Forschungsstelle für Personalschriften Marburg

Anna Weißbach, geb. Dungefeld (1574-1660)

01.12.2017

Kategorie: Leben in Leichenpredigten

Von: Daniel Geißler

Einblicke in dörfliche Lebenswelten – Zur Auswertung handschriftlicher Leichenpredigten

Francesco Bassano d.J., Sommer [1/5]

Leichenpredigten liegen in der Mehrzahl in gedruckter Form vor, denn nur über den Druck konnten rasch größere Mengen an Kopien hergestellt und mit deren Publikation eine breitere Öffentlichkeit erreicht werden. Damit war zugleich eine wichtige Intention der Trauerschriften erfüllt, ein möglichst großes Publikum vom Gott wohlgefälligen Leben und seligen Sterben der Geehrten zu unterrichten und dadurch gleichsam deren Ehrhaftigkeit über den Tod hinaus zu beweisen. Die Manuskripte hingegen, mit denen die Verfasser ihre Textentwürfe für Predigten, Lebensläufe, Abdankungsreden etc. festhielten und die während der Trauerfeierlichkeiten verlesen wurden bzw. später als Druckvorlagen dienten, haben sich nur selten erhalten. Wahrscheinlich fanden generell viele der gehaltenen Leichenpredigten erst gar nicht den Weg in die Druckerei - sei es, weil die Verfasser sich weigerten oder es ihnen aus Gründen wie Versetzungen oder Kriegsauswirkungen nicht möglich war, ein druckfähiges Manuskript einzureichen, oder weil keine Druckerei im näheren Umkreis zur Verfügung stand. Einer der Hauptgründe für den unterbliebenen Druck dürfte aber gewesen sein, dass die Angehörigen sich die Kosten einer solchen Publikation finanziell nicht leisten konnten.[1] In jedem Fall stellt dies nicht zuletzt aus Sicht der biographischen Forschung einen Verlust dar, denn damit gingen Informationen aus den davon in der Regel betroffenen sogenannten unteren Bevölkerungsschichten verloren - dies ist umso bedauerlicher, weil gerade diese gesellschaftliche Formation auch in anderen Quellen weniger greifbar ist und die fehlenden Viten weitere Puzzleteile frühneuzeitlicher Lebenswelten liefern könnten.[2]

Gelegentlich tauchen bei der Erhebung von Leichenpredigten-Beständen aber erfreulicherweise doch derartige handschriftliche Zeugnisse auf, meist als Einzelexemplare eingebunden in Sammlungen oder diesen beigelegt. Entsprechende Manuskripte existieren zum Beispiel in der historischen Buchsammlung Schwarzburgica des Schlossmuseums Sondershausen, im Staatsfilialarchiv Bautzen, im Fürstlich Stolbergischen Archiv in Ortenberg[3] und im Pfarrarchiv der Kirchgemeinde Zehren.[4] Sie lassen nicht nur den Entstehungsprozess einer Leichenpredigt unmittelbar nachvollziehen, sondern eröffnen regelmäßig auch besondere Einblicke in das Alltagsleben zwischen Reformation und Aufklärung. Dies beweist exemplarisch ein Fund in der Bibliothek der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Arnstadt, deren Funeralbestand die Forschungsstelle für Personalschriften in ihrem aktuellen Katalog auswertet. Darin ist ein ungewöhnlich hoher Anteil von Berufen aus Landwirtschaft und Handwerk verzeichnet, die insbesondere in einem sonst nur äußerst sporadisch anzutreffenden Konvolut handschriftlicher Lebensläufe erwähnt werden.

Das Konvolut mit der Signatur 1640a enthält 17 Lebensläufe, davon wurden zwölf auf weibliche und fünf auf männliche Verstorbene verfasst. Innerhalb der Sammlung sind die Schriften alphabetisch nach deren Familiennamen sortiert. Die Geehrten gehörten fast ausschließlich der dörflichen Bevölkerung an, so finden sich Viten auf einen Hutmann, einen Schulzen und einen Schafmeister. Mit Christoph Wilhelm von Witzleben erscheint nur ein Vertreter des Niederadels. Mehrere der ausführlichen Lebensläufe geben Auskunft über Mitglieder einer Familie, zum Beispiel Angehörige der Familie Salfelder (Schultheiss Barthel, dessen Gattin Catharina, geb. Stade, und deren Sohn Claus), der Familie Wedekind (Margaretha, geb. Möller, und Margaretha, geb. Rempler sowie Regina Volck, geb. Wedekind) sowie der Familie Weißbach (Schafmeister Nicolaus und dessen Schwägerin Anna, geb. Dungefeld). Wie man aus den diversen Geburts- und Witwennamen und den genannten Ehepartnern ablesen kann, waren viele der Verstorbenen aber auch untereinander verschwägert bzw. verwandt. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Vergleich der stets erwähnten Geburts- bzw. Herkunftsorte: Der geographische Radius beschränkt sich, mit einer Ausnahme, auf 20 Kilometer um die Wirkungs- und Sterbeorte. Auffallend ist das hohe Lebensalter, das viele der hier Geehrten erreichten.

Die Lebensläufe der Sammlung entstanden zwischen 1645 und 1680; die Manuskripte sind zwischen zwei und vier Seiten lang. Zwar bleiben die Verfasser anonym, bekannt sind aber die Orte, in denen die Predigten gehalten wurden. Es handelt sich um die etwa 30 Kilometer südlich von Erfurt liegenden thüringischen Dörfer Neuroda, heute Ortsteil der Gemeinde Wipfratal, und Traßdorf, heute ein Ortsteil von Ilmtal. Kirchenpolitisch gehören aber beide Orte nach wie vor zu einer Parochie; das Patronatsrecht lag im 17. Jahrhundert bei der schon erwähnten Familie von Witzleben. Ordinierte Pfarrer in Neuroda und Traßdorf waren im betrachteten Zeitraum Jacob Kühnreich (1601-1675), der die Pfarrstelle von 1635 bis 1649 innehatte; Caspar Rein (d.Ä.) (1599-1667), der zunächst als Lehrer und Hauslehrer gearbeitet hatte und am 8. Juli 1649 in Neuroda in das Pfarramt eingeführt wurde, das er bis zu seinem Tod bekleidete; ihm folgte sein Sohn Caspar Rein (d.J.) (1634-1681), der am 28. Juli 1667 ordiniert wurde und ebenfalls bis zu seinem Tod in der Pfarrgemeinde wirkte.[5] Hinsichtlich der Handschriften ist deshalb mit sehr großer Wahrscheinlichkeit von der Urheberschaft der Genannten auszugehen.

Im Folgenden sollen nun beispielhaft einige der geschilderten Lebenswege näher vorgestellt werden. Einen vollständigen Personenüberblick mit Informationen zum Inhalt der jeweiligen Schriften bietet darüber hinaus die Auflistung am Ende des Beitrags.

Als Frau eines Schäfers erlebte Anna Weißbach ein äußerst abwechslungsreiches, von vielen Entbehrungen gekennzeichnetes Berufs- und Arbeitsleben. Geboren 1574 in Solsdorf unter ihrem Mädchennamen Dungefeld war sie 55 Jahre mit Heinrich Weißbach verheiratet, der zum Zeitpunkt der Eheschließung im Jahr 1595 als Knecht in der Schäferei seines Stiefbruders Nicolaus Weißbach (siehe Anhang Nr. 16) in Solsdorf arbeitete. Nach fünf Jahren Dienst entschloss sich das Ehepaar, gehoffter Nahrungs-beßerung halben, zu einer Anstellung bei der Familie von Witzleben und übernahm die Betreuung der gutsherrlichen Schäferei in Gräfinau. Aus nicht näher erläuterten Gründen kündigten sie aber nach fast zwei Jahrzehnten diese Stellung und wechselten 1619 in die gräflich-schwarzburgische Schäferei nach Reinsfeld (heute Gemeinde Wipfratal), wo sie drei Jahre verwartet u. hauß hielten. Anschließend begaben sich Anna und Heinrich Weißbach wieder in die Dienste der von Witzleben; die Familie zog nach Neuroda um, wo das Ehepaar die Leitung der hiesigen Schäferei ebener maßen uf 3 jahr bedienet[e]. Allerdings waren die negativen Auswirkungen des inzwischen seit einiger Zeit wütenden Dreißigjährigen Krieges auch auf die Schafzucht und -haltung immer deutlicher spürbar. Der Verfasser bemerkt, dass die Weißbachs schließlich der Schäferei wegen des verderblichen Kriegswesens nicht mehr hatten vorstehen wollen oder können. Nach Aufgabe des Schäferberufes begründeten sie in Neuroda eigen privat- u. Haußwesen, wobei der Lebenslauf nicht erwähnt, welche Tätigkeiten sie dabei ausübten. 1650 verstarb Heinrich Weißbach, und Anna zog zunächst in die 3. jahr u. drüber zu ihrem Sohn Niclauß in das Väterliche Haus nach Solsdorf. Im inzwischen hohen Alter kam sie später wieder nach Neuroda, wo sie von ihrem anderen Sohn Heinrich aufgenommen und biß an ihren tödlichen abschied, durch ihn, u. deßelbigen Haußfraw, ihre Taufpathin u. Tochter, ist versorget [und] ufs müglichste gepfleget wurde. - Noch weitere landwirtschaftliche Berufe tauchen in den Lebensläufen auf. So wird etwa über Claus Krieckel (1603-1675) berichtet, der mehrere Jahre als Hutmann - also als Hirte bzw. Aufseher über Viehherden - arbeitete. Im Hinblick auf die berufliche Tätigkeit mindestens ebenso interessant sind die Biographien über die Hebammen Catharina Brückel, geb. Heyder, verw. Lage (1597-1654), und Margaretha Jahn, geb. Haucke (1593-1675).[6]

Einen ganz anderen Bereich des alltäglichen Lebens berühren zwei Lebensläufe, deren Aussagen überraschende Einblicke in damals kursierende Meinungen über das Niveau des (dörflichen) Schul- und Bildungswesens offenbaren. So lässt der Bericht über den Schultheißen Barthel Salfelder (1597-1676) offenkundige Mängel des Lese- und Schreibunterrichts erkennen, denn es heißt: In seiner Jugend ist er zwar etw[as] zur Schulen gehalten, und darin gegangen, aber nicht so gewiß worden, daß er d[as] lesen behalten und hernach gekönt, sondern wied[er]umb vergeßen, d[as] er oft geklagt, die Buchstaben kenne ich zwar noch, aber zusammen kann ich sie [nicht] bringen. Gerade mit Blick auf Salfelders Amt erscheinen diese Defizite doch recht ungewöhnlich. Den Autor der Vita veranlassten sie zu umgehender Kritik, die er mit deutlichen Worten äußert: So gehets wenn die Kinder so schlecht u. verseumlich zur Schule angeführt, auch gelehrt werden, wies damals und zu selbig Zeit geschehen. Sein Rat zur Verbesserung der Situation ist folgender: [...] wir sollen heute zu Tage zum theil mit beßern danck die so fleißig angerichtete Schul u. Kirchen Ordnung, oder art zu lesen erkennen u. begierig[er] an die Kind[er] wenden. Diese Wahrnehmung von Mängeln scheint kein Einzelfall in der Neurodaer Kirchgemeinde gewesen zu sein, denn Ähnliches ist im Lebenslauf Catharina Hornungs (1593-1669) zu lesen. Als geborene Kühnoldt stammte sie aus Oberwillingen, einem Nachbarort von Neuroda, und war mit dem Schlachter Caspar Hornung verheiratet. Der Pfarrer lobt einerseits ihre regelmäßigen Gottesdienstbesuche und ihre Teilnahme an der Katechismuslehre, allerdings moniert er andererseits, sie sei auch ziemlich einfältig und schlecht [im Sinne von schlicht; D.G.] gewesen, weil sie darzu von Jugend auf nicht gnugsam wird angeführt worden seyn. Diese gehäuften Beschwerden über die Schulbildung sind auffällig; es wäre nachzuprüfen, inwieweit derartige Beobachtungen aus dem niederen Schulwesen mit Erkenntnissen über das gesamte Erziehungs- und Unterrichtssystem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts korrespondieren.[7]

Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang, dass sich neben dieser Sammlung im Bestand der Arnstädter Kirchenbibliothek unter der Signatur 1640 mit den Biographien von Felix Hannibal Rauschart (1624-1688) und dessen Sohn Balthasar Gottlieb (1668-1692) noch zwei weitere handschriftliche Lebensläufe finden lassen. Rauschart Senior stammte aus dem württembergischen Balingen und verstarb als fürstlich-sächsischer Verwalter des Amtes Veilsdorf im thüringischen Haina bei Römhild. Eine gänzliche andere berufliche Karriere schlug Balthasar Gottlieb ein. Er stand als Leutnant in Diensten des Bibraischen Regiments, Moltzanischer Compagnie, wo er sich während eines Feldzuges im Lager der Allijrten am Rhein mit einer schädlichen Kranckheit angesteckt hatte, deren Ursache die behandelnden Ärzte nicht ergründen konnten. Rauschart litt ein Jahr unter den medizinisch nicht erklärbaren Symptomen und verstarb im Alter von 24 Jahren in Meiningen an der Erkrankung.

In ihrer Gesamtheit betrachtet, stellen die handschriftlichen Lebensläufe in der Arnstädter Kirchenbibliothek wertvolle Quellen für die Alltagsgeschichte der Frühen Neuzeit dar. Insbesondere die in ihnen aufscheinenden ländlich-dörflichen Lebenswelten, die uns in dieser Unmittelbarkeit aus der zeitgenössischen Literatur sonst nur in geringem Umfang überliefert werden, können der historischen Forschung mit ihren Bezügen etwa zu Beruf und Handwerk, verwandtschaftlichen und sozialen Netzwerken oder zur Bildungs- und Medizingeschichte neue Zugänge bereitstellen. Abseits der "Massenware" der gedruckten Funeralliteratur bieten sich mit diesen speziellen, räumlich gebündelten biographischen Informationen gerade im regional-vergleichenden Kontext neue Auswertungsperspektiven.

 

DANIEL GEIßLER M.A. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften.

 

Bestand: Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Arnstadt
Signatur: 1640a
Enthalten in: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Bibliothek der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Arnstadt (Marburger Personalschriften-Forschungen 59), Stuttgart 2017

 

Anmerkungen:

[1] Zur Realisierung eines Leichenpredigt-Druckes u.a. Gerd-Rüdiger Koretzki, Leichenpredigten und ihre Druckherstellung. Ein Beitrag zur Untersuchung der materiellen Voraussetzungen einer gesellschaftlichen Modeerscheinung, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 2, Marburg 1979, S. 333-359.

[2] Für Funeralschriften im handwerklichen Milieu siehe etwa Thomas Schindler, Der Leiche zu grabe follgenn. Zur Kulturgeschichte des frühneuzeitlichen korporativen Leichenbegängnisses im hessischen Handwerk, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde114 (2009), S. 69-100; für das dörfliche Umfeld Bätzing, Die Grabrede auf dem Dorf, in: Pastoralblätter 92 (1952), S. 633-644.

[3] Vergleiche die entsprechenden Nachweise in den von der Forschungsstelle für Personalschriften herausgegebenen Katalogen: Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der historischen Buchsammlung Schwarzburgica des Schlossmuseums Sondershausen (Marburger Personalschriften-Forschungen 54), Stuttgart 2013; Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in Bibliotheken, Archiven und Museen zu Bautzen und Löbau (Marburger Personalschriften-Forschungen 34), Stuttgart 2002; Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in Bibliotheken und Archiven der Vogelsbergregion (Marburger Personalschriften-Forschungen 9), Marburg 1987. Für weitere Funde in Hessen siehe den Beitrag Eva-Maria Dickhaut, Leichenpredigten in hessischen Bibliotheken und Archiven. Ergebnisse und Perspektiven, in: Claudia Brinker-von der Heyde/Jürgen Wolf (Hg.), Repräsentation - Wissen - Öffentlichkeit. Bibliotheken zwischen Barock und Aufklärung, Kassel 2011, S. 47-60. - Einen sehr umfangreichen Bestand an handschriftlichen Lebensläufen in Königsberg untersuchte Kurt Tiesler in den 1930er-Jahren, allerdings gilt die Sammlung als verschollen: Kurt Tiesler, Verzeichnis von Lebensläufen vorwiegend des Handwerker- und Kaufmannsstandes aus der Zeit von 1579-1724, entnommen den in der Stadtbibliothek Königsberg i. Pr. befindlichen 507 handschriftlichen Leichenpredigten (Mitteilungen der Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte 34), Leipzig 1927 (ND Hamburg 1992). Nähere Angaben zu den Königsberger Leichenpredigten auch bei Manfred Komorowski, Die Erforschung der Königsberger Buch- und Bibliotheksgeschichte, in: Klaus Garber/Manfred Komorowski/ Axel E. Walter (Hg.), Kulturgeschichte Ostpreußens in der Frühen Neuzeit (Frühe Neuzeit 56), Tübingen 2001, S. 153-184, hier S. 163f.

[4] Im Pfarrarchiv der Kirchgemeinde Zehren (Kirchenbezirk Meißen) befinden sich zwei Bände mit 255 handschriftlichen Lebensläufen aus Leichenpredigten, die im Zeitraum von 1819 bis 1852 verfasst wurden. Alle Einträge sind im Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) der Forschungsstelle für Personalschriften recherchierbar; siehe URL: http://www.personalschriften.de/aktuelles/artikelansicht/details/neuer-leichenpredigtenbestand-in-gesa-2.html (Zugriff: 28.11.2017).

[5] Personen erschlossen aus: Thüringer Pfarrerbuch, Bd. 1: Herzogtum Gotha (Schriftenreihe der Stiftung Stoye 26), hg. von der Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte, Neustadt a.d. Aisch 1995, S. 80, 421 und 543.

[6] Weitere Beispiele für handschriftliche Lebensläufe auf Dorfbewohner liegen mit den 44 Biographien auf Einwohner des Kirchspiels Rodersdorf vor, die im Katalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in Bibliotheken, Archiven und Museen des sächsischen Vogtlandes (Marburger Personalschriften-Forschungen 41) erfasst sind.

[7] Zum Schul- und Bildungswesen der Frühen Neuzeit vgl. überblicksartig u.a. Hans Erich Bödeker/Ernst Hinrichs (Hg.), Alphabetisierung und Literalisierung in Deutschland in der Frühen Neuzeit (Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung 26), Tübingen 1999; Ulrich Andermann/Kurt Andermann (Hg.), Regionale Aspekte des frühen Schulwesens (Kraichtaler Kolloquien 2), Tübingen 2000, S. 137-151. Speziell zum mitteldeutschen Bildungswesen liegen Einzelstudien vor, siehe etwa: Thomas Töpfer, Christliche Schule und Gemeiner Nutzen. Schulordnungen zwischen Normierung, Bildungsnachfrage und Schulwirklichkeit im 16. und 17. Jahrhundert, in: Irene Dingel/Armin Kohnle (Hg.), Gute Ordnung. Ordnungsmodelle und Ordnungsvorstellungen in der Reformationszeit (Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie 25), Leipzig 2014, S. 169-188; sowie Ulrike Ludwig, Das mitteldeutsche Bildungswesen vom Schmalkaldischen Krieg bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges - Ein Überblick, in: Erleuchtung der Welt. Sachsen und der Beginn der modernen Wissenschaften, Bd. 1: Essayband, im Auftrag des Rektors der Universität Leipzig, Franz Häuser, hrsg. von Detlef Döring und Cecilie Hollberg, Dresden 2009, S. 64-73; und Thomas Töpfer, Das niedere Schulwesen zwischen vormodernen Bildungsstrukturen und aufgeklärten Reformmaßnahmen im 17. und 18. Jahrhundert, in: ebd., S. 86-93. - Den in Leichenpredigten dargelegten Bildungsweg von Studenten, die Handwerker- und Bauernfamilien entstammten, untersucht Ralf Berg, Leichenpredigten und Bildungsverhalten - Einige Aspekte des Bildungsverhaltens ausgewählter sozialer Gruppen, in: Rudolf Lenz (Hg.), Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, Bd. 3, Marburg 1984, S. 139-162, insbesondere S. 154-158.

 

Alphabetische Liste der Verstorbenen in der Sammlung 1640a

1. Catharina Brückel, geb. Heyder, verw. Lage (1597-1654)
Hebamme; stammte aus Neuroda; verheiratet in 1. Ehe mit Wilhelm Lage, in 2. Ehe mit Clauß Brückel; verstorben in Traßdorf

2. Catharina Hornung, geb. Kühnoldt (1593-1669)
stammte aus Oberwillingen, einem Nachbarort von Neuroda und Traßdorf; verheiratet mit dem Schlachter Caspar Hornung

3. Margaretha Jahn, geb. Haucke (1593-1675)
Hebamme; ihr Vater war Schäfer in Unterköditz, heute Ortsteil von Königsee im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, dieser Ort liegt ca. 20 Kilometer südöstlich von Neuroda; verheiratet mit George Jahn

4. Susanna Kestner, geb. Gräser (1640-1675)
stammte aus Niederwillingen, einem Nachbarort von Neuroda und Traßdorf; verheiratet mit Claus Kestner.
Der Text ist offensichtlich ein Entwurf; auf den Beginn der Abhandlung über Leben und Christentum der Verstorbenen folgen direkt Angaben zu Krankheit und Tod.

5. Claus Krieckel (1603-1675)
Märcker und Angießer, dreieinhalb Jahre Hutmann (also ein Hirte oder Aufseher über Viehherden) in Neuroda; stammte aus Singen in Thüringen, wie Traßdorf heute ein Ortsteil von Ilmtal; verheiratet in 1. Ehe mit Catharina Krieckel, verw. Lage, in 2. Ehe mit Anna Krieckel, verw. Hartung

6. Osanna Kühn, geb. Hornung (1608-1676)
stammte aus Neuroda; verheiratet mit Sebastian Kühn

7. Susanna Latermann, geb. Kersten, verw. Schmidt (gest. 1658)
stammte aus Elgersburg, dieser Ort liegt 15 Kilometer westlich von Traßdorf; verheiratet in 1. Ehe mit Nickel Schmidt, einem Brauer, in 2. Ehe mit Jacob Latermann; verstarb im Alter von 43 Jahren; beigesetzt in Traßdorf

8. Barthel Salfelder (1597-1676)
Schultheiß; verheiratet mit Catharina Salfelder, geb. Stade (Nr. 9), aus Hammersfeld, einem Nachbarort von Traßdorf und heute ebenfalls Ortsteil von Ilmtal

9. Catharina Salfelder, geb. Stade (geb. um 1599)
stammte aus Niederwillingen, wenige Kilometer nördlich von Traßdorf gelegen, heute ebenfalls Ortsteil von Ilmtal; verheiratet mit Barthel Salfelder (Nr. 8); verstarb im Alter von 72 Jahren

10. Claus Salfelder junior (Lebensdaten unbekannt)
verheiratet mit Margaretha, geb. Schencke; verstarb im Alter von 25 Jahren

11. Margaretha Sander (gest. 1659)
stammte aus Langewiesen, die Kleinstadt liegt elf Kilometer südlich von Neuroda; verstarb in Neuroda im Alter von 60 Jahren.
Die Verstorbene war zeit ihres Lebens an verschiedenen Orten in Dienst gewesen und hatte sich zuletzt ihr stücklein Brodt in d[as] eilffte jahr mit schneiten[?], arbeiten u. and[er]n ding gesuchet, bis sie schließlich allein in ihrer Wohnung verstarb. Sie war fünf bis sechs Jahre bei der Edlen Frau von Dörrfeld (gemeint ist die adlige Familie Röder von Dörnfeld, deren Stammsitz sich in Dörnfeld an der Heide befindet) als Dienerin angestellt; Dörnfeld an der Heide ist heute ein Ortsteil von Königsee und liegt 16 Kilometer südöstlich von Neuroda. Später arbeitete sie 14 Jahre als Magd in Jesuborn, dieser Ort liegt 14 Kilometer südlich von Neuroda, dann in Neuroda.

12. Regina Volck, geb. Wedekind (1607-1669)
stammte aus Unterpörlitz, der Ort liegt zehn Kilometer südwestlich von Traßdorf und ist heute ein Ortsteil von Ilmenau; verheiratet mit Toffel Volck

13. Margaretha Wedekind, geb. Möller, verw. Lindenberger (geb. 1599)
stammte aus Sondheim vor der Rhön in Unterfranken; verheiratet in 1. Ehe mit Andreas Lindenberger, Krämer in Ostheim vor der Rhön in Unterfranken (Sondheim und Ostheim liegen ca. 80 Kilometer südwestlich von Neuroda), in 2. Ehe mit Joachim Wedekind.
Nach dem Tod ihres 1. Ehemannes zog sie in Diensten des Pfarrers Jacob Kühnreich mit diesem nach Neuroda, wo sie im Alter von 79 Jahren verstarb und beigesetzt wurde.

14. Margaretha Wedekind, geb. Kemper, verw. Hornung (geb. 1593)
geboren in Neuroda; verheiratet in 1. Ehe mit Hans Hornung, in 2. Ehe mit Claus Wedekind; verstarb im Alter von 82 Jahren

15. Anna Weißbach, geb. Dungefeld (1574-1660)
geboren in Solsdorf, heute Ortsteil von Königsee im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, dieser Ort liegt ca. 16 Kilometer südöstlich von Neuroda; verheiratet mit Heinrich Weißbach (einem Stiefbruder von Nicolaus Weißbach, Nr. 16); gestorben und beigesetzt in Neuroda

16. Nicolaus Weißbach (1604-1680)
Schafmeister; geboren in Solsdorf; verheiratet mit Anna Weißbach, geb. Salfelder; gestorben in Neuroda

17. Christoph Wilhelm von Witzleben (1660-1662)
geboren in Neuroda; Eltern des Kindes: Ernst Hermann von Witzleben, Erbsasse auf Elgersburg, Neuroda und Alckersleben, und Anna Sabina, geb. von Lichtenberg; verstarb an den Bocken u. Blattern; beigesetzt in Neuroda

 

 

Zitierweise: Daniel Geißler, Anna Weißbach, geb. Dungefeld (1574-1660). Einblicke in dörfliche Lebenswelten – Zur Auswertung handschriftlicher Leichenpredigten, in: Leben in Leichenpredigten 12/2017, hg. von der Forschungsstelle für Personalschriften, Marburg, Online-Ausgabe: <http://www.personalschriften.de/leichenpredigten/artikelserien/artikelansicht/details/anna-weissbach-geb-dungefeld-1574-1660.html>

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