Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Christian Mentzel (1667-1748)

01.12.2011

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Gerhard Schiller

Das Leben eines Hirschberger Schleierherrn als Kaufmann, Bankier und Mäzen seiner Heimatstadt

Siegel Christian Mentzels [1/8]

Im polnischen Jelenia Góra, einstmals als das schlesische Hirschberg im Riesengebirge bekannt, befindet sich die beeindruckende ehemalige evangelische "Gnadenkirche zum Creutze Christi". Heute wird sie "Kościół Garnizonowy" oder auch "Kościoł łaski" genannt und dient dem katholischen Gottesdienst. Nachdem der schwedische König Karl XII. (1682-1718) in der Altranstädter Konvention von 1707 Kaiser Joseph I. (1678-1711) Zugeständnisse für seine evangelischen Untertanen in Schlesien abgetrotzt hatte, wurde die Hirschberger Gnadenkirche von 1709-1718 als eines von sechs protestantischen Gotteshäusern im damals habsburgischen Schlesien errichtet. Finanziert und ausgestattet wurde das prunkvolle Gotteshaus von der überaus reichen Hirschberger Kaufmannssozietät der sogenannten Schleierherren. Rund um das der Stockholmer Katharinenkirche nachempfundene Hirschberger Gotteshaus wurde der mit einer Mauer umfriedete evangelische Gnadenkirchhof angelegt. Entlang der Innenseite dieser Mauer ließen sich die Familien der Schleierherren in aufwändigem Barockstil verzierte Grufthäuser errichten. Sie sind einmalige Kunst- und Kulturdenkmäler der schlesischen Geschichte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfielen die prachtvollen Grufthäuser. Auch nach 1989 standen zunächst keinen finanziellen Mittel zur Verfügung, das historische Kulturerbe zu pflegen. Um so erfreulicher ist es, dass es der Stadt Jelenia Góra im Rahmen des von der EU teilfinanzierten „Operationellen Programms der grenzübergreifenden Zusammenarbeit Sachsen - Polen 2007-2013“ gelang, für den Zeitraum von 2010-2012 Mittel zur Restaurierung der Grabkapellen zu erwerben. Projektpartner der Stadt Jelenia Góra ist der deutsch-polnische Verein zur Pflege schlesischer Kunst und Kultur e.V. Görlitz (VSK), der im stadtnahen Pałac Łomnica (Schloss Lomnitz) ein reges Kulturzentrum unterhält.[1].

Der Fortschritt der Restaurierungen bewirkte zugleich ein reges Interesse der Einwohner an Informationen über die Geschichte der eigenen Heimatstadt. Neben vielen erhaltenen Dokumenten und Akten aus dem historischen Pfarrarchiv der Gnadenkirche und dem Archiv der Hirschberger "Kauffmanns-Societät" – heute vor allem in der Filiale des Breslauer Staatsarchivs in Hirschberg (Archiwum Państwowe we Wrocławiu Oddział w Jeleniej Górze) befindlich – sind die zahlreichen gedruckten Leichenpredigten der Schleierherren und ihrer Angehörigen die herausragendsten Quellen, um etwas über das Leben dieser kaufmännischen Elite, die ihre Heimatstadt Hirschberg von ca. 1650-1800 zu eine einzigartigen Blüte führten, zu erfahren. Der mit Abstand reichste und bekannteste aller Schleierherren war Christian Mentzel (1667-1748). Stellvertretend für seine Kaufmannskollegen soll sein Leben kurz vorgestellt werden.

Ferdinand Weißig, Prediger an der Gnadenkirche war es, der zum Leichen-Begängnisse und letzten Abschied des großen Kaufmanns, Gutsherren und Mäzens am 1. März 1748 die "Trost-Worte" für seine Angehörigen und zu seinem Andenken seinen "Lebens-Lauf" verfasste. Der Druck umfasst 57 Seiten gross-folio in prächtiger Ausstattung und enthält neben den Worten von Pfarrer Weißig noch eine Trauerrede des Hirschberger Diakons Gottlob Kahl[2] sowie eine große Anzahl von Trauer- und Trostgedichten der Hinterbliebenen und Angehörigen.

Christian Mentzel wurde am 9. September 1667 in Hirschberg geboren. Die frühesten Vorfahren seiner Familie sind seit ungefähr 1500 in Seifershau (poln. Kopaniec) erstmals nachweisbar. Viele waren wohlhabende Kaufleute, so auch Christians Vater, George Mentzel. Christian erhielt seine gute Bildung zunächst durch private Hauslehrer. Eine solche häusliche Erziehung war im katholisch regierten österreichischen Schlesien besonders bei wohlhabenden Evangelischen keine Seltenheit, hatte man doch so die Möglichkeit, unkontrolliert von der Öffentlichkeit seinen Glauben an seine Kinder weiterzugeben. Anschließend ging der junge Christian für etwa drei Jahre ins 27 km von Hirschberg entfernte Oberwiesa (poln. Wieża) zur Schule. Oberwiesa lag gleich hinter dem Queis (poln. Kwisa), der Grenze zwischen Schlesien und Sachsen und unmittelbar gegenüber dem schlesischen Städtchen Greiffenberg (poln. Gryfów Śląski). Viele evangelische Schlesier, die dem Druck der Gegenreformation in den österreichischen Erblanden ausweichen wollten, schickten damals ihre Söhne nach Oberwiesa zur Schule. Mit 15 Jahren begann Christian in einem angesehenen Breslauer Handelshaus seine kaufmännische Lehre. In der Hirschberger Handlung seines Vaters vervollkommnte er sodann seine Ausbildung, um anschließend mit langen geschäftlichen Reisen nach Holland, England, Spanien und Portugal betraut zu werden – vor allem um ein persönliches Netz von Bekanntschaften für seine späteren Geschäftskontakte zu knüpfen. Besonders zu Hamburger und Amsterdamer Handelshäusern unterhielt er über sein gesamtes Leben hinweg enge Geschäftsbeziehungen, die ihm den Export seiner schlesischen Schleier und Leinenwaren in alle Welt ermöglichten.

Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt begründete Christian Mentzel dort mit Einverständnis seines Vaters ein eigenes Leinenhandelshaus und ließ sich 1692 in die Hirschberger Kauffmanns-Societät einschreiben. Durch sein außergewöhnliches kaufmännisches Geschick und seinen Fleiß gelangte sein Handelshaus schnell zu großer Blüte. Christian kaufte eine große Anzahl von Häusern, Grundstücken, Bleichhäusern, Bleichplänen, Wiesen sowie Äckern und Gärten inner- und außerhalb Hirschbergs. Er selbst wohnte in dem von ihm 1694 erworbenen Haus am Ring 27, später Zum Golden Schwert (Pod Złotym Mieczem) genannt. Bald schon zählte er zu den wohlhabendsten Bürgern seiner Stadt. 1692 heiratete er Anna Ursula Gerstmann (1671-1726), die einer der angesehensten Schmiedeberger (poln. Kowary) Kaufmanns- und Handelsfamilien entstammte. Mit ihr zeugte er in den Jahren 1692-1712 vier Söhne und fünf Töchter. Von 1727 bis 1731 begleitete seine zweite Ehefrau, Agnetha Elisabeth (1699-1731), geborene Grabs, Witwe des Schaffgotschen Rentschreibers Carl Ferdinand Bieler, Christian für einen kurzen Abschnitt durch sein Leben. Bei ihrer Heirat 1727 stand Mentzel bereits im 60. Lebensjahr. Sie hatten zusammen drei Kinder. Schließlich wurde von 1732 bis zu seinem Tod im Jahre 1748 Christiane Elisabeth (1702-1756), geborene Legner, Witwe des Pastors Johann Sturm aus Probsthain bei Leipzig, Christian Mentzels letzte Ehefrau. In ihrer Ehe erblickten fünf weitere Kinder das Licht der Welt. Die Geburt seines letzten Sohnes Christian Friedrich (1741-1751) erlebte Christian Mentzel im Alter von fast 74 Jahren. Das Familienleben der Mentzels scheint sehr harmonisch gewesen zu sein. Der Pfarrer Christian Weißig bezeichnete Christian Mentzel in seiner Leichenpredigt als zärtlichliebenden Gemahl und grundgetreuen Vater.

Nach den überlieferten Steuereinschätzungen war Christian Mentzel bereits vor den schlesischen Kriegen der mit großem Abstand reichste Kaufmann Hirschbergs. Sein Vermögen übertraf das Vermögen seines Sozietätsgenossen Daniel von Buchs fast um ein Dreifaches. Nach Abzug aller Passiva wurde das Gesamtvermögen Christian Mentzels nach seinem Tod im Jahr 1748 auf 317.727 Reichstaler taxiert. Es entsprach demnach dem siebenfachen damaligen Wert des Gutes Lomnitz mit allem seinen Zubehör und Abgaben. Nicht zuletzt wegen seines immensen Reichtums wählte die Standesvertretung der Hirschberger Großkaufleute Mentzel zu ihrem Ober-Aeltisten. Sie erwartete von ihm natürlich besonders in Krisenzeiten ein starkes Engagement für das Allgemeinwohl. Im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1748) musste die durch an die Kriegsgegner zu leistende Kontributionen verarmte Stadt Hirschberg bei Christian Mentzel öfter Darlehen aufnehmen. Aus seinem Vermögensinventar geht hervor, dass er seiner Heimatstadt 1745 und 1746 jeweils 10.000 Reichstaler vorstreckte. Nach dem Fall Schlesiens an Preußen stellten die im Vergleich zu den österreichischen Zeiten zunehmenden Versuche obrigkeitlicher Bevormundung ein stetes Ärgernis für die Kaufleute dar. Christian Mentzel setzte sich nun an vorderster Stelle gegen die häufigen Einmischungen der preußischen Regierung in die Handelsgeschäfte seiner Kauffmanns-Societät zur Wehr.

Alle reichen Kaufleute wie Daniel von Buchs, Gottfried Glafey, Gottfried Tietze, Johann Jäger und natürlich auch die übrigen gaben umfangreiche Dotationen zum Bau der Gnadenkirche. Aber kaum einer zeigte sich wie Christian Mentzel sein ganzes Leben lang seiner Stadt, seinen Glaubensgenossen und seiner Sozietät gegenüber so ausnehmend großzügig. Stadtchronist David Zeller spricht von ihm noch zu seinen Lebzeiten als dem große[n] Wohlthäter. Auf Grund seines Vermögens, das eine großzügige Unterstützung vieler Vorhaben ermöglichte, wählte man Christian Mentzel zum Ober-Kirchenvorsteher an der Gnadenkirche. Schon dem ersten wiederbegründeten evangelischen Kirchen-Collegium hatte er 1709 als Kirchenvorsteher angehört. Zum Bau der Orgel in der Gnadenkirche von 1725-1729 stellte Mentzel eine Summe von 30.000 Talern zur Verfügung. Seine Freigiebigkeit und sein Engagement riefen aber nicht nur Dankbarkeit, sondern auch Kritik hervor, die mit Sicherheit auch von Neid und Missgunst genährt wurde. So erhob sich gegen seine vor allem mangelnden räumlichen Alternativen geschuldeten Pläne, die neue Orgel mit dem Altar zu verbinden, lauter Protest.

Trotz seines ungeheuren Reichtums lebte Christian Mentzel in seinem Haus vergleichsweise bescheiden. Ein dankbarer Kenner der Familie berichtete, dass der reiche Kaufmann mit seiner Familie mit Zinnlöffeln von tönernem Geschirr aß und es als Verschwendung abtat, als seine erwachsene Tochter ein Kleid aus Seide kaufen wollte. Erst im Alter erlaubte er sich die Bequemlichkeit, im Wagen zu reisen. Nur einmal in seinem Leben ist eine Vergnügungsfahrt bezeugt, als er am 21. Juli 1711 die Schneekoppe bestieg. In Ansehen und Vermögen dem landsässigen schlesischen Adel schon lange ebenbürtig, beschloss Christian Mentzel in der Blütezeit seines kaufmännischen Erfolges, sich seinem Stand angemessene Landresidenzen zuzulegen. Seine Wahl fiel auf die Rittergüter Lomnitz (poln. Łomnica) sowie Ober- und Niederberbisdorf (poln. Dziwiszów). Mit dem Erwerb dieser beiden Rittergüter bewegte er sich nun auch in seiner gesellschaftlichen Lebensart mit dem Landadelsstand auf einer Ebene. Eigentlich war zu seiner Lebenszeit der Kauf von Rittergütern allein Adligen vorbehalten, doch gewährte ihm Kaiser Karl VI. am 19. Dezember 1738 per kaiserlicher Verordnung die Ausnahme, das Gut Lomnitz ad diem vitae zu besitzen. In verständlichem Bürgerstolz hatte Mentzel zuvor das kaiserliche Anerbieten, ihn den Adelsstand zu erheben, ausgeschlagen. Bald nach seinem Erwerb ließ Christian Mentzel Schloss Lomnitz (poln. Pałac Łomnica) von außen und innen gründlich erneuern. In Lomnitz und Berbisdorf unterstützte er mit der Stellung von Bauplätzen und der Vergabe von freiem Bauholz zudem die Errichtung evangelischer Bethäuser.

Der reiche Schleierherr sorgte über seinen Tod hinaus weitsichtig vor. Bereits 1726 war der von ihm in Auftrag gegebene Bau einer Familien-Grabkapelle auf dem Hirschberger Gnadenkirchhof für sich und seine Familie fertiggestellt. Erst 22 Jahre später sollte er hier seine letzte Ruhe finden. Am 23. Februar 1748 traf den großen Kaufmann und Patron nach einem überaus langen und erfüllten Leben ein Herzschlag, an dessen Folgen er zwei Tage später, an einem Sonntag morgens früh 3 viertel auf 7 Uhr [...] unter den Thränen der Herumstehenden, welche die gantze Nacht mit Gebet und Singen bey Ihm zugebracht, verstarb. Am 1. März 1748 wurde er unter großem Aufwand beigesetzt. Sechs schwarzbehangene Pferde zogen den Leichenwagen zur Gnadenkirche. Vor dem Altar wurde er in einem gewaltigen, von hohen Kerzen umstandenen Eichensarg aufgebahrt. Der Pfarrer würdigte ihn in seiner Leichenpredigt mit Worten, die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren haben: Solange die Gnadenkirche steht, werde auch das Andenken dieses Mannes unverlöschlich sein. Christian Mentzel war 80 Jahr, 24 Wochen und 2 Tage alt geworden und Stammvater von 17 Kindern, 18 Enkeln und 4 Urenkeln.

 

Dr. GERHARD SCHILLER ist Historiker und Beiratsvorsitzender des Vereins zur Pflege schlesischer Kunst und Kultur e. V.

 

Bestand: Universitätsbibliothek Wrocław (Breslau)
Signatur: 367170
Enthalten im: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Breslau

 

Anmerkungen:

[1] Projektinfo, URL: http://www.vskschlesien.de/index.php?section=aktuelles (Zugriff: 22.11.2011).

[2] Universitätsbibliothek Wrocław (Breslau), Sign.: 367170 a; siehe: Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Breslau.

 

Zitierweise: Gerhard Schiller, Christian Mentzel (1667-1748). Das Leben eines Hirschberger Schleierherrn als Kaufmann, Bankier und Mäzen seiner Heimatstadt, in: Leben in Leichenpredigten 12/2011, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/christian-mentzel-1667-1748.html>

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