Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Carl Graf von Kunowitz (1674-1698)

01.11.2009

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Eva Bender

Die Beliebung zum Krieg – Die treibende Motivation junger Adliger für den Militärdienst

Porträt Carl Graf von Kunowitz' [1/3]

Die Frühe Neuzeit war so von kriegerischen Auseinandersetzungen der unterschiedlichsten Dauer, Dimension und Konstellation geprägt, dass in der Forschung von einer Bellizität der Frühen Neuzeit[1] gesprochen wird. Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine militärische Laufbahn für Adelige als erstrebenswerte Beschäftigung galt, nicht zuletzt, weil diese fest im ideellen Konzept des Adels verankert war. Die aus dem Mittelalter überlieferten Vorstellungen vom Ideal des miles christianus hatten sich in Folge von Castigliones Cortegiano von 1528 zum weltgewandten Hofmann gewandelt, der in Studien und Exerzitien gleichermaßen geschult, aber immer noch den ritterlichen Tugenden verschrieben war.

Dieses höfische Ideal in seiner Vielschichtigkeit hatte sich Graf Carl von Kunowitz bereits angeeignet, als er im Alter von 19 Jahren in Militärdienste trat. In den nächsten fünf Jahren war sein Leben vom Neunjährigen Krieg[2] bestimmt, in dem er eine vielversprechende Karriere startete. Hatten seine Eltern zunächst noch versucht, ihn davon abzuhalten, in Militärdienste zu treten, unterstützten sie ihn später, indem sie ihn mit der notwendigen Ausrüstung ausstatteten. Der junge Kunowitz begab sich im Juli 1693 nach Heilbronn, wo er sich als Freiwilliger seinem Landesherrn, Landgraf Karl von Hessen-Kassel,[3] anschloss. Dieser versah ihn mit einer Kornett-Stelle im Unionsregiment zu Pferd, die die Grundlage für seine Militärkarriere bildete, in der er bis zum Obrist-Wachtmeister im Dragoner-Regiment von Lippe aufstieg. Nach dem Ende des Krieges plante Kunowitz eine Reise nach Paris, um sich in seinen höfischen Fertigkeiten weiterhin zu qualifizieren, nachdem er seinen Militärdienst mit tapfferem und unverdrossenem Muth, dermaßen bis zu dem Friedensschlus und auch nachgehends mit Erduldung allerhand schweren Verdrießlichkeiten verrichtet, daß verhoffentlich jedermann daran ein völliges Vergnügen gehabt. Er verstarb jedoch nach einer kurzen Krankheit im März 1698 im Alter von nicht einmal 24 Jahren.

Seine Leichenpredigt ist sowohl von seiner dem Adelsideal entsprechenden Ausbildung als auch von seiner großen Beliebung zum Krieg geprägt. Der Leichenpredigt ist ein Porträt des Verstorbenen sowie ein Emblem seiner Devise invia virtuti non est via vorgebunden.[4] Gerade die damit verbundene Betonung der Tugendhaftigkeit des Grafen legitimiert gleichzeitig seine Neigung zum Krieg. So wird in der eigentlichen, dem Personaliateil vorgebundenen Predigt mit dem Verweis auf die Argumentation von Hugo Grotius in "De jure belli ac pacis" (1625)[5] der Krieg, in dem Graf Kunowitz kämpfte, zu einem gerechten Krieg allegorisiert.

Die Leichenpredigt als Ganzes, die stellvertretend für die zahlreicher junger adliger Männer steht,[6] präsentiert nicht nur den Verlauf einer vielversprechenden, aber zu früh beendeten Militärkarriere, sondern gleichzeitig das Dilemma der involvierten Personen. Für junge Adlige war die Militärkarriere eine standesgemäße Beschäftigung, die auch eine finanzielle Versorgung und den Erwerb von Ehre garantierte. Diese Laufbahn zu ergreifen, war in Kriegszeiten besonders leicht, meist zunächst als Volontär.[7] Je stärker die Beliebung oder Inklination eines Adeligen war, in Militärdienste zu treten, desto leichter war dies bisweilen für ihn, da die jungen Männer meist von einem älteren, ranghöheren Adligen gefördert wurden. Dadurch folgten sie auch dem verinnerlichten Adelsideal des tugendhaften Ritters, der christlich geprägt war und in einen gerechten Krieg zog.

Die Wahrscheinlichkeit jedoch, in den Kriegshandlungen zu Schaden oder ums Leben zu kommen oder auch an eventuellen vom Krieg bedingten Krankheitsfolgen zu sterben, stieg mit der Intensität der Inklination, die besonnenem Handeln meist entgegenstand. Dies wußten auch die Eltern des jungen Kunowitz, die einen Kriegsdienst zunächst verhindern wollten, dann jedoch dem tugendhaften Sohn volle Unterstützung leisteten. Nach dem frühen Tod blieb dann der in der Leichenpredigt formulierte Trost, dass der Sohn tugendhaft das Adelsideal erfüllt hatte. Dieser in der Leichenpredigt topisch formulierte Trost, der durch das Voranstellen des Porträts sowie des Emblems verstärkt wird, kulminierte schließlich im Titel der Leichenpredigt: Reicher Lohn und schöne Crone der geistlichen Überwinder.

 

Dr. EVA BENDER ist Historikerin mit den Forschungsschwerpunkten Bildungs- und Prinzenreisen, adlige Memoria sowie höfische und politische Kommunikation in der Frühen Neuzeit.

 

Bestand: Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte zu Frankfurt-Höchst
Signatur: L 214
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte zu Frankfurt-Höchst (Marburger Personalschriften-Forschungen 36), Stuttgart 2003

 

Anmerkungen:

[1] Johannes Burkhardt, Die Friedlosigkeit der Frühen Neuzeit. Grundlegende Theorie der Bellizität Europas, in: Zeitschrift für historische Forschung 4 (1997), S. 509-574.

[2] 1688-1697. Zur Bezeichnung für diesen Krieg, der in der deutschen Geschichtsschreibung als "Pfälzischer Erbfolgekrieg", aber auch als "Orléansscher Krieg" oder "Raubkrieg Ludwigs XIV." bekannt ist, in der französischen als "Guerre de la Ligue d'Augsbourg" und in der englischen als "King William's War" oder "Nine Years' War", hat sich die Forschung auf diese Benennung geeinigt, um Reduktionen des Konfliktes auf nur eine Kriegsursache zu vermeiden. Vgl. Heinz Duchhardt, Vorwort, in: Ders. (Hg.), Der Friede von Rijswijk 1697 (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Abt. Universalgeschichte, Beihefte 47), Mainz 1998, S. VIII.

[3] Der Vater von Graf Carl von Kunowitz war der Kasseler Geheime Rat und Konsistorial-Präsident Graf Johann Dietrich von Kunowitz und somit einer der engsten Vertrauten des Landgrafen. Dieser wiederum war einer der erfolgreichsten Feldherren im Neunjährigen Krieg. Vgl. Hans Philippi, Landgraf Karl von Hessen-Kassel. Ein deutscher Fürst der Barockzeit (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 34), Marburg 1976.

[4] Das Emblem zeigt einen Kahn mit einem massiven, kastenartigen Aufbau, der gemäß der Devise, dass dem Tugendhaften kein Weg versperrt ist, unbeeinträchtigt über das Meer zieht. Ein zweites, hier abgebildetes Emblem seiner Devise findet sich nach S. 235.

[5] Interessant ist in diesem Zusammenhang die Heranziehung eines zeitgenössischen staatsrechtlichen Werkes. Zumeist werden in Leichenpredigten außer den obligatorischen geistlichen Schriften die Werke antiker Autoren zitiert. Verwiesen wird mit dem Zitat Es ist des Herrn Krieg auf Grotius, De jure belli ac pacis, lib. 1, Cap 2, § 2.

[6] Es finden sich zahlreiche Leichenpredigten junger Adliger, die in Kriegsdiensten verstarben, z.B. auf Prinz Johann Georg von Anhalt-Bernburg (1674-1691) und Herzog August Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg-Bevern (1677-1704). Siehe Friedrich Benjamin Spiegelsberger, Tapfferer Helden Todesfall [...], Zerbst 1691 (VD17 14:657754T; Leichenpredigt auf Johann Georg von Anhalt-Bernburg); sowie Johann Niekamp, Der beklagte Tod Jonathans [...], Wolfenbüttel 1704 (VD18 10258779; Leichenpredigt auf August Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg-Bevern), Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, PURL (Werk): http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN624984788 (Zugriff: 30.10.2009).

[7] So hatte Prinz Eugen von Savoyen, einer der erfolgreichsten Feldherren seiner Zeit, ebenfalls seine Karriere als Volontär begonnen. Vgl. Max Braubach, Prinz Eugen, Bd. 1, Kap. 2: Vom Volontär zum Feldmarschall, München 1963, S. 95-235.

 

Zitierweise: Eva Bender, Carl Graf von Kunowitz (1674-1698). Die Beliebung zum Krieg – Die treibende Motivation junger Adliger für den Militärdienst, in: Leben in Leichenpredigten 11/2009, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/carl-graf-von-kunowitz-1674-1698.html>

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