erlangte bereits mit 14 Jahren das Bakkalaureat, seine weitere berufliche Ausbildung und Berufstätigkeit in den folgenden 25 Jahren führt der Prediger nicht näher aus. 1552 ehelichte er Anna Müller. Von den zwölf Kindern, die aus dieser Verbindung hervorgingen, überlebten fünf Töchter bis ins Erwachsenenalter. Georg Hüter selbst wurde 1558 zum Mitglied des Rates kooptiert und hatte dieses Amt bis zu seinem Tod 1611 inne. Krankheiten oder Gebrechlichkeit Hüters werden in Lebenslauf und Predigt nicht genannt.

Schmuck beginnt seine Predigt mit der grundsätzlichen Feststellung, dass der Tod zwar für die Menschen unvorhersehbar sei, Gott jedoch für jeden Einzelnen die Stunde von Geburt und Tod festgesetzt habe. Laut Schmuck müssen sich die Menschen dies bewusst machen, damit sie den Verlust von Kindern im jungen Alter als Willen Gottes akzeptieren können. Ist jemandem jedoch ein hohes Alter vergönnt, so soll er Gott für diese Gabe dankbar sein und seine Lebenszeit wol anlegen. Das hohe Alter als Geschenk Gottes geht nach Schmuck mit der Verpflichtung einher, die gegebenen Lebensjahre sinnvoll zu nutzen, sodass je lenger einer lebet/ je mehr gutes er schaffe. Geschieht dies nicht, so handele es sich um ein unnützes Alter/ das gantz unfruchtbar sei. Für Schmuck ist die Bewertung des hohen Alters also stark davon abhängig, ob die Alten ihre Lebenszeit sinnvoll ausfüllten. Im Fall Georg Hüters kann dies sicherlich bejaht werden, diente er der Gesellschaft doch bis zu seinem Tod als Ratsherr.

Doch die Menschen sollen nicht nur die ihnen gegebene Lebenszeit fruchtbar nutzen und ausfüllen, sondern sich auch darum bemühen, keinen vorzeitigen Tod zu finden. So erörtert Schmuck weiterhin, [o]b [sich] ein Mensch das Leben könne verkürzen. Er führt aus, dass Gott zwar die Gabe lange[n] Lebens an gewisse Mittel gebunden habe, ein Mensch sein Leben jedoch auf verschiedene Weisen freiwillig oder unfreiwillig verkürzen könnte. Als Beispiele nennt Schmuck zum einen Straftäter, die umb jhrer Missethat willen/ für der Zeit/ und ehe sterben müssen. In die gleiche Kategorie fallen für ihn auch diejenigen, die sich selbst entleiben und umbbringen. Damit sind allerdings nicht in erster Linie Selbstmörder gemeint, sondern Menschen, die sich etwa aufgrund von übermäßigem Alkoholkonsum oder unnötige[n] Schlägereyen durch eigenes Verschulden selbst zu Tode bringen. Schmuck lehnt einen derartigen Lebenswandel ab, da es einem Christen [...] fleissig angelegen seyn sol/ daß er seines eigenen Leibes und Lebens warneme/ und demselben nichts selbst schaden zufüge/ noch sich muthwillig drumb bringe/ ehe es zeit ist.

Vielmehr erläutert er im Folgenden, worauf die Menschen seiner Ansicht nach zu achten haben, um einem vorzeitigen Tod entgegenzuwirken. Schmucks zentraler Punkt ist dabei die Messigkeit - insbesondere in Bezug auf die Behandlung des menschlichen Körpers. Er empfiehlt, dass die Menschen dem Leibe mit gebürlicher Wartung seine Ehre thun, wozu beispielsweise ein regelmäßiger Schlaf-, aber auch Arbeitsrhythmus gehöre. So solle man bey rechter Zeit schlaffe[n]/ bey rechter zeit auffstehe[n]/ [...] und denn auch bei rechter zeit studire[n] und arbeite[n]. Auch die Nahrung spielt nach Schmuck eine wichtige Rolle bei der Pflege der körperlichen Gesundheit. Mit Verweis auf Sirach 37, Verse 30-34,[5] fordert Schmuck dazu auf, ungesunde Lebensmittel zu meiden und sich auch bei der Ernährung maßvoll zu verhalten, denn wer [...] messig ist/ der lebet desto lenger.

Die Aussparung der gesundheitlichen Beschwerden Georg Hüters, die ein hohes Alter oftmals unweigerlich mit sich brachte und immer noch bringt, steht im Einklang mit einem grundsätzlich positiven Bild, das Schmuck in der Leichenpredigt auf Hüter vom Alter zeichnet, welches er als Gottes Gabe ansieht. Eine derart positive Bewertung des Alters ist eher ungewöhnlich für diese Zeit. Während ein langes Leben heutzutage weithin als erstrebenswert gilt, war das Altersbild des 16. und frühen 17. Jahrhundert ambivalent und häufig negativ konnotiert.[6] Die Wahrnehmung der alten Menschen war dabei oftmals mit ihrer gesellschaftlichen Stellung verknüpft. Insbesondere diejenigen Alten, die über wenig oder keinen Besitz verfügten und nicht mehr zur Arbeit fähig waren, wurden von ihren Mitmenschen als Belastung empfunden. Anders verhielt es sich mit alten Menschen in höheren gesellschaftlichen Positionen, die über größeres Ansehen und eigene materielle Ressourcen verfügten.[7]

So könnte auch Schmucks positive Bewertung des Alters damit begründet sein, dass Hüter in seiner Funktion als Ratsmitglied in Leipzig eine recht hohe gesellschaftliche Stellung einnahm und der städtischen Oberschicht angehörte. Insbesondere die städtischen Diener profitierten von einer hohen Alterssicherheit. Wie Georg Hüter konnten sie ihre Arbeit, die keine körperliche Belastung darstellte, bis ins hohe Alter ausüben, während ihr gesellschaftliches Ansehen mit dem Alter stieg - insbesondere Angehörige dieser Gruppe wurden in der Kunst als weise und erfahren dargestellt.[8]

Vincentius Schmucks Leichenpredigt auf Georg Hüter zeigt anschaulich, wie auch Leichenpredigten zur weiteren Erforschung des frühneuzeitlichen Altersbilds beitragen können. Schmucks Ausführungen bilden eine Facette dieses Altersbilds ab und machen dabei deutlich, dass das Alter in dieser Zeit durchaus nicht nur negativ belegt war, sondern differenziert bewertet wurde.

 

JOHANNA PÖPPELWIEHE M.A. ist Wissenschaftliche Hilfskraft der Forschungsstelle für Personalschriften und hat an der Philipps-Universität Marburg ein Master-Studium im Fach Geschichte mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit absolviert.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Wrocław (Breslau)
Signatur: 482436
Enthalten in: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Breslau

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. Peter Borscheid, Geschichte des Alters, Teil 1: 16.-18. Jahrhundert (Studien zur Geschichte des Alltags 7,1), Münster 1987, S. 21-24.

[2] Pat Thane, Der alte Mensch im Wandel der Zeit, in: Ders. (Hg.), Das Alter. Eine Kulturgeschichte, aus dem Englischen von Dirk Oetzmann und Horst M. Langer, Darmstadt 2005, S. 9-29, hier S. 9.

[3] Lynn A. Botehlo, Das 17. Jahrhundert. Erfüllter Lebensabend - Wege aus der Isolation, in: Thane (Hg.), Das Alter (wie Anm. 2), S. 113-174, hier S. 113.

[4] Vincentius Schmuck, Die vierzehende Predigt/ Beym Begräbnis Herrn Georg Hüters [...], in: Ders., D. Vincentii Schmucken Funfftzig Predigten/ Uber unterschiedliche Texte und Sprüche aus den Büchern Mosis/ der Propheten/ und Apocryphis altes Testamentes/ Bey Christlichen Leichbestattungen zu Leipzig gehalten [...], Schleusingen 1618, S. 173-185 (VD17 39:113283M), Digitalisat der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, PURL (Werk): http://digital.slub-dresden.de/id43540699X (Zugriff: 01.02.2016). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[5] In der Leichenpredigt ist an dieser Stelle Sirach 38 angegeben, hierbei handelt es sich offenbar um einen Druckfehler.

[6] Arne Piontek/Michael Voigt, Alter(n) im Europa der Frühmoderne, in: Helga Pelizäus-Hoffmeister (Hg.), Der ungewisse Lebensabend? Alter(n) und Altersbilder aus der Perspektive von (Un-) Sicherheit im historischen und kulturellen Vergleich, Wiesbaden 2014, S. 107-130, hier S. 108, Online-Ausgabe: http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-03137-4_7/fulltext.html#Fn2_source (Zugriff: 01.02.2016).

[7] Ebd., S. 126.

[8] Ebd., S. 121.

 

Zitierweise: Johanna Pöppelwiehe, Georg Hüter (1519-1611). Weil langes Leben eine Gabe Gottes ist – Das frühneuzeitliche Altersbild im Spiegel der Leichenpredigt, in: Leben in Leichenpredigten 04/2016, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/georg-hueter-1519-1611.html>

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