Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Augusta Dorothea Gräfin Reuß j.L. zu Schleiz, geb. Gräfin von Hohenlohe-Langenburg (1678-1740)

01.07.2018

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Jörg Witzel

Eine Autobiographie im Geist des Pietismus

Gerard ter Borch d.J., Die Briefschreiberin [1/4]

Der eigenhändige Lebenslauf von Augusta Dorothea Gräfin Reuß j.L. zu Schleiz ist ein hervorragendes Beispiel für autobiographische Selbstzeugnisse, die vom Pietismus inspiriert worden sind.[1] Immer wieder ist in diesem Text von den Wohltaten und der Fürsorge Gottes die Rede, die er der Autorin im Laufe ihres Lebens erwiesen habe. Die Gräfin verfügte, nach ihrem Tod zu ihrem Gedenken nur dasjenige zu veröffentlichen, was sie selbst in ihrem eigenhändigen Lebenslauf zum Preiße ihres Schöpffers aufgesetzt habe. Sie wollte also ihre Memoria posthum selbst gestalten. Der Hauptteil dieses Textes ist am 20. Februar 1727 datiert, rund ein halbes Jahr nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemanns, ein Anhang zwölf Jahre später. Zu diesem Nachtrag sah sie sich vermutlich durch die Abreise ihres einzigen Sohnes veranlasst, der in dänische Dienste getreten war. Beide Teile der Autobiographie wurden zusammen mit einem detaillierten Bericht des behandelnden Arztes der Autorin über den Verlauf ihres Sterbens in einem 136 Seiten umfassenden Funeraldruck publiziert, dessen Hauptbestandteil die Leichenpredigt ist.

Kindheit und Jugend behandelt die geborene Gräfin von Hohenlohe-Langenburg recht ausführlich. In den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt sie ihre spirituelle Entwicklung, die von Anfechtungen des Satans behindert worden sei. Das früheste Ereignis, an das sie sich noch zurückerinnern kann, ist eine gravierende tödliche Erkrankung ihrer Mutter, als sie selbst erst zwei Jahre alt war. Gemeinsam mit ihren Geschwistern ermahnt, für ihre Mutter zu beten, habe sie ihr Gebet mit folgender Wendung beschlossen: Mama stirbt nicht, das Christ=Kindlein hat mirs gesagt. Dank göttlicher Hilfe sei im Zustand ihrer Mutter bald darauf eine Besserung eingetreten. Im weiteren Verlauf ihrer Kindheit habe ihr die Mutter in ihrer großen Liebe und Sorge viele Unarten nachgesehen, sodass ihre Bosheit zugenommen habe.

Ihre Eltern hätten für eine gute Erziehung ihrer Kinder und einen frühzeitigen Schulunterricht gesorgt.[2] Augusta Dorothea verfügte nach eigener Aussage schon mit sechs Jahren über eine vollständige Lesefähigkeit. In ihrer Autobiographie folgt allerdings eine Bemerkung, die kritische Untertöne zur Benachteiligung von Mädchen gegenüber Jungen bei der Wissensvermittlung und Selbstbewusstsein erkennen lässt: Denn es hatte mir der grundgütige GOtt einen gesunden Verstand und gut Ingenium verliehen, daß ich wohl ein mehrers hätte lernen können, als gebräuchlich war, die Töchter anzuweisen, wie denn auch in mir wircklich eine Begierde war, mehrers zu lernen, als ich unterwiesen wurde.[3]

Ihre Fehler und Gebrechen habe die Gräfin erst ab ihrem 20. Lebensjahr hinlänglich erkannt, sodass sie von da an einen Lebenswandel führen konnte, der ihr aus der Rückschau positiv erschien. Da sie häufig krank gewesen sei, sei ihre Mutter auf Anraten eines Arztes mit ihren Unarten nachsichtig umgegangen. Als bedeutendes Hindernis auf ihrem Weg zu einer vertieften Frömmigkeit bezeichnet sie die für ihren Stand typischen Einstellungen und Verhaltensweisen.[4] Eine besondere Bedeutung in ihrer spirituellen Entwicklung schreibt sie der Lektüre der Predigtsammlung "Seelen-Schatz" von Christian Scriver (1629-1693) zu, einem Wegbereiter des Pietismus.[5] Außerdem würdigt sie den Ingelfinger Hofprediger Philipp Jakob Breyer (1668-1745) wegen seines positiven Einwirkens auf ihre Frömmigkeit.[6]

Ihre Eltern starben, als sie schon erwachsen war, ihr Vater 1699, ihre Mutter 1706. Nach deren Tod wurde sie von ihrem ältesten Bruder Albrecht Wolfgang Graf von Hohenlohe-Langenburg aufgenommen. Er und seine Gemahlin sorgten neun Jahre lang vorbildlich für sie, folgt man Augusta Dorotheas Worten, und ihr gegenseitiges Verhältnis war herzlich. Sie nahm sich der religiösen Erziehung ihrer Nichten an und profitierte, wie sie schreibt, selbst davon. Anschließend verbrachte sie anderthalb Jahre bei ihrer Schwester Philippine Henriette, einer gerade verwitweten Gräfin von Nassau-Saarbrücken mit vier verwaisten Töchtern. 1715 fand sie mit 37 Jahren, einem damals recht hohen Alter für eine erste Ehe, einen Ehemann, den verwitweten Heinrich XI. Graf Reuß j.L. zu Schleiz (1669-1726), gerade rechtzeitig, kurz bevor ihr Bruder starb.

Nach Augusta Dorotheas eigenen Worten führte sie eine vergnügte und vor vielen tausend andern glückliche Ehe, die mit einem Sohn und einer Tochter gesegnet wurde. Umso schwerer traf sie der unerwartete Tod ihres Ehemanns 1726, zwei Tage nach dessen Rückkehr von einer Reise. Nun hatte ihr Stiefsohn Heinrich I. Graf Reuß j.L. zu Schleiz für sie und ihre Kinder zu sorgen. Ihre Tochter Johanna Emilie Auguste starb bereits 1729. Schleiz verließ sie während ihrer Witwenschaft zu drei Reisen. Anlass der ersten, die sie in ihre hohenlohische Heimat führte, war die Erbauung und Einrichtung eines neuen Wohnsitzes für sie durch ihren Stiefsohn.[7] Über die neue Wohnung äußert sie sich in überschwänglichen Worten und wünscht ihrem Stiefsohn, dessen Gattin und beider Tochter dafür Gottes Segen. Im Jahr 1732 betreute sie einige Monate in Ermangelung eines Hofmeisters ihren Sohn Heinrich XII. in Jena, der sich dort wohl zu einem Studium aufhielt. Im darauffolgenden Jahr besuchte sie ihre Schwester Johanna Sophia Gräfin von Schaumburg-Lippe in Stadthagen. Diese korrespondierte mit Graf von Zinzendorf, dem Begründer der Herrnhuter Brüdergemeine, stand somit gleichfalls dem Pietismus nahe.[8] Ihre Reise brachte Augusta Dorothea, nach ihrer Erzählung zu urteilen, eine große spirituelle Bereicherung.

Beim Niederschreiben des zweiten Teil ihres Lebenslaufes bewegte sie die Sorge um ihren Sohn, der sie zu Beginn des Jahres 1739 verließ, um sich - wie bereits erwähnt - für längere Zeit nach Dänemark zu begeben. Dieser Sorge tritt sie mit ihrer Hoffnung auf die Gnade Gottes entgegen. Die Gräfin lässt ihren Lebenslauf, in dem sie immer wieder ihre Frömmigkeit äußert und ihre spirituelle Entwicklung schildert, mit einem Lobpreis Gottes enden. Nicht nur dieses Selbstzeugnis belegt ihre Verbundenheit mit dem Pietismus, sondern auch ein an sie gerichteter Brief August Hermann Franckes aus dem Jahr 1716.[9] Francke stattete Schleiz im Rahmen einer ausgedehnten Deutschlandreise 1718 schließlich selbst einen Besuch ab.[10] Außerdem spendete die Gräfin 1728 und 1730 für die Dänisch-Hallesche Indienmission.[11]

 

Dr. JÖRG WITZEL ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Historische Bibliothek der Stadt Rudolstadt
Signatur: Lv III 3, Nr. 4
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Historischen Bibliothek der Stadt Rudolstadt, Bd. 2 (Marburger Personalschriften-Forschungen 51,2), Stuttgart 2010

 

Anmerkungen:

[1] Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen überarbeiteten Abschnitt aus folgendem Aufsatz: Jörg Witzel, Autobiographische Texte aus Thüringer Leichenpredigten der Frühen Neuzeit. Eine digitale Edition, in: Helmut Flachenecker/Janusz Tandecki (Hg.), Editionswissenschaftliches Kolloquium 2013. Neuere Editionen der sogenannten "Ego-Dokumente" und andere Projekte in den Editionswissenschaften (Publikationen des Deutsch-Polnischen Gesprächskreises für Quellenedition 7), Torún 2015, S. 27-44, hier S. 39-42. - Der gedruckte Lebenslauf findet sich in der Trauerschrift: Johann Martin Alberti, Jesus, der Gläubigen Auferstehung und Leben [...], Schleiz o.J., S. (43)-(62). Die Autobiographie ist als Volltext in der digitalen Edition "AutoThür" der Forschungsstelle für Personalschriften erfasst. Über folgenden Link können der Lebenslauf und alle weiterführenden Informationen abgerufen werden: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/digitale-editionen/autothuer/augusta-dorothea-reuss-jl-graefin-zu-plauen-1678-1740.html (Zugriff: 13.06.2018).

[2] Vgl. dazu auch Anna-Franziska von Schweinitz, Johanna Sophia Gräfin zu Schaumburg-Lippe. Gräfin zu Hohenlohe-Langenburg. 1673-1743, in: Gerhard Taddey/Joachim Fischer (Hg.), Lebensbilder aus Baden-Württemberg, Bd. 20, Stuttgart 2001, S. 100-128, hier S. 103.

[3] Alberti, Auferstehung (wie Anm. 1), S. (45). - Zur Erziehung und Bildung adliger Frauen vgl. allgemein Ronald G. Asch, Europäischer Adel in der Frühen Neuzeit. Eine Einführung (UTB 3086), Köln/Weimar/Wien 2008, S. 154-156.

[4] Zur Distanzierung pietistischer Angehöriger des Hochadels vom eigenen Stand vgl. beispielsweise Jutta Taege-Bizer, Adeliges Selbstverständnis und pietistische Reform - Reichsgräfin Benigna von Solms-Laubach (1648-1702), in: Eckart Conze/Alexander Jendorff/Heide Wunder (Hg.), Adel in Hessen. Herrschaft, Selbstverständnis und Lebensführung vom 15. bis ins 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 70), Marburg 2010, S. 293-314, hier S. 303f.

[5] Vgl. Martin Brecht, Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, in: Ders. u.a. (Hg.), Geschichte des Pietismus, Bd. 1: Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert, Göttingen 1993, S. 113-203, hier S. 175f.

[6] Zur Biographie Breyers siehe Christian Gottlieb Jöcher, Allgemeines Gelehrten-Lexicon, Erster Theil, Leipzig 1750 (ND Hildesheim/New York 1981), Sp. 1374f. - Breyer korrespondierte zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit August Hermann Francke. 22 Briefe Breyers werden im Archiv der Franckeschen Stiftungen zu Halle (Saale) (im Folgenden: AFSt) aufbewahrt, Signaturen: Stab/F 7/10: 1-17, 19-23.

[7] Vgl. Berthold Schmidt (Hg.), Geschichte der Stadt Schleiz, Bd. 3: Von der Burggrafenzeit bis zum deutsch-französischen Kriege (1550-1871), Schleiz 1916, S. 64.

[8] Vgl. Schweinitz, Johanna Sophia (wie Anm. 2), S. 118.

[9] Siehe AFSt, H A 169: 28.

[10] Vgl. Martin Brecht, August Hermann Francke und der Hallische Pietismus, in: Ders. u.a. (Hg.), Geschichte des Pietismus 1 (wie Anm. 5), S. 440-539, hier S. 514. - Im Archiv der Franckeschen Stiftungen existiert ein Brief von Augusta Dorothea an Marie Eleonore Emilie Gräfin Reuß j.L. zu Köstritz, geb. Freiin von Promnitz-Dittersbach (1688-1776) (AFSt, H A 171: 136), in dem sie Eindrücke von Franckes Aufenthalt in Schleiz mitteilt.

[11] AFSt, M 3 G 2: 1; H C 832: 27. - Zur Dänisch-Halleschen Mission siehe auch den Beitrag von Robin Pack in "Leben in Leichenpredigten": Christoph Theodosius Walther (1699-1741). Njanaawâlutâr - Leben und letzte Stunden eines dänischen Missionars in Tranquebar, in: Leben in Leichenpredigten 10/2012, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/christoph-theodosius-walther-1699-1741.html (Zugriff: 13.06.2018).

 

Zitierweise: Jörg Witzel, Augusta Dorothea Gräfin Reuß j.L. zu Schleiz, geb. Gräfin von Hohenlohe-Langenburg (1678-1740). Eine Autobiographie im Geist des Pietismus, in: Leben in Leichenpredigten 07/2018, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/augusta-dorothea-graefin-reuss-jl-zu-schleiz-geb-graefin-von-hohenlohe-langenburg-1678-1740.html>

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