Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Gabriel Clauder (1633-1691)

01.09.2013

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Johanna Pöppelwiehe

Meines Lebens Eingang/ Fort- und Ausgang endlich betreffende – Die autobiographischen Personalia eines Altenburger Hofarztes

Porträt Gabriel Clauder [1/2]

In der jüngeren Vergangenheit wächst insbesondere innerhalb der sozialgeschichtlichen Forschung das Interesse am historischen Individuum und seiner Selbstwahrnehmung: "Die Dynamik intensiver mentalitätshistorischer Fragestellungen hat den zunächst im Mittelpunkt stehenden Bereich des kollektiven Unbewußten überschritten und ein neues Interesse an einzelnen Personen, ihrer typischen oder singulären Vorstellungswelt, ihrer Weltsicht insgesamt hervorgerufen."[1] Auch die Betrachtung von Leichenpredigten kann auf vielfältige Weise zu einer Individualisierung von Geschichte beitragen. Stehen schon aufgrund des Charakters dieser Quellen für gewöhnlich einzelne Individuen im Mittelpunkt, kann durch den enthaltenen Lebenslauf die Lebensgeschichte einer Person im zeitgenössischen gesellschaftlichen und politischen Kontext nachvollzogen werden. Wurden diese Personalia nicht - wie normalerweise üblich - vom predigenden Pastor, sondern zu einem Großteil vom Verstorbenen selbst verfasst, bietet sich zudem ein persönlicher Einblick in das Leben eines Menschen, der weit über dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit hinausgeht. Es lassen sich nicht nur Schlüsse über die Lebensstationen des Verstorbenen ziehen - die Selbstwahrnehmung des Autors kann ebenso nachvollzogen werden, wie seine persönlichen Beweggründe und Ansichten. Gleichzeitig muss jedoch ebenso beachtet werden, dass gerade in der Retrospektive verfasste Lebensläufe im Zeichen einer bestimmten Selbststilisierung des Autors stehen und aus diesem Grund Beschönigungen und Verfälschungen auftreten können.[2] Dies ist gerade für die Gattung der Leichenpredigten von besonderer Bedeutung, sollten diese doch für die Memoria des Verstorbenen sorgen und diesen dementsprechend als einen vorbildlichen Christen erscheinen lassen.

Autobiographische Personalia machen einen eher geringen Teil der Lebensläufe in Leichenpredigten aus und stellen trotz des außerordentlich interessanten Untersuchungsgegenstandes und des wachsenden Interesses an historischen Selbstzeugnissen bisher weitestgehend ein Forschungsdesiderat dar. Ein Beispiel für einen dieser Lebensläufe findet sich in der Leichenpredigt auf den Altenburger Arzt Gabriel Clauder, der am 10. Januar 1691 im Alter von 57 Jahren ebenda verstarb. Die Personalia der Leichenpredigt, die der Verstorbene fast vollständig selbst verfasste, zeugen von seinem bewegten Leben und machen deutlich, wie stark die persönlichen Eindrücke und Schwerpunktsetzungen des Verfassers den Lebenslauf prägen können, obwohl sich der grundlegende Aufbau und die Zielsetzung von Clauders Lebenslauf - wie bei vielen der bereits untersuchten autobiographischen Personalia[3] - nicht von denen "konventioneller" Personalia unterscheidet.[4]

So beginnt auch Clauder mit Angaben zu seiner Geburt und seinem Elternhaus: Gabriel Clauder kam am 18. Oktober 1633 gegen Mittag als Sohn des Schulrektors und späteren Diakons Joseph Clauder (1586-1653) und dessen Frau Barbara, geb. Neander, im thüringischen Altenburg zur Welt. Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, in dem die Bevölkerung der damaligen Residenzstadt stark dezimiert wurde, schildert er eindringlich im Kontext seiner Geburt. So sei sein Vater von den mit der feindlichen Keyserlichen Armee einfallenden Croaten[5] grausam gequält und fast getötet worden, während seine schwangere Mutter in einem Kloster von ehrbaren Matronen verborgen/ und unter die Stuben-Banck verstecket worden sei. Die dramatischen Geschehnisse setzten sich fort, denn in der anschließenden Zeit, in der die Bevölkerung noch zusätzlich unter der Pest zu leiden hatte, sei er, so berichtet Clauder, das erste Kind gewesen/ das nach Verfliessung dreyer Monate [...] getauft [wurde]/ und neben seiner Mutter lebendig geblieben war. Die ausführliche Beschreibung dieser Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges, die sich teilweise sogar noch vor Clauders Geburt abgespielt haben, lässt darauf schließen, dass sie für ihn eine extreme und prägende Gewalterfahrung dargestellt haben. So finden sich ähnlich detaillierte Ausführungen auch in anderen autobiographischen Personalia, deren Verfasser den Krieg als Kinder erlebten.[6]

Nach der Taufe und seiner in Altenburg absolvierten Schulausbildung ging er auf Veranlassung seines Vaters und seines Bruders nach Jena, um ein Studium der Philosophie und der Naturkunde aufzunehmen, welches er allerdings nach der Entdeckung seines Interesses für die Artzney-Kunst bald wieder aufgab und in den folgenden Jahren sein Medizinstudium erst in Jena begann und schließlich 1661 in Leipzig beendete. Vor dem Abschluss seines Studiums unternahm Clauder eine ausgedehnte Studienreise durch das Alte Reich und verschiedene andere europäische Länder, die er in den Personalia ausführlich und mit persönlichen Einblicken und Anekdoten beschreibt. Hier kann etwa sein Bericht von der Überfahrt nach England erwähnt werden, während der das Schiff durch einen Sturm den einen Mast verlohr/ und auf die Flanderischen also genannten Sand- oder Seebäncke/ zwischen Ostende und Dünkürchen/ getrieben wurde und nur die [g]öttliche Gnade die Weiterfahrt nach Dover ermöglichte.

Während der Beschreibung seiner Reise geht Clauder immer wieder darauf ein, wie sehr ihm das zu feuchte oder zu heiße Klima in den verschiedenen Ländern zu schaffen machte und zu teilweise schweren Erkrankungen führte. So befielen ihn nach Aufenthalten in London und Oxford öffter Fieber und dergleichen alterationes, die er auf die ungewöhnlich feuchte See-Lufft zurückführte und die ihn dazu verleiteten seine Reise in Richtung der norditalienischen Universitätsstädte fortzusetzen. Während er sich in Venedig und Padua in medizinischen Dingen fortbildete, aber auch die italienische Sprache erlernte, empfand er von den warmen climate fast noch mehr Verdruß und litt wieder an Fieberanfällen sowie einem Hautausschlag am Kopf. Interessant ist, wie dies ihn dazu brachte, seinen Aufenthalt in Italien schließlich zu beenden und sich nach der Reise durch Frankreich und dem Besuch verschiedener Reichsstädte zurück nach Leipzig zu begeben. So finden sich als Begründung nicht die häufigen Erkrankungen, sondern der Umstand, dass Clauder seit längerem nicht mehr gebeichtet hätte und den plötzlichen Tod durch ein Fieber befürchtete.

Nach seiner Rückkehr nach Leipzig und dem bald darauf folgenden Studienabschluss stand Clauder vor einem beruflichen Scheideweg und hatte offenbar das Bedürfnis, seine Entscheidungen im Rahmen der Personalia nochmals zu erklären. Es zog ihn zurück nach Altenburg, wo er eine große Anzahl an Patienten betreute und 1665 - seinen eigenen Aussagen nach - schließlich eher widerstrebend zum Hofarzt der dort residierenden sächsischen Herzöge berufen wurde. Der persönliche Konflikt, in den ihn die Berufung durch die Herzogin Magdalena Sibylla von Sachsen-Altenburg (Tochter Kurfürst Johann Georgs I. von Sachsen) brachte, wird im Lebenslauf deutlich herausgearbeitet. So hätte Clauder, einem vorbildlichen christlichen Leben folgend, eigentlich lieber in seiner Praxis dem bedürffenden Nechsten ferner hülffliche Hand bieten wollen, das Angebot der gnädigsten Landes-Obrigkeit aus Pflichtgefühl aber dennoch angenommen.

Clauder diente in den folgenden fast zehn Jahren Herzögen verschiedener ernestinischer Linien als Arzt, bis er schließlich ein weiteres Engagement aufgrund seines zunehmenden Alters ablehnen musste, obwohl er fest entschlossen war, seinem lieben Vaterlande im Schweiß meines Angesichts bis an mein Lebens-Ende beyzustehen. Auch hier war es Clauder wichtig, seine Landestreue nochmals zu erwähnen, er scheint das Bedürfnis zu verspüren, sich trotz seines schlechten gesundheitlichen Zustandes für seinen Ruhestand rechtfertigen zu müssen.

Neben seinem beruflichen Werdegang berichtet Clauder, wie in den Personalia üblich, auch über seine Heirat mit Regine Elisabeth Gruner, ihre gemeinsamen Kinder und deren bisherige Lebenswege. Zudem ist er darauf bedacht, seinen christlichen Lebenswandel noch einmal ausdrücklich hervorzuheben. So gesteht Clauder zwar ein, zu sündlichen Fehlern täglich verleitet worden zu sein, betont aber, dass er stets Buße getan, die Beichte abgelegt und an seinem lutherischen Glauben festgehalten hat. Clauder ist als Autor seines eigenen Lebenslaufes also offenbar darauf bedacht, für seine Memoria vorzusorgen - ebenso wäre ein Theologe beim Verfassen einer Vita vorgegangen.

Nach einer Beteuerung seiner christlichen Pflichterfüllung als Arzt und der Aufzählung seiner akademischen Schriften und Forschungsbereiche folgt schließlich die Darstellung von Clauders Lebensende. Dieses war von einer zunehmenden Verschlechterung des Gesundheitszustands geprägt, die er detailreich und vor dem Hintergrund seiner medizinischen Ausbildung bis wenige Tage vor seinem Tod beschreibt. An diesem Punkt enden die Aufzeichnungen Gabriel Clauders, und die Personalia werden von dem Pastor Paul Martin Sagittarius zu Ende geführt, der festhält, wie Clauder in der Nacht vom 9. auf den 10. Januar 1691 nach vorher ergangener Priesterlicher Einsegnung durch ein sanfftes Abscheiden aus dem abgemarterten Leibe abgefordert wurde.

Das Beispiel der Personalia Gabriel Clauders zeigt, welcher Quellenwert autobiographischen Lebensläufen in Leichenpredigten zukommen kann. So erhält der Autor im Rahmen der üblichen Formalia die Möglichkeit zu eigener Schwerpunktsetzung, aber auch zur Rechtfertigung von Handlungen und Entscheidungen. Die Personalia zeigen so das Bild eines Menschen, das weit über seine öffentliche Rolle hinausgeht, wodurch sie zu wichtigen Quellen der mentalitäts- und alltagsgeschichtlichen Forschung werden können.

 

JOHANNA PÖPPELWIEHE B.A. studiert im Master-Studiengang Geschichte mit Schwerpunkt Frühe Neuzeit an der Philipps-Universität Marburg. Im Rahmen ihres Praktikums an der Forschungsstelle für Personalschriften arbeitete sie an der Texterfassung und -erschließung autobiographischer Lebensläufe für die digitale Edition "AutoThür" mit.

 

Bestand: Stadtarchiv Altenburg
Signatur: A I 21 (weitere Exemplare)
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften im Stadtarchiv Altenburg (Marburger Personalschriften-Forschungen 44), Stuttgart 2007

 

Anmerkungen:

[1] Winfried Schulze, Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte? Vorüberlegungen für die Tagung "EGO-DOKUMENTE", in: Ders. (Hg.), Ego-Dokumente. Annäherung an den Menschen in der Geschichte (Selbstzeugnisse der Neuzeit 2), Berlin 1996, S. 11-30.

[2] Andreas Rutz, Ego-Dokument oder Ich-Konstruktion? Selbstzeugnisse als Quellen zur Erforschung des frühneuzeitlichen Menschen, in: zeitenblicke 1 (2002), Nr. 2 [20.12.2002], Absatz 12; URL: http://www.zeitenblicke.de/2002/02/rutz/index.html (Zugriff: 25.07.2013).

[3] Vgl. Jörg Witzel, Autobiographische Texte in Thüringer Leichenpredigten aus der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt, in: Eva-Maria Dickhaut (Hg.), Wohlgelebt! Wohlgestorben? Leichenpredigten in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz / Abhandlungen der Geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse, Jahrgang 2013, 4), Stuttgart 2013, S. 65-78, hier S. 69 sowie 70.

[4] Vgl. hierzu etwa die Angaben zum Aufbau eines Lebenslaufes in den Leichenpredigten unter medizinhistorischen Gesichtspunkten bei: Johann-Peter Regelmann, Leichenpredigten als Quelle für Ärztebiographien des Barock, in: Wolfgang Eckart/Johanna Geyer-Kordesch (Hg.), Heilberufe und Kranke im 17. und 18. Jahrhundert. Die Quellen- und Forschungssituation (Münstersche Beiträge zur Geschichte und Theorie der Medizin 18), Tecklenburg 1982, S. 76-98, hier S. 85.

[5] Paul Martin Sagittarius, Das Recht und nützlich-eingerichtete Vertrauen Davids [...], Altenburg o.J., S. 36-50 (VD17 1:023253T). Alle folgenden wörtlichen Zitate sind, soweit nicht anders angegeben, dieser Leichenpredigt entnommen.

[6] Vgl. Witzel, Texte (wie Anm. 3), S. 73.

 

Zitierweise: Johanna Pöppelwiehe, Gabriel Clauder (1633-1691). Meines Lebens Eingang/ Fort- und Ausgang endlich betreffende – Die autobiographischen Personalia eines Altenburger Hofarztes, in: Leben in Leichenpredigten 09/2013, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/gabriel-clauder-1633-1691.html>

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